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Lesedauer: 5 Minuten

Wollen Sie auch gesund sein?

Das Gesundheitsideal der Schweizer*innen

Ich widerspreche und behaupte: Gesundheit wird von uns notorisch überschätzt. Klar, diese These steht im Widerspruch zu dem, was die meisten Schweizer*innen denken: Auf Anfrage geben sie an, eher oder sogar sehr gesundheitsbewusst zu leben. Schon bei jüngeren, vor allem aber bei den älteren Schweizer*innen gehört Gesundheit zum mit Abstand wichtigsten Wert. So jedenfalls eine Studie von Swiss Life aus dem Jahr 2018.

Können sich so viele Menschen irren? Ich fürchte: ja, und will im Folgenden einige Gründe dafür nennen. Zunächst nehme ich Sie aber auf ein kleines Gedankenexperiment mit.

Totalitäre Gesundheit

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einer Gesellschaft, in der ein totalitärer, staatlicher Machtapparat dafür sorgt, dass Sie gesund bleiben: ausreichend Bewegung, kein Alkohol, Nikotin schon gar nicht, viel Gemüse und Früchte, auch Hülsenfrüchte usw. Jeden Tag wird auf die Waage befohlen, Kalorien werden gnadenlos addiert. Dies alles streng vorgeschrieben, kontrolliert und bei Fehlverhalten wird sanktioniert. Ihre medizinische Werten sind tadellos, gesundheitlich gesehen ist alles im grünen Bereich.

Sie sehen das Problem: Ohne Freiheit macht das mit der Gesundheit nicht wirklich Freude. Gesundheit, so schliesse ich, ist nur ein Teil der für unser Leben wichtigen Güter.

Warum Käse für ein gutes Leben wichtig sein kann.

Ich habe diesbezüglich viel aus einer Situation gelernt, in der ich mich vor Jahrzehnten befand: Mein damaliger Hausarzt wies mich freundlich darauf hin, dass Käse mit geringem Fettanteil meinem Körpergewicht und Cholesterinwerten guttun würde. Medizinisch hatte er, gemäss damaligem Wissensstand, recht. Meine Frage, welchen Gewinn an Lebensjahren dieser kulinarische Verzicht mit sich bringen würde, beantwortete er nach einigem Zögern mit einer statistisch begründeten Schätzung. Ich rechnete ihm dann vor, dass mir die mit fettarmem Käse zusätzlich gewonnenen Lebensjahre nicht so gut schmecken würden wie die etwas weniger Jahre mit Vollfettkäse. Meine empirisch gut begründete Annahme: Letzterer ist leckerer als ersterer. Wollen Sie das wirklich bestreiten?

Existenzielle Güterabwägungen

Sie sehen, wir haben es hier mit einem schönen Beispiel für eine existenzielle Güterabwägung zu tun. Mein damaliger Hausarzt hat mich nur erstaunt angeschaut. Ihm hat sich meine Kosten-Nutzen-Analyse nicht erschlossen – denn (meine) Gesundheit war für ihn klar der oberste Wert. Und dass es, kulinarisch gesehen, Käse und Käse gibt, hatte er nicht auf dem Radar.

Der Käse ist hier natürlich nur ein Beispiel. Sie können das ganze auch mit Wein durchspielen, oder an irgendetwas anderem, mit dem Sie kulinarische Genüsse verbinden, wie beispielsweise Roastbeef, oder Erdnussbutterbrot mit Erdbeermarmelade, beides dick auf eine Hälfte des köstlichsten «Büürli» geschmiert, das es in Zürich gibt. Mit Gemüse wird es schwieriger, es sei denn, Sie packen ordentlich Butter drauf. Zentral ist die Idee dahinter: Im Hinblick auf ein gutes Leben spielt der Gesundheitsaspekt zwar eine Rolle, aber dieser Aspekt muss sorgfältig mit andern Aspekten abgewogen werden. Mit Fragen der Freiheit etwa, oder des Genusses, um nur die in meinem Text angesprochenen zu nennen. Was können wir daraus schliessen?

Gesundheit ist kein umfassendes Lebensziel

Niemand strebt an, krank zu sein, und selbstverständlich setzen wir medizinische Mittel ein, um unsere Krankheiten zu therapieren. Aber daraus den Schluss zu ziehen, alle Kranken hätten ein schlechtes Leben, das stimmt offensichtlich nicht. Menschen sind erstaunlich adaptiv, wenn es darum geht, sich mit Krankheiten zu arrangieren. Hier zeigt sich die Unbrauchbarkeit der WHO-Gesundheitsdefinition, die bekanntlich lautet: «Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.» Alle, die so verstandene Gesundheit als umfassendes Ziel haben, können nur scheitern. Denn irgendeinmal sind alle krank, depressiv und gebrechlich. Ohne Ausnahme, auch Sie, auch ich.

