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Adventsgeschichten [1]: Wohltaten ohne Dank

Die folgende Weihnachtsgeschichte stammt aus einem literarischen Adventskalender des britischen Schriftstellers Adrian Plass und trägt den Titel «Tommy Brief ans Postamt» (Adrian Plass: Adrians neuer Adventskalender, Brendow-Verlag, Moers 2000, 57-59):

«Tommy freute sich gar nicht auf Weihnachten. Es war für jedes einzelne Mitglied seiner Familie ein sehr schweres Jahr gewesen und es gab nicht das geringste Anzeichen, dass es in nächster Zukunft besser werden würde.

Als Weihnachten immer näher rückte, fingen alle anderen Kinder in Toms Schulklasse an davon zu reden, was für einen Spaß sie haben und was sie alles spielen würden, was es Leckeres zu essen geben würde und welche Geschenke sie machen und bekommen wollten. Tom versuchte einzustimmen, aber es machte ihn nur traurig. Schließlich dachte er sich Ausreden aus, um sich ans andere Ende des Spielplatzes zurückzuziehen oder hinaus zur Toilette zu gehen, wenn es kalt und regnerisch war und die Klasse während der Pause drinnen bleiben musste. Am liebsten hätte er gar nicht über Weihnachten nachgedacht, so sehr regte es ihn auf.

Als er an einem Wochenende zu Hause in seinem Zimmer saß und Hunger hatte, weil es nicht viel Geld für Essen gab, und fror, weil die Heizung abgestellt worden war, nachdem seine Eltern die Stromrechnung nicht hatten bezahlen können, beschloss er, dem Weihnachtsmann einen Brief zu schreiben, um ihm zu erklären, was für Probleme seine Familie hatte, und ihn um ein wenig Hilfe zu bitten. In diesem Brief schrieb er Folgendes:

Lieber Weihnachtsmann,

ich weiß nicht, ob du diesen Brief jemals bekommen wirst, aber danke fürs Lesen, falls doch. Falls nicht, mach dir keine Gedanken. Ich schreibe dir, um dir mitzuteilen, dass es bei uns zu Hause ziemlich mies läuft. Mein Papa war sehr krank und hat sein ganzes Geld verloren, weil sein bester Freund, mit dem er zusammengearbeitet hat, an einen Ort namens Südamerika abgehauen ist und Papas ganzes Geld mitgenommen hat. Jetzt geht es Papa so schlecht, dass er nicht arbeiten kann, und darum hat er kein Geld für Weihnachten. Mami würde ja arbeiten gehen, aber sie hat sich weh getan, als sie über Papa stolperte, als er verzweifelt auf der Treppe saß, und man hat ihr gesagt, dass sie sich hinlegen muss und sechs Wochen lang nicht bewegen darf. Mein Bruder hatte einen guten Job, aber vor zwei Wochen hat man irgendwas mit ihm gemacht, »rationalisiert« oder so, und jetzt hat er einen Haufen Schulden, die er nicht abzahlen kann, weil er nichts mehr verdient, und muss sich verstecken. Unser Hund ist krank und müsste behandelt werden, aber wir können uns keinen Tierarzt leisten und unser Dach hat ein Loch und im Wetterbericht haben sie gesagt, es gibt Regen.

Bitte, könntest du uns hundert Pfund schicken, damit wir wenigstens ein bisschen nett Weihnachten feiern können?

Alles Liebe – Tommy

Als Tommys Brief im Postamt ankam, adressiert an den Weihnachtsmann, Grönland, machte ihn einer der Männer, die in der Sortierung arbeiteten, auf und zeigte einigen seiner Freunde, was Tommy geschrieben hatte.

»Guckt mal, Jungs«, sagte er, »der kleine Bursche hier braucht ein bisschen Hilfe. Wollen wir nicht im Büro eine kleine Sammlung halten und ihm das Geld schicken? Seine Adresse steht auf dem Brief; wir können ihm das Geld also einfach so schicken, als käme es vom Weihnachtsmann. Was meint ihr?«

Diese Idee fanden alle großartig. Bis zum Abend hatten sie achtzig Pfund gesammelt, die sie Tommy schicken wollten. Am nächsten Morgen steckte einer von ihnen es ihm durch den Briefschlitz, zusammen mit einem kleinen Zettel, auf dem stand: »Bitte sehr, Tommy. Alles Liebe, dein Weihnachtsmann.«

Zwei Tage später erreichte das Postamt ein weiterer Brief an den Weihnachtsmann, Grönland. Die Postbeamten öffneten ihn rasch, begierig, Tommys Dankesbrief zu lesen. Sie lasen Folgendes:

Lieber Weihnachtsmann,

hab ganz herzlichen Dank für das Geld. Ich habe zwar nur achtzig Pfund davon bekommen, aber du weißt ja, was das für räuberische Halunken auf dem Postamt sind…»

 

Ich mag diese Geschichte nicht nur, weil sie eine witzige Pointe hat. Sie gefällt mir auch, weil sie einen Aspekt von Weihnachten stark macht, der in unserer Zeit gerne untergeht – nämlich Menschen zu beschenken, ohne damit einen Tauschhandel einzugehen, ja sogar ohne sie wissen zu lassen, wer ihnen da etwas Gutes getan hat.

Wo könnte ich diese Wochen jemandem ganz unbemerkt und heimlich, ganz unverdankt und ohne Anerkennung, etwas Gutes tun?

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