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Lesedauer: 4 Minuten

Die Rückkehr aus dem Corona-Retreat

«So viele Termine!», «Ich habe diese Woche schon wieder jeden Abend etwas vor» oder «Ich bruche Ferie» – solche Seufzer höre ich in letzter Zeit von allen Seiten. Auch ich bin für meinen Geschmack viel zu rassig unterwegs, hier noch ein Zmittag mit einem Freund, da na chli für die EM an der Bar aushelfen. Macht mir alles Freude, das ist es nicht. Und im Sommer ist oft diese expansive Energie da, das ist es auch nicht.

Den Übergang langsam angehen

Doch ich merke, wie es mir etwas zu schnell geht. Wie mich der Übergang leicht überfordert und ich etwas uliidig bin.

Am krassesten war das am ersten Tag wieder zurück im Kafi, wo ich einmal in der Woche Brunch serviere. Der Kontakt mit so vielen Leuten, das Tempo, die Interaktion mit meinen Kolleg*innen – WOW.

Ich merkte, wie wir alle Mühe hatten, wieder in unser zuvor normales Tempo reinzukommen.

Die Stimmung war ziemlich angespannt, bis klar war: Wir müssen den Übergang langsam angehen. Wir brauchen etwas Zeit, wieder mit Tablett und Gästen zurecht zu kommen. An all «meinen» Tischen sagte ich genau das und hatte das Gefühl, auf Verständnis zu stossen. Viele Gäste meinten sogar, auch sie seien etwas überfordert mit der Situation.

Ja es hilft, die Überforderung nicht überspielen zu wollen, sondern transparent zu machen. Auszusprechen, was wir brauchen, auch wenn das oftmals etwas unangenehm ist (weil «was denken dann die andern», sagt unser Kopf – meist geht es ihnen aber ähnlich und sie sind froh, spricht jemand aus, was sie sich nicht getrauen). Denn sonst übergehen wir den Körper einmal mehr und forcieren ihm einen Funktionsmodus auf, der nun wirklich nicht angenehm ist.

Ja, ich weiss, die Mehrheit verbringt jede Sekunde, Minute, Stunde in diesem Modus. Die Mehrheit der Menschen ist aber auch unzufrieden, krank oder latent hässig. Also wüki kein Massstab.

Wie schaffen wir es also, uns nicht zu sehr in diesem Strudel mitreissen zu lassen? Den Übergang vom Corona-Retreat zu einem neuen Alltag bewusst zu begehen? Ohne dass wir als Eremit*innen in den Wald gehen – das finde ich ja dann auch nicht so spannend. Die Sommerferien sind doch ein guter Moment, kurz innezuhalten und zu verschnaufen.

Wünsche für den Sommer

Ich weiss, ich wiederhole mich, klinge wie eine Schallplatte mit Sprung. Aber die Wahrheit ist: Das Üben kommt nicht irgendwann zu einem Stillstand, sondern bleibt ein Üben. Wenn mich das eine nicht mehr triggert, kommt bestimmt etwas anderes. Das finden unsere Köpfe und separaten Ichs total mühsam, dabei könnte es etwas sehr Lustvolles haben, sich nach Spiel anfühlen und nicht nach Arbeit. Darum hier, was ich mir für die Sommerpause und die Rückkehr aus dem Corona-Retreat vornehme:

  1. Übergänge im Tagesablauf sorgsam gestalten – denn genau dort geschieht es schnell, dass wir unsere Bedürfnisse im Stich lassen. Zum Beispiel hilft es, am Morgen gleich nach dem Aufwachen einer kurzen, geführten Meditation zu folgen. Oder beim Beenden des Arbeitstages eine fünfminütige Bewegungspause einzubauen, bevor alles andere passiert. Den Prozess des «ich gahn etz go schlafe» zu zelebrieren, das Zähneputzen tatsächlich zu spüren und nicht einfach hinter sich zu bringen.
  2. Auch wenn ich wegen Sommerferien weniger Arbeit habe: Ich möchte die Agenda nicht mit sozialen Dingen zupflastern. Tage zuzulassen, an denen gar nichts geschehen muss.
  3. Mich extra gut um den Körper kümmern: Wann braucht er Ruhe, wann braucht er Bewegung? Welches Essen will der Bauch, wenn er Hunger signalisiert? Will ich tatsächlich in die Badi oder meine ich das nur aufgrund von FOMO (weil unser Sommer ja meist bloss ein paar Tage lang ist…)?
  4. Ich nehme mir vor, die Details der anstehenden Veränderungen dem Leben zu überlassen und sie nicht kontrollieren zu wollen. Etwa, indem ich stundenlang darüber nachdenke oder Dinge zämegoogle. Mich dem Unbekannten hinzugeben, obwohl ein Teil von mir stattdessen lieber tot umfallen würde.
  5. Ich möchte mich tatsächlich auf das Erleben von genau jetzt genau da einlassen – auch wenn das für mich oftmals heisst, mich intensiv mit Trauer und Verlustängsten auseinanderzusetzen. Doch beim Erleben dieser Gefühle merke ich einmal mehr, wie unendlich befreiend das eigentlich ist. Sie als Bewegung durch mich hindurch zu spüren, ohne sie festhalten oder vermeiden zu müssen. Oder wie eine Klientin hat das letzthin sehr schön zusammengefasst hat:

«Feeling things is the worst and the best at the same time.”

In diesem Sinne – I’m off to meditate und wünsche euch einen wunderbaren, langsamen und verkörperten Sommer!

 

Photo by Brett Jordan on Unsplash

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