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 Lesedauer: 6 Minuten

Das Herz in der Wüste

Eine Frau sitzt am Steuer eines riesigen Kohlelasters. Vor ihr liegt die Wüste Gobi, über der Piste flimmert die Luft. «Ich wurde im heiligen Land der Gobi geboren», erzählt Maikhuu. Als Kind zog sie mit ihrer Familie und den Schafherden durch diese Wüste. Sie ist noch immer unterwegs. Nur folgt sie nicht mehr den Tieren zur Weide, sondern hängt an einer Lieferkette. An die Stelle der Schafe sind schier endlose Lastwagenkolonnen getreten. Die Farben hätten sich verändert, sagt sie.

Während sie spricht, treibt der Wind schwarzen Staub ins Bild.

Der Staub, der die Lungen der Fahrerinnen und Fahrer belastet, scheint bis in den Kinosaal zu wehen.

«Wie auf einem Schlachtfeld»

Sechs Jahre lang hat der mongolische Regisseur Khoroldorj Choijoovanchig die Lastwagenfahrerin auf ihren Reisen zum Grenzübergang Gashuunsukhait–Gantsmod begleitet. Die französisch-mongolische Koproduktion zeigt ein Einzelschicksal, das für zahllose andere steht, die ebenfalls in unmenschlichen Arbeitshöllen gefangen sind.

Seit die Fahrer pro Ladung bezahlt werden, liefern sie sich regelrechte Wettrennen, «wie auf einem Schlachtfeld», sagt Maikhuu. Immer wieder kommt es zu tödlichen Unfällen, neben den Wüstenpisten liegen gestrandete Wracks.

«Manchmal habe ich das Gefühl, ich kann nicht mehr», sagt die Protagonistin aus dem Off.

Wer könnte den irren Wettlauf bremsen? Wieso und wo begann er? Wie konnte sich die menschliche Suche nach einem besseren Leben derart verselbstständigen, dass heute Zahlen mehr zählen als das Wohl von Menschen?

Der Blick von oben

In eindrucksvollen Drohnenaufnahmen werden Fahrspuren und Abraumhalden zu Ornamenten. Im Kinosessel blickt man wie aus einer Gottesperspektive auf eine scheinbar ferne Welt, die dennoch Teil globaler Lieferketten ist.

Die karge Landschaft wirkt wie ein fremder Planet, der Staub ist auf einmal weit weg.

Die Gobi ist kein Einzelfall. Extraktivismus folgt überall demselben Muster: Rohstoffreiche Länder leben vom Verkauf ihrer Böden, korrupte Eliten verdienen am Export. Die Menschen, die den Rohstoff fördern und transportieren, arbeiten zu Hungerlöhnen in immer stärker zerstörten Landschaften.

Filmstill «Colors of White Rock», Bilder Copyright: Petite Maison Production

Ein Land wird aufgewühlt

Seit dem Ende des Kalten Kriegs hat der Bergbau die Mongolei umgepflügt, manche nennen sie spöttisch «Minegolia». Rohstoffe machen über neunzig Prozent der Exporte aus, allen voran Kohle, Hauptabnehmer ist China. Bagger reissen die Erde auf wie Ungeheuer, Dürren setzen der Steppe zu, und die nomadische Lebensweise verschwindet.

Aus Weideland werden Mondlandschaften, aus Hirten Fahrer.

Ein Leben auf der Strasse

Die Fahrerkabine ist Schlafzimmer, Küche und Wartezimmer zugleich. Bis zu fünfzehn Tage wartet die Fahrerin vor der Grenze. Sie ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern und eine der wenigen Frauen in diesem Beruf. Sie erzählt von Belästigungen durch andere Fahrer und von der Pandemie, als die Grenze geschlossen blieb.

Ihre Kinder leben monatelang bei ihrer Schwester. Als die Tochter Geburtstag hat, ruft Maikhuu sie per Videocall an. Hinter der Windschutzscheibe reiht sich Lastwagen an Lastwagen. «Ich habe auch Träume», sagt die Mutter mit einer Trauer in der Stimme, so schwer wie die bleierne Ladung ihres Lastwagens.

