Less noise – more conversation.
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Lesedauer: 7 Minuten

Ach, regt mich diese Frau auf!

Drei Jahre lang hab ich mich über die Frau aufgeregt. Dabei kannte ich sie nicht mal. Oder nur durch Facebook, wo sie mit ihren provokativen Statements ständig in meinem Feed auftauchte und mich zur Weissglut brachte. Sie liebt das öffentliche Ärgernis, das war klar – und ich gehörte offenbar zu ihrer Zielgruppe, denn sie schaffte es regelmässig, meine Gedanken in Beschlag zu nehmen. Unzählige verärgerte Kommentare und Repliken haben sich in meinem Kopf schon zusammengebraut, auch wenn ich die wenigsten tatsächlich gepostet habe, weil ich vor endlosen Diskussionen mit ihr und ihren Bubble-Kolleginnen zurückschreckte.

Als ich dann mal wieder in den ÖV unterwegs war und beim routinemässigen Checken der sozialen Medien erneut auf einen Post dieser Frau stiess, der mich zum Widerspruch reizte, durchzuckte mich der Gedanke: Jetzt regst du seit drei Jahren über diese Person auf. Du hast schon viel zu viel Energie auf imaginäre Streitgespräche mit ihr verbraten – warum triffst du die Frau nicht einfach, um dich mit ihr auszusprechen? So hab ich ihr geschrieben, offengelegt, dass ich mich seit Jahren an ihr stosse, und dass ich gerne mal persönlich und ‘analog’ mit ihr reden würde. Wenige Wochen später sitzen wir uns in einem Zürcher Café gegenüber.

Wir sind nicht Freunde geworden. Aber ich habe eine Frau kennen gelernt, die von einer grossen Leidenschaft erfüllt und von einem Eifer nach Gerechtigkeit getrieben ist. Jemand, der sich tiefgründige Gedanken über diese Welt macht und radikale Lösungen andenkt. Eine Person, die mich inspiriert und anregt, mit der ich in manchem nicht einer Meinung bin, von der ich aber viel lernen kann. Nach zwei Stunden gehen wir auseinander. Ich hab mich seither nie mehr über sie aufgeregt. Viele ihrer Posts konnte ich jetzt verstehen, manche sogar liken, und auch sie hat schon Wortäusserungen von mir mit einem Herzchen belohnt…

Soziale Medien als Brutstätte verbaler Aggressionen

Soziale Medien sind ein eigenartiger Ort. Wir können uns das moderne Leben kaum mehr ohne dieses digitale Geflecht von Ereignissen, Selbstdarstellungen, Meinungsbekundungen und Banalitäten vorstellen – aber auch das Leben mit oder in diesen Netzwerken ist nicht einfach.

Immer wieder offenbaren die vorgeblich ‘sozialen’ Medien ausgesprochen asoziale Dimensionen.

Menschen sind bereit, sich auf Facebook oder anderen Plattformen Dinge zu sagen, die sie in einer Begegnung auf Augenhöhe nie äussern würden.

Die Kultur der Verdächtigung und Empörung feiert in den sozialen Netzwerken ihre durchschlagendsten Erfolge, und nicht selten verkommen diese zu einer Brutstätte der verbalen Aggression.

Fundamentale Regeln des Anstandes und der Fairness fallen der medialen Aufmerksamkeitsökonomie zum Opfer. Ungesicherte Behauptungen, blöde Pauschalurteile und persönliche Beleidigungen werden geliked, geteilt und auf den diversen digitalen Foren nach oben gespült. Selbst Beiträge, in welchen Wahrheitsgehalt, Wohlwollen und konstruktives Potenzial nicht einmal in homöopathischen Spurenelementen mehr nachweisbar ist, nehmen unkontrollierbare Eigendynamik an und schüren die öffentliche Aufregung.

Wut ist gut

Um das allerdings gleich klarzustellen:

Ich halte es für ausgesprochen gesund, ja für ein Zeichen intakter Persönlichkeit, sich auch mal so richtig aufregen zu können.

Die Zeiten, in denen man Zorn als eine der sieben Todsünden um jeden Preis zu vermeiden versuchte – und die Aggressionen damit ohnehin nur in sich selbst einschloss und für spätere unkontrollierte Ausbrüche kumulierte – sind zum Glück (oder hoffentlich?) vorbei. Wer sich nicht mehr ärgern kann, hat nichts mehr, wofür er steht und kämpft, dem ist die Leidenschaft verloren gegangen, aus welcher letztlich alle Impulse zur Veränderung der Gesellschaft hervorgehen.

Wut ist gut. Aber sie braucht eine kreative, konstruktive Verarbeitung.

Wer es schafft, aus dem Ärger über Missstände, Unwahrheiten und Ungerechtigkeiten die Kraft zu ziehen, sich mit anderen zusammenzuschliessen und nach Lösungen zu suchen, wer es fertig bringt, die eigene Wut nicht zu einer Quelle der Zerstörung, sondern zu einem Anlass für transformatives Handeln werden zu lassen, der braucht sich dafür nicht zu entschuldigen. Auch und gerade nicht im Namen einer christlichen Ethik.

