Ein feiner Film vom Ende des vergangen Jahrhunderts trägt den schönen Titel «Das Leben ist eine Baustelle». In Zeiten des Umbruchs kann man ihn auch auf die Kirchen anwenden. Überall wird saniert, umgebaut, umgenutzt, auch abgerissen, manchmal sogar neu errichtet.
Bislang dachte die Öffentlichkeit, dies wäre ein kircheninternes Thema – oder eines für den Denkmalschutz. Doch die Zukunft der Kirchengebäude geht die ganze Gesellschaft etwas an: So muss sie sich fragen, was ihr Kirchengebäude wert sind und wozu sie dienen sollen.
Nicht nur Kirchenmitglieder suchen diese besonderen Orte auf, um für einen Moment zur Ruhe zu kommen, ein Konzert oder eine Ausstellung zu erleben, ein wichtiges Erlebnis mit anderen zu teilen. Auch wären viele Nichtchrist:innen irritiert, vielleicht sogar verletzt, wenn plötzlich ein altvertrauter Kirchturm nicht mehr da wäre.
Eine Baustelle stellt vor grundsätzliche Fragen

Seit über zwei Jahrzehnten beschäftige ich mich damit – zunächst in Hamburg, jetzt von Berlin aus. Bei einem Besuch in Zürich vor kurzem habe ich wahrgenommen, dass sich hier ähnliche Fragen stellen wie bei uns in Deutschland – wahrscheinlich etwas zeitversetzt. Ich habe nämlich das Großmünster in Zürich besucht, das gerade einer groß angelegten Sanierung unterzogen wird. Das ist für die ganze Stadt – ja, für die Schweiz überhaupt von Bedeutung.
Auf jeder Baustelle steht Großes auf dem Spiel. Nicht nur praktische Probleme sind zu bedenken, sondern auch Prinzipielles. Das gilt besonders für Kirchensanierungen und -umbauten, denn Kirchen sind Bedeutungsräume höchster Ordnung.
Was man hier hinzutut oder wegnimmt, repariert oder verändert, hat jeweils einen tiefen Sinn, über den man sich klar werden sollte. Das gilt besonders in einer Zeit der Krise – der Kirchen- und der Kirchraumkrise – wie unserer Gegenwart.
Wir müssen unter großem Druck darüber nachdenken, welche Kirchengebäude wir noch brauchen, gut nutzen, uns leisten können und welche wir uns mit anderen teilen, einer neuen Nutzung zuführen oder aufgeben sollten.
Was für eine Kirche wollen wir sein?
Dabei stellen sich mir folgende Fragen: Was für eine Kirche wollen wir eigentlich sein? Wozu und für wen sind wir da? Wie zeigt sich das in unserem Kirchraum – von außen und innen? Welche Raum-Gestaltungen entsprechen uns heute am ehesten? Und wie gehen wir mit Gestaltungen um, die uns fremd erscheinen?
Was bedeutet uns unser kulturelles Erbe?
Wie und mit wem klären wir diese Fragen? Wie gestalten wir die Prozesse der Beteiligung, Beratung, Entscheidung und Umsetzung? Und wie zeigt sich in all diesem Reden und Tun auf unserer Sakral-Baustelle, dass wir eine Kirche Jesu Christi sind?
Räume sind nicht heilig
Es ist ja seltsam, dass das Christentum eine wunderbare Architekturgeschichte geschrieben hat, man früher aber anscheinend kaum theologisch darüber nachgedacht, was es heißt, große, öffentlich sichtbare, kunstvoll gestaltete Sakralbauten zu errichten. Es hat bis zum 5. Oktober 1544 gebraucht, da nämlich hielt Luther die Predigt zur Einweihung des ersten evangelischen Kirchbaus: der Schlosskapelle von Torgau. Darin erklärte er:
«Meine lieben Freunde, wir wollen jetzt dieses neue Haus einsegnen und unserem Herrn Jesus Christus weihen. Das gebührt nicht mir allein, sondern ihr sollt auch zugleich mit angreifen, auf dass dieses neue Haus dahin gerichtet werde, dass nichts anderes darin geschehe, als dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir umgekehrt mit ihm reden durch unser Gebet und Lobgesang.»
Diese «Torgauer Formel» bestimmt, dass es im evangelischen – nicht nur lutherischen, sondern auch reformierten – Christentum keine an sich heiligen Orte und Räume gibt.
Kirchen werden für einen bestimmten Zweck gebaut und unterhalten. Dieser ist keine «Substanz», sondern eine «Funktion». Diese «Funktion» besteht darin, dem Gespräch zwischen Gott und Gemeinde einen Ort zu geben. Kirchengebäude werden deshalb auch nicht von einem Geistlichen im engeren Sinn geweiht, sondern von einer Gemeinde mit einer Segensbitte in Dienst genommen und für Jesus Christus reserviert.
Kirche als vielfältiger Ort
An Luthers «Torgauer Formel» überzeugt mich, dass sie magische Missverständnisse und auratische Überhöhungen abweist. Aber ich denke, dass wir über seine Formel hinausgehen müssen, wenn wir verstehen wollen, was ein Kirchengebäude uns heute bedeutet.
Eine Kirche ist primär ein Raum für den gemeinschaftlichen Gottesdienst. Aber das ist nicht alles.