Bei Temperaturen von minus 30 Grad heizen die Fahrer ihre Kabinen mit Diesel – und vergiften sich durch die Abgase langsam selbst.

Man denkt an den biblischen Elija, der sich in der Wüste unter einen Ginster legt und sterben will, bis ein Engel ihn weckt (1 Kön 19,4–7). Im Film gibt es keinen Engel, aber Geister.

Filmstill «Colors of White Rock», Bilder Copyright: Petite Maison Production

Ein Segen für die Reise

Vor jeder Fahrt bittet Maikhuu um den Reisesegen: «Herren der Berge und Gewässer, Herren des heiligen Landes, demütig bitte ich um Schutz und Segen für meine Arbeit und mein Leben. Beschützt meine Kinder vor Krankheit und Unglück, lasst meine Reise von Glück begleitet sein.»

Dieses Gebet berührt, ebenso das fast kindliche Lächeln, das trotz aller Last manchmal über ihr Gesicht huscht. Der Regisseur reiht kleine, herzzerreissende Episoden aneinander. Dass sie weitgehend unverbunden bleiben, kann man auch als eine Schwäche des Films ansehen.

Am Ende fährt Maikhuu weiter, erst einmal. Der Film entlässt sie nicht in ein Happy End. Er gibt sie an die Strasse zurück und das Publikum an eine Welt, die es im Alltag gern ausblendet. Wenn voraussichtlich im kommenden Jahr die Grenzschnellbahnverbindung zwischen der Mongolei und China fertiggestellt wird, droht den Lastwagenfahrern die Arbeitslosigkeit.

Eine bittere Pointe: Die Kohle, die im hastigen Tempo über die Grenze transportiert wird, wird verbrannt, heizt das Klima weiter auf und verschärft damit die Dürren, die der Steppe schon heute zusetzen.

Ein Teufelskreis schliesst sich im einst heiligen Land der Gobi.

Environmental Cinema

Choijoovanchigs Film gehört zu einer aktuellen Strömung des «Environmental Cinema»: beobachtende Dokumentarfilme, die zeigen statt zu belehren. «Colors of White Rock» predigt nicht. Der Film macht am Schicksal eines einzelnen Menschen globale Zusammenhänge sichtbar.

Die Mongolei ist nur eines von vielen Beispielen. Im kolumbianischen Cerrejón werden für den Kohleabbau ganze Landschaften umgepflügt, im Kupfergürtel der Demokratischen Republik Kongo wird Kobalt gewonnen – ein zentraler Rohstoff für Batterien. In Südafrika fressen sich Kohleminen ins Land, in Guatemala wird Nickel abgebaut.

Hinter solchen Geschäften stehen nicht nur chinesische Abnehmer: Auch Schweizer Rohstoffkonzerne wie Glencore fördern, handeln und vermarkten Rohstoffe aus aller Welt – teils aus eigenen Minen.

Ein erheblicher Teil dieses globalen Rohstoffgeschäfts wird von der Schweiz aus abgewickelt.

Das Herz hinter den Zahlen

Was an den grossen Handelsplätzen der Welt als Zahlen auf Bildschirmen erscheint, bedeutet vor Ort verwüstetes Land, Staublungen und neue Formen der Sklaverei. Meine Sitznachbarin hat ab der Hälfte der aufwühlenden Dokumentation nur noch geschluchzt.

Die ökumenische Jury vergibt den Filmpreis der Zürcher Kirchen in diesem Jahr zum zehnten Mal. Für den Regisseur Khoroldorj Choijoovanchig hat gerade die Auszeichnung durch die Zürcher Kirchen eine besondere Bedeutung. Sie zeige ihm, dass nicht nur die globalen Zusammenhänge gesehen würden, sondern auch das menschliche Herz dahinter.

Dass «Colors of White Rock» ausgerechnet in der Schweiz ausgezeichnet wird, lässt sich als Signal lesen: Wegsehen geht immer weniger.

Bilder, Copyright: Petite Maison Production

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