Ich befürchte einfach, dass die sozialen Medien einen solchen Umgang mit Aufregung und Ärger oft nicht fördern. Zu stark sind die Selbstimmunisierungsprozesse der Filter-Bubbles, zu vereinnahmend ist die Spirale verbaler Gewalt und Gegengewalt. Facebook, Twitter, Youtube und Co. sind so aufgesetzt, dass sie uns in den eigenen Überzeugungen bestärken und unsere Aggressionen mit entsprechenden Posts und Suchergebnissen weiter anfeuern. Wir sollen uns ja auf diesen Plattformen ‘zuhause’ fühlen, umgeben von Gleichgesinnten, die unseren Ärger teilen unsere Resentiments bestärken.

Hass ist schlecht

Unverarbeitete Wut und geschürte Aggression neigen aber dazu, in handfesten Hass umzuschlagen. Daran ist nichts Konstruktives mehr. Das macht diese Welt weder auf kurze noch auf lange Sicht zu einem besseren Ort, sondern es entmenschlicht den öffentlichen Diskurs und die daran beteiligten Personen. Auch Hass hat transformatives Potential – er weckt das Schlechteste im Menschen und bringt verbitterte Existenzen hervor.

Der in der Wut noch angelegte Impuls, das, worüber man sich aufregt, verstehen zu wollen, sich mit ihm auseinanderzusetzen, verläuft sich im Hass endgültig.

Wer hasst, hat die Bereitschaft beerdigt, positionale Differenzen und zwischenmenschliche Spannungen noch konstruktiv zu bewältigen. Da hilft dann wohl auch ein tête-à-tête nicht mehr: Wer von der fatalen Logik der Verachtung und Vergeltung einmal eingenommen ist, wird das Menschliche in seinem Gegenüber auch dann nicht mehr entdecken, wenn er mit ihr oder ihm zu Tische sitzt – aber nicht unbedingt, weil im Anderen nichts Menschliches mehr vorhanden ist, sondern weil der Hassende dem Menschlichen in sich selbst keinen Raum mehr gibt.

Nicht selten erwächst der Hass dem Unvermögen, aus dem eigenen Aufgebrachtsein etwas Lebensdienliches zu machen – oder der schlichten Angst, die einzige Alternative zum Hass würde im tatenlosen Dulden des Unerträglichen bestehen. Hass oder Gleichmütigkeit, Gewalt oder Unterwerfung: wenn sich die Haltungs- und Handlungsoptionen in dieser Dualität erschöpfen, dann bleibt tatsächlich nur die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Der dritte Weg

Im Christentum ist hier mindestens das Potenzial zu einer Alternative angelegt (auch wenn ich nicht behaupten möchte, dass in der Geschichte der Kirche prominent auf diese Alternative gesetzt wurde…). Man hat vom ‘dritten Weg’ zwischen oder jenseits von Aggression und Passivität gesprochen, von der Notwendigkeit ‘gewaltfreier Aktion’ im Blick auf das, was uns aufbringt und unseren Zorn weckt.

Der kanadische Historiker und Sozialaktivist Ronald Sider hat etwa aus der neueren Geschichte eine ganze Reihe erstaunlicher Beispiele für gewaltlose Protestaktionen in politischen Krisensituationen und militärischen Auseinandersetzungen festgehalten – Erzählungen von mutigen Frauen und Männern, Betagten und Kindern, die ohne Gewaltanwendung zum Sturz von Regimen und zur Veränderung der gesellschaftlichen Grosswetterlage beigetragen haben. Viele dieser Vorstösse waren inspiriert und angeführt von Menschen, die sich einer gewaltfreien Ethik nach dem Vorbild Jesu Christi und seiner ersten Nachfolger verpflichtet haben.

Es ist an der Zeit, die Kraft des dritten Weges auch im Cyberspace zu erproben.

Letztlich geht es ja um nichts weniger als um die Kreativität der Liebe, die sich weigert, Aggressionen einfach zu multiplizieren, die sich aber auch nicht einfach zum stillen Ertragen bewegen lässt, sondern die es schafft, neue Ebenen der Auseinandersetzung mit Menschen und ihren Überzeugungen zu finden. Das kann bedeuten, dass man Rückfragen stellt und zu Verstehen versucht, bevor man jemanden öffentlich in die Pfanne haut. Dass man auch einmal zugestehen muss, sich nicht genügend informiert oder sich unsensibel geäussert zu haben. Dass man Menschen einen Vertrauensvorschuss gibt und nicht ungefragt vom Schlimmsten ausgeht. Oder eben: Dass man den digitalen Raum verlässt und sich mit jemandem zum Kaffee trifft.

Dass es dabei viel zu lernen geben kann, habe ich live und in Farbe erlebt.

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