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Lesedauer: 9 Minuten

Das Evangelium für die Starken

Streitbare Thesen

Johannes Hartl ist Leiter des Gebetshauses in Augsburg: zweifellos einer der bekanntesten Redner und eine der einflussreichsten Integrationsfiguren unter deutschsprachigen hochreligiösen Christ*innen. Er selber ist überzeugter Katholik, sammelt mit der ökumenischen »Mehr«-Konferenz aber jedes Jahr Tausende von Besuchern und zahlreiche führende Köpfe aus allen christlichen Konfessionen zu einem mehrtägigen Event (Besucherzahl der Konferenz im Jahr 2020: 12‘000).

Vor einigen Tagen hat er sich mit sieben steilen »Wahrheiten« zu Wort gemeldet. Zumindest für mich kamen sie gewissermassen aus dem Nichts. Die Thesen wurden meines Wissens weder eingeleitet noch erklärt, sondern einfach so auf Facebook und Twitter der Öffentlichkeit vorgesetzt. Und hier sind sie nochmal:

  1. Du wirst sterben. Und das in durchschnittlich etwa 14.600 Tagen.

  2. Schau in den Spiegel. Du siehst den Menschen, der für Dein Leben verantwortlich ist.

  3. Was Du heute bist, ist die Frucht der Entscheidungen, die Du in den letzten Jahren getroffen hast.

  4. Ob Du glücklich oder unglücklich bist, hat wenig damit zu tun, ob Du einen Partner hast. Sehr viele sind mit Partner unglücklich, andere schaffen das auch ohne.

  5. Nicht Nein sagen Können ist nicht nett. Es ist feige und unter Deiner Würde.

  6. Ohne was kannst Du nicht leben? Das hast Du zu einem Götzen werden lassen.

  7. Du bist von Gott unendlich geliebt. Ob Du das aber glaubst und dann auch spürst: dafür bist Du selbst verantwortlich.

Ach, Johannes. Da kann ich eigentlich nur staunen, wie man auf so wenigen Zeilen so viel Richtiges wollen und so viel Falsches sagen kann. Wobei sich die Unterstellung des guten Willens auf das stützt, was ich von dir sonst an durchaus bedenkenswerten Texten und Referaten sowie aus einer persönlichen Begegnung mitgenommen habe.

Bewusste Herausforderung

Auch ohne weiteren Kontext und hinführende Erläuterungen ist schnell klar, in welche Richtung der Grundimpetus dieser Thesen läuft.

Es geht ganz offensichtlich darum, Menschen bei ihrer Eigenverantwortung für ihr Leben zu packen und sie zur beherzten Initiative zu bewegen.

Im Fokus stehen wohl Leser*innen, die von der Komplexität dieser Welt erschlagen und von der Vielzahl von Optionen paralysiert sind. Leute, die nicht (mehr) wissen, wohin sie mit ihrem Leben sollen, oder noch grundlegender: Die nicht mehr wissen, ob sie in ihrem Leben überhaupt noch ein entscheidendes Wort mitzureden haben, oder ob sie nicht einfach ein Opfer ihrer Umstände, ein Produkt ihrer Vergangenheit, ein Spielball politischer oder  wirtschaftlicher Mächte geworden sind.

Solchen geplagten Seelen sprechen die genannten Thesen Einflussmöglichkeit und Selbstwirksamkeit zu: Du sollst dein Leben ändern, und du kannst es auch, liesse sich in sloterdijkschem Duktus zusammenfassen.

Väterliches Zutrauen

Es fällt mir nicht schwer vorzustellen, dass sich viele Menschen von einem solchen literarischen »Tritt in den Hintern« ansprechen und motivieren lassen.

Der umstrittene kanadische Psychologieprofessor Jordan Peterson ist mit Impulsen in dieselbe Richtung zum globalen Phänomen geworden. Millionen von Menschen – insbesondere junge Männer – haben durch seinen Zuspruch die Höhlen der Opfermentalität und Handlungsunfähigkeit verlassen und die Zügel ihres Lebens neu in die Hand genommen.

