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Das zweite Leben der Kirchen

Das Wirtshaus Ückendorfer Hof hat schon vor langer Zeit geschlossen. Müde erinnert die Fassade an den Ehrgeiz vergangener Zeiten. Der historische Stuck zitiert Ornamente der Gotik. Doch ist er vor Staub dunkelgrau, die heruntergelassene Rolljalousie zur Eingangstür demoliert. Das Schicksal der Gelsenkirchener Kultgaststätte war geknüpft an die Arbeit in den Zechen, an die «Kathedralen der Arbeit», wie der Kunsthistoriker Karl Scheffler die Monumentalbauten der Schwerindustrie nannte.

Mit dem Ende des Bergbaus ging auch im Ückendorfer Hof das Licht aus. Das Gebäude verfällt.

Ein paar Hundert Meter weiter blüht neues Leben aus den Ruinen: Die Kirche Sankt Josef gehört zu 12 entwidmeten Gotteshäusern, die Teil der Manifesta 16 sind, einer Kunstbiennale mit wechselnden Austragungsorten. Als «European Nomadic Biennial» zieht sie in immer neue Orte sozialen Wandels. Dieses Jahr im Fokus: die Kirchen im Ruhrgebiet.

Eine migrierende Biennale

Was wird aus den Gotteshäusern? Braucht die wirklich keiner mehr? Was braucht es, um diesen Gebäuden neues Leben einzuhauchen?

In Sankt Josef im Gelsenkirchener Stadtteil Ückendorf hat sich das göttliche Pneuma (Geist, Hauch, Luft, Atem) in tiefblaue Plastikfolie verwandelt, die nun den gesamten sakralen Innenraum umspannt.

Low-Budget-Christo meets Blue Man Group.

Möglich Unvorhersehbar, 2026 © Penique Productions/Sergi Arbusà. Photo © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev

Das mystische Blau verleiht auf seine Weise dem verblassten Glanz der Bergarbeiterkirche eine neue Erhabenheit.

Die Gruppe Penique Productions verfremdet den Kirchenraum mittels ihrer ephemeren Installation und lässt einen völlig neuen und ungewohnten Eindruck entstehen.

Mit einer eigenwilligen Mixtur aus Gotik und Klassizismus gehört Sankt Josef zu den älteren Gotteshäusern, die an der Manifesta teilnehmen. Der Kirchenbauboom folgte den Einwanderungswellen, galt es doch, Neuankömmlinge zu integrieren und ihnen ein spirituelles Obdach zu geben. Dies taten die zahlreichen Kirchen in der unmittelbaren Nachbarschaft, die sogenannten «Pantoffelkirchen». Denn der Pott, wie das Ruhrgebiet genannt wird, war immer eine Region massiver Einwanderung.

Bedeutenden Zuzug erhielt die Gegend in den 1870er- und 1880er-Jahren, einer Phase forcierter Industrialisierung, nicht zuletzt in der Folge der Reichsgründung.

Die Neu-Gelsenkirchener von damals waren überwiegend polnischsprachige Bürger des preußischen Ostens, überwiegend Katholiken.

Spirituelle Heimat für Einwanderer

In der Zeit nach 1945 kamen die Zuwanderer erneut aus Osteuropa, Deutsche aus dem einst preussischen Osten nach dem Ende von Hitlers Vernichtungskrieg, Vertriebene. Sie wurden dringend für die Aufbauarbeit nach den Kriegsschäden gebraucht und standen am Anfang des Wirtschaftswunders, das schon bald einen noch weitergehenden Bedarf an Arbeitskräften zeitigen sollte.

Die monumentale architektonische Pose der Liebfrauen Kirche in Duisburg zeugt vom Selbstverständnis jener Tage.

Mitten ins Zentrum der betriebsamen City setzte Architekt Toni Hermanns einen rauen Solitär aus Sichtbeton und Naturstein als spirituellen Raum des Rückzugs. Im Innern dieses monumentalen kubischen Baukörpers manifestiert sich dieser Tage ebenfalls das Pneuma, allerdings in einer anderen Weise als in Sankt Josef. Hier ist es eine raumgreifende Installation demontierter Orgelpfeifen. Dank einer raffinierten Druckluft-Mechanik entweichen ihnen stetig sich wandelnde, näselnde Klangschwaden, Soundscapes.

Die wie Flak-Batterien angeordneten Pfeifen künden so von Krieg, Verlust und Möglichkeiten der Heilung zugleich.

Ouranophobia 47051 , 2026 © Abbas Zahedi. Photo © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev
Ouranophobia 47051 , 2026 © Abbas Zahedi. Photo © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev

Im Essener Norden, in der wuchtigen Architektur von Sankt Marien, lassen die Kuratoren René Block und Leonie Herweg die Manifesta-Gemeinde durch einen Klangvorhang aus Röhrenglocken den Blick auf eine Installation von Katharina Fritsch werfen. Ihr Kreuz, aus groben Ästen geformt, erinnert an die einstige Bestimmung dieses auch bei strahlendem Sonnenschein etwas düster wirkenden fünfeckigen Kirchenschiffs. 

Durch die rosa Färbung wirkt das Kreuz plötzlich weniger schwer und beinahe poppig.

Birkenkreuz, 2026 © Katharina Fritsch. Photo © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev

Kirchen dürfen nicht verfallen!

Indem die Manifesta 16 diese profanierten Sakralbauten als Orte zeitgenössischer Kunst nutzt, öffnet sie die Tore weit für alle: «Wir haben in den ersten sechs Wochen 72’000 Menschen gezählt», sagt Anna Thornton, die Sprecherin der Amsterdamer Organisation, die die Manifesta organisiert, «das hat unsere Erwartungen weit übertroffen.»

Wo einst der Ort des christlichen Ritus war, treten heute Kunst, Spiritualität, soziale Fragen und gesellschaftlicher Dialog in einen lebendigen Austausch.

Und genau hierin liegt die grosse Chance: Entwidmete Kirchen dürfen nicht verfallen! Dringend benötigen wir sie als Orte eines lebendigen Miteinanders für Menschen jeder Herkunft und aller Glaubensrichtungen – denn sie sind dazu bestimmt, uns zu den verbindenden solidarischen Wurzeln unserer Traditionen zurückführen.

Die Manifesta 16 Ruhr läuft bis 4. Oktober in Kirchen im Ruhrgebiet, der Eintritt ist frei.

Unser Gastautor Hans von Seggern arbeitet im Kulturbereich und schreibt unter anderem für den «Berliner Tagesspiegel».

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