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Simone Weil: Führt Intensität zu Gewalt?

Die Schriftstellerin und Philosophin Simone Weil schrieb 1934 in den sogenannten intimen Notaten – an den Seitenrändern der Denktagebücher senkrecht geführten Notizen – folgende Frage und Antwort:

«Was in der Welt steht der Reinheit am stärksten entgegen? Das Streben nach der Intensität.»

Das überrascht. Simone Weil gilt als Inbegriff intensiver Aufmerksamkeit, eines radikalen Lebensstils und des schonungslosen Aushaltens der Realität. Eine Abkehr von jeder Form von Intensität sähe anders aus.

Reinheit ist möglich – aber unverfügbar

Sagt Weil mit diesem Gedanken, dass intensive Erfahrungen gewissermassen «unrein» sind? Und wäre ein fades, langweiliges Leben dann dementsprechend «rein»?

Weils Vorliebe für das Wort Reinheit irritiert. Wie bei all ihren Lieblingswörtern verbirgt sich dahinter aber eine Pointe. Um sie vorwegzunehmen:

Reinheit ist bei Weil möglich, aber unverfügbar.

Mit Reinheit markiert sie ein Geschehen, das weder in Systemen noch in Persönlichkeiten oder Beziehungen aus sich heraus hergestellt werden kann. Niemand kann sich Reinheit erarbeiten. Gleichzeitig kann niemand die eigene Reinheit «verlieren». Sie ist da. Sie bleibt – und kann doch unerreichbar werden. Etwa dort, wo das Streben nach Intensität ihre Wahrnehmung verengt oder verunmöglicht.

Mit hygienischer Sterilität, moralischem Reinwaschen oder einem bestimmten biologischen Zustand hat Weils Idee von Reinheit nichts zu tun.

Noam Chomsky, Prince Andrew und Donald Trump

Beim Lesen der jüngsten Berichterstattung zu den Epstein-Files tauchte dieser Gedanke von Weil bei mir wieder auf.

Gilt er auch in einer Welt, in der die «körperliche Reinheit» junger Frauen als intensive Erfahrung verkauft wird?

Das Streben nach Intensität stört die Reinheit, behauptet Simone Weil. Reiche und mächtige Männer suchen den Kick. Dafür missbrauchen sie abhängige minderjährige Mädchen. Zunächst kam mir die Assoziation sehr ungut vor. Sollen die Opfer nun erneut für die Fantasie der Reinheit herhalten?

Weils Gedanke ist tiefer. Was sie mit Reinheit ins Spiel bringt, zielt nicht auf eine konstruierte Eigenschaft, die junge Frauen zur handelbaren Ware macht. Reinheit und das Streben nach Intensität liegen bei ihr – überraschend – auf derselben Seite, auf der Seite der Gewalt.

Reinheit ist inmitten der Gewalt jener stille Schrei, der jedem Unrecht innewohnt.

Reinheit ist die Frage an die Täter, nicht an die Opfer:

«Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deiner kleinen Schwester schreit zu mir von der Erde.» (1. Mose 4,10)

Eine Weltordnung löst Würgereiz aus

Was bedeutet das für das Streben nach Intensität? Worin genau besteht der Kick, den die Täter suchen? Im Gefühl, sich alles erlauben zu dürfen – und dafür nicht bestraft zu werden? Im Erleben, über Gesetz und Gerechtigkeit zu stehen, diesseits wie jenseits?

Warum suchen Männer, die ohnehin so viel Macht und Einfluss haben, gerade diese intime private Form von Gewalt, diese asymmetrische Nähe, in der die körperliche und seelische Misshandlung von Kindern Augenblicke der Allmacht beweisen soll?

Die Zeugnisse rufen eine Sprache der Betroffenheit hervor, die sich deutlich von der Sprache bei Katastrophen und Kriegen unterscheidet. Kommentare sprechen von ekelerregenden, widerwärtigen, abstossenden Taten. Das hat auch damit zu tun, dass Bill Gates, Noam Chomsky, Prince Andrew und Donald Trump zusammen auf einer Seite stehen. Eine ganze Weltordnung löst Würgereiz aus.

Im Übermass an Dreck stellt sich die Frage, ob es auf dieser Welt überhaupt noch etwas Wahres, Ehrliches, Reines geben kann.

Gewalt lebt von «Intensitätssehnsucht»

Das Streben nach Intensität stört die Reinheit, schreibt Simone Weil. Es kennt keine natürliche Grenze. Es bezeichnet keinen Zustand, der erreicht werden kann, sondern eine Richtung der Steigerung. Wo Intensität zum Mass wird, verliert das Mass selbst seine Grenze. Menschen verwechseln Intensität mit Realität. Gewaltstrukturen leben von genau dieser Verwechslung.

In «Die Ilias, oder das Gedicht von der Gewalt» beschreibt Simone Weil «force» als eine Macht, die den Menschen bereits vor dem Tod in ein Ding verwandelt:

«Der Mensch ist lebendig, hat eine Seele, er ist trotzdem ein Ding.»