Auf zahllosen YouTube-Videos bezeugen seine Anhänger, oft unter Tränen, wie sehr ihnen die väterlichen Aufforderungen Petersons geholfen haben und wieviel sich in ihrem Leben seither zum Besseren gewendet hat.

»Jemand glaubt an mich; jemand traut mir zu, eigenständige, integere, mutige Entscheidungen zu treffen«, so könnte man den Subtext ausformulieren, den manche wohl auch in Hartls Thesen hören.

Stillschweigende Voraussetzungen

Daran ist zunächst wenig auszusetzen. Und doch eine Menge entgegenzuhalten.

Zunächst zeichnen die Thesen das Bild eines eigenständigen, entscheidungsfähigen und handlungsmächtigen Subjektes, das sein Leben frei gestaltet und für dessen Gelingen selbst verantwortlich ist.

»Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied«, hat man früher gesagt – und damit gerade diejenigen zur Initiative gebracht, welche auch in Krisenzeiten mit der nötigen Portion Willenskraft, Durchsetzungsfähigkeit und Tatendrang ausgestattet sind.

Diese Art der Ermutigung funktioniert ganz ähnlich wie die Prinzipien des vielgerühmten »positiven Denkens«: Sie machen jene stark, welche noch Grund zur Zuversicht und Mut zum Anpacken finden. Diejenigen also, die sich am Morgen im Spiegel noch selbst anschauen und ermunternde Parolen zusprechen mögen.

Verhängnisvolle Schattenseite

Und hier liegt die Crux der sieben »Wahrheiten« von Hartl. Sie sind letztlich ein »Evangelium für die Starken«, eine Botschaft für diejenigen, die noch Willens- und Kraftressourcen haben, an denen sie anknüpfen und mit deren Hilfe sie sich selbst aus dem Sumpf ziehen können.

Für diejenigen, welche wirklich am Boden liegen, haben die Thesen aber nur weitere Fusstritte übrig. Ich denke an einen jungen Mann, der seinen Sohn durch einen Unfall verliert und dessen Ehe infolge des unterschiedlichen Umgangs mit der Trauer auseinanderbricht. Er findet sich in einem flüchtig gemieteten Kellerzimmer wieder, einsam, ausgesteuert, mutlos. Oder an eine psychisch labile Frau, die von ihrem Mann regelmässig verprügelt wird, die aber keinen Ausweg sieht, weil die Kinder im Falle einer Scheidung wohl doch dem missbräuchlichen Vater zugesprochen würden.

Als langjähriger Pastor habe ich mehr solche Geschichten aus nächster Nähe mitbekommen als mir lieb ist. Schicksalsschläge, Traumata, Verlusterfahrungen, auch körperliche und psychische Krankheiten sind ja mitnichten gerecht verteilt, sondern treten oft in tragischer und manchmal in rätselhafter Häufung auf.

Problematische Folgerungen

Für diese Menschen wollen die Thesen dann plötzlich nicht mehr richtig verfangen. Sie machen keinen Mut mehr, sondern vervielfachen das Leid und die Last der Betroffenen.

»Schau in den Spiegel: Die Person, die dir hier – geschunden und verletzt, ratlos und verzweifelt – entgegenblickt, ist für ihre Situation selbst verantwortlich! Du erntest jetzt die Früchte deiner Entscheidungen der letzten Jahre. Wenn du damit unglücklich bist, bist du daran ganz alleine schuld – kein Wunder, wenn du so auch keinen Partner findest. Und falls du dich in deiner Not an den letzten Dingen festhältst, die dir noch bleiben – an deinem Kind, bei dem du dich angenommen fühlst, an deiner Band, mit der du Musik machen und deine Sorgen vergessen kannst, am Sport, der dich deinen Körper wieder spüren lässt, oder von mir aus auch am Alkohol – dann sei dir gesagt, dass du damit die Sünde des Götzendienstes auf dich lädst. Ach ja: Und wenn du Gottes Gegenwart in der Misere deines Lebens nicht mehr spüren solltest und dir der Glaube schwerfällt… dann bist du natürlich auch dafür selbst verantwortlich!«

Nein, solche Härte gegenüber Notleidenden und Zerbrochenen will ich Johannes Hartl nicht unterstellen. Sie ist aber in der Ideologie der absoluten Selbstmächtigkeit und Verantwortungsfähigkeit eingebaut, deren Geist die fraglichen Thesen atmen.