Sie ist auch ein Ort für die individuelle Andacht, ein Versammlungs- und Veranstaltungsort für die Kirchengemeinde, ein Gestaltungsraum für das Gemeinwesen, ein Kunst-Raum, das Wahrzeichen für ein Dorf, eine Stadt, eine Landschaft, ein historisches Gedenkzeichen, ein familiärer Erinnerungsort und – das sollten wir in all unseren Planungen nie vergessen – ein Freiraum für eine Bedeutung, die wir noch nicht kennen.
Lösungsansätze für die Transformation des Kirchenraums
Die Herausforderung «Kirchraum-Transformation» ist nicht neu. Erste Klärungsversuche hat es in Westdeutschland seit 1990 gegeben – vor allem in Metropolen Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen. (In Ostdeutschland stand man vor anderen Fragen: Es gab nur wenig neue Kirche, stattdessen versuchte der Staat fast alle alten Kirchen dem Verfall zuzuführen.)
Die ersten Lösungen, die man in Deutschland erfand, haben sich an dieser Reihenfolge orientiert:
- Immobilienaufgabe von «außen» nach «innen» (zuerst Nutzbauten, zuletzt Sakralbauten)
- «Nutzungserweiterung» (oder «Umnutzung») geht vor Verkauf oder Abriss
- Abgabe an andere christliche Gemeinschaften und verträgliche Fremdnutzung statt beliebiger Fremdnutzung
- Abbruch vor «unwürdiger» Fremdnutzung.
Mancherorts hat dies zu sinnvollen Lösungen geführt. Aber in diesen Maximen stecken auch Probleme, weshalb man sie nicht kopieren sollte.
So ist keineswegs eindeutig, was jeweils «innen» oder «außen» bedeutet. Was ist der «Kern» einer Gemeinde? Das wird man an unterschiedlichen Orten unterschiedlich beantworten.
Krisen und Konflikte
Ein weiteres Problem besteht im Prozess-Design. Zu oft hat man versucht, die Transformation von Kirchräumen allein kirchlich zu steuern (in Absprache mit staatlichen Stellen). Es hat zu wenig offene, konstruktive Beteiligungen gegeben. Zudem hat man zu wenig auf die Kosten geachtet: Viele Umbauten oder Abgaben waren wenig nachhaltig.
Die wichtigste Lernerfahrung aus 30 Jahren Kirchraum-Transformation in Deutschland aber lautet:
Es gibt keine generellen Lösungen; man kann und soll von anderen lernen, aber die Lösung muss jeweils vor Ort gefunden und individuell gestaltet werden.
Die Krise der Kirche und ihrer Gebäude hat eine dramatische Dynamik entwickelt. Die bisherigen institutionellen Möglichkeiten reichen nicht mehr aus. Ich erlebe, dass Überforderung zu oft und zu schnell zu Funktionsverlusten und destruktiven Konflikten führt.
Wir können uns in dieser Krise zurückziehen und versuchen, mit den Instrumenten «Angst» und «Kontrolle» weiterzuarbeiten. Ich würde aber dafür plädieren, diese Krise zu nutzen, um zu öffnen. Dazu müssen wir uns von alten Selbstbildern und institutionellen Mustern verabschieden.
Beherzter Kontrollverlust durch offene Gespräche
Die «Volkskirche» sollte sich zu einer «Kirche im Gemeinwesen» entwickeln. Lösungen für ihre Kirchengebäude lassen sich nur vor Ort finden. Dazu muss das offene Gespräch mit Menschen aus dem jeweiligen Gemeinwesen geführt werden. Dazu muss die Kirche sich aber auch selbst als Teil des Gemeinwesens verstehen.
Solche Prozesse brauchen Zeit, aber sie dürfen auch nicht verschleppt werden. Ideen allein reichen nicht. Die Kosten und praktischen Fragen müssen genau bedacht werden.
Die Kirche als Institution kann diese Transformation nicht allein steuern und kontrollieren, aber sehr wohl fördern.
Dafür braucht es eine allgemeine Orientierung, aber auch die Bereitschaft zum beherzten Kontrollverlust.
Die kirchlichen Herausforderungen sind auch die gesellschaftlichen Herausforderungen. Wir können unserer kirchlichen Verantwortung nur dann gerecht werden, wenn Politik und Gesellschaft die Kirchraum-Transformation endlich auch als ihr ureigenes Thema annehmen.
Unsere Kirchengebäude brauchen viele Menschen, die gemeinsam mit uns Verantwortung für sie übernehmen. Deshalb sollten wir alle Menschen guten Willens einladen, Kirchengebäude als Orte des kulturellen Erbes und des guten Zusammenlebens zu entdecken.
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD). Er ist auch Host des RefLab-Podcasts «Draussen mit Claussen». Dieser Text beruht auf einer Gastpredigt, die der Autor am 23. August 2026 im Zürcher Grossmünster gehalten hat in der Reihe «Baustellen in der Bibel».
Fotos: Shirana Shahbazi, Tut um Gotteswillen etwas Tapferes, 2026, Kunst und Bau im Rahmen der Instandsetzung des Grossmünsters durch das Hochbauamt Kanton Zürich (Foto: Anne Morgenstern)