Force wirkt dort, wo ein Mensch aufhört, Gegenüber zu sein – und zum Gegenstand wird. Sie ist dabei kein individuelles Begehren und kein psychologischer Antrieb. Sie ist eine objektive Struktur der Welt, die Menschen ergreift, sobald sie sich ihr überlassen und das Wirkliche aus dem Blick verlieren.

Suspension von Mitleid

Wer handelt, glaubt zwar sie zu beherrschen. In Wahrheit unterliegt man aber sofort ihrer Macht. Da sie das Denken blendet, das Mitleid suspendiert und die Wahrnehmung verengt.

Force setzt sich dort durch, wo der Mensch die Leere, die Grenze, das Unklare, das Innehalten nicht mehr erträgt. Sie verspricht Eindeutigkeit, Wirksamkeit, durchsetzbare Wahrheit. Nicht, weil sie wahr ist, sondern weil sie jede andere Wirklichkeit verdrängt.

Wo Intensität zum Mass des Wirklichen wird, wird «force» die letzte Wirkmacht.

Ich kann diese Sätze nicht lesen, ohne an die Gegenwart zu denken. Ist es möglich, dass so viele reiche und mächtige Männer diese Taten verüben, weil sie nach Intensität streben? Ist es möglich, dass sie diese abscheuliche Gewalt anwenden, weil nur sie ihren Hunger nach Intensität stillen kann?

Wenn Heilige Sex einfordern

Was sich hier zeigt, sind keine Einzelfälle, die wieder einmal in Betroffenheit und Erstaunen domestiziert werden können, sondern solide politische Strukturen.

Ähnliches findet sich in religiösen Gewändern: In «La trahison des pères» schildert die Journalistin Céline Hoyeau, wie die Gründer neuer geistlicher Gemeinschaften zwischen den 1950er- und den 2000er-Jahren in Frankreich ihren Status als lebende Heilige missbrauchten, um junge Frauen und Ordensschwestern dazu zu bringen, Handlungen zu akzeptieren, die sie ohne diese Machtausübung niemals hätten erleben wollen.

Nach dem Abflauen der Erneuerungsbewegung des Zweiten Vatikanischen Konzils versprachen die neuen geistlichen Gemeinschaften und ihre schillernden Gründerfiguren – getragen vom neokonservativen Pontifikat Johannes Pauls II. und der Theologie des Leibes – eine neue Weise des Glaubens, die Emotion, Sinnlichkeit, den Körper und die Annahme der eigenen Sehnsüchte unter streng konservativen Vorzeichen stark machte.

Unter dem Diktat absoluten Gehorsams wurde den Betroffenen von den Gründerfiguren eingeschärft, es sei Gottes Wille, die Patres zum Orgasmus zu bringen und ihren Körper dafür zur Verfügung zu stellen. Und dies verschaffe den Frauen sogar eine besondere Teilhabe an der Erlösung Christi. So bizarr, grotesk und abstossend sich die Zeugenaussagen lesen, so eindeutig ist das zugrunde liegende Muster.

In der Kirche heisst das: maximal intensiver Gott; die Gewalt bleibt dieselbe.

Reinheit als bestimmte Weise der Liebe?

Angesichts der Sexualmoral vieler Gründer neuer geistlicher Gemeinschaften wirkt jedes katholische Sprechen von «Reinheit» zynisch. Im Privaten forderten die Gründer Sex aus Gehorsam, öffentlich erklärten sie Keuschheit zur zentralen Heilsbedingung.

Die Philosophie hat ein Verständnis von Reinheit bewahrt, das nicht im Moralismus und im Missbrauch aufgeht. André Comte-Sponville widmet in «Ermutigung zum unzeitgemässen Leben. Ein kleines Brevier der Tugenden und Werte» aus dem Jahr 2010 ein ganzes Kapitel der Reinheit. Er bestimmt Reinheit mit einem Satz aus dem Tagebuch des italienischen Schriftstellers Cesare Pavese:

«Man wird dich dann lieben, wenn du deine Schwäche zeigen kannst, ohne dass es der andere ausnützt, um seine Stärke zu beweisen.»

Entsprechend erklärt Comte-Sponville: Reinheit ist keine eigenständige Grösse und kein Maximalwert einer Eigenschaft des Wirklichen; sie ist eine bestimmte Weise der Liebe – oder sie ist nichts.

Das Lolita-Klischee

Dem stellt er das verbreitete Lolita-Klischee entgegen: die Fantasie einer verführerischen Reinheit des pubertierenden Mädchens. Das Klischee macht den männlichen Blick salonfähig, weil es die «Schuld der Lust» auf die Verführungslist des Mädchens verlagert: «Siebzehn Jahr, blondes Haar.»

