Less noise, more conversation.
Less noise, more conversation.
 Lesedauer: 4 Minuten

Love is in the air? Gegen die Normalisierung des Krieges

Verschiebung des Sagbaren

Es gibt ein Wort für das, was gerade passiert: Verschiebung des Overton-Fensters. Gemeint ist die Veränderung dessen, was in einer Gesellschaft sagbar ist. Kleine verbale Grenzverschiebungen, ein Tabubruch hier, eine Gewöhnung dort, und was vor kurzem noch geächtet war, klingt plötzlich vernünftig, ja notwendig.

Das Fenster wandert, und irgendwann merkt niemand mehr, dass sich überhaupt etwas bewegt hat.

Genau das erlebe ich gerade bei der Rede über Krieg. Beim jüngsten Nato-Gipfel ist von «a feeling of love in the air» (Trump) die Rede, während gleichzeitig über die grösste Aufrüstung seit Jahrzehnten verhandelt wird. Nato-Generalsekretär Mark Rutte nennt die jüngsten Angriffe «absolut notwendig». Die Militärstrategen und Diplomaten fliegen aus Ankara nach Hause zurück, als wäre nichts gewesen.

Die Wörter «absolut» und «notwendig» wären früher sorgfältig abgewogen worden. Jetzt fallen sie in Nebensätzen.

Kriege beginnen mit Worten

Ich habe Anfang der 2010er-Jahre als Journalistin in einem politischen Korrespondentenbüro in Berlin gearbeitet. Zum journalistischen Handwerk gehört es, zuzuhören, wie Politik spricht. Was mir seit einer Weile auffällt: Nicht nur die Sprache der Spitzenpolitiker hat sich verschoben, sondern auch die ganz normale journalistische Alltagssprache, insbesondere in deutschen Medien.

Waffensysteme werden inzwischen vorgestellt wie neue Automodelle, Rüstungshaushalte präsentiert wie Wirtschaftsförderung.

Diese Rhetorik der Normalisierung läuft mir kalt den Rücken runter.

Ich denke an die «Wochenschauen» aus dem Dritten Reich: ein triumphalistischer Ton, vor allem zu Kriegsbeginn, verknüpft mit scheinbarer Sachlichkeit und Marschmusik. Ich dachte immer, so etwas sei nur in einer finsteren Diktatur möglich. Inzwischen habe ich eine Ahnung, wie es dazu kommt. Es ist ein slippery slope, eine schiefe Ebene: Erst wird verbal aufgerüstet, dann wird scharf geschossen. Und ist ein Krieg erst einmal ausgebrochen, schwenken die Nationen ein.

Normalisierung des Krieges

Im öffentlichen Diskurs und bei den Entscheidungen zur Aufrüstung erleben wir einen Paradigmenwechsel: eine besorgniserregende Rehabilitierung des Krieges als Instrument internationaler Politik, gerade während jene ethischen Kriterien und Institutionen ausgehöhlt werden, die seinen Einsatz einmal begrenzen sollten.

Krieg wird verhandelt, als wäre er ein Prozess, den man nur effizienter gestalten müsste.

Es wächst ein Klima, in dem Gewalt und Macht als anthropologische Konstanten gelten und der Frieden als Anomalie zwischen Konflikten, als prekärer Zwischenzustand statt als Normalfall.

Keine «ultima ratio»

So sinkt die Schwelle für Gewalt, und das in einer Zeit, in der Kriegstechnologien durch atomare Waffen und autonome, KI-gesteuerte Systeme jenseits dessen angelangt sind, was noch als rational gelten kann. Krieg kann darum heute meines Erachtens auch nicht mehr als «ultima ratio» gelten.

Der Griff zu Waffen zeugt von einer Beziehungsarmut mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung.

Krieg ist kein legitimes Mittel, sondern das Scheitern der Friedensarbeit aus Dialog, Diplomatie, Verständigung und Versöhnung.

Frieden ist nicht die bessere Stimmung nach dem Krieg. Frieden ist die Arbeit daran, dass Gewalt nicht das letzte Wort über die Wirklichkeit bekommt.

Kriege auf Dauer gestellt

Schnellere Sensoren und KI-gesteuerte Waffensysteme verkürzen Reaktionszeiten – und erhöhen damit die Gefahr unbeabsichtigter Eskalation. Verkürzen sie auch Kriege? Die Evidenz spricht dagegen. Die Ukraine zeigt es: Drohnen haben die Kriegsführung verändert, aber keine raschere Entscheidung erzwungen. Was bleibt, sind zähe Abnutzungskriege.

Theologische Einschätzungen

Christliche Kirchen überarbeiten friedensethische Papiere. Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) hat eine aktualisierte Orientierung vorgelegt: «10 Fragen – 10 Antworten Friedensethik». Ein zentraler Punkt sind Schweizer Waffenexporte.

