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Mental Health: Meine innere Geisterbahn

Ich bin nur ein einziges Mal zum Spass Geisterbahn gefahren, als Studentin im Wiener Prater. Bereits nach ein paar Sekunden merkte ich allerdings, dass ich es nicht lustig finde. Skelette, Vampire und stressige Zombies aus dunklen Ecken, dazu Flackerlicht und künstlicher Nebel.

Ich schloss fest die Augen, so waren die unheimlichen Geräusche, Schreie und Seufzer erträglich.

In die Realität zurückgeholt wurde ich durch herzliches Lachen. Die Geisterbahnbetreiber fanden es lustig, dass ich eine Runde bezahlt hatte und die Augen sogar noch verschlossen hielt, als ich hervorkam. Mir blieb der Eindruck haften:

Ich brauche offenbar keine Geisterbahn. Ich habe genug Grusel in mir selbst.

Geisterschloss im Wiener Wurstelprater; Wikimedia Commons.

Der innere Horror

In die Geisterbahn im Vergnügungspark bin ich bewusst eingestiegen. Mit der inneren Geisterbahn ist es anders. Hier fuhr ich jahrelang mit, ebenfalls ohne Vergnügen, aber auch ohne zu merken, dass ich in einer Geisterbahn sitze. Ich vergleiche es deswegen auch gern mit einem Computerprogramm, das unbemerkt im Hintergrund mitläuft.

Es läuft und läuft und verbraucht ständig Energie, während man sich fragt, weshalb der Akku schon wieder leer ist.

Vor kurzem habe ich plötzlich meine innere Geisterbahn entdeckt. Drei unheimliche Tore führen in sie hinein.

Tor eins: spukhaftes Schuldgefühl

Das erste Tor – ich stelle es mir mit Zähnen und gelblichen Augen dekoriert vor – ist spukhaftes Schuldgefühl. Ein bohrendes Gefühl, das dafür sorgt, dass das Innere immer wieder in Unruhe gerät. Adressat sind meist Menschen, mit denen die eigene Biografie am engsten verwoben ist: Eltern, Partner, Kinder oder auch Arbeitskollegen und Kolleginnen.

Habe ich alles richtig gemacht? Hätte ich behutsamer sein sollen? Sollte ich mich entschuldigen? Hat mein Gegenüber einen schlechten Tag oder liegt es an mir? etc.

In einer Art Postproduktion wird nach Begegnungen und Konfrontationen kräftig in der eigenen Seele gewühlt und sich schelcht gefühlt. Als ich vor einigen Jahren einen Kuraufenthalt in einer psychosomatischen Klinik hatte, konnte ich feststellen: Dort kennt fast jeder die ominösen Schuldgefühle ohne erkennbaren Grund.

Zu meinen Beobachtungen in der Waldklinik gibt es eine Blogserie bei RefLab «Zauberwald».

In der Klinik traf ich auf Menschen, ausgestattet mit überfeinen Antennen: ständig auf der Hut, schnell verunsichert und gewohnt, emotionalen Druck reflexartig nach Innen abzuleiten. Manche von ihnen bis hin zu seelischem Ritzen. Vielleicht sind mysteriöse Schuldgefühle ohne erkennbaren Grund besonders schwer zu enttarnen, zumal in christlich geprägten Kulturen, wo wir ja aufmerksam sein wollen und bereit, Schuld auf uns zu nehmen.

Wenn unterschwellig zudem ein Gefühl mitläuft, dass dem Frieden nicht zu trauen ist und man besser die Lage beobachtet, sind wir bei Tor zwei angelangt:

Tor zwei: Hypervigilanz – das Beziehungsalarmsystem

Hypervigilanz: Ich bin froh, dass es ein so schönes Wort dafür gibt. Das Hypervigilanz-Tor stelle ich mir ebenfalls mit Zähnen vor, aber mit rot-blinkenden, hochnervösen Augen.

Hypervigilanz bezeichnet Überaufmerksamkeit.

Alle Fühler sind ausgestreckt, es herrscht erhöhte Wachsamkeit. Man scannt permanent seine Umgebung und Mitmenschen. Das macht Sozialkontakte freilich anstrengend. Wieso schaut sie so? Wieso spüre ich eine Spannung? Habe ich etwas falsch gemacht? Muss ich etwas reparieren? Muss ich handeln? etc.

Es besteht eine unterschwellige Alarmbereitschaft, so als würde gleich etwas Bedrohliches passieren.

Wenn der Drang sehr stark ist, die Umgebung emotional zu sichern, zu stabilisieren und notfalls zu reparieren, kann ein Nachlassen der Bemühung schlicht fahrlässig wirken. Ratschläge gehen dann ins Leere.

Guter Ratschlag:

«Frag dich doch nicht dauernd, was andere meinen, denken, fühlen. Du kannst das nicht wissen. Bleib bei dir und dem, was du denkst und fühlst.»

Die Antwort der Hypervigilanten:

«Vielleicht später, jetzt muss ich noch genauer scannen  … und wäre es nicht egoistisch, mich um meine eigenen Gefühle und Gedanken zu kümmern?»

Hypervigilanten ermangelt es nicht an Selbstfeflexivität, im Gegenteil. Dennoch neigen sie in bestimmten Situationen zu reflexhaften Reaktionen, was wiederum Schuldgefühle auslösen kann. Auch eine Neigung zu Überanpassung an externe Erwartungen ist typisch.

Aber ist, was mich triggert, überhaupt real? Bilde ich es mir vielleicht nur ein oder interpretiere ich es falsch, und alles – ausser mir selbst – ist ganz normal …

Tor drei: Realitätsnebel

Somit wären wir bei Tor drei: Dieses Tor ist chronisch in dicken Nebel gehüllt. Dieser kratzige, schlecht gemachte Effektnebel aus billigen Theaterstücken.

