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Carel van Schaik: Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen

In einem Live-Podcast in Münchenstein sprachen Andreas Loos und Thorsten Dietz mit ihm über sein jüngstes und hochaktuelles Buch: «Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen» (zusammen mit Harald Meller und Kai Michel). Weit verbreitet ist der Mythos, das Gewalt und Krieg unlöslich mit der Menschheitsgeschichte verbunden seien. Auf Grundlage breiter Forschung zeigt der Zürcher Professor, dass sich dieses Bild nicht halten lässt. Kriege sind erst in den letzten Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte entstanden. Es ist nicht in uns veranlagt, dass wir Kriege führen müssen. Für den allergrössten Teil der Menschheitsgeschichte, als Menschen als Jäger:innen und Sammler:innen lebten, finden sich keine Spuren massenhafter Gewalt.

Was bedeutet das für unser Bild vom Menschen? Im Gespräch führt Carel van Schaik ein in die Unterscheidung dreier Naturen des Menschen. Wir müssen zunächst zwischen der biologischen, der älteren Natur des Menschen, und der kulturellen, der jüngeren Natur des Menschen unterscheiden. Dann wird sichtbar: Gewalt ist eine Folge unserer jüngeren kulturellen Entwicklung. Darum ist diese Entwicklung kein Schicksal. Kraft ihrer dritten, der vernünftigen Natur, können Menschen sich kritisch zu ihrer eigenen Gewalttätigkeit verhalten.

Für van Schaik sind die biblischen Texte aus dieser Perspektive überaus interessant. Vor allem in der Jesusbewegung sieht er eine Kritik menschlicher Gewalttätigkeit. In diesem jesuanischen Ethos der Gewaltlosigkeit und Feindesliebe könne man eine Anknüpfung an die besten Anlagen erkennen, die Menschen in ihrer langen Geschichte gezeigt haben: Ein Leben in Kooperation statt Konkurrenz, in Gemeinschaft und nicht in feindlichen Lagern.

Wir danken Judith Borter und der Fachstelle Bildung und Diversität der Reformierten Kirche Baselland, dem Forum für Zeitfragen Basel sowie der Reformierten Kirche in Münchenstein für die Einladung und die Ausrichtung dieses Live-Podcasts.

Literatur:
Van Schaik, Carel/Michel, Kai: Mensch sein. Von der Evolution für die Zukunft lernen.
Hamburg: Rowohlt Verlag 2023.
Van Schaik, Carel/Michel, Kai: Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät. Hamburg: Rowohlt Verlag 2016

3 Kommentare zu „Carel van Schaik: Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen“

  1. Danke für diese wirklich hoch interessante Folge !

    Mich beschäftigt vor allem die Frage, ob Gott eine Erfindung der Evolution ist, also ob die “Idee Gott” nur eine sekundäre Rationalisierung von evolutionsbiologischen Phänomenen ist (denn so lese ich Van Schaik). Oder aber ob Gott die Wirklichkeit ist, die so etwas wie Evolution erst möglich macht.

    Da muss ich wohl noch bisschen weiter lesen… 🙂

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  2. Spannendes Thema, kompetenter Referent!
    Vielen Dank.
    Schade, dass für die wirklich spannende, weil topaktuelle Frage nur gerade 6 Minuten blieben, ab Minute 59 bis zum Schluss.
    Wie kriegt man das wieder hin, ohne Kriege zusammenzuleben?
    Da befriedigte mich die Antwort dann wenig.
    Welche Demokratien haben Angriffkriege ausgelöst?
    Wahrscheinlich wären da die Überlegungen der Historikerin und Politologin hilfreicher gewesen.
    Schade für die verpasste Gelegenheit.

    Antworten
  3. Ich möchte der Aussage widersprechen, dass wir die Sklaverei abgeschafft haben. In meinen Augen existiert weiterhin eine Ungleichheit im Wert des Lebens einzelner Menschen (meist abhängig davon, wo jemand geboren wird), was zu einer absoluten und unüberwindbaren Trennung führt: lebe ich auf der Seite, die grenzenlos konsumiert, billig einkauft, in den Urlaub fliegt, im Internet bestellt, Rohstoffe verbraucht ohne Rücksicht etc. und mit gewissem Wohlstand eine hohe Lebenserwartung hat oder lebe ich auf der Seite der Näherinnen in Textilfabriken in Bangladesh, Fabriken in China, als Wanderarbeiter/ Tagelöhner auf Großbaustellen, als Kind auf Kaffee-/Tee-/Baumwollplantagen, Müllsammler auf riesigen Müllbergen, Fischer auf irgendwelchen Schiffen, als “illegaler” Einwanderer, der ohne Schutz und Rechte irgendwo putzt, kocht, beliefert, auf Feldern, Baustellen oder in Lagern schuftet etc. – maximal ausgebeutet, täglich um das Überleben kämpfend und eines Lebens in Freiheit beraubt.
    Diese moderne Form der Sklaverei ist leider abstrakter, unsichtbarer und global verteilt, aber sie existiert.
    Ganz zu Schweigen von den Extremen wie Menschenhandel, Zwangsprostitution und Schuldknechtschaft.
    Zwei Quellen dazu:
    Bericht zur modernen Sklaverei | bpb.de https://share.google/OUDBUjIvjhkI19iTm
    Moderne Sklaverei – Weltweit 46 Millionen Menschen versklavt https://share.google/wdGxEUIe3nX7iPXxl

    Da wir Teil der einen Seite sind, dürfen wir aber nicht die Augen davor verschließen, auf welche/ wessen Kosten wir unser bequemes Leben so führen, finde ich

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