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Gründe gegen den Glauben

Es gibt viele Gründe dafür, dass Menschen sich den christlichen Kirchen und dem christlichen Glauben nicht mehr so verbunden fühlen. Sie finden es zum Beispiel schlicht irrelevant, empfinden Gottes Bodenpersonal als unglaubwürdig, stillos oder langweilig oder – das scheint mir meistens der Fall zu sein – sie haben Glaube und Kirche kaum überhaupt kennen gelernt. Aber es gibt auch hausgemachte Gründe, die uns alle betreffen: Theologische Glaubwürdigkeitsprobleme. Über die will ich jetzt schreiben.

Wenn ich mit Menschen über die Kirche oder den Glauben spreche, sind es meistens drei Themen in verschiedenen Variationen, die sie ihren Glauben haben ablegen lassen:

1. Der Biblizismus

Wenn Pfarrer*innen von Noahs Arche, der Josephs-Novelle oder der Schöpfungsgeschichte erzählen, sprechen sie über Geschichten, Mythen und Bilder. Aber oft genug tun sie das so, als ob sie über den Wiener-Kongress, den Jugoslawien-Krieg oder den Fall der Berliner Mauer redeten. Das ist nicht einfach ihr Fehler. Geschichten haben ihre Kraft nur dann, wenn es keine Metaebene gibt, die aus dem Stück ein Brecht’sches Theater macht. Das ist der Preis, den wir für gute Geschichten bezahlen:

Wir sind in den Geschichten. Und wir vergessen ihren Kontext, ihren ursprünglichen Entstehungszusammenhang und ihre Wirkungsgeschichte.

Aber biblische Geschichten umgibt ein Nimbus des Überwahren. Die Heilige Schrift fasziniert, weil es nicht einfach menschliche Gedanken und Stories über dies und das sind. Sondern weil in diesen Texten die Wahrheit selbst zur Sprache kommen soll. Aber was kann das für eine Wahrheit sein, die uns abverlangt an Engel und Dämonen, Götter und Propheten, Wunder und Zeichen zu glauben? An einen Gott, der binnen sechs Tagen mit seinem Hofstaat Himmel und Erde und alles was darin lebt, geschaffen hat.

Von all dem können wir uns begeistern lassen. Zum Beispiel bei Game of Thrones. Aber wir können es nicht glauben. Wir können sie gedanklich bewohnen, sie zeitweise phantastisch besuchen. Aber wir können sie nicht als Währung brauchen, wenn wir untereinander Gründe austauschen, wenn wir erklären wollen, weshalb wir politisch ‘Option A’ präferieren und ‘Option B’ zurückweisen.

2. Das Gottesbild

Während die fundamentalistische Version des Christentums mit dualistischen Weltbildern, einem strafenden und belohnenden Gott und Bildern von Himmel und Höllen erfolgreich ist, wirkt dieser Gott auf die meisten Menschen in westlichen Wohlstandsgesellschaften abstossend. Wir haben die Rachejustiz, die schwarze Pädagogik und die Idee des Bösen überwunden. Wir resozialisieren Täter, empowern Kinder und therapieren Menschen mit Impulskontrollstörungen oder gedanklichen Fixierungen. Höchste Zeit, dass das auch Gott gelingt.

Dazu brauchen wir kein Sühnopfer, kein Kreuz, an dem Gott stellvertretend an seinem Sohn seine eigene Wut abreagiert und sich am Unschuldslamm Genugtuung verschafft.

Ein relevanter Gott müsste eine Ärztin gegen unsere Angst, ein Coach gegen die eigene Sinnlosigkeit, ein Liebhaber gegen unsere Selbstzweifel und vor allem eine Mutter, die uns sagt, dass wir jetzt zuhause sind, sein. Richterin und Henker sind wir uns je selbst genug.

3. Das Theodizee-Problem

An einen gnädigen und allmächtigen Gott glauben, ohne die Augen vor einer ungerechten, mitunter grausamen Welt zu verschliessen: Wie soll das gehen?

