
Bereits am Tag eins des israelisch-amerikanischen Angriffskriegs auf den Iran wurde dessen Oberhaupt, Ayatollah Ali Khamenei, nebst anderen Führungspersonen ermordet. Es traf jemanden, dem jahrelange brutale Unterdrückung der eigenen Bevölkerung zur Last gelegt wird. Erst Anfang des Jahres wurden von der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC), die der Hochbetagte befehligte, und anderen Staatsorganen und Milizen regimekritische Proteste ausgesprochen blutig niedergeschlagen.
Seriöse Schätzungen sprechen von «mindestens einigen Tausend» Toten.
Beispiellose Aktion
Gleichzeitig handelt es sich um eine beispiellose Aktion – im doppelten Sinn: Falls sie Schule macht, werden erstens Staatsoberhäupter auch anderswo zittern müssen. Mit dem Argument, dass sie eine Gefahr für die Welt oder für spezifische Länder darstellen, könnten auch Staatsführer anderer Nationen durch Hightechwaffen von Ausserhalb tödlich ins Visier genommen werden; bald auch vollautomatisch.
Zweitens handelte es sich bei Khamenei auch um eine religiöse Figur. Das iranische Staatsoberhaupt wurde in westlichen Medien regelmässig als «oberster geistlicher Führer» bezeichnet. Israel und die USA hätten damit die höchste religiöse Figur einer bestimmten religiösen Tradition – dem schiitischen Islam – getötet. Manche meinten: Das wäre so, als ob man den Papst umbringen würde.
Bei genauerem Hinsehen ist die Sache aber komplizierter.
Zum einen ist der Begriff «geistlich» irreführend. Im christlichen Kontext denkt man an Geistliche und damit an die Trennung von Staat und Kirche. Ein Ayatollah aber ist primär ein islamischer Rechtsgelehrter, der religiöse Rechtsgutachten (Fatwas) erlässt.
Er ist damit am ehesten als «religiöse Rechtsautorität» zu bezeichnen.
Ein Erlasser von Fatwas
Zum anderen ist das zentrale Amt Ali Khameneis (und seit gestern das seines Sohnes Modschtaba Khamenei) nicht Ayatollah, sondern Rahbar-e Enqelāb-e Eslāmī (»Führer der Islamischen Revolution»), kurz Rahbar.
Dieses Amt wurde erst mit der Gründung der islamischen Republik geschaffen. Der Rahbar ist das politische und militärische Oberhaupt sowie oberste politische religiöse Instanz des Staates – er beaufsichtigt Gesetze, Medien und Justiz im Namen des Islam.
Er ist damit nicht automatisch die höchste religiöse Rechtsautorität im traditionellen schiitischen Sinne.
Der Rang oder Ehrentitel «Ayatollah» (wörtlich «Zeichen Gottes») dagegen ist eher informell und wird traditionell an hochrangige schiitische Rechtsgelehrte verliehen. Je nachdem, wer darunter gezählt wird, kann es sehr viele Ayatollahs geben, bis zu einige Tausend.
Wie religiöse Autorität entsteht
Wer erkennt einen Ayatollah als «religiöse» Autorität an? Was muss ein muslimischer Schriftgelehrter vorweisen und leisten, um anerkannt zu sein?
Eine Anfrage bei der schiitischen Dachorganisation in der Schweiz, Gemeinschaft der Ahl al Bayt (GdAS), ergab: Muslimische Schriftgelehrte müssen sehr viel vorweisen. Je mehr Reputation als Schriftgelehrte sie haben und je mehr Ausstrahlung sie auf Anhänger entfalten, desto häufiger wenden sich religiöse Menschen mit Fragen an sie.
Gläubige, die nicht selbständig in der Lage sind, religiöse Regeln direkt aus Quellen des schiitischen Islam herzuleiten, wenden sich nicht nur an anerkannt qualifizierte Rechtsgelehrte, sondern müssen das sogar tun.
Ein Rechtsgelehrter, der von vielen Gläubigen in religiösen Angelegenheiten konsultiert wird, heisst «Marja», ein arabisches Wort für «Referenz» oder «Anlaufstelle».
«Jeder gläubige Schiit entscheidet frei und persönlich, welchem Marja er in religiösen Fragen folgt. Es gibt keine Institution, die einen solchen Gelehrten ernennt, und auch keine Wahl», heisst es vom Verein Ahl al Bayt.
Ein Marja etabliert sich über Jahrzehnte durch seine Lehrtätigkeit in den religiösen Seminaren, den sogenannten Hawzas, durch seine Schriften und durch das Vertrauen, das er sich bei Schülern und Gläubigen erarbeitet.
