Less noise – more conversation.
Lesedauer: 6 Minuten

Advent. Eine Wartezimmerzeit.

Es ist Anfang Dezember und die Schaufenster-Farbwelten der großen Einkaufshäuser haben einheitlich von warmen Herbsttönen zu festlichem Rot/Grün oder Silber/Gold gewechselt, inklusive Dekoschnee.

It’s that time of the year again.

Die westlich und christlich geprägte Hemisphäre wird in Prä-Weihnachtsstimmung versetzt. Es ist Advent, ergo Zeit der Jahresendfeiereien und Weihnachtsplanungstelefonate. Die Zeit, in der sich die Gesichter der Menschen auf den 10cm Spalt zwischen Schal und Mütze reduzieren.

Der Advent ist das Wartezimmer des Jahres.

Das Warten auf Weihnachten kommt für mich einer Wartezimmersituation beim Arzt gleich – beides ist ein «Warten auf». Eine Auseinandersetzung mit der Endlichkeit der Dinge und der eigenen Geschöpflichkeit. Oder eben mit Weihnachten. Das Jahr geht vorüber und der Advent ist ein letztes Aufbäumen für den glitzernden, zwölften Monat.

Auch der körperliche Verfall nimmt mit jedem Jahr zu, die Frequenz für Vorsorgeuntersuchungen steigt. Das Bewusstsein für die Verletzlichkeit des Lebens wächst gleichermassen. Sowohl durch die Konfrontation mit den röchelnden, schniefenden Menschen und Wartenden um mich als auch durch die gebäcksbedingte Fettschicht, die sich um meine Bauchmuskeln gelegt hat.

Eine emotional sensible Angelegenheit.

Ich würde fast so weit gehen zu sagen, der Advent ist die intimste Zeit des Jahres. Selten bin ich so empfindsam für meine Verfassung wie im Advent. Da bin ich nun also, in diesem Advents-Wartezimmer-Setting.

Die erste Phase: Sich Einfinden in die Situation. Die Aussenwelt gestaltet einen Übergang zu der neu zu findenden Stimmung. Überall vollzieht sich ein Wechsel – ein performativer Akt, der im Tun seine Wirksamkeit und damit eine neue Wirklichkeit erzeugt.

Die Welt riecht anders.

Glühweinduft erfüllt die Luft, heisse Marroni und Kekse, Tannengrün und manchmal dieser besondere Geruch von fallendem Schnee. Die Füße hüllen sich in Wollsocken und alles schmeckt ein bisschen besser als in den anderen elf Monaten des Jahres. Besonders deutlich wird der vollzogene Wandel in der Kaufhausmusik. Überall schallt mir «Wham!» entgegen.

Während im Advent die Jahresendzeit deutlich über die Sinneseindrücke eingeläutet wird, versetzt mich das Wartezimmer ebenso unmittelbar in ein anderes Setting. Dieser besondere Arztgeruch – eine Mischung aus Desinfektionsmittel und hygienisch gereinigten Metallinstrumenten. Dazu schleicht sich in mein Bewusstsein die Erkenntnis, dass es noch ein wenig dauert.

Der Advent nimmt sich seine Zeit, der Arzt auch.

Die zweite Phase: Ich bin angekommen. Nachdem die Aussenwelt einen Wandel vollzogen hat, bin nun auch ich ganz im Wartemodus. Ich sitze hier jetzt erstmal. Auf diesen viel zu unbequemen Stühlen. Ich erinnere mich an die eingespielten Abläufe. Das Procedere ist jedes Jahr, jedes Mal ähnlich. Ich weiß, was auf mich zukommt.

Im Wartezimmer des Jahres gilt es sich die Zeit möglichst schön zu vertreiben. Sei es mit Lesen, Kekse essen, Löcher in die Luft starren, Menschen angucken, Dinge dekorieren, Advent-Playlists hören, das rege Treiben um sich herum beobachten, viel heisse Schokolade trinken, noch mehr Kekse essen, sich einlullen lassen, von den Farben und den blinkenden Lichtern. Ugly Christmas Sweater tragen hilft dabei auch ungemein.

