Dein digitales Lagerfeuer
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 Lesedauer: 5 Minuten

Unsere Ahnen, die Schamanen?

Im vergangenen Jahr ist in meiner Lieblingsbuchhandlung etwas passiert, das mich nicht mehr loslässt: Das Christentum ist umgezogen. Es zog nicht in eine grössere Ecke, sondern – kurios genug – in die Esoterikabteilung.

Dort nimmt es seither gleich viel Raum ein wie Schamanismus.

Ich bloggte schon damals darüber, aber die Wirkung hallt nach: Plötzlich war die Esoterikecke für mich nicht mehr nur eine Stellfläche mit Kristallen, Räucherwerk, Traumfängern und Klangschalen – sondern ein Ort, an dem mein eigenes Glaubensregal stand.

Astrologie und Runen

Das hat für mich auch deswegen eine besondere Note, denn als Studentin habe ich in einer esoterischen Buchhandlung in Wien gejobbt. Ich kannte die Szene gut: durch die Bestellungen von Astrologiebüchern, die Regale mit fernöstlicher Spiritualität, die Sonderwünsche zu Runen.

Ich fand es als Theologiestudentin horizonterweiternd, in einer Esoterikbuchhandlung zu arbeiten. Es fühlte sich sogar ein wenig subversiv an.

Inzwischen hat sich das Verhältnis umgedreht. Esoterik wird heute, gerade von Jüngeren, kaum noch beargwöhnt oder belächelt. Wer aber weiterhin traditionell christlich lebt und glaubt, muss sich inzwischen dafür rechtfertigen.

Christlich und schamanisch

Das belegen auch Forschungen (z.B. von Linda Woodhead): Beim ersten Weltparlament der Religionen Ende des 19. Jahrhunderts waren lediglich radikal liberale protestantische Strömungen offen für (fernöstliche) Spiritualität.

Heute ist östliche Spiritualität im Mainstream angekommen und Klangschalen und Meditationskissen finden sich auch in Kirchen.

Anders ist es mit dem Schamanismus. Hier liegt ein chronisch verspanntes Verhältnis vor oder zumindest eine schwer zu überwindende Fremdheit. Und obwohl viel von interreligiösem Dialog geredet wird, werden schamanische und indigene Kulturen nur selten einbezogen.

Diese religiösen Traditionen werden vielfach gar nicht als Religionen angesehen – und man meint, sich nicht auf Augenhöhe auseinandersetzen zu brauchen.

In wenigen Tagen erscheint ein Buch eines christlichen Autors aus der Schweiz, der sich dem Thema widmet: «Du bist die Welt. Schamanischer Weisheit auf der Spur» von Niklaus Brantschen.

Das Buch des Jesuitenpaters und Zen-Meisters passt in Buchhandlungen sowohl in die Christentumsecke als auch ins Schamanismusregal, es passt neben Lebensratgeber von Anselm Grün ebenso wie zwischen Einhornbücher und Runenkarten.

«Du bist die Welt» ist nämlich beides: christlich und spiritistisch/schamanisch.

Seine Nichte, die Schamanin

Die Anregung zu dem Buch kam übrigens von Brantschens Nichte, einer Masseurin, Qi Gong- und Bachblütenexpertin. In einer Krankheitsphase besuchte diese ihren Onkel regelmässig und massierte seine Füsse. Als er wieder gesund war, fragte er die Nichte neckisch: «Bist du eine Hexe?», ihre Antwort: «Nein, aber vielleicht eine Schamanin».

Das Thema liess den Autor nicht mehr los.

Gleichzeitig hatte er das Gefühl, dass darüber zu schreiben nicht einfach sein und ihn die Beschäftigung mit Schamanismus verändern würde.

Nichtwertende Aufmerksamkeit

Brantschen übertritt mit «Du bist die Welt», wie schon beim Vorgängerbuch «Gottlos beten», imaginäre Linien und setzt sich selbstbewusst über Tabus hinweg. Mit Mitte 80 ist er so frei. Als Zen-Praktizierender ist er überdies geübt in nichtwertender Aufmerksamkeit; die beste Voraussetzung für Annäherungen überhaupt, sei es an Menschen oder fremde Kulturen.

Brantschen ist der Meinung, dass wir es uns zu einfach machen, wenn wir Schamanismus als «Neuheidentum» abzutun und in die Esoterikecke schieben.