Zu oft wird Gott als Lösung verkauft: Gott – die ausgleichende Gerechtigkeit nach dem Leben. Gott – die für alles einen super Plan hat. Gott – der den Sinn hinter allem kennt. Aber das Gegenteil ist der Fall:

Gott ist nicht die Antwort, Gott ist die Verdichtung der Frage.

Gott ist der Name für die Idee, dass es eigentlich gerecht, eigentlich liebevoll, eigentlich menschenwürdig zu- und hergehen sollte. Wir könnten auch einfach aus dem Nichts kommen und zu nichts werden und es wäre vollkommen egal, was dazwischen so passiert. Wer Gott sagt, wer Gottes Name nennt, ruft einen externen Massstab herbei. Einen, den es nicht gibt. Aber einen, den wir brauchen, gegen das drohende “Alles ist egal”.

Glaube geht anders

Glaube an Gott geht anders. Wir beten nicht, weil es uns einleuchtet oder weil wir Gott verstanden haben. Wir loben sie nicht, weil wir so sehr an sie glauben. Wir loben ihn, bis sein Reich kommt und hören nicht auf zu beten, auch wenn wir schon lange Zweifel haben, dass da eine ist, die uns zuhört.

Glaube ist keine Konstruktion logischer und überzeugender Sätze, die unsere sinnliche Erfahrung möglichst gut ausdrücken. Glaube ist eine Lebensform. Ein sich Einüben in ein Verhältnis gegenüber der Welt, gegenüber allem, was ist, so dass man leben und sterben kann und beides – sein Leben und sein Sterben – im grossen Drama der Story Gottes, die auf dem Weg zu sich selbst ist, aufgehoben und behütet spürt.

Im Glauben stimmt immer beides: Wir glauben, weil er uns geschaffen hat. Und es gäbe keine Schöpfung ohne Glauben. Man könnte daran irre werden. Oder sich davon lossagen. Oder beten.

Alles Gute ist einfach

Meine Grossmutter war weise. Sie sagte immer wieder: Alles, was gut und wahr ist, ist einfach. Erkenntnistheoretisch ist das eine schwierige Position. Aber ernsthaft: Gott wird sich wohl kaum so offenbart haben, dass er unsererseits ein mehrjähriges Studium mit drei Fremdsprachen voraussetzte (auch Hocharabisch wäre nicht viel besser).

Wer anklopft, dem wird geöffnet. Die Schafe kennen die Stimme ihres Hirten. Gott weiss, was wir brauchen, bevor wir sie darum bitten. Die Bibel ist für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für die Bibel.

Im Glaube ist der Anfang der Welt zu gross und ihr Ende zu weit. An beide Stellen stellt der Glaube Gott.

Aber das ist keine kosmologische Aussage. Sondern ein Bild für die Glaubensgewissheit, dass sie uns auch zwischen Anfang und Ende nicht alleine lässt. Ob wir noch anzuklopfen vermögen, seine Stimme hören und selbst überhaupt noch spüren, was wir brauchen oder nicht.

Dafür gibt es überhaupt keinen Beweis. Und es ist nicht sehr wahrscheinlich. Es ist die Hoffnung, die Menschen angesichts Jesus hatten. So dass sie sich ein Herz gefasst haben. Trotz der ganzen Buchstabenreiter und Gerichtsprediger. Trotz der ganzen Götter, die etwas von ihnen wollten. Trotz der Ungerechtigkeit unter der auch ihr Leben stand.

Und sie haben gesagt: marana tha. Unser Herr, komm. Und nicht: Schau, der Herr ist da. Nur: Unser Herr, komm!

