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Lesedauer: 5 Minuten

Gebetsfahrzeuge

«Wir wollen in den Himmel, aber keiner will sterben.» (Joe Louis)

«Wie schön muss es erst im Himmel sein, wenn er von aussen schon so schön aussieht.» (Astrid Lindgren)

«Die Zukunft ist im Himmel.» (Mustafa Kemal Atatürk)

Ein Schwergewichtsboxer, eine Kinderbuchautorin und ein Staatschef haben eines gemeinsam: Sie scheinen sich mit dem Himmel auszukennen. Und sie stimmen darin überein, dass «in den Himmel kommen» erstrebenswert ist. Das Aufstrebende, Aufsteigende und Auffahrende reizt und inspiriert, das Unten- oder Liegenbleiben verbinden wir dagegen mit Niederlage, Scheitern, Tod und Gruft.

Im Osterritual triumphiert die Metaphorik des Aufstrebenden und Lichtvollen. Die karfreitägliche Dunkelheit wird wie ein schwerer, schwarzer Samtvorhang weggezogen und weicht dem denkbar hellsten Schein, dem «Lumen Christi».

Erleichterung und ein schwebendes Gefühl können sich bei denjenigen einstellen, die sich auf das Mysterium einlassen, analog zur Figur des Auferstandenen.

Wolke 7

Wohl kaum ein anderer Künstler hat den auferstandenen Christus schwebender dargestellt als der italienische Renaissance-Meister Giovanni Bellini. In seinem berühmten Auferstehungsbild floatet Jesus senkrecht mit Siegesfahne und Segensgeste in lichtgetränkter Himmelsluft. Christus ist nach seinem Abstieg ins Totenreich wie die Morgensonne aufgegangen, während Soldaten der imperialen Kolonialmacht am unteren Bildrand dösen oder verdutzt neben dem schattigen Grab stehen.

Die Himmels-Metaphorik findet sich nicht nur in Gebeten, Liedtexten und religiöser Rede, sondern wie selbstverständlich auch in der Alltagsrede, wenn wir beispielsweise etwas «himmlisch» nennen oder vom «siebten Himmel» sprechen. Ein psychologischer Buchklassiker der 1990er-Jahre trägt den Titel: «Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin.» (So gesehen lohnt sich Bravsein eher nicht.)

Ans Wunderbare grenzt, in sternenklaren Nächten das All als scheinbar stilles Gegenüber zu erfahren, das einschwingen lässt auf die kosmische Ruhe.

Gleichzeitig zu wissen, dass wir auf einer Kugel mit einem flüssigen Lavakern sitzen, die in rotierender Bewegung mit mehr als 100 000 km/h durchs All rast, ist aber nicht nur eine ziemlich wahnsinnige Sache, sondern erleichtert nicht unbedingt die räumliche Orientierung.

Wohin sollen wir beten, wenn oben wie unten ist?

In Lars von Triers Kinofilm «Melancholia» wird die wunderbare Leichtigkeit des Seins von einem riesigen Himmelskörper gestört, der sich unaufhaltsam auf die Erde zubewegt und mit ihr kollidieren wird. Die depressive Hauptfigur schöpft im Finale unerwartet die Kraft, dem sicheren Zerschellen eine Art materialisiertes Gebet entgegenzusetzen: ein Zelt aus Ästen als prekären Schutzraum. Die Vorrichtung vermag das verängstigte Kind in ihr tatsächlich zu beruhigen, während die Protagonistin dem Kommenden gefasst entgegenblickt. Am Himmel von «Melancholia» erscheinen keine Hoffnungszeichen.

Mit einiger Plausibilität lässt sich annehmen, dass sich die himmelwärts gerichtete Gebetshaltung noch für antike Menschen stimmiger anfühlte als für moderne und postsäkulare Menschen; weil sie mit dem damaligen Weltbild im Einklang stand. Nach antiker Vorstellung existierte ein Element, das leichter als Luft ist und das diesem Umstand seine aufstrebende Tendenz verdankt.

Das fünfte Element

Das fünfte Element oder die «Quintessenz» ist nicht nur ein mysteriöses Wesen aus einem Science-Fiction-Klassiker (von Luc Besson mit Bruce Willis und Milla Jovovich aus dem Jahr 1997), sondern ursprünglich jener «Äther» (blaue Himmel), den Aristoteles als hinter dem Mond befindliche masselose, unveränderliche und ewige Substanz annahm.

Nach dem Tod löst sich nach antiker Vorstellung das «Pneuma» (Luft, Atem, Hauch, Geist) vom Körper und steigt in den Himmel. «Sein Leben aushauchen» ist ein bis heute geläufiger Ausdruck.

Aber schon der spätantike Kirchenautor Augustinus suchte den «Himmel» nicht mehr ausserhalb, sondern schrieb in den «Confessiones» in direkter Wendung an Gott: »inferior intimo meo et superior summo meo« («Du warst innerer als mein Innerstes und höher als mein Höchstes»).

Wie selbstverständlich werden in digitalen Bilddatenbanken unter dem Begriff «beten» Aufnahmen von Männern oder Frauen abgelegt, die ihre Arme in den Himmel strecken und nach oben blicken, häufig vor eindrucksvoller Naturkulisse, gern an Felsvorsprüngen. Es ist eine von alters her geerbte Haltung, die scheinbar natürlich eingenommen wird, wenn etwas oder jemand Höheres adressiert werden soll.

«Ich habe für Dich den Kosmos angefleht», sagte eine Freundin zu mir, die in einem kommunistischen Land aufgewachsen ist, der DDR, in deren symbolischen Universum Kosmonauten die Stelle von Heiligen vertraten.

Lektionen der Vögel und Lilien

Nichts erschiene widersinniger und verkehrter als «nach unten» zu beten, zum 6000 Grad Celsius heissen Erdkern. Sich auf mentale Luftkissen zu setzen, in der Meditation leicht zu machen wie Cumulus-, Altostratus- oder Nimbostratus-Wolken oder wie ein Adler in Hochgebirgsregionen aufzuschwingen, fühlt sich dagegen irgendwie richtig an. Wir bauen uns Gebetsfahrzeuge für luftige Exkursionen.

«Ich stehe mit beiden Beinen fest in den Wolken», heisst es selbstironisch beim niederländischen Singer-Songwriter und Comedian Herman van Veen.

Wohl wegen der Gefahr der Abkopplung im Höhenflug empfahl der dänische Philosoph und Existenzialismusbegründer Søren Kierkegaard in seiner kleinen, zauberhaften Schrift «Die Lilien auf dem Felde» Betenden gefiederte Luftwesen und erdverwurzelte Lilien gleichermassen als Lehrmeister. Die Vögel lehren Höhenflüge und Ungebundensein, die Blumen eine besondere Form von Mut, nämlich Demut: Sie klagen nicht, wenn sie zum Herbst hin welken. Und wenn sie im Frühling und Sommer blühen, umgibt sie so etwas wie Heiligkeit.

«O daß ich ein Vogel wäre, frei wie der Vogel.» Und «O daß ich eine Blume wäre, wie die Blume auf dem Felde, glücklich in mich selbst versunken und weiter nichts.»

Foto: Cottonbro, Pexels

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