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Lesedauer: 5 Minuten

Verdunstende Freiheiten

Klimawandel mal soziologisch

Es ist eine Errungenschaft der Moderne, und viele haben dazu beigetragen: Wir können Menschsein gar nicht mehr anders denken als ein Leben aus, in und zur Freiheit. Die unterschiedlichen Freiheiten der Person sind grund- und menschenrechtlich verankert. In jedem Streiten für oder um die Freiheit liegt die Heiligkeit der Person in der Luft. Das Recht auf Freiheit hält uns zusammen, selbst wenn es so aufgeheizt und schrill diskutiert wird wie in den vergangenen Monaten.

Über Jahrzehnte entsprach dem Recht auf Freiheit ein weitverbreitetes Gefühl von Freiheit. Nun aber scheint dieses Klima zu kippen.

Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach bestätigt für Deutschland, wie das Freiheitsgefühl schwächer geworden ist (FAZ am 16. Juni 2021, S. 8.). 44 Prozent der Befragten empfinden, man könne seine Meinung im öffentlichen Raum nicht freimütig äussern, weil man mit sozialen Sanktionen rechnen müsse. Dies gilt besonders für Themen wie Flüchtlinge und Islam, Patriotismus und Vaterlandsliebe, Emanzipation und Gleichberechtigung. Die Klage richtet sich gegen eine «political correctness», die erzieherisch und bis in die Details vorgebe, wie man zu sprechen und sich zu verhalten habe.

Aus «frei sein von» wurde «frei sein für»

Zunächst mal verspüre ich den Impuls, die gefühlte Unfreiheit als Illusion zu entlarven. Etwa mit dem Hinweis darauf, dass in der Umfrage selbst und der lebhaften, öffentlichen Diskussion (Bild: «Wir lassen uns die Meinung nicht verbieten») genau jener freie Geist weht, den viele für verpufft halten. Fairer scheint es mir jedoch zu fragen, was mit der Freiheit geschehen ist, dass sie sich nun so bedroht fühlt. Ein schneller Blick zurück in die moderne Erfolgsgeschichte menschlicher Freiheit: Sie ist zunächst eine Befreiung von den äusseren und verinnerlichten Autoritäten, die uns einschränken: Staatliche und kirchliche Zwänge gehören genauso dazu wie Traditionen, Sitten und Denk- oder Verhaltensvorschriften.

Je besser diese «Freiheit von» gelingt, desto mehr wandelt sie sich in eine «Freiheit zu». Der emanzipierte Mensch kann und muss entscheiden, wohin sie mit ihrer Freiheit will.

Authentisch zu leben wird nun möglich: Jede und jeder von uns hat eine eigene Weise, auf die wir unser Menschsein in Entsprechung zu uns selbst verwirklichen. Wenn wir das noch weiter steigern, dann wird aus der Freiheit, sich selbst zu bestimmen, sogar die Freiheit, sich selbst zu konstruieren. Wir wählen unsere Identität, den eigenen Lebensentwurf, was für uns ein glückendes und erfülltes Leben sein soll und wie wir es verwirklichen. Anders geht es ja auch nicht, weil nichts und niemand sonst es uns sagen kann.

«‹Ich werde sein, wer ich sein will, wird der neue, kulturell akzeptierte Glaubenssatz» (Christoph Schwöbel).

Hat sich die Freiheit überreizt?

Kurios an dieser radikalen Steigerung finde ich: Jene Freiheit, die sich in erster Linie auf sich selbst bezieht, reagiert vermehrt empfindlich auf alles, was sie hindern könnte. Ich glaube, diese hohe Sensibilität bestimmt derzeit unser kollektives Freiheitsklima. Sie drückt sich aus in der Angst, dass mir Lebensressourcen oder -potenziale unzugänglich oder gar verwehrt bleiben könnten. Was, wenn ich durch die falsche Wahl im Jetzt die beste meiner Zukünfte selbst vermassle? Alternative Freiheiten, seien sie politisch rechts, links oder mittig, elitär oder bürgerlich, bunt oder schwarz-weiss wirken bedrohlich für die eigenen, liebgewonnen Freiheiten. Und wie in die Ecke gedrängt und abgehängt fühlt man sich, wenn andere Meinungen und Lebensentwürfe anscheinend viel mehr Aufmerksamkeit, Anerkennung und öffentliche Unterstützung bekommen als die eigenen.

Es kommt mir vor, als würden unsere hohen Erwartungen an eine nahezu unbegrenzte Freiheit derzeit tief enttäuscht. Die Freiheit gibt sich gereizt, nachdem sie sich selbst überreizt hat.

So pochen wir auf unsere individuellen Freiheitsrechte, schieben einander die Diktatur- und Diskriminierungsvorwürfe zu und verheddern uns zusehends. Ganz tragisch wird es, wenn die Bedrohungen unserer Freiheit nur deshalb real werden, weil wir sie anderen unterstellen und wütend dagegen protestieren – egal ob aus konservativer oder progressiver Position heraus. Ob all das auch in der erwähnten Allensbach-Umfrage mitschwingt?

Freiheit ereignet sich in Beziehungen

Es ist gut, dass wir für alle geltende Freiheitsrechte haben und sie dem Lauf der Zeit entsprechend nachregulieren und weiterentwickeln. Gerade in Konfliktfällen wird so unser freiheitliches Leben gewährleistet. Zugleich liegt die wahre Freiheit für mich dort, wo wir sie nicht länger in Konkurrenz zu anderen Freiheiten durchsetzen müssen, sondern voneinander als Gabe empfangen. Diese sozial-relationale Dimension scheint mir in der modern gesteigerten Freiheitsvorstellung verdunstet zu sein.

Ich habe sie im Glauben an den drei-einen Gott entdeckt und springe hier mal kurz «ganz nach oben»: Im ewigen Geist der Freiheit behaupten sich Vater und Sohn nicht gegeneinander, beanspruchen nichts neidisch voneinander. Im Geist der Liebe begaben sie einander mit Freiheit und Andersheit. Musterbeispiel wäre, wie der Vater durch den Geist dem Sohn die ganz andere Freiheit des Menschseins zuspielt. Freiheit von den anderen, frei sein wollen aus sich selbst und für sich selbst… man mag das für göttlich halten, aber es ist noch nicht mal mehr menschlich.

Wer ich unverwechselbar und einzigartig bin, wie ich authentisch und frei lebe, das ist kein abzusichernder Zustand, sondern eine dynamische Begabung, die ich denen verdanke, die so frei sind, mich freigiebig zu lieben.

Ich würde diese Gabe der Freiheit gerne zurück- und weitergeben und sehe mich da wahrlich nicht allein auf weiter Flur. Meine Hoffnung keimt, dass der göttliche Geist der Freiheit auch unseren gesellschaftlichen Streit so klimatisiert, dass respektvolle Beanspruchung und grosszügige Ermöglichung von Freiheiten gemeinsam in der Luft liegen. Und vermutlich gehört es zu dieser Grosszügigkeit, auch die irrational oder verstörend anmutenden Freiheitsvollzüge der anderen so lange offen zu lassen, bis sich ihnen zeigt, ob sie wirklich frei machen oder nicht.

 

Photo by Kyle Cottrell on Unsplash

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