Auf dem Kinoplakat ist nur eine Rückenfigur zu sehen, hineingestellt in eine Welt aus Blau und Grau. Nebel über der Landschaft, Felsen, die sich im Ungefähren auflösen, fast eine Hades-Landschaft.

Homer lässt seinen Helden an den Rand des Okeanos fahren, dorthin, wo niemals die Sonne scheint. Christopher Nolan übernimmt diese Stimmung – und mit ihr eine Frage, die den ganzen Film durchzieht:
Wo ist Odysseus nach der Kriegserfahrung steckengeblieben?
!!! Kleine Warnung: Wer «The Odyssey» unverspoilert erleben will, liest ab hier auf eigene Gefahr weiter. Der Text verrät, wohin Odysseus’ Weg führt – und wo bei Nolan überraschend christliche Motive anklingen. Vielleicht aber macht gerade das Lust, weiterzulesen …
Ein Held ohne Ruhm
Der Helm auf dem Plakat gehört Agamemnon, Odysseus’ Vorgesetztem. Entlang des Hinterkopfs zieht sich eine knöcherne Struktur wie eine menschliche Wirbelsäule. Die Rüstung wirkt wie eine technische Verlängerung des Körpers, etwas, das sich vom Menschlichen entfernt hat. Genau darin liegt schon das Programm:
Krieg entwickelt eine eigene Mechanik, Menschen werden zu Werkzeugen. Und am Ende weiss niemand mehr genau, wo die eigene Schuld beginnt und wo sie endet.
So viel vorweg: Nolans The Odyssey ist für ein Hollywood-Mammutwerk überraschend komplex und tiefsinnig; mit Bildern und Dialogen, die einen packen und nicht mehr so schnell loslassen. Und einem Erzählverlauf, der an einigen Stellen vom Original kreativ abweicht.
Kriegstrauma und Schuld
Nolan rückt in seiner Neuadaption des 3000 Jahre alten Mythenstoffs die moralische Irrfahrt ins Zentrum, als Folge von Kriegstrauma und Kriegsschuld.
Damit stellt er sich gegen ein Genre, das er selbst mitgeprägt hat: Hollywood hat den Kriegshelden lange Zeit vor allem als Sieger erzählt: als tapferen Anführer, kühlen Strategen und Mann, der als Gewinner zurückkehrt.
Bei Nolan wird aus dem grössten Helden der Antike ein seelenkranker, verwirrter Kriegsveteran.
Die Sucht, zu vergessen
Was am Strand der Kalypso liegt, ist nicht nur der Rest eines einst stolzen Kriegsschiffs, sondern ein menschliches Wrack.
Die sieben Jahre bei Kalypso, der «Verbergenden» (Charlize Theron: leider blass wie das Vergessen), sind deshalb mehr als eine Verzögerung der Heimkehr. Sie bietet ihm sogar Unsterblichkeit an: ein Leben ohne Alter, ohne Schmerz, ohne erneute Konfrontation mit der Vergangenheit.
Genau darin liegt die eigentliche Versuchung: die Versuchung des Vergessens.
Statt – wie bei Homer – die Gefährten des Odysseus zu Lotosessern werden zu lassen, macht Nolan den Helden selbst süchtig: Odysseus (Matt Damon: eindrucksvoll als einer, der sich selbst abhandenkommt) vergisst Heimat und Frau, weil er den Krieg vergessen will, und mit ihm seine Verantwortung am Tod der Kameraden und an den Massakern in Troja.
Zwei Sprachen für denselben Schmerz
Man könnte das, modern gesprochen, posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) nennen. Nur würde Homer diese Verfassung nicht als psychische Krankheit oder Schuldkomplex erklären. Er erzählt sie als Schicksal, Wirken der Götter und Folge einer gestörten Weltordnung.
Dass moderne Leser darin zugleich seelische Prozesse erkennen, muss kein Widerspruch sein.
Die antiken Dichter kannten weder das Unbewusste Freuds noch den Begriff des Traumas. Das heisst nicht, dass sie die seelischen Folgen von Gewalt nicht wahrnahmen. Sie beschrieben sie in einer anderen Sprache: als Zorn der Götter, Fluch, Irrfahrt, Unmöglichkeit der unmittelbaren Heimkehr.
Faszinierend: Nolan gibt in seinem Filmwerk beiden Sprachen Raum: der psychologischen und der religiösen, und sie ergänzen einander.
Die Sirenen: Stimme des Gewissens
Bei Homer versprechen die Sirenen Wissen über Troja und die Welt: eine tödliche Falle, wer ihrem Gesang folgt, geht zugrunde. Nolan dreht das Motiv um. Als Odysseus seiner Mannschaft befiehlt, die Ohren mit Wachs zu verschliessen, wird auch für das Publikum der Klang gedämpft: nur ein fernes Rauschen, Schreie, das Ringen des an den Mast gefesselten Helden.
«The sirens do not tell you what you want and can’t have or what you had and lost, but all the things that I failed to keep.»
«Die Sirenen sagen dir nicht, was du willst und nicht haben kannst, oder was du hattest und verloren hast, sondern all das, was ich nicht zu bewahren vermochte.»
Damit überschreitet Nolan Homer. Die Sirenen sind nicht mehr Versuchung des Wissens, sondern Stimme des Gewissens. Sie erinnern nicht an Ruhm, sondern an die Toten und an Verantwortung.
