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 Lesedauer: 6 Minuten

Navigationshilfen für die Gegenwart (2): Selbstdistanz

Es gibt kein Leben ohne Krise. Dieser Satz klingt so sehr nach Binsenweisheit, dass ich mich fast scheue, ihn hinzuschreiben. Und doch kann er hilfreich sein. Wenn ich selbst in der Krise bin – sei es eine Krankheit, eine kaputte Beziehung, das Scheitern eines Plans –, dann kann es mir so vorkommen, als sei ich der Ärmste, der Einzige auf der Welt, dem dieses Unglück widerfährt.

Nein, so ist es natürlich nicht. Schwierigkeiten, Leid, Scheitern gehören zum Leben. Diese Erfahrung müssen ausnahmslos alle Menschen machen. Das mache ich mir klar, und es ist schon der erste Schritt heraus aus dem Selbstmitleid. Und damit der erste Schritt hin zu einer Lösung.

Denn solange ich mich bedauere und mich selbst für den Ärmsten halte, bekomme ich den Blick nicht frei für das, was möglich ist.

Von Papst Johannes XXIII. wird folgende Anekdote erzählt: Ein junger Bischof beklagte die schwere Bürde seines Amtes. Er fragte den Papst, wie er angesichts der übergroßen Verantwortung denn schlafen könne. Darauf Johannes XXIII.: «Mein Sohn, als ich zum Papst gewählt wurde, erschrak ich vor der Würde dieses Amtes, und ich konnte eine Zeit lang überhaupt nicht mehr schlafen. Einmal bin ich doch kurz eingenickt. Da erschien mir im Traum ein Engel und ich erzählte ihm meine Not. Der Engel sagte:

‹Giovanni, nimm dich nicht so wichtig.›

Seitdem kann ich wunderbar schlafen.»

Das ist ein schönes Beispiel für Selbstdistanz, eine der besten und hilfreichsten Übungen für alle Menschen, die sich in Schwierigkeiten befinden. Es geht nicht darum, die Schwierigkeiten klein- oder schönzureden. Aber es geht darum, sie richtig einzuordnen.

«Nimm dich nicht so wichtig! » Dieser Satz ist beim ersten Hören auch sperrig. Er scheint quer zu stehen zu einer wichtigen Erkenntnis, die die Grundlage sowohl eines humanistischen wie auch eines christlichen Weltverständnisses bildet: Jeder Mensch ist wichtig, unendlich wichtig sogar.

Es ist wahr:

Jeder Mensch ist unendlich wichtig. Einfach deshalb, weil er ein Mensch ist, ausgestattet mit einer unantastbaren Würde, frei und gleich geboren.

In christlich religiöser Sprache: weil er ein Geschöpf, ja mehr noch, ein Kind Gottes ist, Gottes Ebenbild. Ob wir unsere Menschenwürde religiös begründen oder nicht: Wir können uns darauf berufen. Und genau deshalb, weil wir von Geburt an mit dieser bedingungslosen Würde ausgestattet sind, genau deshalb müssen wir uns nicht selbst wichtig machen. Das ist ein kleiner, feiner, wesentlicher Unterschied. Und

wer sich seiner Würde und seines Wertes gewiss ist, kann sich leichter von sich selbst distanzieren

von all den größeren oder kleineren Beschwerden und Misslichkeiten. Das, was wirklich zählt, ist ja schon längst da.

Zeit für Experimente

Ich empfehle drei einfache Experimente, mit denen diese Selbstdistanzierung etwas besser gelingen kann.

1. Zeit-Zoom

Stell dir die Frage: Wie bedeutsam wird mir das, was mir im Moment so sehr zu schaffen macht, in drei Stunden erscheinen? In drei Tagen? In drei Wochen? Bei gewichtigeren Themen kannst du auch drei Tage, drei Wochen, drei Monate nehmen, oder sogar drei Wochen, drei Jahre, drei Jahrzehnte.

Das sorgt für einen Blickwechsel.

Du nimmst die Vogelperspektive ein, siehst das größere Bild, und damit relativiert sich das Problem.