Eingebrochene Handlungsspielräume

In der Menschenliebe von Jesus Christus, die im Zentrum der christlichen Botschaft steht, kommt mir etwas ganz anderes entgegen. Oder besser: Jemand ganz anderes.

Hier zeigt sich ein Gott, der gerade für diejenigen da ist, deren Tank leer und deren Kraft erschöpft ist. Diejenigen, deren Handlungsspielräume eingebrochen und deren psychische Ressourcen aufgebraucht sind.

Ihnen ruft Jesus zu: »Kommt her zu mir, ihr Mühseligen und Beladenen, ihr Zerbrochenen und Aufgezehrten, ihr Geschundenen und Ausgemusterten… ich will euch erfrischen« (nach Matthäus 11,28). Ihrer nimmt sich der Menschensohn an, während der Rest der Gesellschaft im kühnen Selbstverwirklichungsdrang – und nicht selten mit spürbarer Verachtung – an ihnen vorbeigeht.

Sicher, auch Jesus konnte Menschen konfrontieren und zu radikalen Schritten herausfordern. Aber er ist dabei nicht einfach von der Selbstmächtigkeit und Verantwortungsfähigkeit seines Gegenübers ausgegangen. Sondern er hat diese Voraussetzungen gewissermassen erst hergestellt oder geweckt.

Ermächtigende Liebe

Nehmen wir die als »Ehebrecherin« berühmt gewordene Frau, die auf frischer Tat ertappt wird und von aufgebrachten Männern umringt auf ihr Urteil wartet (nach Johannes 8,1-11). Sie wird von Jesus nicht einfach für ihre Notlage verantwortlich gemacht und aufgefordert, ihr Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen.

Vielmehr stellt er sich in dieser angespannten Situation unmissverständlich auf ihre Seite, richtet sie auf und begegnet ihr auf Augenhöhe.

Er ist nicht bereit, sie über ihren Gesetzesverstoss und ihre Zerbrochenheit zu definieren und erwartet auch nicht, dass aus einem schlechten Gewissen die Kraft zur Veränderung hervorgeht. Er anerkennt sie dagegen öffentlich als Person mit einer unveräusserlichen Würde und einem unverlierbaren Wert.

Gerade daraus gehen erst neue Gestaltungsmöglichkeiten des Lebens hervor. Darum kann Jesus der »Ehebrecherin« abschliessend (!) zurufen: »Geh, und sündige von jetzt an nicht mehr«; er entlässt sie damit nicht mit einer Warnung, sondern drückt die neuen Vorzeichen aus, unter denen das Leben dieser Frau nun steht.

Vermeintliche Selbstverständlichkeiten

Zugleich rückt die Episode die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten zurecht, unter deren Annahme sich die umstehenden Schaulustigen zu einem Urteil über der Frau berechtigt fühlen. Allen voran privilegierte Männer, denen von klein auf Eigenwille und Handlungsmacht zugestanden wurde, denen die Rolle des Regisseurs ihres Lebens vertraut ist und denen die Gesellschaft manchen Fehler verzeiht (wo in der Geschichte ist eigentlich der Mann, der am Ehebruch wohl nicht ganz unbeteiligt war…?): Sie lassen ihre Steine fallen und ziehen beschämt davon, nachdem Jesus Partei für die Frau ergriffen hat.

Das ist eine Reaktion, die auch heute Not tut. Gerade Menschen, die sich von den Thesen Hartls beflügeln, von den Vorträgen Petersons inspirieren oder von einem Anwalt Positiven Denkens motivieren lassen, sollten nicht vergessen, wie wenig selbstverständlich es ist, konstruktiv auf solche Impulse reagieren zu können.

Erst wenn wir einsehen, wie voraussetzungsreich unsere Rede von der richtigen Entscheidung und der bewussten Gestaltung des Lebens ist, werden wir die Gnade für Menschen finden, denen dafür (zur Zeit) die Ressourcen fehlen.

