Man kann sich kaum noch vorstellen, welchen Status Michel Foucault in den Achtziger- und Neunzigerjahren hatte. Als Studentin arbeitete ich in einer Unibuchhandlung, Foucaults Werke standen direkt neben der Kasse: «Überwachen und Strafen», «Dispositive der Macht», «Sexualität und Wahrheit»:
Foucault ging weg wie warme Semmeln.
Warum Foucault den Nerv seiner Zeit traf
Warum traf ein Mann, der sich als «Archäologe des Wissens» verstand, so sehr den Nerv seiner Zeit?
Das Besondere seines Denkens wird klarer, wenn man sich das Spektrum postmoderner Philosophie ansieht: Jacques Derrida misstraute der Vorstellung, wir könnten die Wirklichkeit unmittelbar erfassen; Jean Baudrillard diagnostizierte eine «Agonie des Realen», lange vor Social Media und künstlicher Intelligenz.
Foucaults Weg ging in Tiefenschichten: Ihn interessierte, wie bestimmte Denkweisen und Wahrheiten historisch entstanden sind. Was wir über uns selbst zu wissen glauben, ist von gesellschaftlichen Normen geprägt. Und darüber, was als wahr gilt, entscheiden Machtverhältnisse und Institutionen mit.
Diese Einsicht erschütterte vermeintliche Gewissheiten und eröffnete zugleich neue Denkräume.
Das Christentum als Schule des Selbst
Mit diesem Fokus kam Foucault kaum am Christentum vorbei. Wer ihn allerdings nur als Religionskritiker liest, greift zu kurz. Er war weder einfach Gegner der Religion noch ein heimlicher christlicher Denker. Ihn interessierte, wie das Christentum bestimmte Formen des Menschseins hervorgebracht hat: das Gewissen, die Selbstprüfung, das Bekenntnis und den Gehorsam.
Aber auch die Vorstellung, wir könnten die Wahrheit über uns selbst finden, indem wir unser Innerstes offenlegen.
Foucault sprach von «Selbsttechniken». Wie sind wir zu Menschen geworden, die ihre Gedanken prüfen, ihre Wünsche beobachten und von sich verlangen, die Wahrheit über sich auszusprechen?
Foucault interessierte sich für die bereits im frühen Christentum nachweisbare Obsession der Seelenerforschung, niedergelegt in unzähligen Briefen und Bekenntnissen; darunter Vorformen dessen, was heute «Journaling» heisst. Der französische Philosoph und Soziologe zeigte, dass Macht nicht nur von aussen verbietet und bestraft.
Sie wirkt auch dort, wo wir Vorstellungen davon übernehmen, wer wir sind und wer wir sein sollten, und unser Leben danach ausrichten.
Theologie interessierte ihn als Instrument, das Subjekten und Gemeinschaften Regeln bietet – und die, wo sie als verbindlich angenommen wird, durchaus ein Machtinstrumente darstellt. Er blickte mit der Kühle und Schärfe des Soziolgen darauf.
Der Hirte kennt jedes Schaf
Im Bekenntnis benennt der Mensch seine Verfehlungen, in der Gewissenserforschung beobachtet er seine Wünsche und Versuchungen, im Gehorsam unterstellt er seinen Willen einer geistlichen Autorität.
Foucault bezeichnete diese Form der Führung als «pastorale Macht».
Der Hirte kennt jedes einzelne Schaf und sorgt zugleich für die ganze Herde. Der Seelsorger kümmert sich um das Heil des Einzelnen und übernimmt Verantwortung für dessen Lebensführung. Diese Machtform verbindet persönliche Zuwendung mit dem Anspruch, den Menschen bis in seine innersten Regungen hineinzuführen.
Wer heute Sinnfluencern folgt, die erklären, wie wir leben, lieben und unser besseres Selbst finden sollen, begegnet einer verwandten Logik.
Wir erzählen von uns, analysieren unsere Gefühle und machen unser Innerstes sichtbar. Was als Selbstentfaltung erscheint, kann auch zur Selbstüberwachung werden.
Foucault interessierte die Frage: Wer bestimmt eigentlich, wie wir sein sollten?
Reden über Sex befreit nicht unbedingt
In «Der Wille zum Wissen» (1976) widerspricht er der verbreiteten Vorstellung, die westliche Gesellschaft habe Sexualität über Jahrhunderte einfach unterdrückt.
Er fragt stattdessen, warum die moderne Gesellschaft unablässig über Sexualität spricht.