Du kannst besser einschätzen, welche Bedeutung das Thema wirklich im Gesamtzusammenhang deines Lebens hat. Meistens erscheint es danach etwas weniger gewichtig und bedrängend.

2. Aufrichten, lächeln, weitermachen

Das mag fürchterlich banal klingen, aber diese Übung macht sich den engen Zusammenhang von Körper und Seele zunutze. Unsere Stimmung drückt sich in Körperhaltung und Mimik aus. Umgekehrt können Körperhaltung und Mimik unsere Stimmung beeinflussen.

Stell dich auf beide Beine und lass deinen Körper eine Haltung finden, die Zuversicht ausdrückt. Wahrscheinlich richtest du dich wie von selbst auf, erhebst den Kopf, öffnest Brust und Schultern.

Und vielleicht spürst du schon, dass sich deine Stimmung leicht ins Positive verschiebt.

Und nun Schritt 2: Stell dich in dieser Haltung vor einen Spiegel und lächle dir selbst zu. Das heißt: Hebe ganz bewusst deine Mundwinkel, sanft und freundlich. Lass die Auswirkungen dieser Bewegung auch die Augen erreichen. Es macht gar nichts, wenn es dir gekünstelt vorkommt, aber schneide keine Grimassen.

Halte das Lächeln 30 bis 60 Sekunden lang. Lass dabei deinen Atem ruhig fließen. Merkst du, wie Frust und Ärger weniger werden?

3. Dankbarkeits-Tagebuch

Notiere dir eine Woche lang jeden Abend drei Dinge, für die du heute dankbar sein konntest. Das kann etwas ganz Kleines sein – dass die Sonne schien, dass du ein feines Müesli zum Frühstück hattest. Oder, wenn das vorgekommen ist, auch mal etwas Größeres: ein versöhnliches Gespräch, eine bestandene Herausforderung. Ganz gleich, was es ist: Indem du es aufschreibst, setzt du dem Negativen etwas entgegen. Du erweiterst das Bild, wechselst die Perspektive und nimmst wahr, was in deinem Leben schon gut ist.

Du musst natürlich nach einer Woche nicht damit aufhören, im Gegenteil. Wenn es dir gutgetan hat, versuche ruhig, es zu einer täglichen Routine zu machen.

Noch stärker wirkt dieses kleine Ritual, wenn du es nicht nur für dich selbst machst. Wenn du in einer Familie oder WG lebst, könntet ihr euch immer zu einem bestimmten Zeitpunkt (etwa nach dem Abendessen) gegenseitig mitteilen, wofür ihr an diesem Tag dankbar seid. Das kann ein echter Boost für euer Zusammenleben werden.

Niemand ist eine Insel

Das führt mich schließlich zu einem ganz wichtigen letzten Gedanken: Zur Selbstdistanzierung und zum Perspektivwechsel gehört unbedingt dazu, dass du nicht allein auf der Welt bist. Du musst es nicht allein schaffen! «Niemand ist eine Insel», heißt es in einem bekannten Text von John Donne.

Jedes Unglück, jede Schwierigkeit wird etwas leichter, wenn du sie mit nahestehenden Menschen teilst.

Geteiltes Leid ist halbes Leid – das Sprichwort benennt eine tiefe Wahrheit. Freundinnen und Freunde, die Familie, manchmal auch eine professionell zuhörende Person in einer Beratungsstelle sind eine unschätzbare Ressource, die uns helfen, Krisen durchzustehen. Wir dürfen sie nutzen.

Tilmann Haberer ist ein Theologe, Autor und Lebensberater aus München. In seinem neuen Buch: «Die Kraft des Trotzdem – Wie man weitermacht, auch wenn’s schwierig wird» schreibt er darüber, wie inmitten von Krisen, Zweifeln und Herausforderungen echte Zuversicht wachsen kann. Diese Blogserie nimmt wertvolle Einsichten aus dem Buch auf.

Wir im RefLab haben schon viel zu den passenden Themen «Dankbarkeit» und «Resilienz» produziert. Hier ein paar ausgewählte Leckerbissen:

Illustration: Isabelle Bühler

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