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Bauernopfer

Das Jahr 2024 begann in Deutschland wie auch in Frankreich mit Bauernprotesten. Im Gegensatz zu heute machten vor 500 Jahren Bauern und Landarbeiter den weitaus grössten Teil der Bevölkerung aus.

Die damaligen working poor lebten auf dem Land.

Viele Bauern waren im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit «Leibeigene». Das heisst, sie gehörten mit ihren Familien adeligen oder kirchlichen Grundherrn und mussten für diese «Frondienste» leisten.

Ein System nahe an Sklaverei, vergleichbar mit der Lage später in Kolonien.

Besitz der «Götter»

Genau diese unfreien «Frondienste» (von mittelhochdeutsch vrōn: Herrschaftsdienste) versuchten die Bauern damals abzuschütteln: durch eine breit konzertierte sozialrevolutionäre Erhebung: die Bauernkriege.

Der mittelhochdeutsche Wortstamm «vrōn» wie auch das althochdeutsche «frōno» (Besitz) bedeutet interessanterweise auch «heilig»: im Sinne von «Gott gehörend» oder «Besitz der Götter».

Die Feudal- und Ständeordnung verlor damals den Nimbus als «heilig» und «gottgewollt».

Vom Glauben abgefallen

Die Bauern fielen vom Glauben ab; auch von dem, was Priester ihnen erzählten: dass sie sich zum Beispiel durch Zahlungen an Kirchen und Klöster vom «Fegefeuer» freikaufen könnten. Sie begriffen: Vom Fegefeuer steht nichts in der Bibel geschrieben!

Die Übersetzung der Bibel in Volkssprachen war ein revolutionärer Akt.

Die damals noch weitgehend illiterate Bauernschaft habe sich vom Klerus damals unheimlich betrogen gefühlt, sagt der Zürcher Reformationshistoriker Peter Kamber.

Die Erhebung in Wutachtal

Für den Beginn der Bauernkriege gibt es nicht den einen Stichtag, vielmehr handelte es sich um Prozesse und Parallelereignisse. Ein wichtiges Datum für die Proteste in Deutschland ist der 23. Juni 1524, als sich in Wutachtal bei Stühlingen, im heutigen Baden-Württemberg an der Grenze zur Schweiz, Bauern gegen die Unterdrücker erhoben: heute vor 500 Jahren.

Vorläufer der Aufstände in der Schweiz war der Ittingersturm: die Stürmung eines Klosters nahe Zürich.

Der Ittingersturm jährt sich am 19. Juli 2024 zum 500. Mal.

Die Reformatoren, vor kurzem noch selbst Umstürzler, rufen zur Ordnung.

Der Reformator Martin Luther distanzierte sich bekanntlich 1525 scharf von den «mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern».

Auch Zwingli mahnt zur Mässigung

In einer Art Überkompensation rief der Reformator Zwingli zu striktem Gehorsam gegenüber der Obrigkeit auf, wohl in Kenntnis von Luthers Schrift «Ermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel der Bauernschaft in Schwaben» (1525).

Luther versuchte einen Spagat: Die Obrigkeit ermahnte er, das Joch zu lockern; die Bauern, deren Forderungen er durchaus nachvollziehen konnte, ermahnte er, nicht blutig zu kämpfen.

In Deutschland blieb die Leibeigenschaft zum Teil bis ins 19. Jahrhundert besetehen. Der Rat in Zürich hob sie 1525 auf und erliess den Zehnten von der zweiten Ernte, beharrte jedoch auf dem Grossen Zehnten auf der Haupternte. Aus dem vormaligen Kirchen-Zehnten wurde damals eine staatliche Steuer, von der die Städter ausgenommen waren.

Im Herbst 1525 wurden in deutschen Gebieten die letzten Bauern-Anführer gefoltert und enthauptet. Kaiser und Papst bedanken sich für die Wiederherstellung der Ordnung.

Politische Partizipation und demokratische Entwicklung waren für Jahrhunderte blockiert.

Nichts als Lärm?

Die Wahrnehmung und der Sprachgebrauch werden bis heute von der Perspektive der Systemgewinner bestimmt. Wenn etwa immer noch von «Tumulten der Bauern» geschrieben und gesprochen wird.

Das Wort Tumult wanderte damals in die deutsche Sprache ein. Lateinisch «tumultus» bedeutet Unruhe, Getöse, Lärm, Aufregung und Aufruhr; der Wortstamm «tumēre» steht für: «geschwollen sein, vor Zorn aufbrausen, schwülstig sein».

Eine Schrift Luthers trägt den Titel «Ein treüw vermanung Martini Luther zu allen Christe[n] / Sich zu verhueten vor auffrur vnd emporu[n]g». Aber auch der Reformator selbst wurde von seinen Gegnern als «Aufrührer» diffamiert.