Und erst dann können wir vielleicht zu Menschen werden, die anderen in einer Menschenliebe begegnen, welche ihnen neue Ressourcen zuspielt und Gestaltungsmöglichkeiten öffnet.

Versuchte Neuauflage

In diesem Sinne möchte ich hier eine Neuauflage der sieben »Wahrheiten« oder Thesen von Johannes Hartl wagen. Dabei beziehe ich mich auch auf das inspirierende Gespräch dazu mit Stephan Jütte in unserem Youtube-Format »Schall und Rauch«:

  1. Du wirst sterben. Aber die Chancen stehen gut, dass du bis dann noch viele Tausend Tage Lebenszeit zur Verfügung hast, die du dankbar annehmen und geniessen kannst.

  2. Schau in den Spiegel. Du siehst einen Menschen, der von Gott geliebt ist und mit dem Mut beschenkt wird, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen.

  3. Was Du heute bist, ist die Frucht der Gegenwart Gottes in deinem Leben, auf die du auch in Widrigkeiten und Schicksalsschlägen zählen kannst.

  4. Ob Du glücklich oder unglücklich bist, hängt an zahllosen Faktoren, ist aber auch gar nicht die wichtigste Frage – man darf auch mal richtig unglücklich sein.

  5. Nicht Nein sagen können ist oft eine Folge der Angst vor Zurückweisung – die Liebe Gottes, die uns auch durch Menschen begegnet, kann uns davon freimachen.

  6. Ohne was kannst Du nicht leben? Das ist sehr wahrscheinlich gerade das, in dem du Gott finden kannst und in dem dir seine Gegenwart begegnen will.

  7. Du bist von Gott unendlich geliebt. Diese Liebe gilt dir und umfängt dich gerade auch dann, wenn du sie nicht spürst und dir der Glaube schwer fällt.

P.S.: Für alle, die des Berndeutschen mächtig sind, findet sich hier übrigens ein Poetry Slam, der das Anliegen dieses Beitrages hervorragend auf den Punkt bringt.

 

Photo by Fares Hamouche on Unsplash.

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20 Kommentare zu „Das Evangelium für die Starken“

    1. Schön, wurden die Argumente aus dieser Montagmorgen-Show jetzt noch ausgeführt, die mir doch recht halbherzig vorkamen.

  1. Ich ahne, Johannes Hartl muss und will provozieren.

    Mich würde es deshalb sehr wundern, wenn er keinen Punkt 2, keine Fortschreibung, keine Auflösung nachlegen würde.

    Ein paar situative Sätze sind nicht DAS Evangelium.

    Und trotzdem gut.
    Ist es mehr als ein JH-Publicity-Gag?

    Ja. Es geht dafür, was Out of Order, was “verloren” ist…

    1. Manuel Schmid

      Danke Tom für die Rückmeldung! Ja, Johannes hat auch schon angemerkt, dass es sich bei den sieben Thesen eigentlich nur um ein paar »dahingeworfene« Sätze auf Twitter handelte. Da darf man auch nicht allzu rigorose Massstäbe anlegen, das ist mir klar. Ich habe darin aber eine Geisteshaltung entdeckt, die mir (ganz unabhängig von Johannes Hartl) gerade im hochreligiösen Milieu immer wieder begegnet ist. Mit ihr habe ich mich kritisch auseinandersetzen wollen…