Die unmögliche Rückkehr
Die grösste Gefahr ist nicht, den Weg nach Ithaka zu verfehlen. Sie besteht darin, der eigenen Erinnerung nicht zu entkommen – und irgendwo zwischen Leben und Tod festzustecken.
Die tiefe Tragik: Odysseus ist im Krieg ein anderer geworden als derjenige, der sich einst von Ithaka aus auf den Weg gemacht hatte. Und gleichzeitig ist die Heimat eine andere geworden. Wohin also zurückkehren?
Die bitterste Botschaft der Sirenen an Odysseus lautet: Im Grunde seiner Seele will er gar nicht heimkehren.
In der Heimat fremd
Als Odysseus schliesslich Kalypso doch bittet, «Help me go home», ist vom Kriegshelden wenig geblieben: erschöpft und verloren treibt er auf einem Floss aus den Resten seiner Vergangenheit. Der Kriegsveteran hat Kalypsos Rat beherzigt und aufgehört zu kämpfen.
Der Held hat die Kontrolle abgegeben und überlässt sich den Strömungen des Meeres.
Auf diese Weise gelingt schliesslich nach 20 Jahren Irrfahrt die Heimkehr. Die schwerste Prüfung aber steht noch bevor: der Kampf im eigenen Haus.
Eine Passionsgeschichte
Spätestens hier kippt der Film ins Christliche, ohne es direkt auszusprechen – und das passt zu Nolan. Schon in früheren Filmen hat er Motive verhandelt, die sich religiös lesen lassen: Opfer, Erlösung, Schuld, Hoffnung, Zeit und Wiederherstellung, etwa in «Interstellar» oder «The Dark Knight».
«The Odyssey» setzt diese thematische Linie fort.
Die Lesart hat einen langen Vorlauf. Schon die christliche Auslegungstradition hat in Homers Epos eine Art Vorahnung des Evangeliums sehen wollen: die lange Heimkehr sinnbildlich für die Sehnsucht des Menschen nach seiner wahren Heimat, die Verlockungen durch Lotophagen und Sirenen für alles, was vom eigentlichen Ziel ablenkt, und die Prüfungen für einen Weg der Läuterung.
Nach Ithaka kommt er als verkleideter Bettler zurück, den selbst Nahestehende für einen Fremden halten.
Dies lässt an das Emmaus-Motiv denken: jene Szene im Lukasevangelium, in der zwei Jünger dem auferstandenen Christus auf dem Weg begegnen und ihn erst erkennen, als er mit ihnen das Brot bricht.
Späte Absolution
Nach dem blutigen Kampf gegen die Eindringlinge im eigenen Haus steht Odysseus nicht als Sieger da, sondern als Verwundeter – die Pfeile in seinem Rücken erinnern an den heiligen Sebastian. Sein Weg gleicht einer Via Dolorosa, einem Gang durch Schmerz, Schuld und Erkenntnis.
Solche Parallelen sind christliche Auslegungen, interessant aber, dass die antike Vorlage diese Lesarten überhaupt öffnet.
Auch der Weg nach Westen fügt sich hier ein: Für die Griechen war der Westen die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und dem Reich der Toten – ein Gang durch den Tod, aus dem man verwandelt zurückkehrt oder gar nicht.
Dass ihm die Götter erst nach drei Kinostunden verzeihen, wirkt wie eine späte Absolution.
Gerettet durch Liebe
Die Grösse dieses Odysseus liegt nicht darin, niemals schuldig geworden zu sein. Sie liegt darin, die eigene Schuld erkennen zu können.
Was ihn rettet, ist Penelope, seine Frau. Die Liebe von Penelope (anrührend stark und zerbrechlich: Anne Hathaway) ist mehr als ein romantisches Motiv, sie ist die Gegenkraft zur Zerstörung: Während er durch die Welt der Gewalt gegangen ist, hat sie gewartet und eine Treue bewahrt, die an Glaubensfestigkeit erinnert.
Am Ende gehen die beiden gemeinsam Richtung Westen. Statt erneut die Herrschaft anzutreten, nehmen sie gemeinsam die Vergangenheit an.
Ruht vom Kriege!
Homer beendet seine Odyssee mit den Worten:
«Ruht, ihr Ithaker, ruht vom unglückseligen Kriege! Schonet des Menschenblutes und trennt euch schnell von einander!»
Und mit einer speziellen Ermahnung Athenes für Odysseus:
«Halte nun ein und ruhe vom allverderbenden Kriege.»
3000 Jahre alte Worte, aber aktueller geht es kaum.
Die USA befinden sich seit über zwei Jahrzehnten praktisch ununterbrochen im Kriegseinsatz. Mit jedem Abzug kehren Soldaten heim – aber kaum jemand interessiert, was sie mitbringen aus dem, was sie überlebt haben.
Hollywood hat diese Heimkehrer selten gezeigt. Es feiert lieber Sieger.
Nolan zeigt nun den im tiefsten Seelengrund verstörten Kriegsheimkehrer. Und das ist die eigentliche Provokation des Films: in einer Zeit, in der Krieg von Machthabern weltweit wieder als legitimes Mittel der Politik angesehen wird.
Aus dem Archiv: «Love is in the air? Gegen die Normalisierung des Krieges» mit Links zu jüngsten kirchlichen friedensethischen Dokumenten.





