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Lesedauer: 5 Minuten

Lieblingsmomente

Morgenkaffee

Ok, beginnen wir dort, wo der Spass aufhört: beim Kaffee. Ich erinnere mich noch gut, wie meine Frau und ich etwa zwanzig verschiedene 100g-Portionen Kaffee bestellt haben, um die Frage nach der richtigen Bohnensorte ein für allemal (oder mindestens für die nächsten Jahre…) zu klären. Nach zahlreichen Tastings war klar, dass die Arabica-Robusta-Mischung namens »Sicilia«, geröstet vom Luzerner Traditionsunternehmen »Rast-Kaffee«, das einzig Wahre für uns ist. Würzig, kräftig, vollmundig, und sehr dunkel geröstet.

Aber eigentlich klingt das jetzt schon wieder viel zu technisch:

Es geht um den magischen Moment ganz zu Beginn des Tages.

Schlaftrunken und schusselig hat man gerade die Bohnen gemahlen und den Espresso aufgebrüht – und dann sitzt man mit der heissen Kaffeetasse am Fenster des Wohnzimmers, schaut in die Nachbarschaft hinaus, die langsam zum Leben erwacht. Bald geht’s wieder los mit dem ganz normalen Wahnsinn des Lebens. Die Kinder werden aufwachen, es gilt Frühstück zu machen, die Arbeitsmappe zu packen, die Aufgaben für heute in den Blick zu nehmen.

Bald. Aber jetzt noch nicht.

Jetzt ist Zeit für den Kaffee. Zeit, den ersten Moment des Tages zu zelebrieren. Die Tatsache wertzuschätzen, dass man leben darf. An der Tasse zu nippen, den Duft des frischen Espresso in die Nase zu ziehen.

(Ich weiss: Es gibt Menschen, welche behaupten, dieselbe sinnliche Erfahrung auch mit einem Tässchen Grüntee machen zu können. Ich will es ihnen glauben. Ich versuche es…)

Frischluft

Ja, Frischluft. Viele Schweizer tragen ja einen latenten Komplex mit sich herum, weil unser Land keine ernstzunehmenden Grossstädte aufweist. Selbst Zürich kann unter den Metropolen dieser Welt höchstens Cervelat-Prominenz beanspruchen. Aber diese Tatsache kommt der hiesigen Luft durchaus zugute. Es gibt wohl kaum einen Ort in der Schweiz, von welchem aus der nächste Wald, die nächste Wiese oder wenigstens der nächste Stadtpark mehr als eine halbe Stunde Fussweg entfernt wäre. Und spätestens dort lässt sich dann ein weiterer Glücksmoment erleben:

Das bewusste Einatmen frischer Luft.

Der Geruch heisser Grashalme oder warmen Waldbodens im Hochsommer, das trockene oder leicht modrige Laub des Herbstes, die klare, erweckende Luft an einem eisigen Wintertag – und jetzt, im Frühling, natürlich der liebliche Duft blühender Bäume und Blumen: Daran achtlos vorbeizugehen, bedeutet, das Leben zu verpassen.

Gleich vor unserer Haustür blüht zur Zeit ein wunderschöner Strauch, von dem ich jedes Mal überrascht werde, wenn ich unser Zuhause verlasse. Ein Parfüm der Luxusklasse, das die Natur hier verschwenderisch verströmt und jeden Passanten in seinen Bann zieht.

Einmal innehalten, die Augen schliessen. Einatmen. Auch ohne Crashkurs in Yoga ist jedem sofort klar: das tut gut.

LEGO

Sicher: Dieser Punkt ist Geschmackssache (die anderen letztlich auch…). Nicht alle sind zum Knobeln und Konstruieren geboren. Aber wer’s nicht ausprobiert, kann auch nicht wissen, wieviel Entspannung und Zerstreuung ihr/ihm hier vielleicht entgeht.

Nirgends jedenfalls ist die Binsenweisheit »der Weg ist das Ziel« zutreffender, als wenn es um den Aufbau von LEGO-Modellen geht.

Das Auspacken eines neuen Sets, das Zurechtlegen der Steine, das Aufschlagen der Bauanleitung, das Zusammenklemmen der ersten Elemente: All das hat eine meditative Qualität, die nicht nur hyperaktive Jungs in kürzester Zeit beruhigt und fokussiert, sondern die auch Erwachsenen ungemein gut tut.