«Tumult» oder «Aufruhr» sind delegitimierende Formulierungen. Erhebungen werden als Lärm und Störung (der Ordnung) abqualifiziert.

Nach Jacques Rancière ist «Lärm» als Artikulation den Ohnmächtigen und Unsichtbaren vorbehalten; denen, die ohnedies nichts zu sagen haben, die unartikuliert sind – und denen man nicht zuhören braucht, weil sie vermeintlich nur Lärm machen.

In «Aufteilung des Sinnlichen» denkt der Philosoph über Möglichkeiten der Neu- und Umverteilung der Räume nach, über die Repräsentation der Unsichtbaren und die Macht von Sprachregelungen.

Dem «Fleische» nach

Die Bauern untermauerten in den Bauernkriegen ihre Forderung nach Freiheit biblisch. Sie wurden aber theologisch belehrt, dies sei zu sehr «dem Fleische nach» gedacht. Diese Argumentation hielt sich auch später in der Bewertung der Ereignisse von vor 500 Jahren. Peter Kamber in «Reformation als bäuerliche Revolution»:

«Der in der Reformationsgeschichtsschreibung bezüglich der Bauern häufig erhobene Vorwurf des Materialismus verrät mehr über die Abneigung und Ängste derjenigen, die ihn machen, als über die, auf welche er zielt.»

Für das Verständnis der Lebensformen und der Kultur der Bauern wäre viel gewonnen, «wenn die Forschung endlich aus dem Schatten der Reformationskämpfe herausträte und die Aussagen, Forderungen und Handlungen der Bauern vor deren eigenem Hintergrund besehen würde, ohne sie immer gleich ins strenge Fleisch-Geist-Schema der Reformatoren zu pressen».

Forderungen der Vorfahren

Da abhängige Bauern, Knechte und Mägde vor 500 Jahre die Mehrheit der Bevölkerung ausmachten, ist die Wahrscheinlichkeit gross, selbst von Stimmlosen abzustammen. In meinem Fall ist das gewiss so. Wohl auch deswegen ergreifen mich die Forderungen der Vorfahren.

Als Christin schmerzt mich die Tatsache, dass Kirche lange Zeit selbst als Feudalherrin auftrat.

Die Zwölf Artikel aus dem Deutschen Bauernkrieg sind getragen von der Idee christlicher Freiheit. Spätere Freiheitskämpfer und Revolutionäre kamen ohne christliche Bezugnahme aus oder positionierten sich, wie die Französische Revolution, explizit in Opposition.

Damals ist etwas auseinandergefallen: in sozial-revolutionäre politische Kämpfe und christliche Caritas als Charity.

Die Zwölf Artikel der Bauenschaft gelten nach der Magna Carta von 1215 als eine der ersten niedergeschriebenen Forderungen nach Menschen- und Freiheitsrechten in Europa.

(Nachfolgend zitiert nach Wikipedia, übertragen in heutiges Deutsch und durch Zusätze in Klammern aufgeschlüsselt).

