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 Lesedauer: 5 Minuten

Gen Z glaubt wieder. Nur anders.

Das US-Magazin Relevant hat gerade neue Daten der Barna Group aufgegriffen. Die Überraschung: Die Angehörigen der Gen Z glauben wieder.

73 Prozent sagen, dass sie an eine höhere Macht glauben. Bei den Gen-Z-Männern ist dieser Wert seit 2019 sogar um 15 Prozentpunkte gestiegen. Gleichzeitig ist die institutionelle Bindung an das Christentum schwach.

Was hier entsteht, sieht weniger nach einer Rückkehr zur alten Religion aus als nach einer neuen, eigensinnigen Form von Glauben.

Gen Z ist überraschenderweise die spirituell am stärksten aufgeschlossene Gruppe, auf die Forschende in den letzten 40 Jahren gestossen sind. 

Was ist hier los?

Das Überraschende ist nicht, dass Gen Z zwischen Religion und Spiritualität unterscheidet. Das gab es lange vor ihr. Überraschender ist, dass sich gerade beides gleichzeitig bewegt: Die Kirche verliert Bindekraft, während der Bezug auf Jesus wieder stärker wird.

Menschen lösen sich von religiösen Institutionen, ohne deshalb den Glauben aufzugeben. Manche suchen Spiritualität jenseits der Kirchen, aber entdecken ausserhalb kirchlicher Milieus ausgerechnet Jesus.

Mit dem alten Gegensatz von «religiös» und «säkular» lässt sich diese Generation kaum noch fassen. Für viele ist es auch kein Widerspruch, vormittags eine Astrologie-App zu nutzen oder Tarot zu legen und abends zu beten. Sie sind mit Sinnfluencern aufgewachsen und der leichten Konsumierbarkeit der Spiritualität im Netz.

Die Religionssoziologie spricht von «believing without belonging»: glauben, ohne dazuzugehören. «Lived religion» beschreibt die Religion, wie Menschen sie tatsächlich leben. Und «religious bricolage» meint, dass Menschen sich ihre religiöse Biografie aus unterschiedlichen Quellen zusammensetzen.

Gender Gap

Dass verschiedene Bewegungen parallel laufen, zeigt sich aber nicht nur bei den Jüngeren. Bei US-Erwachsenen insgesamt sank der Anteil der «practicing Christians» laut Barna von 46 Prozent im Jahr 2000 auf 24 Prozent. Gleichzeitig nahm die persönliche Bindung an Jesus merklich zu: 66 Prozent sagen, sie hätten sich Jesus verpflichtet, 12 Prozentpunkte mehr als 2021.

Das sind rund 30 Millionen mehr Jesus-Gläubige in den USA binnen fünf Jahren.

Unter dem Stichwort «Silent Revival» wird eine spirituelle oder religiöse Wiederbelebung diskutiert; «silent», weil neue Formen oft nicht in Kirchenbesuch oder Mitgliedschaft sichtbar werden. Es ist aber keine einfache Renaissance, sondern komplizierter.

Besonders interessant wird es, wenn man Religion und Politik zusammendenkt. Republikaner:innen sind deutlich häufiger christlich, Demokrat:innen häufiger konfessionslos. So entsteht eine neue Verbindung von Religion, Geschlecht und Politik. Für einen Teil junger Männer kann das Christentum zur Sprache für Identität, traditionelle Geschlechterbilder und konservative Politik werden.

Religion und Politik

Erstmals seit langem sind in den USA wieder junge Männer stärker religiös involviert als junge Frauen.

Ähnliches lässt sich in Frankreich beobachten. Ein junger Franzose, Katholik, erklärte mir unlängst, dass er Frauen in seiner Kirche ausreichend repräsentiert findet und die restriktive Kleiderordnung für Mädchen in katholischen Schulen gutheisst.

