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 Lesedauer: 19 Minuten

«Death of the Pastor’s Wife»: Ein Einzelfall mit System

Hinweis: Dieser Text handelt von Suizid sowie von psychischer, spiritueller und sexualisierter Gewalt. Anlaufstellen für Betroffene finden sich am Ende.

Eine Vorzeigeehe

Eine junge Frau leitet den Lobpreis einer evangelikalen Kirche, die versammelte Gemeinde singt mit. Ihre Stimme ist klar, man erkennt schnell die aussergewöhnliche Begabung der Sängerin, und ihre Ausstrahlung wirkt noch auf den Videoaufnahmen ansteckend, neugierig, zugewandt. Kurz darauf steht ein Mann am Rednerpult und predigt, mit der für die pfingstlich-charismatische Kultur typischen Leidenschaft und Gestik. Es sind Mica Miller und ihr Ehemann John-Paul, genannt JP, Pastor der Solid Rock Church in Myrtle Beach, South Carolina.

Die Netflix-Doku «Death of the Pastor’s Wife» zeigt viele solcher Aufnahmen. Sie stammen aus Gottesdiensten und aus Micas Social-Media-Kanälen, und sie erzählen von einer Pastorenehe, die wie das Schaufenster einer Gemeinde wirkt. Er predigt, sie singt. Er leitet, sie begleitet.

Mica war dreizehn, als ihre Familie aus Kansas nach Myrtle Beach zog und sich der kleinen Gemeinde anschloss. Mit sechzehn leitete sie den Chor. Im November 2017 heirateten Mica und JP, sie war 23, er 38. Geschwister und Freundinnen sprechen in der Doku mit grosser Zärtlichkeit von ihr, von ihrer musikalischen Leidenschaft, ihrem festen Glauben, ihrem Wunsch, anderen zu dienen.

Wer das Ende einer Geschichte kennt, meint in jedem Lächeln schon den sich anbahnenden Bruch zu erkennen.

Und das Ende ist bekannt, der Titel der Serie verrät es. Mit jeder Folge werden die frühen Bilder unheimlicher, weil sie zeigen, wie gut die Oberfläche funktioniert hat – und welche Abgründe sich darunter auftun. Der Schein hat eine ganze Gemeinde überzeugt und die Einwände von Micas Vater übertönt, der sich gegen diese Ehe gestellt hatte.

Risse in der Fassade

Die zweite Folge der Serie trägt den Titel «Gehilfin» («helpmate»). Interviews mit Micas Familie und Freundinnen lassen hinter der polierten Fassade einer Vorzeigeehe ein Geflecht der Kontrolle zu Tage treten. Die Angehörigen berichten von Eifersucht und Überwachung, von Predigten, die immer wieder um die sexuellen Pflichten der Ehefrau kreisen, von Medikamenten und Klinikaufenthalten, zu denen Mica gedrängt worden sei.

Im Oktober 2023 reicht sie die Scheidung ein, im Februar 2024 wird das Verfahren eingestellt. Im April beantragt sie erneut die Trennung und wirft ihrem Mann in einer eidesstattlichen Erklärung vor, sie emotional, sexuell, spirituell, finanziell und körperlich missbraucht zu haben. John-Paul Miller bestreitet sämtliche Vorwürfe.

Eine Bundes-Grand-Jury in South Carolina erhob im Dezember 2025 schliesslich Anklage gegen JP Miller wegen Cyberstalking und Falschaussage. Die Anklageschrift wirft ihm vor, ein Nacktbild seiner Frau ohne ihr Einverständnis verbreitet, sie mit Ortungsgeräten an ihrem Auto verfolgt und mit bis zu fünfzig Kontaktversuchen an einem einzigen Tag belästigt zu haben.

Den Ermittlern erklärte er, er habe einen Privatdetektiv zu Micas Schutz engagiert. Laut Anklage sollte dieser sie überwachen. JP Miller hat auf nicht schuldig plädiert, der Prozess ist für kommenden Oktober angesetzt.

Kontrolle, die sich als Fürsorge ausgibt, ist am schwersten zu durchschauen.

