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Angstunlust

Gestern wollte ich mir «Squid Game» anschauen. Oder genauer: Ich wollte mir «Squid Game» nicht anschauen. Denn ich habe Angst davor. Aber auch Lust. Und dann höre ich mich zu meinem Partner sagen:

«Ich habe Lust, heute Abend mit dir ‹Squid Game› anzuschauen. Aber ich fürchte mich gleichzeitig vor der Serie.» Mein Partner: «Du hast also Angstlust». Ich: «Nein, ich habe Angst!» Er: «Aber du sagtest, du hättest Lust, es dir anzusehen.»

Darauf ich: «Ich habe nicht Angst und nicht Lust und nicht Angstlust. Ich habe Angstunlust.»

Squid bedeutet «Tintenfisch». Der Tintenfisch sondert Tinte ab, um sich zu verteidigen. Ich greife (im übertragenen Sinn) zur Tinte und sondere diesen Text ab, um mich vor dem Tintenfischspiel zu verteidigen. Das mir mit tausend Tentakeln durch alle Medienritzen auf die Pelle rückt. Vielleicht ist das der Hauptgrund, warum ich «Squid Game» nicht sehen will, neben der Angst: diese aufdringliche Werbung.

Werbung, die sich aggressiv aufdrängt, provoziert den Impuls, das angepriesene Produkt zu ignorieren. Zwei- oder dreimal war ich in jüngerer Zeit beim monopolistischen Streamingdienst N. auf der Suche nach einem unterhaltsamen Film. Ich fand nichts für mich Passendes, aber es drängten sich jedes Mal die gleichen Ausschnitte aus «Squid Game» auf: monotone Bilder einer KZ-artig verstörten Menschenmenge in blauen Trainingsoutfits und autoritäre Spielleiter mit magentafarbenen Jumpsuits und Fechtmasken.

Technikbeherrschungsversagensangst

Vor allem störte mich der überlaute Sound. Ich wollte der Werbung entkommen, wusste im Moment aber nicht wie.

Es stellte sich bei mir die Form von Panik ein, die mich auch beschleicht, wenn am Smartphone ungewollt eine Werbung oder ein Reel in unpassendsten Momenten laut tönend startet.

Mich packt dann Technikbeherrschungsversagensangst. «Hilfe, wie kann man das abstellen!»

Gleichzeitig sehe ich mich auch als Zeitgeistdiagnostikerin. Ich möchte nicht, wie in der Schulzeit, als alle Fernseher hatten, wir aber nicht, aussen vor bleiben und nicht mitreden können bei Dingen, die unsere Zeit bewegen. Die Zahlen sprechen ja für sich: 111 Millionen Abrufe in kurzer Zeit, erfolgreichster N.-Serienstart usf. Das Begehren, mit anderen Erfahrungen zu teilen, ist auch bei mir stark. Wir haben in unserer fragmentierten Gesellschaft heute gar nicht mehr so viele Gelegenheiten dazu.

Und dann stellt sich da noch dieses Gefühl ein, wenn man krank ist und draussen die anderen Kinder spielen hört. Verpasse ich etwas? Auch hier geht es um Spiele.

Aber es sind perverse, gewaltsame, Spiele, Spiele, in denen es kein Ausserhalb des Spiels gibt und die deswegen (man lese Johan «Homo ludens» Huizinga!) gerade keine Spiele sind.

Seele sagt: «Tu mir das bitte nicht an!»

Vielleicht hätte ich «Squid Game» getrost vergessen, würden nicht auch Freunde und Bekannte dauernd davon reden. Dass sie «Squid Game» sahen oder sehen wollen. Es gilt als spannende, aber auch als deprimierende Zeitdiagnose. Immer wieder finden sich Artikel über schockierende Nachahmungen von «Squid Game» durch Halbwüchsige.

Aber kann ich diese Macht der Nachahmung schrecklich finden und mich zugleich selbst dem mimetischen Begehren überlassen und genau deswegen etwas sehen wollen, weil auch die anderen es sehen wollen?

Serie schauen, weil sie alle schauen, weil man sie gesehen haben muss?

Und dann ist da noch etwas Tieferes: Ich habe tatsächlich den Eindruck, in meiner Seele sträubt sich etwas gegen derart grell gewürzte Konsumprodukte. Seele klingt vielleicht verstaubt, aber ich wüsste nicht, wie ich es sonst nennen sollte. Es ist eine kleine Stimme, schüchtern und schnell verscheucht, das Gegenteil von lauter aufdringlicher Werbung. Die feine Seelenstimme sagt: «Tu mir das bitte nicht an!»

Ich werde mir «Squid Game» nicht anschauen. Glaube ich.

Eine lesenswerte Filmkritik meines Kollegen Manuel Schmid findet sich hier.

Photo by Vadim Bogulov on Unsplash

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3 Kommentare zu „Angstunlust“

  1. Herzlichen Dank für diesen ehrlichen Text! Meine Seele schreit auch NEIN!!! Glücklicherweise sind wir sogar so altmodisch, dass wir noch realtime TV schauen, ohne Abo ohne N. richtig Retro.
    Ich glaube wir lassen das, so lange es noch geht…

  2. Wie witzig und tief zugleich! Und wie vielen wird Deine ehrliche, schüchterne und leise Seelenstimme aus der Seele sprechen und gerade so Kraft entfalten. Ich jedenfalls dachte beim Sehen der Serie immer wieder: „Wow, es gibt hier so viel zu lernen und zu diskutieren. Krass. Aber um welchen Preis?“ Ich konnte die Episoden nur mit genug Zwischenzeit anschauen. Und die sonst recht üblichen Snacks gingen kaum. Kann man eine solche Serie letztlich nur im Geist des freien Spiels (play) erfahren, der ja dem squid als gewinnsüchtigem game fehlt? Den Spielraum bewusst betreten, um ihn bewusst auch wieder zu verlassen? Danke für den nachdenklich machenden Beitrag.

  3. Johann Hinrich Claussen

    Liebe Johanna, bleib tapfer und stark! Ich schaue mir auch nichts mehr an, wenn ich das präzise Gefühl habe, dass es mir nicht gut tut. Und alle etwas machen, ist das ein sehr guter Grund, es nicht auch zu tun. Es gibt so viele gute, schöne, ernste, leise Filme, Bilder und Bücher, die auf unsere Augen warten. Dein Johann

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