Mit sprechenden Augen übersetzen
Was passiert, wenn die Bibel zu atmen beginnt? 1925, vor hundert Jahren wagen Martin Buber und Franz Rosenzweig ein Abenteuer: Sie wollen die hebräische Bibel auf neue Weise ins Deutsche übertragen – so, dass nicht nur die Worte verstanden, sondern auch ihr Atem, Klang und Rhythmus gefühlt werden.
Für sie war die Schrift keine Sammlung alter Geschichten, sondern eine lebendige Stimme, die direkt anspricht.
Biblische Begegnungen sprechen zu uns. Involvieren uns, nicht bloss als Zuschauer:innen. Direkt, konkret: Sie sind Zuspruch. Anspruch. Provokation.
So verstehen Martin Buber und Franz Rosenzweig die Herausforderung ihrer neuen Übersetzung. Rosenzweig war da schon schwer krank. Gelähmt, konnte er nur noch mit den Augenlidern diktieren. Buchstabe für Buchstabe gab er stumm weiter – Buber schrieb sie nieder. Die Verse entstehen schweigend am Rand des Todes.
Nach Rosenzweigs Tod 1929 führte Buber das Werk allein fort, im Schatten von Verfolgung, Holocaust und der Kriege im Nahen Osten. Viele hielten es für einen Skandal, die heiligen Schriften des jüdischen Volkes nach der Shoah auf Deutsch herauszugeben – in der Sprache der Täter. 1962 tat Buber es trotzdem.
Als Zeugnis. Und als Hoffnung auf Versöhnung.
Atem, Sinn und Widerstand
Die Verse klingen nicht glatt. Sie sperren sich. Im Deutschen tragen sie den fremden Ton des Hebräischen weiter.
Die Satzstrukturen wirken ungewohnt – aber genau hier geschieht etwas Einzigartiges.
Zwei Prinzipien tragen diese Übersetzung. Das erste ist der Leitwortstil: Wörter kehren wieder, ziehen sich durch Abschnitte, Kapitel, ja durch die verschiedenen Bücher der Bibel, knüpfen Fäden, eröffnen Fährten, stiften innere Zusammenhänge. Das zweite ist die Kolometrie: Zeilenbrüche folgen Atem und Sinn, nicht dem metrischen Mass.
Der Text gewinnt Rhythmus, setzt Schwerpunkte, beginnt zu atmen.
Ein Beispiel? Die Begegnung des Propheten Elija mit Gott (1Kön 19,11f):
Buber–Rosenzweig
«Es sprach:
Heraus,
steh hin auf den Berg vor MEIN Antlitz!
Da
vorüberfahrend ER:
ein Sturmbraus, gross und heftig,
Berge spellend,
Felsen malmend,
her vor SEINEM Antlitz:
ER im Sturme nicht –
und nach dem Sturm ein Beben:
ER im Beben nicht –
und nach dem Beben ein Feuer:
ER im Feuer nicht aber nach dem Feuer
eine Stimme verschwebenden Schweigens.»
Zürcher Bibel:
«Da sprach er: Geh hinaus und stell dich auf den Berg vor den HERRN! Und sieh – da ging der HERR vorüber. Und vor dem HERRN her kam ein grosser und gewaltiger Sturmwind, der Berge zerriss und Felsen zerbrach, in dem Sturmwind aber war der HERR nicht. Und nach dem Sturmwind kam ein Erdbeben, in dem Erdbeben aber war der HERR nicht. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer, in dem Feuer aber war der HERR nicht. Nach dem Feuer aber kam das Flüstern eines sanften Windhauchs.»
Bei Buber–Rosenzweig spürt man die Pausen, das Atmen, die Härte der Sprache.
Die Sprache der Bibel klingt plastisch und wie befühlbar. Hier soll nicht nur gelesen werden – hier soll gesprochen, gehört, angefasst und ausgehalten werden.
Wendepunkt und Sogwirkung
Lange habe ich diese Übersetzung gemieden. In Predigten hörte ich sie mit grosser Stimme vorgetragen – feierlich, fast überhöht.
Für mich war sie schwer, unbrauchbar. Eine Angeberei von Theolog:innen, die sich vom Rest abheben wollten.
Dann kam der Wendepunkt. Ich schrieb über Gebetstexte, in denen Personalpronomen, die Gott meinen, typografisch herausgehoben werden: «Geheiligt werde DEIN Name» oder «in sehnsucht blicken zu DIR meine augen». Ich fragte mich, woher dieses Bedürfnis kommt, das Personalpronomen zu betonen, obwohl doch klar ist, wer gerade gemeint ist.
Gott erschien mir da wie ein «Schmetterling im Sammelalbum, aufgespiesst mit einer Nadel» (Simone Weil).
Da erinnerte ich mich: Auch die Buber–Rosenzweig-Bibel ist voller DU, ER und SEIN, DEIN, MEIN. Ich schlug nach – und stiess auf eine Zeile, die alles veränderte: «Angerufen habe ich dich, DU.» (Psalm 30,9)
Ich las sie laut. Immer wieder. Und begriff: Dieses DU in Kapitälchen ist kein normales Pronomen.
Es kleidet den unsagbaren Gottesnamen. Hier passiert etwas Geniales: Das Geheimnis bleibt. Das DU ist kein grammatikalisch notwendiger Bestandteil des Satzes – es ist wortwörtlich «überflüssig» und kommt doch mitten in die Sprache des Alltags. Gott entzieht sich jeder Festlegung (Jes 45,15) im DU, das auf alles und jeden zeigen könnte. Und ist doch ganz nah als Du.