Was sicher stimmt: Wer gesund ist, hat allen Grund dankbar zu sein. Es fallen ihm oder ihr einige Dinge leichter. Viel davon verdankt sich den Genen, einiges auch eigener Disziplin. Deshalb ist es sicher klug, im Hinblick auf die wirklich wichtigen Ziele des Lebens gesund zu leben. Wer allerdings die Gesundheit zum Ziel macht, um den das Leben kreist, wird das Leben verpassen.

Was am Ende wirklich zählt

Das wissen auch die Schweizer*innen. In der eingangs erwähnten Studie nennen sie nach der Gesundheit ein glückliches Familienleben an zweiter Stelle. Bis zu unserem Ende, ob gesund oder krank, zählt im Grunde genommen nur dies: das Leben in Beziehungen. Natürlich ist Familie enorm wichtig, aber es geht um mehr. Sind Sie mit anderen Menschen, mehr oder weniger nah, verbunden? Stehen Sie gemeinsam mit anderen für ein gutes Leben der Menschen auf?  Lieben Sie ihr Hundchen wie sich selbst? Fühlen Sie sich in bestimmten Landschaften, Städten, Gerüchen, Bildern, Geschichten oder Melodien verwurzelt? Womit sind Sie so verbunden, dass Ihr Leben bedeutungsvoll ist?

Auch wenn wir uns am Ende aus unseren vielfältigen Beziehungen verabschieden müssen, sie sind das, was in einem Leben wirklich zählt. Fragen Sie Menschen, die es wissen, Menschen, die gelebt haben.

P.S.

Für den Fall, dass Sie den Verdacht haben, der Autor schreibe diesen Text, weil er unglaublich gesund sei, will ich Folgendes nachtragen: Ich habe die Leiden und Gebresten, die Durchschnittsschweizer in meinem Alter (61) begleiten. Und gerade weil ich den wirklichen Wert von Gesundheit kenne, schätze ich meinen Hausarzt als einen verlässlichen Partner in meinem sozialen Netzwerk.

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3 Kommentare zu „Wollen Sie auch gesund sein?“

  1. Andrea Eisenhardt-Behring

    Danke für diesen wunderbaren Text, er spricht mir aus dem Herzen!
    Gesundheit ist ein hohes Gut und Grund genug, um dankbar zu sein.
    Und trotzdem, wir können auch trotz Krankheit und Einschränkungen ein erfülltes Leben führen. Was wirklich zählt, das sind die Beziehungen, die uns tragen, das ist die Verbundenheit, das sind Lieben und Geliebt zu werden.

  2. Michael Baumann

    Wieder einmal ein Text, der sowohl im Migros-Magazin wie auch im Tagi stehen könnte. Gut geschrieben, ein gebildeter Verfasser – doch völlig säkular und letztlich wenig bedeutsam. Schade, dass offenbar in dem „Denklaboratorium“ der Kirche in Zürich nichts laboriert wird, was nicht auch ausserhalb entstehen könnte. Es fällt auf, dass vor allem die Gender-Sternen (*) wichtig sind – was den Verdacht unterstützt, die Kirche habe ihre Glaubensinhalte durch den linken Gender-Mainstream ersetzt. Wahlweise können das auch andere zeitgeistige Inhältchen sein. Man fragt sich schon, wie lange das geht, bis sich die Kirche theologisch selbst verpufft und überflüssig gemacht hat. Es geht gewiss nicht mehr lange.

    1. Stephan Juette

      Ich finde das Kirchenbild in diesem Kommentar sehr interessant: Es setzt voraus, dass es einen (!) Glaubensinhalt gibt. Dieser Glaubensinhalt ist ganz sicher nicht links und schon gar nicht bei den Gender-Sternen. Die (!) Kirche aber habe ihren Inhalt durch „linken Gender-Mainstream“ ersetzt.
      Bei mir entsteht durch solche Schreibe eines Pfarrers ein Pfarrbild, das viele Menschen – ja fast der „Mainstream“ – vor Augen haben, wenn sie Kirche, christlichen Glauben und kirchliche Mitarbeiter uninteressant und antiquiert empfinden.
      Die spannende Frage ist doch: Warum soll das, was entstehen soll, sich gerade dadurch auszeichnen, dass es nur in den Kirchenmauern entstehen kann?

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