Der von Waffenlobbyisten angestrebten Aufweichung strenger Ausfuhrbestimmungen stellt sich Kirche entschieden entgegen.

Dass ich Pazifistin bin, macht mich nicht naiv. Wenn das «Reich Gottes» überhaupt einen Sinn haben soll, dann diesen: eine klare, unmissverständliche Botschaft des Friedens auszussenden und vorzuleben. Gerade jetzt, wo wieder hochgerüstet wird.

Und vielleicht lässt sich dann auch das Fenster wieder verschieben.

Fällt euch die Verschiebung des Sagbaren auch auf? Hinterlasst gerne Kommentare.

Herzliche Einladung zur «Schule des Friedens»

«Schule des Friedens 2026» in Kloster Kappel nahe Zürich, 18. bis 20. September.

Die Tagung «Schule des Friedens» öffent Räume, in denen Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen, politischen und religiösen Kontexten miteinander ins Gespräch kommen. Teilnehmende aus verschiedenen Konfliktregionen, Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft und Kirche begegnen sich, hören einander zu und suchen gemeinsam nach einer Sprache des Friedens, die den Herausforderungen der Gegenwart gerecht wird. 

Weiterführende Links

«10 Fragen – 10 Antworten Friedensethik» der Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS)

Siehe auch den kürzlich erschienenen Beitrag «Friede. Nicht nur Sicherheit» von Stephan Jütte auf dem EKS-Blog mit weiterführenden Gedanken und Links zur reformierten Position.

Friedensdenkschrift der EKD. Dieses im Vorjahr veröffentlichte Dokument denkt Frieden und Gerechtigkeit «in unruhigen Zeiten» zusammen.

Die viel besprochene KI-Enzyklika des Papstes enthällt auch Kapitel zur Normalisierung des Krieges, entgrenzter Gewalt, Waffen und KI, Krise des Multilateralismus und vermeintlichem politischen Realismus.

Aus dem Vorjahr, aber immer noch aktuell: die Doppelfolge des Ref-Lab-Podcasts «Himmel & Erdung» mit dem mennonitischen Friedensexperten Jürg Bräker, u.a. auch über Krieg und Trauma.

Foto: Northrop B-2 Spirit, Tarnkappenbomber, Fotograf: Steve Harvey auf Unsplash

1 Kommentar zu „Love is in the air? Gegen die Normalisierung des Krieges“

  1. Die aktuelle Verschiebung des Sagbaren ist nichts Neues:
    Seit Jahrzehnten drängt man Länder, welche in die EU aufgenommen werden wollen, dazu, auch zur NATO beizutreten (um zu zeigen, dass man sich gemeinsamen Werten zugehörig fühlt).
    Man hätte sich im Interesse von Konfliktvermeidung gemeinsam mit Russland darauf einigen können – zwischen NATO und Russland einen Streifen von blockfreien Ländern zu akzeptieren.
    Das hat man aber nicht gemacht, sondern die NATO hat mit ihrer erfolgten oder geplanten Osterweiterung Russland absichtlich militärisch provoziert – was auch eine Ursache des aktuellen Ukraine-Krieges ist.

    Dass sich europäische Länder durch die NATO-Osterweiterung vor der Bedrohung durch Russland schützen müssen – aber man Russland nicht zugesteht, sich durch die NATO bedroht fühlen zu dürfen – ist nichts anderes als primitiver Rassismus; wie wir ihn noch von der Kolonialzeit kennen: Manche Länder nehmen Rechte für sich in Anspruch, die man anderen Ländern nicht zugesteht.

    Weil Deutschland das Ziel hat, die Rüstungsausgaben von ca. 2% auf 5% des BIP zu erhöhen – habe ich einem KI-Programm die folgende Frage eingegeben:
    “Welche ökologischen und sozialen Auswirkungen hat es, wenn Deutschland die Rüstungsausgaben um 3 % erhöht?”
    Die Antwort war erschreckend!
    Ich zweifle am Verstand vieler Menschen, welche bis jetzt noch immer nicht erkannt haben, dass die aktuelle Klima-/Umwelt-Veränderung die allergrößte Bedrohung für die Menschheit ist. Die NATO-Länder können Russland zwar in den wirtschaftlichen Ruin treiben – aber dann fehlt dieses Land in Zukunft auch als aktiver Partner in den Bemühungen gegen die Klima-Veränderung.

    Reply

Schreibe einen Kommentar

Das RefLab-Team prüft alle Kommentare auf Spam, bevor sie freigeschaltet werden. Dein Kommentar ist deswegen nicht sofort nach dem Abschicken sichtbar, insbesondere, falls du am Abend oder am Wochenende postest.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

RefLab regelmässig in deiner Mailbox