Dein digitales Lagerfeuer
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 Lesedauer: 5 Minuten

Der Tod, dein Freund

Ein Himmelbett hab’ ich mir immer gewünscht. Als Kind und auch noch als Jugendliche. Aber natürlich nicht so. Nicht mit einem Totengerippe obendrauf. Totengerippe erinnern mich an Arztbesuche. Früher erklärten Ärzte anhand von Plastikskeletten oder Teilen davon Anatomisches. Tun sie das noch heute?

Tod war in meiner Wahrnehmung etwas für Mediziner, sicher nicht für mich.

Unterwegs in den Wolken

Ich wünschte mir ein Himmelbett mit bauschigen Vorhängen. Noch als Studentin. Aus Seide oder Goldbrokat mit Fransen. Ein Liebesnest. Ein Bett wie aus Märchenbüchern oder Schlössern, die Familien an Wochenenden besichtigen, bevor sie Kuchen essen.

Bei Frida Kahlo fehlt die Stoffhülle, nicht einmal ein Moskitonetz schützt.

Fetzenwolken umspielen stattdessen das Bett. Wolkenstoff aus kühlem Dunst und Himmelschweiss. Wohin geht die zugige Reise? Richtung Blauschimmer links oder dunkle Wolke rechts?

Ihre Augen sind geschlossen, sie schläft vielleicht, träumt. Oder will schlafen, träumen, fliehen.

Denn da ist etwas in ihrem Körper eingenistet, das nicht passt – schon gar nicht zu einem jungen Menschen: Schmerz!

Ein Wunder

Als Jugendliche ein schwerer Strassenbahnunfall in Mexiko-Stadt. Das Becken von einer Metallstange durchbohrt, Brustkorb gequetscht, ein Wunder, dass sie nicht auf der Stelle starb; die Geschichte ist bekannt.

So wurde sie eine weltbekannte Pop-Art-Ikone mit Schmerzensbiografie.

Leiden, neben dem Lieben, gilt traditionell als weiblicher Schmuck. Kahlo wählt ihren Schmuck mit Bedacht.

Grünes Blattwerk rankt auf goldgelber Bettdecke. Wie gestickt. Überwuchert vom vegetativen Nervensystem. Wurzelgeflecht über blutenden Zehen.

Schmerz, lebenslänglich

Sie ist angewachsen ans Bettgefängnis, ihre Körperhülle jenseits ihres Zugriffs, aber immerhin fliegt das Bett.

Ihr Schmerz ist kreativ. Er überrascht sie immer wieder. Er kann seine Gestalt und Farbe wandeln. Heute niederdrückend gallegrün und sie muss sich übergeben, morgen spitz und violett, übermorgen feurig entzündet.

«Ich habe gedacht, man braucht in Kliniken keinen Schmerz leiden»,

sagt eine alte Dame erstaunt. «Ich dachte, das haben sie in den Griff gekriegt, medikamentös». Sie ist nicht im Bilde.

Sie hatte in über siebzig Jahren nie ins Krankenhaus gemusst. Sie hatte sich bester Gesundheit, ja Sportlichkeit, erfreut, bis die Diagnosebombe einschlug: «Nicht operabel», «unheilbar».

Nicht operabel!

Natürlich hilft kein Mittel, wenn Schmerz masslos ist. Das gilt heute wie 1940, als «El sueño» entstand. Frieda Kahlo starb 1954, im Alter von 47 Jahren.

«El sueño»: Der Titel spielt mit Ambivalenz. «Sueño» bedeutet im Spanischen Traum; es kann aber auch Wunsch, Sehnsucht oder Vision meinen.

«Sueños» können auch Offenbarungen sein.

Kahlo spielt in ihren Bildern mit folkloristischen, religiösen und mystischen Anklängen.

«El sueño» entstand in dem Jahr, als der Geliebte der Künstlerin, der russische Revolutionär Leo Trotzki, ermordet wurde. Und sie sich von Diego Rivera, ihrem Künstlergatten, scheiden liess, den sie später wieder heiratete.

Memento mori

Das Skelett in dekorativem Elfenbeinweiss mit Blumenstrauss sieht beinahe wie eine Braut aus. Es nimmt die gleiche Liegeposition ein und auch lagert der Kopf des Gerippes auf zwei Kopfkissen, wie die Frau mit üppigem dunklen Haar. Ein Doppelgänger.

Auf dem Himmelbett der Künstlerin soll sich tatsächlich ein Skelett aus Pappmaché befunden haben.

Kahlo im Bett mit dem Tod – und dieser mit einer Sprengvorrichtung versehen. Als Symbol, dass alles jeden Moment in die Luft fliegen kann. Es kann jeden Moment aus sein. Das wirkt ehrlich und schonungslos.

Aber die Sprengvorrichtung am Totengerippe ist zugleich einen ticken zu viel.

Kahlo lässt an der Stelle das Drama und die bewusst ins Kitschhafte gesteigert Leidensmystik in Lachen kippen, in Ironie über sich selbst.

Genau hier ist ihr Freisein spürbar; dass sie zum Tod wirklich sagen konnte: mein Freund, nehmen wir es nicht allzu schwer.

Universelles Trostbild

Ich streiche in einem Kiosk über weiss-glänzende Miniatur-Totenköpfe aus Mexiko mit bonbonfarbener Bemalung. Ich streichle die Köpfe. Ich hätte gern einen zu Hause. Aber passen Boten des Día de Muertos zu meiner Home Deko? Will ich sie wirklich um mich haben?

Ich glaube, ich bin noch nicht so weit.

Heute wird Kahlos Gemälde im Auktionshaus Sotheby’s in New York versteigert, der Schätzwert liegt zwischen 40 und 60 Millionen USD. Seit Tagen liest man in den News, es werde der bislang höchste Erlös für das Werk einer Künstlerin erwartet. Aber nicht das ist das Besondere, sondern dass «El sueño» eine Zumutung und zugleich eine Ermutigung ist, nicht bei der Angst stehenzubleiben.

Gerade durch die Nähe zum Unausweichlichen gelingt die Distanznahme.

Das Bild zeigt, was wir am wenigsten sehen wollen – den Tod im eigenen Bett – und es macht genau daraus eine Zumutung, die man aushalten kann. Vielleicht ist das der eigentliche Traum dieses Bildes.

«El sueño» ist Zumutung und Ermutigung zugleich: Lassen wir der Angst nicht das letzte Wort!

Das Auktions-Timing passt. Am Sonntag ist Ewigkeitssonntag, auch Totensonntag genannt. Christ:innen gedenken der Verstorbenen, der eigenen Sterblichkeit und teilen die Hoffnung auf Auferstehung.

Bild: Frida Kahlo, «El sueño» von 1940, Sothby’s

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Und jüngst erschienen:

«Wenn der Tod ins Leben zurückehrt» von Bruno Amatruda.

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