
Foto: Die französische Schauspielerin Lila Gueneau in «Silent Rebellion», Box Productions
Der Stoff ist historisch: Die neutrale Schweiz während des Zweiten Weltkriegs. Die Grenzen wurden kürzlich dicht gemacht. Flüchtlinge müssen draussen bleiben. Das «Boot» sei voll, heisst es. Jüdische Frauen, Kinder und Männer irren durch Wälder, NS-Einheiten greifen sie auf.
Was geschieht mit den Menschen?
Im Grenzdorf im Jura 1943, wo die junge Regisseurin Marie-Elsa Sgualdo (Regie und Drehbuch) die Handlung ihres Spielfilmdebuts «Silent Rebellion» («À bras-le-corps») ansiedelt, fragt man sich das lieber nicht.
Man hat genug mit eigenen Problemen zu tun, in dem Dorf ärmlicher, hart arbeitender Bauern und Torfstecher.
Das Flüchtlingsdrama spielt sich am Rande des Dorfes und Filmes ab. Im Zentrum steht ein anderes Drama: Ein junges Mädchen, die 15-jährige Emma, wird nach einer Vergewaltigung schwanger.
Soziale Ächtung
Nicht nur in der Schweiz, sondern in der ganzen Welt bedeuteten noch vor wenigen Jahrzehnten Schwangerschaften für Minderjährige praktisch die soziale Ächtung.
Emmas Hoffnungen, all ihre Pläne zerbröseln.
Das gesamte Dorf geht auf Distanz, mit zwei Ausnahmen: Da ist zum einen ein junger Mann. Er will die Ächtung nicht mitmachen, zumindest anfangs. Der andere ist der Dorfpfarrer. In ihm findet das Mädchen einen Seelenverbündeten.
Auf verlorenem Posten
«Du bist unheimlich stark, Emma!», lautet ein Schlüsselsatz. Der Theologe und Seelsorger versucht Emma aufzurichten, als ihr Selbstvertrauen ganz zu schwinden droht.
Für ihn selbst gilt das Gegenteil. Der Pfarrer ist unheimlich schwach. Und nichts kann ihn aufrichten.
Auf der Kanzel, hoch schwebend über den Köpfen der mehr oder weniger Gläubigen, schwingt er sich zu moralischen Predigten auf. Die Welt aber entfernt sich von seinen frommen Idealen, von der Idee des gütigen Gottes. Sein Glaube zerbricht.
Auf die Menschen in den Wäldern am Rand des Dorfes, erklärt er Emma, wartet der fast sichere Tod, ihre Ermordung.
Der Dorfpfarrer schlittert tiefer und tiefer in den schwarzen Sumpf der Ohnmacht und Depression. Beides, der Alkohol und die depressive Drift, helfen, nicht fühlen zu müssen.
Das Mädchen bricht aus, der Pfarrer zerbricht.
Foto: Die französische Schauspielerin Lila Gueneau in «Silent Rebellion», Box Productions
Der Ausgang des auf internationalen Festivals gefeierten Films stimmt nachdenklich. Wenn wir die Geschichte nach Beispielen durchsuchen, wo etwas geglückt ist, gehört die weibliche Emanzipation unbedingt dazu. Für ungewollte Schwangerschaften werden Mädchen heute in den meisten Weltgegenden nicht mehr geächtet und sozial ausgestossen.
Junge Frauen werden nicht mehr in den Verlust der Selbstachtung oder in den Suizid getrieben, wie noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert.
Mädchen und Frauen wird nicht mehr das Gefühl vermittelt, es sei besser, sie wären als Männer geboren worden – wie noch zu Zeiten meiner Grossmutter. Damals erbten Kinder unweigerlich das Makel ihrer Mütter, wenn sie unehelich geboren wurden.
Als Teil des patriarchalen Systems sahen sich Kirchen lange Zeit als legitime Hüter einer Moral, die Frauen und unehelich Geborene abhängig und klein hielt. Zur historischen Wahrheit gehört indes auch: Strenge religiöse Ehegesetze boten gerade Frauen Schutz. Frauen und Kinder zu schützen, das geht etwa aus reformatorisch-pastoralen Akten hervor, war ein erklärtes Ziel. [1]
Verheiratete Väter konnten sich nicht so leicht aus der Verantwortung für ihre Nachkommen stehlen.