      1. Johannes Hartl

        Mir gefällt dieser Artikel wirklich gut. Könnte diese Neufassung der Thesen aus ganzem Herzen unterschreiben. Ich bin es nicht gewohnt, dass einzelne Posts von mir (ich schreibe jedes Jahr wohl an die 300) so vom Anspruch der theologischen Vollständigkeit her gelesen werden. Für mich sind sie Momentaufnahmen, zumal sie thematisch durchaus nicht immer in die gleiche Richtung gehen. Zur hermeneutischen Auflösung scheinbarer Eindeutigkeiten nur noch etwas Amüsantes bezüglich der Behauptung, am Boden liegende Menschen könnten mit solchen Sätzen sicher nichts anfangen: Anstoß für diesen Text war die Tatsache, dass ich den Satz mit dem Spiegel tatsächlich an einem Spiegel las. In einer psychosomatischen Klinik. Dort habe ich einen sehr guten Freund besucht. Vieles im Leben verdanke ich der Freundschaft mit Menschen aus dem Umfeld von AA und 12-Schritte-Programm. Gerade da hörte ich erstaunlich viel über die Verantwortung für sich selbst. Deshalb bin ich mir gar nicht so sicher, ob das Urteil zutrifft, ich hätte da nur die Starken im Blick. Dass ich im obigen Post aber die andere Seite der Wahrheit zu kurz kommen lasse, hat dieser Blog definitiv überzeugend dargestellt. Deshalb Danke!

        1. Lieber Johannes,
          aus eigener Erfahrung kann ich Dir aber versichern, dass solche Sätze nicht einfach so und überall und automatisch an den Spiegeln in psychosomatischen Kliniken hängen, weil sie für alle dort zu Behandelnden hilfreich wären. Sondern dass sich die Patienten selbst dort hilfreiche Sätze aufhängen. Und in deinem Fall war das eben einer, der noch genug Kraft dafür hatte, sagen zu können, dass er selbst die Zügel seines Lebens in der Hand hat…

        2. Manuel Schmid

          Vielen Dank Johannes für deine Rückmeldung – ich schätze das sehr. Und ja, du wirst hier wohl Recht haben: Auch an Orten, wo sich Verzweifelte, Gescheiterte, Zerbrochene sammeln, können Sätze wie der mit dem Spiegel Menschen ansprechen und ihren Willen aktivieren, ihr eigenes Leben ernst zu nehmen. Was den AA-Kontext betrifft: Da wird, soweit ich das beurteilen kann, tatsächlich viel Wert auf Eigenverantwortung und Eigeninitiative gelegt. Hilfreich ist dabei aber, dass die Teilnehmer bereits in eine Gemeinschaft eingebunden sind, in der das Zugeständnis der eigenen Ohnmacht und des eigenen Versagens gewissermassen zu den Eintrittsbedingungen gehört – ebenso wie der Bezug auf eine transzendente Kraftquelle.
          Was ich diesbezüglich v.a. in pfingstlich-charismatischen Gemeinschaften erlebt habe, ist mindestens ambivalent. Einerseits schätze ich eine Kultur, in der man sich auch radikal herausfordern kann und ein Bewusstsein für die revolutionäre Qualität des Evangeliums wachhält. Andererseits habe ich viele Leute erlebt, die durch das ständige Herbeipredigen einer ultimativen Entscheidungssituation in einen regelrecht manisch-depressiven Frömmigkeitsstil verfallen sind: Begeistertes Aufraffen, nach den Sternen greifen, »all-in«-Entscheidungen… und dann: völliger Zusammenbruch, Versagensängste, Seelsorgebedarf… um dann wenig später wieder im Gottesdienst mit erhobenen Händen nach vorne zu stürmen, um »es« noch einmal zu versuchen…
          Hier wäre genau eine solche Einbettung in eine geerdete, realistische Gemeinschaft hilfreich, wie sie m.E. bei AA gelebt wird. Soviel mal als Reaktion auf deine Ausführungen – und nochmal: Danke!

    2. Lieber Manuel, danke für den guten Beitrag. Ich kenne aus sehr pietistischen Kreisen auch dieses: Der Mensch ist nix und kann nix. Das macht auch nicht grad Laune…Wahrscheinlich müssten wir die Sache (wie meist) dialektisch zu verstehen versuchen.
      V.a. scheint mir jegliche Verkürzung solcher Themen im Format von Twitter etc. wirklich dumm. Alle Instagramm-Chicas bzw. -Dumbos sondern solche self-made-Phrasen ab. Ich habe nichts gegen positives Denken, aber eben: Denken!
      Danke, dass Ihr vom reflab da auf kluge Weise gegesteuer gebt.