Tote Winkel und die Frage nach dem Du
So kam ich zu den beiden grossen Büchern der Übersetzer: Rosenzweigs «Stern der Erlösung» und Bubers «Ich und Du». Beide markieren philosophische Anfänge, die den Blick auf das Unscheinbare lenken, auf das, was sich nicht sofort zeigt: Brüche, blinde Flecken, Grenzen der Wahrnehmung. Dort eröffnet sich die Möglichkeit einer Begegnung mit dem, der sich nicht suchen lässt, weil er – wie Buber schreibt – überall zu finden ist.
Ich begann, diese «Seh-Schule» des verborgenen Du in mein eigenes Leben aufzunehmen. Die biblischen Texte wurden zu Spiegeln; sie liessen mich die toten Winkel erkennen, die mir bislang entgingen.
Immer dringlicher stellte sich mir eine Frage: Was heisst es, Gott wirklich zu begegnen?
Wenn Mose hören muss, dass niemand den unmittelbaren Anblick Gottes überlebt und er sich mit Gottes Rücken begnügen soll (Ex 33,20) – was bedeutet das? Wenn Gott als Stimme spricht, ohne Gestalt (Dtn 4,12) – könnte er nicht auf der Strasse in jedem Gesicht zurückblicken?
Die Frage, die mich am stärksten umtrieb, lautete: Wie komme ich mit Gott ins Gespräch? Oder grundsätzlicher: Wie trete ich mit anderen in Kontakt?
Möglichkeiten gibt es viele – wir zwinkern, schreiben Nachrichten, winken, nutzen Gesten. Doch bei Gott fiel mir auf: Bin ich allein im Raum und zwinkere ins Leere, bleibt es leer. Spreche ich aber laut «Du», verändert sich etwas. Dieses ausgesprochene «Du» trägt eine eigene Qualität.
Was heisst es, zu jemandem zu sprechen, der nicht da ist?
Antworten fand ich bei Etty Hillesum und – auf ihren Hinweis hin – in Rilkes «Stunden-Buch». Beide erkunden das Du-Sagen zu Gott in unzähligen Variationen. Berührend war für mich, wie in ihrem Du-Sagen Brüche, widersprüchliche Sehnsüchte und flüchtige Hoffnungsschimmer in ein neues Licht rücken – im Text und in mir als Leser.
17 Gestalten, 17 Spiegelungen
Am Ende der Spurensuche standen 17 Gestalten, die mich nicht mehr losgelassen haben: Abraham, der skeptische Astronom. Hagar, die erste Theologin. Hanna, vielleicht eine Proto-Marxistin. Jesaja, der ängstliche Feuerschlucker…
Was haben sie mit Gott erlebt? Wie haben sie zu Gott ihr «Du« gesagt? Wie hat Gott zu ihnen «Du« gesagt?
Was geschah davor – und danach, als alles wieder vorbei war? Wurde auch etwas in Gott berührt, verändert? Aus diesen Fragen wuchsen eigene Geschichten in der Gegenwart: von einem Mann, der nur noch in der Berliner Ringbahn einschlafen kann. Von einem Witwer, wenige Tage nach der Beerdigung seines Ehemannes. Von einer Schlafenden vor der Istanbuler Küste, die ein vollbeladenes Schiff in eine fremde Welt führt.
Die Geschichten tragen die Züge eines literarischen Erzählverfahrens, das als «Magischer Realismus» bezeichnet wird.
Realität und Unmögliches treten darin widerspruchslos nebeneinander auf. Das Wesentliche versteckt sich im Unscheinbaren, zeigt sich nicht sofort, und vieles bleibt ohne Erklärung. Besonders Louise Erdrich oder Isabel Allende prägen den Stil des Magischen Realismus. Auch schon Bubers chassidische Geschichten dürfen im Licht dieser literarischen Strömung gelesen werden.
In meinem Erzählband «Lichtdurchlässig» versammle ich Stimmen, die sich keiner festen Form fügen, sondern im Assoziationsspiel der Leser:innen Gestalt gewinnen sollen – im Ringen um die eine Leitfrage:
Lässt sich Gott berühren? Und wenn ja – wie und wo?
Bibeltexte und moderne Erzählungen richten den Blick aufeinander wie Spiegel im Spiegel. Motive, Augenblicke, Dinge und Gefühle kehren wieder – verschoben, verwandelt. Dazwischen leuchten die offenen Fragen Bubers, dessen Tod sich 2025 zum sechzigsten Mal jährt.
Einladung:
Tom Sojer bei «Zürich liest»: Am 23. Oktober 2025 liest der Autor aus seinem Erzählband «Lichtdurchlässig»; Moderation Johanna Di Blasi (RefLab), Ort: Hirschli, Zürich.
Zum Autor: Tom Sojer leitet die Bücherei Hohenems (Vorarlberg) und ist Mitgründer der Forschungsstelle Sprachkunst und Religion der Uni Erfurt, die zum 1700. Jubiläum vom Konzil von Nicäa das Projekt #lyrischglauben durchführt.
Lesetipp für alle, die mehr über die Buber-Rosenzweig-Übersetzung wissen wollen: Die Bibelübersetzung von Buber-Rosenzweig. Buch von Christoph Kasten, Ansgar Martins, Inka Sauter (Jüdischer Verlag)
Foto von Caitlin Oriel auf Unsplash