Es könne sogar sein, dass in wiedererwachten Haltungen, in neu entdeckten Bräuchen und Ritualen eine Einladung liege, unseren Lebensstil und unseren Umgang mit der Mitwelt zu überdenken und neu zu gestalten.

Es könnte sogar sein, dass wir auf diese Weise Elemente einer «Religion der Zukunft» finden.

Mit Schamanen tanzen

Seine Leser:innen nimmt der spirituelle Lehrer und Bestsellerautor mit auf eine schamanische Reise durch das Reich der Pflanzen, Tiere und Geister: von Moos über verletzte Tieraugen (Rosa Luxemburgs herzzerreissender «Büffelbrief») bis zu zeitgenössischen Mischwesen wie der «Bärenfrau» Nastassja Martin.

Die französische Ethnologin Nastassja Martin («An das Wilde glauben») wurde vor einigen Jahren auf der ostrussischen Halbinsel Kamtschatka von einem Bären angefallen. Sie schwebte nicht nur zwischen Leben und Tod, sondern auch zwischen menschlicher und tierischer Sphäre.

Brantschen schlägt Brücken in eine Zeit, die tiefer reicht als jede Kirche: zu den Ahnen, die als Schamanen durch Trancefiguren wie den «Löwenmenschen» von der Schwäbischen Alb oder den «Tanzenden Schamanen« aus der Höhle Trois-Frères sichtbar werden.

Damals gab es noch keine Worte wie Religion oder Spiritualität. Und doch war das Leben durch und durch davon durchdrungen.

Über den eigenen Schatten springen

Das Christentum hat Schamanismus und indigene Spiritualität lange reflexartig mit «Zauberei» gleichgesetzt und mit kolonialen Stereotypen belegt: unzivilisiert, gar teuflisch. Vielleicht melden sich verdrängte Wurzeln, die wir im Namen der Abgrenzung geopfert haben.

Kein Wunder, dass «Naturspiritualität» heute boomt: Wir spüren schmerzlich unsere Entfremdung von der Erde – und suchen, manchmal verzweifelt, nach einem neuen (oder sehr alten) Weg.

Die frühesten christlichen Heiligen fällten bekanntlich heilige Bäume. Und noch die Ankläger der als Hexe und Ketzerin verbrannten Jungfrau von Orléans wollten hartnäckig wissen, ob die junge Frau Stimmen aus dem Feenwald gehört habe. Die Stimmen seien nicht aus der Richtung des Feenbaumes gekommen, beteuerte die Angeklagte, sondern, begleitet von grosser Helligkeit, aus Richtung der Kirche.

Die heilige Jungrau leugnete jedoch nicht, gemeinsam mit anderen jungen Leuten im Feenhain getanzt und Blumenkränze an den Feenbaum gehängt zu haben.

Die Frage ist: Können wir als Christ:innen die Angst vor dem Fremden überwinden – und anerkennen, dass wir selbst einmal die Fremden waren? Oder bleibt uns nur übrig, neben Regalen mit fremd gewordener Weisheit zu stehen, ohne hineinzusehen?

Niklaus Brantschen, Du bist die Welt. Schamanischer Weisheit auf der Spur, Patmos Verlag 2025. 120 S., Fr. 18.00; ab 25. August im Buchhandel.

Foto von Олег Мороз auf Unsplash

Veranstaltugshinweis: Um Himmels willen Schamanismus!

Live-Podcast und Buch-Vernissage mit Niklaus Brantschen beim 2. RefLab-Podcastfestival in Zürich 

Unter dem Titel «Um Himmels willen Schamanismus!» spreche ich beim RefLab-Podcastfestival am 6. September mit Niklaus Brantschen über seinen persönlichen Zugang zum Schamanismus und darüber, wie wir Vorurteile hinter uns lassen können und Elemente einer «Religion der Zukunft» sammeln können.

Es gibt noch Karten!

  • Termin: Samstag, 6. September, 10.30-12.00
  • Ort: Theater Millers, Kulturareal Mühle Tiefenbrunnen, Seefeldstrasse 225, 8008 Zürich
  • Hier geht’s zu den Tickets

34 Gedanken zu „Unsere Ahnen, die Schamanen?“

  1. Das Christentum war/ist eine üble “Gemeinschaft” von Heuchler, Lügner und Trottel, also besondere Dumm-Verkommenheit der gleichermaßen unverarbeitet-instinktiven Bewusstseinsschwäche in Angst, Gewalt und egozentriert-gebildetem “Individualbewusstsein” – Das sollte nicht so sein.

