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Lesedauer: 4 Minuten

Eliasson versus Fextal, oder wo wir uns als Teil der Welt erfahren

«Symbiotic Seeing» im Kunsthaus: Ich ging hin und trat in einen grossen, abgedunkelten, von Wasserdampf erfüllten Raum. Unter einer hohen Decke befindet sich auf ungefähr 2.50 Meter eine klar abgegrenzte, dünne Schicht aus Dampf. Sie schimmert in einem gelb-grünlichen Licht, das von den Ecken des Raumes auszugehen scheint. Von weitem wirkt sie wie bewölkt. Näher betrachtet sieht sie aus wie bewegtes Wasser, in dem verschiedene Grünfarben ineinander verschwimmen. Wenn mehrere Personen zusammenstehen, lichtet sich die Schicht über ihnen und gibt den Blick auf Rohre frei, aus denen immer wieder Wasserdampf ausgestossen wird. Sobald dieser auf die Dampfschicht stösst, leuchtet sie in grellen Farben auf, um wieder zu erlöschen. Ein dunkler, eher technisch klingender Sound grundiert das visuelle Erleben.

Ich blieb lange in dem Raum auf der Suche nach dem Kunst-Erlebnis. Es blieb aus. Was mich beschäftigte, war die Frage: Wie hat er das gemacht?

Blog auf Bestellung

Erst nach meinen Winterferien gestand ich unserem Besucher, dass bei mir die Stimmung, die ihn ergriffen hatte, ausgeblieben war. Sie habe mich dafür in der Landschaft des Oberengadins eingestellt.

«Schreib dazu einen Blog», antwortete er mir, «Warum hat dich der besagte Raum nicht ergriffen. Warum ziehst du den Himmel über dem Oberengadin vor. Würde ich gerne lesen».

Naturerfahrung im Fextal

Immer wieder zieht es mich ins Oberengadin. Dieses Jahr war das Wetter durchzogen. Erst am letzten Tag wanderte ich bei blauem Himmel und Sonnenschein ins Fextal.

Wenn ich die Höhe erklommen habe, geht es auf der Flanke durch Bäume und offene Flächen ins immer enger werdende Tal, das sich nach der letzten Biegung zum Talgrund weitet. Beim Rückweg nehme ich – der Optik wegen – den Weg auf der anderen Talseite.

«Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,
Von dem goldnen Ueberfluss der Welt!»

Diese Zeilen aus dem «Abendlied» von Gottfried Keller bringen meine Fextal-Stimmung aufs Schönste zum Ausdruck. Ich betrinke mich an der Schönheit der Natur, die sich an mich verschenkt und mich zugleich in sich aufnimmt. Ich platze vor Glück. Und aus meinem Innern steigt der Dank empor: für die Schönheit der Schöpfung, die mich durchflutet.

Was hat «Symbiotic Seeing» mit dem Fextal zu tun?

An beiden Orten machen Menschen eine Erfahrung, in der sie sich als Teil der Welt erleben. Beide Erfahrungen werden mit Kreation in Verbindung gebracht: das eine Mal ist es die Kreation des Künstlers, das andere Mal die Schöpfung Gottes.

Und beides sind Erfahrungen in der «Schön-Wetter-Variante». Kunst kann gefährlich sein. Die von Eliasson ist es nicht. Natur kann gefährlich werden. Aber dann bleibe ich zu Hause.

Die Unterschiede liegen im Detail

Die Installation von Eliasson wurde unter grossem technischem Aufwand aufgebaut. Viel Man- und Brain-Power steckt dahinter. Am 22.3. ist Schluss, dann wird sie wieder abgebaut. Wer nicht rechtzeitig kommt, verpasst die Erfahrung. Das macht sie kostbar. Die langen Schlangen vor dem Kunsthaus zeugen davon.

Die Natur im Engadin ist einfach da. Man kann sie brauchen: als Wanderweg, Piste oder touristisches Tool. Man kann sie – auf dem Weg in den Süden – übersehen oder mit Chalets verbauen. Ihre Kostbarkeit drängt sich nicht auf; sie wird erst durch bestimmte Erfahrungen entdeckt.

Einmal ist die Kostbarkeit die Brücke zur, das andere Mal die Folge einer Erfahrung.

Warum ich den Himmel über dem Oberengadin vorziehe

Der Raum im Kunsthaus verweist mich nur auf Eliasson; nicht auf etwas, an dem er selbst Teil hat. Ich sehe das verrückte Licht, die aufleuchtenden und verlöschenden Wölkchen, die perfekte Dunstdecke und frage mich: Wie macht er das? Welche Technik steht dahinter? Was braucht es alles, um einen solchen Raum herzustellen? Das Gekonnte und Perfekte zieht mich in seinen Bann und verstellt mir den Blick.

Im Oberengadin kann man dabei sein. Ich erwandere das Fextal. Wenn ich den Berg hinaufstapfe geht mein Atem schneller. Geradeaus wird er leichter. Ich sehe die Natur nicht nur mit den Augen, ich spüre sie an meinem Körper. Ich bin ganz bei mir und ganz in der Natur. Die Erfahrung weist über mich und über die Natur hinaus. So erfahre ich mich als Teil der Welt. Um diese dreifache Erfahrung zum Ausdruck zu bringen, sage ich Schöpfung. Ich gehöre dazu, darin besteht mein Glück.