Die Zwölf Artikel

  1. Jede Gemeinde soll das Recht haben, ihren Pfarrer zu wählen und ihn zu entsetzen (abzusetzen), wenn er sich ungebührlich verhält. Der Pfarrer soll das Evangelium lauter und klar ohne allen menschlichen Zusatz predigen, da in der Schrift steht, dass wir allein durch den wahren Glauben zu Gott kommen können.
  2. Von dem großen Zehnten sollen die Pfarrer besoldet werden. Ein etwaiger Überschuss soll für die Dorfarmut und die Entrichtung der Kriegssteuer verwandt werden. Der kleine Zehnt soll abgetan (aufgegeben) werden, da er von Menschen erdichtet ist, denn Gott der Herr hat das Vieh dem Menschen frei erschaffen.[7]
  3. Ist der Brauch bisher gewesen, dass man uns für Eigenleute (Leibeigene) gehalten hat, welches zu Erbarmen ist, angesehen, dass uns Christus alle mit seinen kostbarlichen Blutvergießen erlöst und erkauft hat, den Hirten gleich wie den Höchsten, keinen ausgenommen. Darum erfindet sich mit der Schrift, dass wir frei sind und sein wollen.
  4. Ist es unbrüderlich und dem Wort Gottes nicht gemäß, dass der arme Mann nicht Gewalt hat, Wildbret, Geflügel und Fische zu fangen. Denn als Gott der Herr den Menschen erschuf, hat er ihm Gewalt über alle Tiere, den Vogel in der Luft und den Fisch im Wasser gegeben.
  5. Haben sich die Herrschaften die Hölzer (Wälder) alleine angeeignet. Wenn der arme Mann etwas bedarf, muss er es um das doppelte Geld kaufen. Es sollen daher alle Hölzer, die nicht erkauft sind (gemeint sind ehemalige Gemeindewälder, die sich viele Herrscher angeeignet hatten), der Gemeinde wieder heimfallen (zurückgegeben werden), damit jeder seinen Bedarf an Bau- und Brennholz daraus decken kann.
  6. Soll man der Dienste (Frondienste) wegen, welche von Tag zu Tag gemehrt werden und täglich zunehmen, ein ziemliches Einsehen haben (sie ziemlich reduzieren), wie unsere Eltern gedient haben, allein nach Laut des Wortes Gottes.
  7. Soll die Herrschaft den Bauern die Dienste nicht über das bei der Verleihung festgesetzte Maß hinaus erhöhen. (Eine Anhebung der Fron ohne Vereinbarung war durchaus üblich.)
  8. Können viele Güter die Pachtabgabe nicht ertragen. Ehrbare Leute sollen diese Güter besichtigen und die Gült nach Billigkeit neu festsetzen, damit der Bauer seine Arbeit nicht umsonst tue, denn ein jeglicher Tagwerker ist seines Lohnes würdig.
  9. Werden der großen Frevel (Gerichtsbußen) wegen stets neue Satzungen gemacht. Man straft nicht nach Gestalt der Sache, sondern nach Belieben (Erhöhungen von Strafen und Willkür bei der Verurteilung waren üblich). Ist unsere Meinung, uns bei alter geschriebener Strafe zu strafen, darnach die Sache gehandelt ist, und nicht nach Gunst.
  10. Haben etliche sich Wiesen und Äcker, die einer Gemeinde zugehören (Gemeindeland, das ursprünglich allen Mitgliedern zur Verfügung stand), angeeignet. Die wollen wir wieder zu unseren gemeinen Händen nehmen.
  11. Soll der Todfall (eine Art Erbschaftssteuer) ganz und gar abgetan werden, und nimmermehr sollen Witwen und Waisen also schändlich wider Gott und Ehre beraubt werden.
  12. Ist unser Beschluss und endliche Meinung, wenn einer oder mehr der hier gestellten Artikel dem Worte Gottes nicht gemäß wären …, von denen wollen wir abstehen, wenn man es uns auf Grund der Schrift erklärt. Wenn man uns schon etliche Artikel jetzt zuließe und es befände sich hernach, dass sie Unrecht wären, so sollen sie von Stund an tot und ab sein. Desgleichen wollen wir uns aber auch vorbehalten haben, wenn man in der Schrift noch mehr Artikel fände, die wider Gott und eine Beschwernis des Nächsten wären.

 

Podiumsdiskussion in Zürich

«Es liegt etwas in der Luft. Am Vorabend der Reformation – und auch heute wieder?»: Am 5. September 2024 gibt es unter dieser Überschrift in Zürich eine Podiumsdiskussion mit Esther Straub (Kirchenrätin Kanton Zürich), Peter Kamber (Reformationshistoriker) und Anne Challandes (Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes). Es geht um die gesellschaftliche Situation vor 500 Jahren und die Lage heute. Die Veranstaltung steht im Rahmen des Katharina-Gedenkjahres 2024.

Ein Podcast mit Peter Kamber erschien kürzlich bei RefLab: TheoLounge «Die Bauern und die Äbtissin» – das Gespräch beleuchtet das Thema Bauernkriege mit Blick auf Zürich und die Feudaläbtissin des Fraumünster, die vor 500 Jahren unter dem Eindruck sich verschärfender Konflikte den Klosterschlüssel abgab.

Vorschau auf grosse Ausstellungen in Deutschland 2025
Zum Nachhören

RefLab-Stammtisch: «Eine Äbtissin gibt den Schlüssel ab – und für Frauen schliessen sich Türen»; Gespräch mit der Autorin Irene Gysel (ehemals SRF-Sternstunden Religion) über ihr neues Buch zu Katharina von Zimmern, Zürichs letzter Äbtissin.

Zum Nachlesen

Blogbeitrag «An Katharina scheiden sich die Geister», Johanna Di Blasi, 19. April, RefLab.

Foto von Oziel Gómez auf Unsplash

2 Kommentare zu „Bauernopfer“

  1. Herzlichen Dank dass dieses äusserst wichtige Thema aufgenommen wurde! Dieses Thema Bauernleben im 15.Jhdt.
    und das Auflehnen und die Forderung zu Freiheitsrechten sollte in einem Flyer dargestellt, und sämtlichen Kirchen und Bauernverbänden zur Verfügung gestellt werden. Leider steht die heutige Bauernbevölkerung immer noch im unteren Drittel der Hierarchie – Gesellschaft!
    Carola Heller

  2. Johanna Di Blasi

    Liebe Carola Heller, vielen Dank für den ermutigenden Kommentar! Auf jeden Fall behalten wir das Thema weiter im Blick. Die Anregung mit dem Info-Material leite ich an meine Kollegen von Fokus Theologie weiter. Eine gute Idee, finde ich.

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