Wer ständig mit Gefühlen anderer und wackligen Atmosphären beschäftigt ist, kann eigene und fremde Gefühle immer weniger unterscheiden. Vielleicht wurde diese Unterscheidungsfähigkeit auch nie gelernt, wenn zum Beispiel für Gefühle und Gedanken eines Kindes im Familiensystem kein Raum war.

Und so geht es, hui!, in der inneren Geisterbahn rund:

Irgendwas liegt wieder in der Luft (Hypervigilanz) – aber kann ich meiner Wahrnehmung trauen? (Realitätsnebel) – also muss ich noch genauer scannen (Hypervigilanz) – es liegt wohl an mir und ich habe wieder einmal überreagiert (Schuldgefühle) – und muss noch aufmerksamer scannen (Hypervigilanz) und mich schlecht fühlen (Schuldgefühle) usf.

Es braucht nicht viel, und das ohnedies empfindliche System gerät ins Schlingern. Dann geht es – um in der Metaphorik des Wiener Praters zu bleiben – auch noch in die grosse Loopbahn oder in den Freifallturm. In all der Panik kann man paradoxerweise gerade das aus dem Blick verlieren, wozu ein geschärftes Wahrnehmen eigentlich gut ist:

Empathisch mit anderen zu sein, wo es tatsächlich angebracht ist und dankbar aufgenommen wird.

Geister aus dunklen Ecken

Woher kommt der Spuk? Ich weiss auch nur so viel: Er kommt aus dunklen Ecken der Seele.

Was auch immer der Grund für unsichere Realitätseinschätzung ist, es kann eine Persönlichkeitsschwäche sein, ein Klima der Unberechenbarkeit oder, im Extremfall, «Gaslighting» (eine Form psychischer Gewalt und Manipulation, die Opfer an ihrer Wahrnehmung zweifeln lässt): der Nebeleffekt befeuert auf jeden Fall die innere Geisterbahn. Dass Erfahrungen von Gewalt und Missbrauch in der Kindheit zu Scham und paradoxerweise auch zu Schuldgefühlen führen können, ist durch psychologische Studien vielfach belegt.

Aber es reicht vielleicht auch aus, wie ich ein Scheidungskind zu sein.

Scheidungskinder versuchen, Elternteile in instabilen Beziehungsverhältnissen zu beschützen, mitunter ohne selbst ausreichend Schutz zu erfahren.

Wenn Kinder frühzeitig Aufgaben und Verantwortung übernehmen, die eigentlich den Erwachsenen zustehen, sprechen Psychologen von «Parentifizierung». Bewältigungsstrategien, die in der Kindheit gegen Ohnmacht helfen – «Ich bin schuld» gibt eine Art von Selbstwirksamkeit zurück – können sich später als dysfunktionale Beziehungsmuster im Familienleben und am Arbeitsplatz festsetzen.

Exit aus der Geisterbahn

In der inneren Geisterbahn herumzuwirbeln, fühlt sich völlig normal an, solange die Dynamik unbemerkt bleibt. Man kennt es nicht anders. Man schlittert, wie durch Magneten angezogen, in die vertrauten Bahnen und dort reisst es einen hin und her.

Hat man das System aber einmal durchschaut, kann sich der Bann lösen.

Nach jahrelangem unbewussten Geisterbahnfahren, schoss es mir kürzlich durch den Kopf: Hey, ich habe eine Geisterbahn in mir! Vorangegangen war die Entdeckung des Begriffs Hypervigilanz. Ich habe ihn zufällig aufgeschnappt – vielleicht ist er sogar gerade in Mode – und gemerkt, dass er für mich etwas aufschlüsselt.

Foto: Julia Zablotny

Das spukhafte Schuldgefühl samt der überspannten Aufmerksamkeit kommen jetzt mit dem alten Halloween-Krimskrams in den Mülleimer. Es reicht vollkommen aus, mich schuldig zu fühlen, wenn ich tatsächlich etwas falsch gemacht habe. Zwischen Reiz und Reaktion dürfen Pausen liegen; und es ist nicht zu viel Luxus, auch mal nicht zu reagieren – und eine Irritation einfach im Raum stehen zu lassen und Tee zu trinken. 🫖

Den alten Spukgestalten sagen wir jetzt Ade!

Ich denke, innere Geisterbahnen, Gruselkabinette und Spuk-Karussells sind vielleicht gar nicht so selten. Die Einfallstore sind wahrscheinlich individuell verschieden. Aber das Gute ist:

Keine Geisterbahn, egal wie sehr sie einen in den Bann schlägt, ist ohne Exit.

Manchmal reisst es mich noch für Momente in die alten Bahnen, dann sage ich mir aber: Achtung, Geisterbahn? Und steige, noch bevor es anstrengend wird, wieder aus.

Wenn ich das nächste Mal in den Wiener Wurstelprater komme, werde ich freiwillig Geisterbahn fahren. Diesmal mit offenen Augen. 👻

Hat euch der Beitrag gefallen? Kennt ihr die innere Geisterbahn auch? Hinterlasst gerne Kommentare. Sucht ihr den Exit aus inneren Spiralen, hilft vielleicht die oben eingefügte Zeichnung. Ihr könnt die Tore individuell beschriften und eure Dynamiken und Exitstrategien notieren.

Wenn du alleine nicht aus der Geisterbahn aussteigen kannst, such dir professionelle Unterstützung von Psychotherapeut:innen.  

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