Ende April 2024, mitten im Trennungsverfahren, stirbt Mica Miller durch Suizid. Sie wurde dreissig Jahre alt.

Am Tag danach steht ihr Mann auf der Kanzel. Die Doku zeigt diesen Gottesdienst. Er beginnt launig mit einer «Parody»: einem weltlichen Song, den JP christlich umgedichtet hat und am Klavier begleitet, während ein langjähriger Freund singt. Die Gemeinde jubelt. Es folgt eine lange Predigt, erst ganz am Ende des Gottesdienstes die Nachricht vom Tod seiner Frau, verbunden mit dem Hinweis auf ihre psychischen Probleme. Dann verlässt der Pastor die Bühne. Die Gemeinde geht zum Mittagessen. Das Verstörendste an diesem Sonntag ist seine Normalität.

Zorn und Wiedererkennen

Mich hat diese Doku tief aufgewühlt… und wütend gemacht.

Da ist Abscheu vor einem Mann, der seine Frau behandelte, als wäre sie sein Besitz, über den er frei verfügen kann. Mica hatte sich sogar seine Unterschrift auf den Körper tätowieren lassen. Vor diesem Hintergrund wirkt das Tattoo wie die Verewigung eines Besitzanspruchs, und es deutet ein Abhängigkeitsverhältnis an, das weit über eine romantische Geste hinausreicht.

Und da ist Befremden über eine Gemeinde, die ihrem Pastor folgte, wo sie hätte hinterfragen müssen. Die ihn im Namen christlicher Vergebung gewähren liess, auch als sich die Warnzeichen häuften, und die so aus der Gnade einen Freibrief zur Grenzüberschreitung machte.

Und da ist Zorn darüber, wie mühelos sich all das in fromme Sprache kleiden und mit geistlichen Argumenten untermauern liess.

Ich war selbst Pastor einer Freikirche. Ich kenne solche Bühnen und die Bewunderung, die einem dort entgegenschlagen kann. Das macht die Bilder nicht leichter erträglich.

Meine Empörung bleibt dennoch die eines Mannes, der gewissermassen von aussen zuschaut. Ungleich heftiger reagieren Frauen, die in evangelikalen oder pfingstlich-charismatischen Gemeinden gross geworden sind. In Blogs und Kommentarspalten melden sie sich zu Wort.

Viele sind nur zu gut vertraut mit den «biblischen Prinzipien» und theologischen Glaubenssätzen, die in Micas Gemeinde zirkulierten und von ihrem Mann dankbar gegen sie in Anschlag gebracht wurden: Dass die Frau sich dem Mann unterzuordnen habe, weil Gott es so eingerichtet hat. Dass sie ihm ihren Körper nicht verweigern dürfe. Dass sie an seinen Versuchungen, ja an seiner Untreue mitschuldig sei, wenn sie sich ihm entziehe. Dass Zweifel am geistlichen Leiter geistliche Unreife verrate. Dass eine Trennung Sünde sei.

Wer diese Sätze kennt, erkennt die Muster, auch ohne den Fall zu kennen.

Diese Frauen sehen in der Doku keinen exotischen Einzelfall aus den amerikanischen Südstaaten. Sie sehen die Zuspitzung einer Frömmigkeit, die sie selbst in vielleicht milderer Form erlebt haben: einer Frömmigkeit, die Unterordnung predigt und die Gefahren des Machtmissbrauchs weder reflektiert noch ernst nimmt.

Ihr Wiedererkennen ist Erfahrungswissen. Es verdient mehr Gehör als jede Beschwichtigung.

Reflexhafte Entlastung

Gegenstimmen liessen nicht lange auf sich warten. Ein Extremfall, heisst es in sozialen Medien, nicht repräsentativ für evangelikale oder charismatische Pastoren. In gesunden Gemeinden wäre so etwas unmöglich gewesen. Hier habe schlechte Theologie gewirkt, nicht die Bibel. Andere halten der Serie vor, einseitig zu erzählen und sich zu stark auf Aussagen aus zweiter Hand zu stützen.