Mehrere Autoritäten gleichzeitig
Die Reputation als Gelehrter und die Ausstrahlung sind entscheidend. Genau das ist der Grund dafür, dass im schiitischen Islam mehrere solcher Autoritäten gleichzeitig existieren, deren Vorgaben jeweils von ihren Anhängern befolgt werden. Zu den bekanntesten zählen heute Ayatollah Ali al-Sistani im Irak sowie bis zu seiner Ermordung Ayatollah Ali Khamenei im Iran.
Beide haben schiitische Gefolgschaft auch ausserhalb ihrer Länder.
Die Unterschiede liegen einerseits in der Autorität als religiöser Rechtsgelehrter. Sistani ist in dieser Hinsicht deutlich angesehener als es Khamenei je war. Von vielen schiitischen Gelehrten wurde Khamenei nicht als führender Marja anerkannt. Andererseits bestehen Unterschiede in der Einschätzung des Verhältnisses von Religion und Politik.
Ayatollah Sistani steht für eine traditionell zurückhaltende Rolle der Geistlichkeit im politischen Bereich, bei der der Gelehrte vor allem berät, aber nicht selbst politisch regiert. Ayatollah Khamenei vertrat hingegen das Konzept des «Wilayat al Faqih», der «politischen Verantwortung» des Rechtsgelehrten.
Durch die Ermordung des iranischen Oberhaupts könnte nun im Iran ein neuer Märtyrer geschaffen worden sein.

Schwerpunkt in der Machtpolitik
«Im Unterschied zur katholischen Kirche gibt es im schiitischen Islam also nicht die eine zentrale religiöse Autorität und keine einzelne Person, die über allen steht. Vielmehr existieren mehrere solcher Gelehrten gleichzeitig. Vereinfacht gesagt könnte man es so erklären. Es gibt nicht einen einzigen ‹Papst›, sondern mehrere bedeutende religiöse Autoritäten gleichzeitig, denen Gläubige folgen können.»
Über unterschiedliche theologische und juristische Ansätze hinweg, stehen schiitische Ayatollahs im Kontakt und Austausch.
«Wenn ein solcher Gelehrter stirbt, wenden sich die Gläubigen in der Regel einem anderen noch lebenden Marja zu, den sie für besonders vertrauenswürdig und kompetent halten, und richten ihre religiösen Fragen künftig an ihn», heisst es aus dem Büro des Ahl-al-Bayt-Vereins zur religiösen Stellung der Ayatollahs.
Im Fall Ayatollah Khameneis – und nun auch seines Sohnes Modschtaba Khamenei – lag der Schwerpunkt der öffentlichen Tätigkeit allerdings über lange Zeit eher im politischen Bereich als in der Theologie.
Entsprechend wird ihre Ausstrahlung als klassische Schriftgelehrte von Beobachtern unterschiedlich beurteilt, bis hin zur Einschätzung aus der iranischen Gelehrten-Community: «He was a stupid guy.»
Religiöse Überhöhung – auch im Westen
Dass für religiös aufgeladene politische Deutungen nicht immer eine herausragende theologische Autorität erforderlich ist, lässt sich derzeit auch ausserhalb des Iran beobachten. Der sogenannte Kriegsminister Pete Hegseth (siehe auch meinen RefLab-Beitrag: «Die neuen Kreuzritter») etwa beruft sich in seinen öffentlichen Stellungnahmen weniger auf das Völkerrecht als auf apokalyptische Motive aus der Offenbarung des Johannes. Im Zusammenhang mit dem Irankrieg soll er sich jetzt mit den Worten an Offiziere gewandt haben:
«Präsident Trump wurde von Jesus gesalbt, um das Signalfeuer im Iran zu entzünden, um Armageddon auszulösen und seine Rückkehr auf die Erde zu markieren.»

Was viele nicht wissen: Dass sich im Iran überhaupt eine Theokratie etablieren konnte, ist auch eine indirekte Folge einer amerikanischen Regime-Change-Intervention in den 1950er-Jahren. Der demokratisch gewählte national-liberale Premierminister Mohammad Mossadegh (hier ein Bericht des SRF) wurde, nachdem er die iranischen Ölfelder verstaatlicht hatte, durch die CIA und Grossbritannien gestürzt.
Zuvor hatte die britische Kolonialmacht faktisch ein Monopol auf die iranische Ölproduktion besessen.
Die Geschichte nimmt manchmal eigentümliche Schleifen: Der Westen stürzte einst eine demokratische Regierung im Iran – und verurteilte später das undemokratische Regime in Iran, das eine Folge dieser Intervention war.
Ein lesenswerter Beitrag zur apokalyptischen Kriegsrhetorik des amerikanischen Kriegsministers veröffentlichten die Schweizer Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey gerade in der ZEIT: «Die Offenbarung des Pete».





