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Die Kirchen an Weihnachten schliessen?

Im Tagesanzeiger vom 9.12. regt sich Andreas Tobler in einem herrlich polemischen Text über die Vorzugsbehandlung der Kirchen auf. Es könne nicht angehen, dass Kultur- und Gastrobetriebe geschlossen würden, während in den Kirchen weiterhin Gottesdienste gefeiert werden. Tobler findet das besonders stossend, weil ja mehrere Gottesdienste bekannt seien, die zu “Superspreader-Events” geworden seien.

Im anderen Lager nervt man sich über das Singverbot, das der Bundesrat erlassen hat. Der Gesang sei mehr, als sakrale Unterhaltung, stifte Gemeinschaft und sei ein wichtiger Ausdruck der Seele. Besonders energisch protestiert der SKMV, der Schweizerische Katholische Kirchenmusikverband: “Wenn die Gemeinschaft nicht mehr singen darf und einfach nur noch Stille herrscht, wird das im wahrsten Sinne eine stille Nacht. Das ist dann ein sehr trauriges Weihnachtsfest”, bedauert deren Präsident Thomas Halter gegenüber dem SRF. Die drei Landeskirchen schliessen sich dieser Haltung, wenn auch unterschiedlich energisch, an.

Gleichzeitig ist von einigen – vor allem jüngeren – Pfarrpersonen in den Sozialen Medien zu lesen, dass sie am liebsten ganz auf Präsenz-Gottesdienstfeiern verzichten wollen. Und zwar freiwillig.

Verschiedene Ängste, trennende Vergleiche

Dabei fallen sofort die unterschiedlichen Bezugsgrössen ins Auge: Diejenigen, die gerne erweiterte Freiheiten für die Gottesdienstfeiern beanspruchen möchten, vergleichen die Auflagen des Bundesrates mit denjenigen, die für den Detailhandel oder die Skigebiete gelten. Wer bereit ist, auf Gottesdienste zu verzichten, vergleicht die Lage eher mit derjenigen der Kulturschaffenden.

Beide Lager neigen zu ideologischen Verkürzungen. Die Musik- und Gesangsfreunde sehen die Religionsfreiheit bedroht und fürchten, dass das kirchliche Leben an den Rand gedrängt wird. Ausgerechnet die Landeskirchen, welche solide Schutzkonzepte vorgelegt haben, um deren Einhaltung sie sich vorbildlich bemühen, sollen jetzt abgestraft werden? Erkennt die Politik nicht, wie wichtig gerade jetzt seelische Nahrung für die Menschen ist?!

Das alarmierende Lager hingegen deutet jeden Versuch kirchliches Leben und religiöse Gemeinschaft über die Feiertage zu ermöglichen als Selbstinszenierungsgehabe resonanzbedürftiger Pfarrer*innen, die mit ihrer Rolle abseits von Systemrelevanz – erst Recht über die Feiertage – nicht klar kommen. Können die nicht verstehen, dass es jetzt um Menschenleben geht und nicht darum, dass eine versammelte Gemeinde ihnen brav zuhört und ihre Predigten mit Kirchengesang umrahmt?!

Es sind zwei Ängste, die diese Debatte befeuern: Die Angst, nicht gesehen zu werden, zu kurz zu kommen und deshalb seiner Aufgabe in der Gesellschaft nicht gerecht werden zu können und die Angst, durch eigene Borniertheit seine wirkliche Aufgabe zu verpassen und damit den Restbestand an gesellschaftlichem Impact dauerhaft zu verspielen. Beide Seiten sorgen sich um die Menschen. Die einen sorgen sich um die einsamen Seelen und die ruhelosen Geister, die jetzt eine “Stille Nacht” brauchen. Die anderen um diejenigen, die wegen Weihnachten und Neujahr an Covid-19 sterben werden. Beides kann ich in dieser doppelt dunklen Zeit gut verstehen.

Eine andere Geschichte, dieses Jahr

Und ich bin sicher, dass abseits dieser ideologischen Debatten Wege gefunden werden, den Menschen nahe zu sein, ohne sie zu gefährden, den Seelen Nahrung und Licht zu geben, ohne Aerosole. Das Lichtermeer auf dem Bundesplatz, die Stationenwege, die Kirchen einrichten, um Weihnachten als Geschichte zu erleben, die wir selber gehen, die unzähligen Telefonate mit denen, die einsam sind, die tausende Adventskarten, die geschrieben werden und die zahlreichen digitalen Adventskalender sind Vorboten dieser Hoffnung.

Es geht jetzt nicht um die Relevanz von Institutionen oder das Gewicht liebgewordener Bräuche. Es geht um Beziehungen, die tragen, wenn das Normale abhanden kommt. Wenn Covid-19 ein schrecklicher Sensemann ist, sollten wir uns zu Engeln werden, die füreinander selbst frohe Botschaft sind.

Vielleicht ist die Weihnachtsbotschaft dieses Jahr nicht das Christkind in der Krippe. Nicht die Engel bei den Hirten. Vielleicht steht die diesjährige Weihnachtsgeschichte im Lobgesang des Zacharias (Lk 1, 67-80). Dort wird Johannes der Täufer ausgesandt. Er soll die Menschen lehren, einander zu vergeben und ihnen Hoffnung bringen auf das Licht aus der Höhe, “auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.”

Wenn wir jetzt aufhören uns um unsere Angst zu drehen und auf dieses Licht blicken, kommen wir Weihnachten vielleicht noch auf die Spur bis Heilig Abend.

 

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