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    • hto – wir haben von dir schon Differenzierteres gehört. Im Zentrum steht die Liebesbotschaft. Dafür steht Jesus. Das hat nichts Heuchlerisches, im Gegenteil: Klarer und wahrer geht es nicht. Und wenn die Gesellschaft, unsere Welt in Angst, Gewalt, Krieg versinkt, gilt die Liebes- und Friedensbotschaft umso mehr. Dass immer auch Schatten mitlaufen, hat CG Jung betont. Da können wir nicht genug aufmerksam sein.

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      • Johanna Di Blasi – Also die Antwort ist ein starkes Stück im Sinne der Ränkespiele für den egozentriert-bewusstseinsbetäubten Erfolg!?
        👋🥴👍🏻

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      • Jesus war auch ein (depressiver) Schamane, der aber sehr genau wusste, dass seine Kraft nicht allheilend sein kann/soll, sondern vor allem im Ganzen gestaltend zu verstehen sein sollte – Matthäus 21,18-22
        ☝️🥴
        Wie Liebe OHNE Ränkespiele in wettbewerbsbedingt-konfuser Symptomatik und heuchlerisch-verlogener Schuld- und Sündenbocksuche geht, ist …!?

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      • So gut ausgedrückt, Jphanna.
        Und dein Artikel macht mir Lust, das Buch zu lesen. Ich hab auch Sympathien zum Schamanismus… Um es mal ganz naiv auszudrücken, war doch vielleicht die Absicht Gottes, mit “Heiden” gewaltfrei in Begegnung zu kommen, wie mit dem jüdischer Volk, aus dem Jesus kam und als Mensch lebte.

        Das in beiden Fällen fast komplett die Schatten übernommen haben, weiss ich natürlich. Mit entsetzlichen Folgen. Wir als Christen haben wirklich genug Dreck am Stecken… Aber eben auch ausgelebte Liebe als Vorbild, und das Versprechen, dass der Geist uns immer wieder daran erinnert…

        Ein Grund mehr, den Nachbarn im Regal und im real live respektvoll und vielleicht sogar neugierig zu begegnen..

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  2. Wenn man sich mit Themen wie ´Träume, Spiritualität, Mystik, Erleuchtung, Geisterwahrnehmung, Jenseitsglaube, usw.´ beschäftigt, sollte man zuerst die wichtige Tatsache beachten, dass die Gehirne von Menschen vermutlich seit der Steinzeit auf gleichartige Art und Weise funktionieren – da wir uns biologisch seitdem nicht verändert haben!

    Dies bedeutet nicht nur, dass es bestimmte identische Urerfahrungen gibt, welche zu den wichtigen Grundfähigkeiten von allen Menschen gehören – sondern auch, dass davon abgeleitete Therapien auf gleichen Grundlagen beruhen müssen: ganz egal, ob sie von Schamanen oder von Psychotherapeuten durchgeführt werden.

    Wer nach Gemeinsamkeiten von Christentum und Schamanismus sucht, wird deshalb viele finden.

    Tipp: Nahtod-Erfahrungen(NTEs) lassen sich komplett als Ergebnis eines einfachen Erinnerungsvorgangs erklären, bei dem man bewusst erleben kann, wie das Gehirn eine/n einzelne/n Reiz/Gedanken/Situation systematisch und strukturiert verarbeitet.
    D.h. wer wissen will, wie DENKEN funktioniert, sollte Inhalte+Strukturen von NTEs analysieren. Und – als Nebeneffekt kann man damit belegen, wie Steinzeitmenschen gedacht haben müssen: dies dürfte für die Wissenschaft von Interesse sein um sich in die Lebenswelt von Menschen seit der Steinzeit gedanklich hineinversetzen zu können.

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    • Spannender Gedanke. Ein Psychoanalytiker wies mich in einem Gespräch auf etwas hin, worüber ich nie nachgedacht hatte. Das Gehirn durchlief in der Menschheitsentwicklung verschiedene Stufen und ältere Teile sind nach wie vor vorhanden. Über sie stehen wir in Kontakt zu archaischen Schichten. Gleichzeitig wirft die moderne Quantenphysik mechanistische Vorstellungen über den Haufen; hier lassen sich beispielsweise “spukhafte Fernwirkungen” zwischen Teilchen beobachten. N. Brantschen setzt sich in seinem neuen Buch u.a. mit dem italienischen Physiker Federico Faggin (“Das Bewusstsein als Grund des Denkens”) auseinander, der ein Grenzerlebnis umfassender Liebe hatte, dass sein Denken veränderte: “Es liess mich erleben, dass die Wirklichkeit mehr auf sich hat, als ich bis dahin wusste.” Brantschen: “Mehr leben und erleben, als wir verstehen – das führt uns in die Welt des Animismus, in die einzutreten uns ein tieferes Verständnis von Tod und Leben ermöglicht.”