Gleiche Erfahrung?

Jetzt wäre es interessant zu erfahren, wie die Welterfahrung bei «Symbiotic Seeing» von innen aussieht, und warum nur die Kunst das kann.

Hallo Besucher, schreib doch einen Blog. Ich würde ihn gerne lesen.

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4 Kommentare zu „Eliasson versus Fextal, oder wo wir uns als Teil der Welt erfahren“

  1. Ich habe Symbiotic Seeing nicht gesehen, dachte aber bei den Pressebildern an meinen Künstlerfreund, der dazu sagen würde: Sind wir jetzt im Technorama, oder gehts hier um Kunst? Vor Jahren sah ich in einem Pärklein einer Ostschweizer Kleinstadt drei aneinander geschweisste Eisenstangen. Werk eines jungen, lokalen Bildhauers. Was mich faszinierte, war weniger das Ding als Skulptur, sondern die reine Tatsache, dass der Künstler und die Zuständigen der Stadt offenbar gute Gründe gefunden haben, so ein ziemlich rudimentäres Gestell im öffentlichen Raum zu platzieren. Bei diesen Leuten mag Herzblut mit im Spiel gewesen sein, wie nicht selten bei Kunstschaffenden.

    So sehe ich Kunst dann oft auch durch diese Brille. Ich begegne einem Werk, wofür jemand all seine Möglichkeiten eingesetzt hat. Das mag mich nicht so ergreifen und erfrischen wie ein Wasserfall nach der Schneeschmelze am Brienzersee, doch was Menschen alles anstellen um etwas auszudrücken, daran hat bestimmt auch der Schöpfer aller Wasserfälle seine Freude.

    Thomas Faes

  2. Vielen Dank für den Hinweis auf das Eliasson-Werk und die inspirierende Gegenüberstellung mit individueller Naturerfahrung! “Symbiotisches Sehen” klingt für mich nach einer trans-humanen Perspektive, ein Sehen jenseits begrenzter menschlicher Möglichkeiten. Würdest Du zustimmen, dass der Künstler, der im Kunstraum Natur simuliert (Nebel, dessen Formationen auch an Fischschwärme oder Galaxien denken lassen) als Schöpfer einer physikalischen Versuchsanordnung eine Art Gottposition einnimmt? Und was denkst Du passiert vor dem Hintergrund des ‘Anthropozän’ als fortschreitender künstlich-und-chemisch-Werdung der Natur mit unserer romantisch geprägten Naturerfahrung, die uns Landschaft in erster Linie wie Bilder genießen lässt, die uns ästhetische Urteile abfordern oder uns durch ihre ‘Erhabenheit’ seelisch ‘erheben’?

    1. Friederike Osthof

      Liebe Johanna

      Herzlichen Dank fürs Weiterdenken. Und sorry für die späte Antwort.
      Ich habe mich nicht theoretisch mit Eliasson beschäftigt, aber ich glaube nicht, dass er an einer trans-humanen Perspektive interessiert ist, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie das Wort heute gebraucht wird. Im Kunsthaus-Prospekt fiel das Stichwort «immersiv», und auch von meiner eigenen Anschauung her würde ich sagen, dass es ihm mit der Installation um das Eintauchen geht. Die Besucher*innen sollen das Miteinander in der Welt erfahren, das zu leben uns so schwerfällt.
      Was Deine Frage nach der Gottposition angeht, ist Eliasson der Schöpfer dieser Installation, wobei sein Team sicher tatkräftig mitgeschafft hat. Ich gehe aber davon aus, dass er keine Gottposition für sich reklamiert. Das widerspräche nämlich seiner inhaltlichen Intention eines Miteinanders, das logischerweise auch seine Rolle oder Position beinhaltet.
      Zu Deiner letzten Frage: Vor dem Hintergrund des «Anthropozäns» geht es meiner Meinung nach darum, ob wir die Natur erhalten oder zerstören. Wenn wir sie weiter zerstören, ist es mit der romantischen Naturerfahrung vorbei. Und auch mit allen anderen Arten, Natur zu erfahren. Weil es in letzter Konsequenz nicht nur die Natur, sondern auch uns selbst nicht mehr geben wird. Wenn wir sie erhalten – was ich sehr hoffe – wird es verschiedene Naturerfahrungen nebeneinander geben, die uns je nach Gestimmtheit und inneren Bildern zugespielt werden und die sich auch überblenden können.
      Aber vielleicht hast Du an etwas anderes gedacht?

  3. … ›immersiv‹, das passt dann zum Wasser(-Dampf), da lat. ›immersio‹ ja ›Eintauchen‹ bedeutet … Wenn ich ein immersives Erlebnis wünsche, gehe ich allerdings lieber ins Kino als ins Museum (leider hat ja derzeit beides geschlossen). 😅

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