      1. Manuel Schmid

        Das ist wohl wahr, Luzi – ich würde nur lieber nicht von einer Dialektik oder einem sowohl-als-auch sprechen als vielmehr von einem Bedingungsverhältnis: Ja, wir sind etwas und können etwas, weil uns die Gegenwart und Zuwendung Gottes auf verschiedenen Wegen begegnet (durch Menschen, Erfahrungen, in der Schöpfung, Musik usw.)… und wenn die Ungerechtigkeit und Härte des Lebens diese Gegenwart und Zuwendung fraglich macht, braucht es Menschen und Erfahrungen, die sie uns wieder nahe bringen… um überhaupt im Stande zu sein, »die Dinge wieder in die Hand zu nehmen«…

        1. Lieber Manuel,
          das ist gut beschrieben. Mit dem Begriff des Bedingungszusammenhangs betonst Du stärker den Zusammenhang (Verbindung). Ich versuche mit dem Begriff der Dialektik ganz bewusst auch das Widersprüchliche, ja das scheinbar absurde Nebeneinander bzw. Durcheinander von beidem zu unterstreichen.

  2. Ich bin kein Christ, macht aber glaub ich nix in dem Kontext. Wir leben in einer Zeit, in der wir eine verhexte Form des amerikanischen Traumes zelebrieren: Jeder kann es schaffen. Umkehrschluss: Wer es nicht schafft, ist selbst schuld, und kann keine Hilfe erwarten. Gleichzeitig sind psychische Krankheiten wie die Depression auf dem Vormarsch. Eine perfide Krankheit, bei der akut Betroffene an vielen Tagen einfach nur noch eines können: Irgendwie einen Frieden damit machen, dass sie es gerade einfach nicht mehr schaffen. Zur Arbeit zu gehen, oder einkaufen, oder den Herd putzen. Natürlich ist es hier ein Ziel, dass eine solche Person eines Tages wieder in den Spiegel sehen kann, mit einem Lächeln. Morgens mit den Worten „Heute schaffe ich es“ und Abends mit den Worten „Wow, ganz schön gut was hingekriegt heute.“ – aber viele Menschen brauchen dafür Hilfe. Therapeuten sind dabei hilfreich, aber für viele sicher auch ein verständnisvoller Seelsorger und der Glaube. Daher wichtig, diesen Post hier zu finden, danke.

    1. Manuel Schmid

      Vielen herzlichen Dank Wolfram für deine Rückmeldung – das freut mich ausserordentlich zu hören, gerade weil du dich nicht als Christ und Kirchengänger beschreibst. Und ja: Ich stimme mit deiner Beurteilung überein: das ganze Machbarkeitsdenken hat eine hochproblematische (um nicht zu sagen: teuflische…) Rückseite im Blick auf jene, die es nicht schaffen, denen die Kraft fehlt, die vom Leben rundum verarscht werden. Die Anerkenntnis der Komplexität und auch Ungerechtigkeit des Lebens hilft hier schon weiter – Menschen, auf die man zählen kann, auch wenn man es nicht mehr »bringt«, umso mehr. Ganz liebe Grüsse Manuel

  3. Lieber Manuel,
    das sind ganz wunderbare Gedanken! Vielen Dank dafür.
    Ich bin in so einer “Starkes-Evangelium-Tradition” großgeworden, in der man nur genug beten musste, damit Gott einem immer genau die Kraft gibt, die man braucht. Daran bin ich so zerbrochen, weil meine Lebensrealität eine ganz andere war. Erst als ich 2Kor12,9 mal im Urtext gelesen habe, habe ich eine Ahnung davon bekommen, dass es gar nicht darum geht, dass Gott dafür da ist, uns in unserer Schwachheit wieder stark zu machen…
    Meine (sakuläre!) Psychotherapeutin war der erste Mensch, der mich in meiner Schwachheit und meinem Leid ernstgenommen hat. Und erst dann hat sie angefangen, mit mir nach meinen Stärken zu suchen – die schon immer da waren, aber die anders sind als das, was in unserer Gesellschaft als Stärke gilt.

  4. Wichtiger Beitrag!
    Kann man nicht oft genug wiederholen, weil zu viele Leute immer noch an die totale und absolute Eigenverantwortlichkeit des Individuums glauben und nicht sehen wollen, dass wir in einem System leben und allein deswegen nicht für unser Glück oder Unglück ganz allein verantwortlich sein können.
    Danke für diesen Artikel.