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      • Das Erleben – dass man sich rasch auf ein größer werdendes Licht zubewegt (1), wobei dann die Lichtwahrnehmung von matt zu brilliant leuchtend wechselt (2) und man sich dann in der Gegenwart eines Lichts/Lichtwesens befindet (3), wobei man grenzenlose Liebe, Geborgenheit und bedingungsloses Angenommensein erlebt bzw. wo man zusäzlich den Eindruck von Einssein mit dem ganzen Universum empfindet – gehört zu den schönsten Details mancher Nahtod-Erfahrungen. Solche Erlebnisse gehören zu dem Schönsten, was man als Mensch überhaupt erleben kann: wird von Menschen berichtet, welche so etwas erlebt haben.

        Nahtod-Erfahrungen lassen sich komplett als Ergebnis eines recht einfachen Erinnerungsvorgangs erklären (von mir seit 2006 veröffentlicht). Bei (1) handelt es sich um wieder-reaktivierte Erlebnisse zur Entwicklung des Sehsinns. (2) entspricht der Lichtwahrnehmung vor (matt) und nach (hell) der Geburt. Und bei Erfahrungen mit dem Licht/Lichtwesen (3) handel es sich um das Erleben von anderen Menschen und der Umwelt in der frühen Kindheit.
        ( (3) = ´Grenzerlebnis umfassender Liebe´)

        Kurz gesagt, solche Erlebnisse gehören zu den wichtigsten Ur-Erfahrungen aller Menschen seit der Steinzeit und sind damit eine konkrete biologische Grundlage dafür, warum Menschen aller Zeiten und Kulturen recht ähnliche spirituelle Erlebnisse und Praktiken hatten und haben.

        D.h. mit der Art und Weise wie wir Erinnern, gibt es für alle Menschen eine konkrete biologische Grundlage für das Entstehen spiritueller Erlebnisse, von Spiritualität und damit (sekundär) für Religiosität bzw. Religion!

        Dass wir solche Erlebnisse lebenslang in unserem Gedächtnis haben und diese auch reaktivieren – dürfte eine Grundlage für Resilienz sein: welche uns hilft, selbst schwerste Schicksalsschläge zu überwinden und hoffnungsvoll weiter zu leben.

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  3. Jesus war auch ein Schamane, der aber sehr genau wusste, dass seine Kraft nicht allheilend sein kann/soll, sondern vor allem im Ganzen gestaltend zu verstehen sein sollte – Matthäus 21,18-22

    Angeblich sollen die Amis mit Methoden der Geistheilung wie die Goa’uld im Science Fiction Stargate sehr weit fortgeschritten sein, aber das ist auch nur eine auf materialistische Krücken beschränkte Herangehensart und nicht weise – Allerdings könnte es vielleicht …, weshalb diese Wissenschaft erst in 20-30 Jahren marktreif sein soll!?

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  4. VERNUNFT, für die Vernunftbegabung von Mensch, ist die zentrale Botschaft der Philosophie der Bibel, des Jesus, des Geistes, des Zentralbewusstseins – Aus der Vernunft entstehen die Reinsten Werte wie Liebe, Glaube, Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, usw.!!!

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  5. @Johanna Di Blasi: “hto – wir haben von dir schon Differenzierteres gehört. Im Zentrum steht die Liebesbotschaft. Dafür steht Jesus.”

    Wirklich-wahrhaftige Demokratie UND LIEBE ist, wenn GRUNDSÄTZLICH alles Allen gehören darf, so dass “Wer soll das bezahlen?” und “Freiheit” in unternehmerischen Abwägungen zu “Arbeit macht frei” KEINE MACHT mehr hat, in zweifelsfrei-eindeutiger VERNUNFT und VERANTWORTUNGSBEWUSSTSEIN als ganzheitlich-ebenbildliches Wesen Mensch, wo PRINZIPIELL eine Leistungsgerechtigkeit auf der Basis eines UNKORRUMPIERBAREN Menschenrechts zu KOSTENLOSER Nahrung, MIETFFREIES (Sozial-)Wohnen und ebenso KASSENLOSER Gesundheit in garantierter Teilhabe an mehr als die Basis organisiert ist, LEISTUNG VON UND FÜR DIE GEMEINSCHAFT.

