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 Lesedauer: 5 Minuten

Auf Tuchfühlung mit Gott

Das ist mir alles viel zu viel! Ich sitze auf meinem Sofa, mir laufen Tränen über meine Wangen. Sie tropfen in die Teetasse, die ich fest in meinen beiden Händen umgreife, als hielte umgekehrt sie mich, wenn ich sie nur genug festhalte.

So verharre ich ungefähr 15 Minuten auf meinem Sofa, vollkommen überwältigt vom Leben, trinke Tee und warte darauf, dass die Gefühle in meiner Brust abebben.

In den letzten Wochen und Monaten war viel los in meinem Leben, manchmal auch zu viel. Umzug, familiäre Unebenheiten, Jobwechsel. Manchmal fand ich mich weinend auf dem Sofa oder traurig in den Armen einer Freundin wieder.

In Zeiten des Umbruchs und der Veränderung kicken die Gefühle eben anders doll.

Gefühlschaos

Sie sind überwältigend, wunderschön und machen mitunter auch Angst. Manchmal überschwemmen uns die Gefühle regelrecht. Aber zum Glück tun das nicht nur die unliebsamen.

Gefühle sind komplex und vielfältig. Es gibt nicht nur die fünf kleinen Figuren, die wir aus dem Film «Alles steht Kopf» kennen, die in unseren Köpfen die Schaltzentrale übernehmen: Kummer, Ekel, Freude, Angst und Wut.

Es gibt unendliche viele kleine Nuancen dazwischen und Empfindungen, die ich manchmal schwer einordnen kann.

Mitgefühl oder Ohnmacht, Wut und Dankbarkeit, Neid oder Reue.

Klar, ich kann einfach über diese Empfindungen hinwegleben. Aber ich kann auch versuchen, sie bewusst wahrzunehmen, mich zu sensibilisieren und meine Gefühle zu schätzen.

Das ist nicht einfach, wenn gerade der Umzugstermin zum dritten Mal verschoben wurde, aber ich bin stets bemüht.

Göttlicher Support

Gott kann mir nicht viel helfen, mit Umzugsstress und Zukunftssorgen oder komplexen Gefühlszuständen. Ich glaube auch, sie hat da vermutlich nicht allzu viel Erfahrungen, wobei ich ihr da nicht zu nahetreten will.

Gott hilft mir nicht, wenn ich Freitagnachmittag noch eine Abmeldebestätigung vom Amt benötige, dass dann aber natürlich schon geschlossen hat. Sie ruft nicht für mich beim Zoll an oder bei der Krankenversicherung. Ich bete nicht für weniger emotionale Abhängigkeit von Bürokratiebefindlichkeiten.

Schön wär’s trotzdem.

Ein kleines Gebet und schon ein bisschen mehr Stabilität auf der emotionalen Hängebrücke des Lebens.

Und nicht vor jedem imaginären Tiger kurz in die Schlaftee-Abhängigkeit zur Beruhigung des Nervensystems verfallen.

Oder einfach mal wieder daran glauben, dass mir schon nichts mangeln wird, wie es im Psalm 23 heisst. Immer frisches Wasser und ein Schlafplatz mit ausreichend abdunkelnden Vorhängen.

Im «Unser Vater» gibt Jesus den Menschen vor, wie sie beten sollen. Im Matthäusevangelium, Kapitel 6, 5-15, heisst es:

[6] Wenn du aber betest, geh in deine Kammer, schliess die Tür und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird es dir vergelten. [7] Wenn ihr aber betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden; sie meinen nämlich, sie werden ihrer vielen Worte wegen erhört. [8] Tut es ihnen nicht gleich! Euer Vater weiss, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet. [9] So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel. Dein Name werde geheiligt.

«Gott weiss, was wir brauchen, noch ehe wir bitten.» Das bezweifle ich durchaus manchmal. Bisher zumindest konnte ich mir noch nicht so viel emotionale Ausgeglichenheit herbei beten.

Auf Tuchfühlung

In einem Text vor einem Jahr habe ich geschrieben, dass das Gebet ein Sehnsuchtsraum ist. Heute würde ich sagen, das Gebet ist ein Gefühlsraum. Ich gehe mit mir selbst und mit Gott auf Tuchfühlung.

Ein Ausdruck, der aus der Soldatensprache kommt. Wo die Soldaten so nah aneinander standen, dass sich ihre Kleidung berührte, standen sie auf Tuchfühlung miteinander. Sie waren so eng, dass sie immer in Kontakt mit den anderen blieben.

Auf Tuchfühlung mit Gott, im Gebet, und mit mir.

In der Stressklinik, die ich vor einigen Jahren mal besuchte, sagte unsere Yogalehrerin immer zu sich selbst «Liebes». Dabei legte sie eine Hand auf ihre Brust und schloss die Augen. Sie ging auf Fühlung mit sich selbst. Fragte sich, wie es ihr gerade geht.

Seitdem mache ich das gerne, morgens, nachdem ich Yoga gemacht habe. Ich lege meine Hände auf meine Brust und spüre kurz, was mich, was sich da bewegt. (Wie viele Heulkrämpfe pro Woche, wie viele Kisten sind gepackt?)

Resonanzraum

Erst vor kurzem fiel mir die Parallele zu meiner Gebetshaltung auf. Anders als viele Menschen, zumindest so meine Beobachtung als Pfarrerin, nehme ich diese Haltung auch an, wenn ich das Vater Unser spreche.

Statt meine Hände zu falten oder anderweitig zu verschränken, lege ich sie übereinander, als hüte ich ein Geheimnis in ihnen. Dieses Geheimnis lege ich mir auf meine Brust, als würde ich es dort fest verankern.

Und ich stelle fest, ich bete nicht für Stabilität oder Ausgeglichenheit, oder weniger emotionale Intensität. Ich will gar nicht weniger Weinen.

Ich verankere mich in einem göttlichen Gefühls-Resonanzraum, unabhängig von meiner Teetasse und den Armen meiner Freund:innen. Dort schwinge ich mich mit Gott ein. Es geht nicht um Ausgleich, es geht um Gleichklang.

Komplex fühlen

Ich kann über Gott hinwegleben, wie ich manchmal versuche über einige Gefühle hinwegzuleben.

Oder ich begegne ihr bewusst, in Gebeten, im Gottesdienst und Situationen, in denen ich mir die Welt nicht erklären kann. Bei Schicksalsschlägen und Segensfeiern, unbändige Freude und Marianengraben-tiefe Trauer.

Aber wenn ich mich in meinem Gefühls-Resonanzraum mit Gott einschwinge, merke ich: das würde Dir nicht gerecht.

Du, Gott, bist viel komplexer. Sturm und Stille. Du bist, was unter meinen Händen liegt, das kleine, grosse Geheimnis, das ich hüte. Ich will dich erleben, in all deinen Facetten.

In der Zeit, als ich nicht mehr viel gefühlt habe, ist auch Gott in mir ein bisschen verschwunden. War zumindest gerade nicht spürbar für mich. Kein Gefühl, kein Gott.

(Mit) Gott fühlen ist überwältigend, wunderschön und macht mitunter auch Angst.  Weil ich die Kontrolle aufgebe und mein Ego beiseite lege. Ich löse mich von Erwartungen, oder versuche es zumindest. Es ist ein Fühlen in die Fülle.

Ich bin noch nicht wirklich gut darin, aber gerade ist eine Zeit in meinem Leben, in der ich es sehr gut üben kann.

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