Gerade konservative junge Männer fühlen sich von Formen angezogen, die im Gegensatz zur zeitgenössischen Unübersichtlichkeit stehen. Und genau dies trägt vielleicht mit dazu bei, dass sich junge Frauen tendenziell abwenden. (Siehe dazu auch Barna)

Doch christliche Sprache gehört längst nicht nur einer politischen Fraktion: Der texanische Demokrat James Talarico spricht offen über Jesus und die Bibel und verbindet seinen Glauben mit einer progressiven Politik.

Religion, die nicht wie Religion aussieht

In der Schweiz bezeichnen sich immer mehr Menschen als konfessionslos. Das bedeutet aber keineswegs, dass Fragen nach Spiritualität, Sinn oder Transzendenz verschwunden wären. Das merken wir auch bei RefLab, etwa an den Abrufzahlen unserer Podcasts aus dem Bereich Theologie, Religion und Spiritualität, es sind inzwischen knapp 2 Millionen.

Überraschende Entwicklungen gibt es in der Romandie. Laut einer 2025 veröffentlichten Studie des SPI Suisse romande halten es 67 Prozent der befragten jungen Erwachsenen zwischen 16 und 30 Jahren halten es für wichtig, einen religiösen Glauben zu haben; 72 Prozent geben an, dass sie glauben, dass Gott oder ein höheres Wesen Einfluss auf das Leben der Menschen hat.

Es scheint, dass das Thema «Religion» viel Raum bei den jungen Erwachsenen in der Westschweiz einnimmt.

Einige der Befragten erzählen von Wegen, die über Buddhismus, Druidentum oder andere spirituelle Erfahrungen zum Christentum geführt haben.

Zunahme persönlicher Suchbewegungen

Die SPI-Untersuchung (Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut) ist nicht repräsentativ, zeigt aber eine interessante Verschiebung: Religion erscheint weniger als etwas, das man einfach übernimmt, und stärker als etwas, das man sich im Laufe des Lebens in individuellen Suchbewegungen aneignet.

Für 2026 wurden in Frankreich von der katholischen Kirche mehr als 8100 jugendliche Taufbewerberinnen und -bewerber gezählt, deutlich mehr als im Jahr davor. Und als Papst Leo XIV. kürzlich Paris besuchte, kamen Zehntausende Jugendliche zu seinem Auftritt.

Das sieht nach einem Comeback der Religion aus. Aber vielleicht ist auch hier etwas Komplizierteres im Gang. Sinnsuche, Gemeinschaft, Rituale und die Frage nach Gott tauchen wieder auf, ohne dass damit automatisch die alte religiöse Sozialisation zurückkehrt.

Wie ergibt sich daraus?

Wohl keine Rückkehr der alten Religion, sondern eher Formen der Entkopplung. Man kann meditieren, ohne sich religiös zu nennen, beten, ohne Sonntagsgottesdienste zu mögen. Sich taufen lassen, obwohl oder gerade weil die eigene Familie religionsfern ist.

Man kann auch wieder traditionell-fromm sein, ohne zu riskieren, uncool zu wirken. Allerdings ist auch das keine Rückkehr, sondern eher eine Neuerfindung von Tradition.

Was ausstirbt ist nicht die Spiritualität, aber der Kirchgang aus schlechtem Gewissen.

Vor Corona sei er jeden zweiten Sonntag mit der Familie in die Kirche gegangen, «beichtete» mir unlängst ein Freund. Währen Corona sei dann das schlechte Gewissen weggefallen, «weil man ohnedies nicht in die Kirche gehen konnte». Inzwischen bleibt die Familie Sonntagsgottesdiensten ohne schlechtes Gewissen fern – und fühlt sich dennoch christlich verbunden und engagiert sich sozial.

Die religiöse Landschaft wird nicht einfach leerer, sie wird unübersichtlicher.

Religion verschwindet nicht einfach. Sie löst sich aus ihren alten Formen. Und genau dadurch kann sie wieder eine individuelle Option werden.

Links

midi Magazin: Mehr Taufen in Frankreich, steigender Kirchgang in England? Interview von Dr. Thomas Schlegel, 2025

Podcast Ausgeglaubt: Du brauchst keine Kirche; Manuel Schmid und Stephan Jütte

Foto Woody Kelly auf Unsplash

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