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Lesedauer: 5 Minuten

Auf welches Versprechen hören wir?

Eine Freundin erzählte mir von einer Weiterbildung, die sie in den U.S.A besucht hatte und von den Menschen, denen sie dort begegnet war. Sie war beeindruckt, wie einfach, direkt und praktisch sie leben. Ein Leben nach den «Four Agreements». Mit der christlichen Religion, in der sie aufgewachsen sei, könne sie nichts mehr anfangen. Sie verstehe nicht, wofür das ganze Drumherum und die Rituale gut seien. «The Four Agreements» dagegen würden ihr helfen, weil sie alltäglich anwendbar seien.

Zurückweisung

Ich bin erschrocken über diese Äusserung. Sie fühlte sich an wie eine Zurückweisung, betraf sie doch das, was mir wichtig ist, den christlichen Glauben. Es tut weh, so eine negative Sicht auf das Christentum vorgeführt zu bekommen. Und natürlich hatte ich keine Ahnung, was es mit den «Four Agreements» auf sich hat. Ich überwand meinen Schrecken, denn ich halte viel von meiner Freundin. Sie ist zugewandt, lebensklug und voller Ideen, die sie engagiert und zupackend in die Tat umsetzt. Ich wollte also wissen, was es mit diesen «Four Agreements» auf sich hat.

«The Four Agreements»

  1. Be impeccable with your word. / Sei tadellos mit Deinem Wort.
  2. Don’t take anything personally. / Nimm nichts persönlich.
  3. Don’t make assumptions. / Stell keine Vermutungen an.
  4. Always do your best. / Gib immer Dein Bestes.

Diese vier Versprechen sind eigentlich Verabredungen, die man mit sich selbst trifft. Und ja, es stimmt, sie sind einfach in den Alltag zu integrieren. Ob man sie einhalten kann, ist eine andere Frage. Aber man kann sie üben. Wenn man scheitert, beginnt man beim nächsten Mal von Neuem. Man kann das eigene Verhalten darauf ausrichten und dabei Fortschritte machen.

«Be impeccable with your word»

Das erste Versprechen lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was wir sagen. Es erinnert daran, dass Worte etwas bewirken und dass wir für unsere Worte wie für deren Wirkung die Verantwortung haben. Es ist gut, daran erinnert zu werden.

«Ein Mini-Konflikt zeichnet sich ab, wo es eigentlich nur ums Kochen geht. Man will nicht streiten, ist aber gereizt, warum auch immer. Und schon ist es heraus, das scheinbar harmlose Wort, das sich dem andern wie eine scharfe Spitze in die Seele bohrt.»

«Be impeccable with your word» dient der Analyse: Was habe ich da gerade gesagt; war das nötig? Woher kommt die Aggression? Und es dient der Achtsamkeit: Bist Du sicher, dass Du das sagen willst, was sich da gerade in Deinem Kopf zu einer kleinen Bombe formt? Kannst Du das auch anders sagen, ohne Unterton? Willst Du regeln, wer die Kartoffeln schält, oder willst Du Deinen Unmut loswerden?

Das erste Versprechen setzt viele Wörter frei, aber erstmal im eigenen Kopf. Es dient der Klärung und der Entscheidung, was man wirklich sagen und was man besser für sich behalten will.

«Don’t take anything personally.»

Beim zweiten und dritten Versprechen geht es darum, wie wir auf die Worte und Taten der anderen reagieren. Wir sollen eben nicht reagieren, sondern die Worte und Taten erstmal da lassen, wo sie sind, nämlich bei den anderen: «Nimm nichts persönlich» und «Stell keine Vermutungen an».

«Es hört sich an wie Kritik oder Abwertung, aber vielleicht war es gar nicht so gemeint. Oder: Die kämpft vielleicht nur mit ihren eigenen Dämonen; die eigenen können sich wieder entspannen. Oder: Es hört sich an wie eine Aufforderung aktiv zu werden, aber nimm’s mal als eine Aussage.»

Die Strategie besteht darin, gegenüber den ungefiltert abgeschossenen Pfeilen der anderen immun zu werden.

Das Versprechen, frei zu werden

Die Versprechen regeln die jeweilige Verantwortlichkeit in unserer Kommunikation: Ich bin für meine Worte und Taten verantwortlich, wie die andern für die ihren. Das verschafft Freiheit. Die Freiheit eigenverantwortlich zu handeln und die Freiheit von den Zumutungen der andern.

Die Nähe zum christlichen Glauben

Diese Versprechen sind gar nicht so weit weg vom christlichen Glauben. Im Wort «impeccable» steckt das lateinische peccator, Sünder drin. «Sei unsündig mit deinem Wort». Versündige Dich nicht an Deinen Nächsten mit Wörtern, die sie kränken, entwerten oder verletzen. Das Christliche kennt auch die Form von Introspektion oder Achtsamkeit, die die eigenen Gedanken, Gefühle und Motive durchleuchtet, klärt und bei Bedarf korrigiert. Und das Christentum weiss um die Macht des Wortes und der Wörter, die uns anhält, sorgfältig auf sie zu hören und sie behutsam zu verwenden.

Vielleicht haben wir Christen es verlernt, unsere Anliegen in klare und direkte Worte zu fassen. In diesem Punkt verstehe ich meine Freundin.

Das ganze Drumherum

Aber ich habe beim Nachdenken auch gemerkt, dass mir das «ganze Drumherum» wichtig ist. Auch dafür, dass ich Verabredungen mit mir selbst treffen kann. Ich würde viel vermissen, wenn ich nur noch «The Four Agreements» hätte, die auf Klärung, Nüchternheit und Freiheit durch Abgrenzung zielen. Mir würde das «Drama» fehlen, das von Anfang und Ende, von Himmel und Erde, von Tod und Auferstehung, von Sünde und Erlösung erzählt. Denn auch in meinem Leben gibt es dramatische Wendungen, für die ich mir dort Wörter und Bilder leihen kann, um sie auszudrücken und zu verstehen. Mir würden die biblischen Geschichten fehlen. Sie erzählen von Konflikten, in die Menschen mit sich, anderen und Gott verwickelt sind. Und sie verwickeln vor allem mich in sich. Indem ich ihnen nachdenke, erfahre ich viel darüber, wie vielschichtig und unauslotbar das ist, was zwischen Menschen passiert.

Oft eine Zumutung. Richtig. Eine Beschränkung von persönlicher Freiheit. Stimmt.

Aber auch der Reichtum dessen, was wir sind und haben.

 

Literatur: Don Miguel Ruiz, The Four Agreements : A Practical Guide to Personal Freedom. Oder auf Deutsch: Die Vier Versprechen. Ein Weg zur Freiheit und Würde.

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