Das Klischee der Reinheit verschleiert Gewalt. Comte-Sponville knüpft im Kontrast dazu bei Simone Weil an. Reinheit, als eine bestimmte Weise der Liebe verstanden, erkennt nicht nur das Reine, also sich selbst, sondern auch das Unreine schonungslos in seiner ganzen Wirklichkeit:

«Die höchste Reinheit», schreibt Weil, «kann sowohl das Reine wie das Unreine betrachten; die Unreinheit kann weder das eine noch das andere: die Reinheit ängstigt sie, die Unreinheit verschlingt sie.»

Deshalb gilt, wie Weil sagt, dass «Reinheit das Vermögen ist, die Befleckung zu betrachten».

Wahrheit geht durch den Körper

Mit anderen Worten entlarvt Reinheit das Streben nach Intensität als Vorhof der Gewalt. Andersherum verunmöglicht das Streben nach Intensität den klaren Blick auf das, was der Fall ist.

Reinheit, wenn sie einmal geschieht, schmerzt, weil sie hinschaut und immer durch den Körper geht.

Glaubt man Weil, brauchen wir Philosophie, Theorie und Kunst, um überhaupt in Bewegung zu kommen. Kognitive, intellektuelle Arbeit aber reicht nicht aus. Was erkannt wird, muss sich realisieren, muss sich körperlich vollziehen: Es muss in und durch den Körper gehen. Weils Gedicht von der Gewalt beschreibt in poetischer Weise das körperliche Hören von Reinheit:

«Der Tonfall unheilbarer Bitterkeit, die aus Zärtlichkeit hervorgeht und ausstrahlt über alle Menschen, gleichmässig wie das Sonnenlicht. (…)

Gerechtigkeit und Liebe, die kaum Platz haben können in diesem Bild extremer und ungerechter Gewalttaten, tauchen es in ihr Licht, ohne je anders spürbar zu sein als durch den Tonfall. Keine Kostbarkeit, zum Untergang verurteilt oder nicht, wird verachtet. Das Elend aller wird gezeigt ohne Verschleierung oder Dünkel. (…)

Alles, was zerstört wird, wird beklagt.»

Also ändert sich nichts ausser, dass getrauert wird?

Widerstand der Reinheit

Die Verkörperung von Reinheit – oder genauer: der aus Zärtlichkeit hervorgehende Tonfall der Bitterkeit – verhindert keine Gewalt und bewahrt uns nicht davor, immer wieder selbst zu Kompliz:innen von Unrecht und Unterdrückung zu werden. Und doch vermag sie es, der Welt den Schleier der Intensitätssucht herunterzureissen. Der kaum hörbare Tonfall jener Bitterkeit dahinter – nicht Ressentiment oder Verbitterung, sondern eine durch den Körper gehende Klarheit, die aus Zärtlichkeit erwächst – schmerzt, weil er nüchtern erkennt, was zerstört wird.

Das scheint nicht viel. Reinheit macht keine Revolutionen. Und doch ruht in ihr eine Widerstandskraft, die einen Unterschied macht.

Wo aber liegt die Fülle des Lebens, wenn nicht in der Steigerungslogik der Intensität? Fadheit und Lauheit sind weder bei Weil noch anderswo Merkmale der Liebe – und folglich auch nicht der Reinheit. Vielleicht – und das wäre eine Diskussion wert – liegt die eigentliche Tiefe des Lebens im aufmerksamen Wahrnehmen der Grenzen und Feinheiten: im Kleinen und Ungesehenen, oder wie Franz von Assisi sagt, im Minderen.

SIMONE WEIL DENKKOLLEKTIV: Gemeinsam mit Mae Bengert und Max Walther betreibt Tom Sojer seit 2019 in Berlin das Simone Weil Denkkollektiv. Das Denkkollektiv arbeitet an den unübersetzten und unerschlossenen Nachlassmaterialen Simone Weils. Im Sommer 2026 erscheint vom Denkkollektiv bei Matthes und Seitz Berlin die Erstübersetzung der Geschwister Weil, als André Weil 1940 im Gefängnis sass: «Notate zur Mathematik. Simone Weil und André Weil» im Verlag Matthes und Seitz.

Literaturempfehlungen:

  • Simone Weil: Krieg und Gewalt: Essays und Aufzeichnungen, diaphanes 2011.
  • Simone Weil: Die Ilias, oder das Gedicht von der Gewalt, Matthes und Seitz Berlin 2025.
  • E. Jane Doering: Simone Weil and the Specter of Self-Perpetuating Force, University of Notre Dame Press 2010.
  • André Comte-Sponville: Ermutigung zum unzeitgemässen Leben: Ein kleines Brevier der Tugenden und Werte, Rowohlt 2010.
  • Céline Hoyeau: La trahison des pères, Bayard 2021.

 

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Zuletzt erschien von Tom Sojer bei RefLab:

«Simone Weil: Es ist der Blick, der rettet!»

Abbildung: Foto von Cemrecan Yurtman auf Unsplash

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