Anti-Feministismus-Chic
Alarmierend finde ich, dass es gegenwärtig chic geworden ist, sich anti-feministisch zu äussern. Am rechten und rechtsreligiösen Rand werden Errungenschaften offen in Frage gestellt. Frauen seien «not in charge», sie hätten sich unterzuordnen. Sie sollten schweigen, das stehe auch in der Bibel.
Der reformierte Dorfpfarrer in dem Film «Silent Rebellion» bricht vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs aus dem patriarchalen Schema aus. Er beteiligt sich nicht an der Aburteilung der jungen Frau.
Der Pfarrer ist stark in seiner Rolle als Seelsorger, jedoch abwesend als politischer Akteur.
Gegen die am Rand des Dorfes ablaufende humanitäre Katastrophe unternimmt er nämlich nichts. Er belässt es bei Moralpredigten innerhalb der Kirchenmauern, verhält sich passiv und verliert die Selbstachtung und Glaubwürdigkeit.
Man kann die Figur in diesem Punkt als Stellvertreter damals vorherrschender Politik der Kirchen sehen.
Empathisch, aber quietistisch
In den 1930/40er-Jahren übernahmen kirchliche Leitungen in der Schweiz weitgehend die staatliche Neutralität als moralischen Massstab. Aus Loyalität und Konfliktvermeidung reagierten sie spät und zurückhaltend – ein gravierendes Versagen in einem Moment, in dem moralische Klarheit Leben hätte retten können.
Das Bild ist jedoch nicht einheitlich: Insbesondere in der Romandie, wo «Silent Rebellion» spielt, und durch einzelne Pfarrer und kirchliche Netzwerke gab es offenen Protest und organisierte Fluchthilfe.
Heute zeigt sich ein qualitativer Unterschied: Menschenrechte, Flüchtlingsschutz, Klimagerechtigkeit und Unternehmensverantwortung sind theologisch und offiziell gut verankert; mit der Unterstützung der Konzernverantwortungs-Initiative hat sich die reformierte Kirche sichtbar aus der staatskirchlichen Komfortzone bewegt.
Die global vernetzte, ökonomisch starke Schweiz steht hinsichtlich corporate responsibility und migration policy in der Pflicht. Dass es nicht bei «ethischer Begleitmusik» bleibt, müssen wir als Christ:innen in der Schweiz jeden Tag neu unter Beweis stellen.
[1] Die Historikerin Francisca Loetz widmet in dem von ihr herausgegebenen Buch «Gelebte Reformation» (TVZ, 2022) der Frage von «Gottgefälligkeit und Sünde» ein Kapitel (S. 324ff). Öffentliche Bekanntgabe von Eheschliessungen sollten «Winkelehen» eindämmen, also Eheversprechen an verschiedene Personen gleichzeitig, was offenbar verbreitet war. Im Fall von Schwangerschaften nach Vergewaltigungen (im damaligen Sprachgebrauch «Notzüchtigung») war im reformierten Zürich die Verurteilung der Väter zur Begleichung der Entbindungskosten und zu Unterhaltszahlungen vorgesehen. Allerdings gelangten binnen von 250 Jahren nur ein paar Dutzend Fälle vor Gericht, aus dem schlichten Grund: gesellschaftliche Tabuisierung des Themas.
Einladung: «Silent Rebellion»: Film & Talk
Dienstag, 3. Februar 2026, von 18.00 bis 20.15 Uhr im Kino RiffRaff 1 in Zürich.
Filmvorführung & Talk mit Elisabeth Joris, Historikerin und Johanna Di Blasi, Redakteurin der reformierten Kirche Kanton Zürich/RefLab; Moderation: Dana Sindermann, Paulus Akademie.
Besonderes Ticket: Mit dem Generationenticket kommen zwei oder drei Generationen vergünstigt gemeinsam ins Kino. Zwei Generationen bezahlen CHF 20.–, drei Generationen CHF 30.–. Die Idee dahinter ist, dass Mitglieder mehrerer Generationen den Film gemeinsam anschauen und sich im Anschluss über ihre persönlichen Erfahrungen austauschen: Wie war es zu Grossmutters Zeiten? Wie ist es heute? Was hat sich verändert?