Manches davon mag eine Berechtigung haben. Die Doku ergreift erkennbar Partei für Micas Familie, John-Paul Miller erscheint nur in Predigtaufnahmen und öffentlichen Äusserungen. Und die allermeisten Pastorinnen und Pastoren, in South Carolina wie in der Schweiz, missbrauchen niemanden und würden das Verhalten JP Millers auch ohne Zögern verurteilen.

Auffällig ist dennoch das Tempo, mit dem diese Einwände kommen. Sie folgen der Empörung auf dem Fuss, oft in denselben Kommentarspalten, und verraten damit eher einen Reflex als eine ernsthafte Prüfung. Noch bevor die Frage nach den Umständen gestellt ist, steht die Antwort fest: Mit uns hat das nichts zu tun.

Diese Reaktion ist menschlich, wer einer Gemeinschaft angehört, will sie schützen. Dieselbe Schutzbewegung kehrt allerdings in fast allen Missbrauchsgeschichten wieder, in Kirchenpflegen und Bistümern ebenso wie in Sportvereinen und Internaten.

Die Sorge gilt der Institution, bevor sie den Betroffenen gilt.

Zudem beantwortet die Entlastung eine Frage, die kaum jemand gestellt hat. Ernsthaft behauptet niemand, alle Pfarrpersonen, Priester oder evangelikalen Pastoren seien Täter.

Die eigentliche Frage lautet, welche Bedingungen es einem Täter so leicht gemacht haben.

Der Wunsch, den Fall zum Einzelfall zu erklären, ist selbst schon ein Befund.

Eine Biografie mit Anschlussstellen

Wer genauer hinschaut, findet keine einzelne Ursache, sondern eine Verkettung vieler begünstigender Umstände. Dazu gehört Micas eigene Vorgeschichte. Die Ehe ihrer Eltern zerbrach, später auch die zweite Ehe ihrer Mutter. Danach, erzählt ihre Schwester Anna in der Doku, habe Mica die Kirche zu ihrer Lebensform gemacht. Es liegt nahe, darin eine Sehnsucht zu erkennen: nach einer Gemeinschaft, die hält, und nach einer Ehe, die nicht zerbricht.

Die Gemeinde wurde ihr Zuhause, der Pastor ihre Autorität.

Ihre Schwester Sierra ist überzeugt, JP Miller habe Mica schon als Jugendliche ins Visier genommen. Mit achtzehn heiratete Mica einen jungen Mann aus dem engsten Umfeld des Pastors; JP traute das Paar selbst. Danach betreute sie die Kinder der Millers und wurde seine Assistentin.

2015 begann eine Affäre zwischen der 20-Jährigen und dem 35-jährigen Mann, der seit ihrer Jugend ihr geistlicher Leiter war. Mica liess sich von ihrem ersten Mann scheiden, um JP Miller zu ehelichen.

Dazu kommt eine psychische Erkrankung. Der Bericht der Rechtsmedizin nennt eine bipolare Störung, und JP Miller führt diese Erkrankung bis heute als Erklärung für Micas Tod an. Dahinter steht ein Muster, das aus vielen Missbrauchsgeschichten bekannt ist. Die psychische Verletzlichkeit der Betroffenen wird zur Erklärung, die alle weiteren Fragen erübrigt.

Wer als labil gilt, dem glaubt man weniger, seine Klagen lassen sich als Symptome abtun.

Eine Erkrankung macht zudem abhängiger von denen, die begleiten, und damit verwundbarer für jene, die Abhängigkeit ausnutzen. Verletzlichkeit verursacht keinen Missbrauch. Sie markiert aber die Stelle, an der er bevorzugterweise ansetzt.

Fehlende Gegengewichte

Allein erklärt die Biografie wenig. Bewunderung, Abhängigkeit und Verletzlichkeit werden erst dort gefährlich, wo niemand die Macht jener begrenzt, die Verantwortung tragen und ein Machtgefälle ausnutzen könnten.

Gegengewichte im Kontext der Kirche wären ein Leitungsgremium mit eigener Autorität, eine übergeordnete Verbandsleitung, die bei Verfehlungen eingreift, Vertrauenspersonen, die nicht von ihm abhängen.

Wo niemand Nein sagen darf, hängt alles am Charakter eines Einzelnen.