    GOTT = VERNUNFT – DAFÜR STEHT JESUS, dafür stand schon Mose!?

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  6. Als Pfarrerin Renate von Ballmoos vor mehr als 15 Jahren in der Predigerkirche ihre schamanistischen Rituale angeboten hatte, wurde sie noch angefeindet. Schön, tut sich was diesbezüglich; wenigstens in einer RefLab-Umgebung.

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    • Danke für den Kommentar. Ich denke auch, das müssen wir zusammendenken: Überkonsum, Klimabelastung – und indigene Communities, die überproportional von Folgeschäden in der Um- und Mitwelt betroffen sind.

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      • Genau; denn durch unseren Überkonsum und v.a. auch die Rohstoffgewinnung für unsere Energiewende leiden oft indigene Gemeinschaften, die deswegen von ihrem Land vertrieben werden. Es bestehen da eben historische Kontinuitäten aus dem Kolonialismus. Hier ist ein Fundus an solchen Informationen zu finden: https://500jahre.org/
        Und das Thema kulturelle Aneignung ist dabei auch nicht zu vernachlässigen!

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  7. Ich habe seit Jahren mit Schamanen aus verschiedenen Kulturen Kontakt. Seit 2017 Jahre bin ich immer wieder in Peru und habe dort sehr viel von indigenen Meistern gelernt. In meiner Wahrnehmung ist Schamanismus keine Religion. Gerade in Peru ist der Katholizismus stark verbreitet, auch unter Schamanen. Sie haben z.T. Heiligenbilder in ihren Räumen oder christliche Amulette im Auto. In der Mongolei erlebte ich, dass Schamanismus und Buddhismus gut miteinander existieren können.
    In meiner Vorstellung stammt der Schamanismus aus der “Kinderstube” der Menschheit. Deshalb erlebe ich wohl auch immer wieder, dass Menschen so schnell eine Verbindung zu diesem alten Wissen herstellen können. Irgendwie spricht es wohl etwas tief in uns an. Abgesehen davon finde ich die Grundannahmen dieser Weltsicht total logisch und sehr aktuell: Alles ist miteinander verbunden (systemisch). Alles ist beseelt (Träger von Energie). Leben vollzieht sich in Zyklen (kein ständiges Wachstum), etc.

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    • Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist der Schamanismus eine uralte Religion. Dass er weiterhin neben dem durch den Kolonialismus eingeführten Christentum besteht zeigt eindrücklich, wie widerstandfähig althergebrachte Kosmovisionen sind.

      Der Buddhismus hat Anleihen beim Bön gemacht, der alten schamanistischen Religion in Tibet. Glaubenssysteme können auch aufeinander aufbauen und sich teilweise vermischen.

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      • @Esther Gisler Fischer
        Danke für die Ergänzung. Ich schreibe einfach über meine eigenen Erfahrungen im Kontakt mit verschiedenen indigenen Praktizierenden. Die Vermischung, Verbindung, den Aufbau aufeinander erlebe ich auch.

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    • Danke für diese Einblicke aus unmittelbaren Erleben! Für Brantschen ist Schamanismus “vorreligiös” und gerade daraus erwächst für ihn die Schönheit und Stärke – noch nicht überfrachtet mit Theologien. Ich zögere, habe ich ihm auch gesagt, ihm hier zu folgen. Dann sind wir nämlich wieder bei “primitiv” – was ja “ursprünglich” heisst, aber im Zuge von Missionierung und Kolonialismus eine äusserst abwertende, abschätzige Note im Sinne auch von Aberglauben erhielt. So eine Art kindlich-kindische Vorstufe von Religion – dabei sind es in Wahrheit hochkomplexe Systeme und Philsophien (wie Anthropolgen wie Philippe Descolas oder auch Eduardo Viveiros de Castro anhand der indigenen Kulturen im Amazonas nachweisen). Ich folge lieger Eric de Rosny (Antropologe und Jesuit, Autor von “Die Augen meiner Ziege”) – er liess sich Mitte des 20. Jh. in westafrikan. Kulte einweihen und spricht anerkennend von den “therapeutischen Religionen” Afrikas – der Therapiestil fand über die Familienaufstellungen nach Bert Hellinger Einzug auch bei uns im Westen.