  5. Lieber Manuel

    Ich finde den Text ganz hervorragend und sehr aktuell. Gerade gegenüber dem Machbarkeitswahn in frommen Kreisen. Spannend finde ich, dass sich in den Kommentaren Johannes Hartl eingeklinkt hat – und es einen Dialog gab, der die Thesen in einen weiteren Kontext stellt. Es ist klar, dass er sie nicht so scharf gemeint hat, wie Du sie empfunden hast. Dennoch finde ich deinen Beitrag treffend und wichtig, weil er die Geisteshaltung der Machbarkeit und des Leistungsdenkens aufdeckt. Als Pfarrer, der immer wieder mit Leuten zu tun hat, die heftig “vom Leben verarscht werden” und als Mensch, der auch in der eigenen Biographie diese Erfahrungen kennt, schätze ich deinen Text sehr. Vielen Dank.

    1. Manuel Schmid

      Danke Uwe für dein ermutigendes Feedback – und ja, ich fand es auch stark, dass Johannes sich mit eingegklinkt hat!

  6. Philipp Kummer

    Mich hat der Podcast auf Livenet auf dies Seite gebracht, bzw. motiviert nachzulesen was genau in der Bibel steht bei diesem Prinzip von Saat und Ernte. Galater 6 sehe ich als Ermutigung für die Starken, dass Sie den Schwachen helfen. Wem es gut geht, der hat Verantwortung für den, dem es nicht gut geht. Wir können aus diesen Versen aber nicht folgern, dass wem es nicht gut geht, er automatisch selber dafür verantwortlich ist.
    Meine Beobachtung bestätigt mir immer wieder es gibt schlechte Situationen an denen bin ich selber schuld, aber es gibt auch sehr unangenehme Situationen an denen ist der oder die Betroffene überhaupt nicht mitverantwortlich. Oder was kann ein Kind in einem Buschdorf in Afrika dafür, dass es bis es 2 Jahre alt ist keinen Namen erhält, da viele der Kinder sterben bevor sie so alt sind…

    Was ich aber auch weiss und erlebt habe, egal ob ich an der Situation in der ich mich befinde selber schuld bin oder nicht, Gott kann es zum Guten wenden. Was aber auch nicht wieder bedeutet, dass sämtliches Leid von einer Sekunde auf die andere Weg ist. Aber ich habe erlebt, dass Gott mich von fast unerträglichen Rückenschmerzen (welche mich jahrelang begleitet haben) vollständig geheilt hat. Aber meine gelegentlichen starken Kofpschmerzen, erinnern mich daran, dass ich noch nicht im Himmel bin und dass ich etwas mehr auf die gesunde Ernährung achten sollte oder dasss ich wiedermal zu wenige geschlafen habe.

    Und übrigens: Unser individuelles Gefühl ob es uns gut oder schlecht geht, hängt oft damit zusammen mit wessen Situation, wir die unsere vergleichen. Würde ich meine Situation vergleichen mit dem neugeborenen Kind in Afrika welches an Malaria leidet und niemanden hat, der 2 Franken für die Behandlung aufbringen kann und darum stirb, dann sind mein Kopfschmerzen wirklich das kleinere Übel, auch wenn sie manchmal ganz heftig sein können. Also wenn es dir wiedermal so richtig schlecht geht, such dir jemanden, dem es noch schlechter geht und sei dankbar, dass es dir immerhin ein bisschen besser geht… Mir hilfts.

    Eigentlich gibt es ja nur einen einzigen Menschen auf der Erde, welcher sagen kann, niemandem geht es schlechter als mir und ich denke, das war Jesus, welcher ohne Schuld war und trotzdem unglaublich stark gelitten hat für mich.

  7. Ich habe den Livenet Podcast gehört und dann diesen Blog Beitrag gelesen. Du fasst in Worte, was ich zu diesem Thema fühle, aber selber nicht wirklich auszudrücken vermag. Herzlichen Dank!

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