Ich baue mit unserem Sohn gerade den UCS Sternenzerstörer zusammen (Modellnummer 75252, für alle Kenner). Zugegeben, das ist kein Einsteigermodell. Knapp 5’000 Teile, 500 Seiten Anleitung im Grossformat, und ein Karton, den man besser zu zweit die Treppe hochträgt. Aber auch kleinere Modelle können einen stundenlang begeistern und helfen, sein Chi wieder zu sammeln. Ein Freund von mir hat sich auf Weihnachten den LEGO-Technic Kranwagen (Modell 42082) gekauft und innert Tagen komplett aufgebaut. Er hat ihn danach wieder verkauft (an uns…).

Das wäre doch mal einen Versuch wert, oder?

Serienbeginn

Auch wenn die Strassen leer und die Kinos zu sind: Netflix läuft noch. Und damit warten unzählige Serien unterschiedlicher Genres darauf, von uns entdeckt zu werden. Die Spanne eines Menschenlebens reicht nicht mehr aus, um alles reinzuziehen, was uns von diesem und anderen Streaming-Giganten vorgesetzt wird. Aber das ist natürlich auch nicht nötig: Es geht ja nicht einfach darum, seine Zeit totzuschlagen, sondern Formate zu finden, die uns fesseln, begeistern, bewegen, zum Lachen oder zum Nachdenken bringen, die uns auf jeden Fall in die Magie guter Geschichten entführen.

Ich weiss noch, als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal von einer TV-Serie völlig eingenommen wurde. Es war das makabre Psychopathen-Drama »Dexter«. Jede Episode hat Spass gemacht. Die Serie »24« habe ich dann mit Freunden zusammen geschaut. Wir haben jede neue Season zelebriert.

Bis heute gehört es zu meinen Lieblingsmomenten des Lebens, wenn ich eine neue Serie beginne, und nach einer oder zwei Episoden merke: Das wird »meine« Geschichte werden. Dieses Narrativ wird mich packen und begleiten.

Manche können mit Serien nach eigener Aussage freilich »überhaupt nichts« anfangen. Einige von ihnen haben es aber auch einfach noch nie ausprobiert. Ein guter Freund, dem ich einen Einsteiger-Serientipp gegeben habe, hat mir wenige Tage später jedenfalls morgens um drei eine Email geschrieben: »Ist das krass! Ich kann nicht mehr aufhören; ich muss wissen, wie es weitergeht…«

Weingenuss

Es muss nicht jeden Abend sein. Nach einschlägigen Studien zur Gesundheit der Organe sollte es sogar nicht jeden Abend sein. Aber ab und zu eine gute Flasche Wein zu öffnen und sich ein Gläschen zu gönnen: Das kann der Seele gut tun.

Auch wenn man kein ausgewiesener Kenner ist und keinen Château Lafite-Rothschild 1er cru classé von 2005 im Keller hat: Ein fruchtiger Primitivo oder ein kräftiger Rioja, von mir aus auch ein einheimischer Landwein tut’s alleweil. Entscheidend ist schlussendlich die Bereitschaft, den Moment nicht beiläufig verstreichen zu lassen, sondern ihn wortwörtlich auszukosten.

Wer das Erzeugnis der Rebberge und die Arbeit der Winzer wertzuschätzen weiss, wer den ersten Schluck auf der Zunge zergehen und den Gaumen herabgleiten lässt, wer begreift, dass es nicht um Flüssigkeitszufuhr geht, sondern um den Zauber des Augenblicks: Für den wird jeder Schluck Wein zum Abendmahl.

 

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3 Kommentare zu „Lieblingsmomente“

  1. anita Ochsner

    Danke Manuel für diese wohltuenden Einblicke zu Deinen Lieblingsmomenten! 🙂 Einer meiner Lieblingsmomente ist am Morgen nach dem Aufstehen den Blick aus dem Fenster! Am schönsten der Blick aus dem Estrichzimmer! Aus dieser Höhe, da steht der Vorder-Glärnisch wie eine Pyramide erstreckt sich gross mächtig – heute klar vom tiefblauen Himmel ab. Manchmal im Nebel. Seine Farben der Fels, Schnee auf dem Gipfel. Aus dieser Perspektive von Glarus steht er frei. Daneben nur Himmel! Vogelgezwitscher am Morgen früh ist zu hören. Und einfach dieser Blick! Das ist für mich jeden Tag ein Glücksmoment.
    Tage in Fülle wünsche ich von Herzen. Auf dass unsere Herzen und Augen geöffnet sind dafür. ,-)

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