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6 Kommentare zu „Gründe gegen den Glauben“

  1. Carsten Ramsel

    Lieber Stephan,
    es ist schön mal wieder etwas von Dir zu lesen. Spontan fielen mir zwei Anmerkungen dazu ein.
    1. Wenn alles, was gut und wahr ist, auch einfach ist, kenntest Du dann wirklich diese drei Punkte, die Deinen Glauben herausfordern? Ich meine, diese Behauptung ist nicht nur erkenntnistheoretisch problematisch sondern auch ethisch.
    2. Da ich ja katholisch erzogen wurde, sind Glaubensinhalte keine Herausforderung. Wenn ich heute religiös wäre, hätte ich vielmehr ein Problem damit, von welchen Personen und welchen Positionen ich mich regelmässig abgrenzen müsste. Säkulare sind ja erfreulicherweise eine ziemlich inhomogene Gruppe, und es gibt darin nur wenige (Sch)Lichtgestalten. Und die Vielen, für die ich mich als Säkularer schäme, treten nicht jedes Mal als Säkulare in Erscheinung.
    Alles Liebe und Gute!

    1. Stephan Juette

      Lieber Carsten! Schön von dir zu lesen! Sorry, dass ich etwas abgetaucht bin. Das hat natürlich nur mit meiner Chaosplanung und gar nichts mit dir zu tun… Dein zweiter Hinweis verweist natürlich auf die Hauptgründe. Die will ich gar nicht wegdiskutieren. Sie sind wichtig. Nur: Darüber reden immer alle. Und ich hatte dazu gerade keine neue Idee. Zu deiner ersten Anmerkung: Ich glaube nicht, dass die Einfachheit in der Aussage liegen kann, die eine Lösung zu haben meint. Das wird scheitern. Das “Einfache” ist die Praxis, das Gebet, das Hoffnung erhalten und fördern kann. Auch dort und vielleicht gerade dort, wo wir keine Lösungen haben.
      Herzlicher Gruss!
      Stephan

      1. Carsten Ramsel

        Wenn das „Einfache“ die Praxis ist, klingt das für mich ziemlich katholisch. 😉 Lass’ es Dir gut gehen, wir hören uns demnächst wieder.

  2. Egal zu welchem Zeitpunkt, unter welchen Umständen und bei welchen Ereignissen; das Leben stellt uns stets ein- und dieselbe einfache Aufgabe: liebevoll Mensch zu sein.

  3. Nikolaos Orfanidis

    Hallo liebe Schwestern und Brüder , also ich als Griechisch Orthodoxer Christ kann euch gerne mein Erfahrungen erwähnen , als Familien Vater mit drei Kinder , Ich bin ein sehr überzeugter Christ und ich bin Mega zufrieden mit unseren Kirche in Frankfurt , der Pfarrer ist wie ein Vater , Psychologe , und Helfer Wegweiser die Prädigten sind auch überragend , auch die zwei Pfarrer vor sein Zeit alle bis Jetzt Weltklasse , natürlich müssen wir in der Gemeinde auch alle zusammenhalten und für alle Beten , über unseren Herrn Jesus keine Frage , er erhört Gebete und hilft jeden in Sein Not Heraus auch wenn der Mensch bis zum Schluss an Jesus geglaubt hat und um Vergebung bittet , bei den Kindern ist es natürlich etwas anders dennoch ist die Taufe sehr wichtig , was wirklich wichtig ist sind die Heilige Sakramente der Kirche, bei uns sindDie orthodoxen Kirchen kennen sieben Mysterien (= Sakramente):

    Mysterium der Erleuchtung (Taufe)
    Mysterium der Versiegelung (Myronsalbung), folgt unmittelbar auf die Taufe, entspricht aber der katholischen Firmung
    Mysterium des Heiligen und Kostbaren Leibes und Blutes des Herrn (Eucharistie; Kommunion)
    Mysterium der Sündenvergebung (Bußsakrament)
    Mysterium der Handauflegung (Weihesakrament)
    Mysterium der Krönung (Ehesakrament)
    Mysterium des Heiligen Öls (Krankensalbung)

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