Das christliche Beichtwesen gehört für ihn zur Vorgeschichte dieses Mitteilungsbedürfnisses. Wer seine Begierden und Fantasien erforschen und aussprechen soll, lernt, im Sexuellen eine verborgene Wahrheit über sich selbst zu suchen.
Das Reden verspricht Befreiung, kann aber zugleich neue Formen der Selbstüberwachung hervorbringen.
Wie die Askese das Begehren anfacht
Foucaults Blick auf frühchristliche Autoren wie Tertullian, Clemens von Alexandrien und Augustinus stellt vertraute Erzählungen infrage. Nicht einfach eine lustvolle Antike und ein lustfeindliches Christentum stehen sich gegenüber. Gerade die Beschäftigung mit Sünde, Versuchung und Askese konnte dem Begehren neue Aufmerksamkeit und Intensität verleihen.
Moral und Lust sind komplizierter miteinander verwoben, als es scheint.
«Niemals hatte die Sexualität einen unmittelbareren natürlichen Sinn, kaum je erfuhr sie ein so grosses ‹Glück des Ausdrucks› als in der christlichen Welt der gefallenen Körper und der Sünde», schreibt er.
«Eine umfassende Mystik und Spiritualität, die gar nicht in der Lage waren, die kontinuierlichen Formen des Begehrens, der Trunkenheit, der Penetration, der Ekstase und der bis zur Ohnmacht gehenden Ergiessung zu unterteilen, sind der Beweis.» (Nachzulesen in der Sammlung später Schriften, die bei Suhrkamp unter dem Titel «Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst» herauskam.)
Foucault kritisierte die christliche Moral und zeigte zugleich, wie Askese das Begehren nicht nur zügelt, sondern auch anfacht.

Leben als Kunstwerk
In seinen letzten Lebensjahren beschäftigte den Denker zunehmend die Frage, wie Menschen an sich arbeiten können, ohne sich vollständig einer äusseren Autorität zu unterwerfen. Er vertieft sich weiter in religiöses Schrifttum und er wundert sich, dass in der modernen Kultur Kunst ein spezialisierter Bereich für Experten ist: den Künstlern.
Wo doch «das Leben eines jeden Individuums ein Kunstwerk sein könnte».
Den Philosophen interessierte auch ein spezifisches Paradox des Christentums: Das Heil verlangt den Verzicht auf das Selbst, zugleich richtet sich die Aufmerksamkeit immer stärker auf dieses Selbst, auf seine Gedanken, Wünsche und Versuchungen.
Foucault fragte, ob sich in zeitgenössischen Formen der Beschäftigung mit sich selbst antike Praktiken der Lebenskunst wiederfänden, und betonte dabei einen entscheidenden Unterschied: Im modernen Selbstverhältnis geht es häufig darum, ein vermeintlich verborgenes, wahres Selbst zu entdecken.
Antike Lebenskunst aber zielte darauf, sich durch bewusste Praktiken selbst zu gestalten und die eigene Lebensführung zu formen. Ein wichtiger Massatab dabei war das Masshalten.
Foucaults Kritik richtete sich also nicht gegen die Beschäftigung mit sich selbst, sondern gegen die Vorstellung, Freiheit und Authentizität liessen sich vor allem dadurch gewinnen, dass man die Wahrheit des eigenen Selbst freilegt.
Zwischen Selbstsorge und Selbstoptimierung
Foucault wusste: Selbstfürsorge kann in die Forderung umschlagen, sich selbst fortwährend zu optimieren. Die Arbeit am eigenen Leben kann Freiheit ermöglichen, aber ebenso in neue Zwänge münden.
Die Entwicklung von Social Media, wo Selbstinszenierung als «authentischer Ausdruck» verkauft und millionenfach konsumiert wird, hätte dem französischen Philosophen, der 1984 mit 57 an Aids gestorben ist, viel Anschauungsmaterial geboten. Foucaults Art zu fragen ist heute aktueller denn ja:
Wie können wir das Verhältnis zu uns selbst bewusst gestalten, statt uns von vorgegebenen Normen bestimmen zu lassen?
Eine Pointe liegt darin, dass die Beichte aus dem Beichtstuhl ausgewandert ist. Wir prüfen und messen uns heute beständig selbst, kontrollieren, optimieren. Wir sind wahrscheinlich stärker denn je von äusseren Vorgaben und Bildern abhängig – und halten uns gleichzeitig für freier als jeder vorangegangene Generation.
Foto: Andrej Lišakov auf Unsplash