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      • In der Tat sind schamanistische System hochkomplexe Gebilde. In buddhistischen Tempeln in Asien dienen gewisse Rituale ebenfalls therapeutischen Zwecken; -sind ebenfalls ähnlich wie das Familienstellen: Spannend diese Querbezüge!

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  8. @Monika Hein: “Ich helfe dir, Blockaden zu lösen, alte Verletzungen zu heilen und wieder in deine volle Kraft und Energie zu kommen. So gewinnst du deine Lebensfreude wieder.”

    Was mir auf Deiner Webseite sofort aufgefallen ist, der egozentrierte Ansatz. Doch der Schamanismus ist, dem Ursprung entsprechend, auf Ganzheitlichkeit konzipiert – Die volle Kraft des Geistes / des Zentralbewusstseins der Schöpfung, zur geistigen Heilung / selbst- und massenbewussten Fusion/Auflösung unserer gleichermaßen unverarbeitet-instinktiven Bewusstseinsschwäche in Angst, Gewalt und egozentriertem “Individualbewusstsein”.

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  9. Danke Johanna, wiederholt. #dankbar
    Der Ursprung ist der Schlüssel. Diesen zu verstehen und auf welchen Ursprung und welche Quelle ich mich, meine Beziehungen und meine Liebe beziehen entzweit die Menschen und formt Blasen, macht Gräben auf, wo eigentlich keine sein sollten. Und da kommt das Verbindende von Leere und Materie. Scheinbar getrennte Zustände oder Qualitäten. Die unterschiedlichen Quellen und Ursprünge zu verstehen, ist in einer Zeit wie dieser so so wichtig. Auch anzuerkennen, dass es wohl Wenige schaffen diese Tiefe im Empfinden zu zu lassen und sich mit weltlichen Denktraditionen zu verbinden, ist auch ein Teil unserer geteilter Existenz auf diesem durch die Leere gleitende runde, materiell anfassbare, lebendige Kugel.

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    • Schon das frühe Christentum hat versucht, alles platt zu machen, was nicht der eigenen Ideologie entsprach – so, wie es vorher die Römer mit ihnen gemacht hatten. Und auch in den eigenen Reihen wurde gnadenlos aufgeräumt. In Konzilien wurde festgelegt, wie man zu glauben habe und alles andre wurde verfolgt.
      Genauso, wie heute Israel seine Traumatisierung im 3. Reich an den Palästinensern spiegelt – uralte, destruktive, psychologische und machtorientierte Muster.
      Aber das ist ein anderes Thema…
      Alle machtbasierten Ideologien wollen vorgeben, was richtig und was falsch ist.
      Daher ist dieser Artikel auch so interessant, der öffnet!

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  10. Danke für diesen horizonterweiternden Artikel. Ich habe das Buch bereits gekauft und freue mich darauf, es zu lesen.
    Meine eigenen Erfahrungen mit der südamerikanischen Spiritualität bzw. dem Schamanismus der Anden zeigen eine starke, lebensbejahende und heilende Lebenshaltung.
    Ich sehe viel Ähnlichkeit mit Mystik, die ja auch vor allem erlebnisbasiert und nicht konzeptionell ist. Da gibt es zum Beispiel die Vorstellung, dass Gott die Schöpfung nicht vollendet hat, sondern dass er uns ermächtigt hat, sie nicht nur zu bewahren, sondern auch weiterzuführen, denn bekanntlich ist das einzig Beständige der Wandel.
    Das übergibt uns eine grosse Verantwortung, die uns gleichzeitig ermächtigt und bescheiden macht.
    Wie Panentheisten spüren sie das Göttliche überall: in der Natur, in anderen Menschen, Tieren, Planeten usw. und begegnen allem mit Respekt und einer Liebe, die weit über das Individuelle hinausgeht und direkt aus dem 1. Korintherbrief stammen könnte.
    Sie haben Vorstellungen über das Weiterleben nach dem Tod, die in vielem von Nachtoderlebnissen bestätigt werden (siehe z.B. Dr. Eben Alexander).
    Sie geben ihrem Leben einen Sinn, etwas vom Wertvollsten in unserer sinnentleerten Konsumwelt.
    Das ist alles andere als primitiv sondern zeitlos gültig.

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