Dieses Mal will ich gut durch diese anstrengende Zeit kommen, die so sehr geprägt ist von übersteigerten Erwartungshaltungen. Also arrangiere ich mich mit den gegebenen Umständen. Gleichzeitig versuche ich die Zeit mit dem zu füllen, was der Seele guttut. Wenn ich schon warte, dann so schön wie möglich, sonst halte ich mich ja kaum aus.

Eskapismus ist im Advent besonders gesellschaftsfähig.

Während die Welt aufdreht, wird es in mir immer stiller. Weltflucht und sozialer Rückzug drängen sich auf. Besonders, wenn gefühlt die ganze Erde in einer Krise steckt. Zwischen einem Krieg in der Ukraine, einer Fussball-WM in der Wüste und den üblichen Klimakatastrophen soll ich bitteschön feierlicher Stimmung sein. Bei all der Absurdität scheint Achtsamkeit für die psychische Gesundheit zwingend notwendig.

Phase drei: Meine ambivalenten Gefühle erreichen ihren Höhepunkt. Ich ziehe mich raus, aber stecke doch schon mittendrin. Sei es beim nächsten Glühweinevent mit der Firma oder, um im Bild zu bleiben, beim Blutdruck messen und unliebsamen Gesprächen mit dem Sitznachbarn. Während eine Abgrenzung nach Außen in diesem adventlichen Wartezimmer durchaus sinnvoll ist, versuche ich mein Innenleben so gut es geht zusammenzuhalten.

Beim Warten verrutscht der Fokus auf das zu Erwartende.

Dabei kann gerade diese Zeit besonders für die Beschäftigung mit den eigenen Dämonen und Abgründen genutzt werden. Warten als Herausforderung für die eigene Existenz. Eine Zeit, in der ich den Dingen Beachtung schenke, die unbequem sind. Weil ich nicht vor mir flüchten kann, ausser in den Konsum und in Smartphonewelten.

Aber wenn ich das mal nicht tue, sondern hinsehe, in die Tiefen, dann geht es ans Eingemachte. Ich kann sehen woran meine Seele krankt, oder eben mein Körper. Zumindest dann, wenn ich mal wieder im Wartezimmer sitze. Beim Warten werde ich mir selbst bewusst. Vielleicht also auch eine Zeit für Erleuchtungen.

Trotzdem: Irgendwann hat auch das Warten ein Ende und der Advent geht vorbei. Ich verlasse das Wartezimmer und atme auf. Es geht los. All die anstrengenden letzten Minuten (Stunden und Tage) kumulieren in diesem Moment.

Face to Face mit Weihnachten.

Viel Hoffnung auf das, was jetzt kommt. Jetzt wird alles gut. Bald ist mir geholfen. Bald sind alle glücklich. Es wird alles gut, es wird alles gut, es wird alles.

Die Kraft von Imagination ist nicht nur in Bezug auf Placebos bekannt. Auch in Bezug auf Weihnachten scheint Vorstellungskraft von enormer Bedeutung und für das Gelingen des Festes vonnöten zu sein. Mit allem, was ich dort tue, mit all meinem Warten, behaupte ich, dass Heilung möglich ist. Dass diese Wartezimmerzeit nicht umsonst war, es Weihnachten wird und das Jahr zu Ende geht. Etwas Neues beginnt. Die Zeit verändert sich und macht mich sogar vielleicht ein klein bisschen heil.

Das Allheilmittel gegen den Schmerz: Ein Neuanfang?

So ist das Warten auf Weihnachten, diese Wartezimmerzeit, vielleicht doch nur ein Warten auf eine Zäsur. Ein Einschnitt, der von Aussen gesetzt wird, damit ich Grund genug habe, neu anzufangen. Wie ein Arzt, der mir Dieses oder Jenes verordnet, für ein neues, schönes Leben. Der Sinn des Wartens erschliesst sich jedoch hoffentlich nicht erst dann.

Der Advent bleibt nicht nur ein «Warten auf». Wenn der Advent nur notwendig ist, weil irgendwann Weihnachten wird, bräuchten wir keinen Namen für diese Wartezimmerzeit. Denn daneben bleibt ein Gefühl für mich selbst. Ganz nah bei mir.

 

Foto: Egor Myznik @unsplash

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2 Kommentare zu „Advent. Eine Wartezimmerzeit.“

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