Die Solid Rock Church wurde von JP selbst gegründet, und die Gemeinde unterstand keiner übergeordneten kirchlichen Denomination. Die Doku berichtet zudem, JP habe die Statuten so gefasst, dass niemand offiziell befugt war, seinen Rücktritt zu verlangen.

Eine Pastorin, die in der Serie erzählt, legte deshalb ihr Amt nieder und verliess die Gemeinde. Auch das Haus, in dem JP Miller mit Mica lebte, gehörte laut Gerichtsakten der Gemeinde.

Ihre Arbeit, ihre Wohnung, ihr Glaube und ihre Ehe lagen damit im Einflussbereich desselben Mannes.

Beglaubigte Hierarchie

Zur fehlenden Kontrolle tritt eine Theologie, die dem Machtgefälle das Siegel göttlicher Autorität aufdrückt. Die Vorrangstellung des Mannes, in der Ehe wie auf der Kanzel, gilt dann nicht als menschliche Einrichtung, die sich befragen und ändern liesse. Sie gilt als Ordnung, die Gott selbst gestiftet hat.

Die zweite Folge der Serie heisst «Helpmate», nach dem alten englischen Wort für die «Gehilfin» aus der Schöpfungserzählung, auf die sich diese Theologie gern beruft. Das hebräische Wort dahinter, ezer, bezeichnet im Alten Testament sonst meist Gott selbst als Helfer Israels. Unterordnung ist mit diesem Wort also keineswegs selbstverständlich verbunden.

Das Danvers Statement, Ende der 1980er-Jahre vom konservativ-evangelikalen «Council on Biblical Manhood and Womanhood» formuliert und seither Referenztext komplementaristischer Theologie (Komplementarismus: Mann und Frau haben ergänzende Rollen; Egalitarismus: Mann und Frau können die selben Rollen übernehmen), versteht die Leitung des Mannes und die Unterordnung der Frau als Ordnung der Schöpfung.

Fairerweise ist festzuhalten: Dieselbe Erklärung fordert Ehemänner auf, von harter und selbstsüchtiger Leitung abzulassen. JP Millers Verhalten liesse sich auch an ihren Massstäben messen. Das Problem reicht dennoch tiefer.

Eine Theologie, die Macht in Ehe und Gemeinde religiös absichert, nimmt den Unterlegenen die Sprache, in der sie sich wehren könnten.

Wo Gott die Rangordnung beglaubigt, wird Widerspruch zur Sünde. Wer gehen will, bricht einen Bund. So wird die Ächtung der Scheidung zur Falle, die den Ausweg verschliesst, lange bevor jemand ihn sucht.

Dabei spricht Paulus in 1. Korinther 7, der üblichen Belegstelle für «eheliche Pflichten», bemerkenswert wechselseitig: Auch der Mann verfügt nicht über seinen eigenen Körper. Wenige Kapitel später nennt freilich derselbe Paulus den Mann das Haupt der Frau (1. Korinther 11,3):

Die Bibel schützt nicht von selbst vor ihrem Missbrauch. Welche ihrer Stimmen den Ton angibt und welche Folgerungen daraus für heutige Fragen des Geschlechterverhältnisses, der Familienvorstellungen und der Sexualethik gezogen werden, entscheidet sich in der Auslegung.

Mehr als Zufall

Handelt es sich also um einen unglücklichen oder geradezu teuflischen Zufall, bei dem eine verletzliche Frau an den falschen Mann geriet? Die Antwort ist zwiespältig.

Vom Verhalten dieses Pastors lässt sich nicht auf die Persönlichkeit, die Absichten oder die Praxis anderer Pastoren in vergleichbaren Frömmigkeitskulturen schliessen. Ein übergriffiger Priester macht nicht den ganzen Priesterstand der Pädophilie verdächtig. Wer so argumentiert, betreibt Sippenhaft.

Die Rede vom Zufall greift trotzdem zu kurz. In Myrtle Beach trafen Machtgefälle zusammen, die strukturell angelegt und theologisch beglaubigt waren: eine Leitung ohne Aufsicht, eine Hierarchie ohne Gegenüber, eine Lehre, die Unterordnung heiligt, dazu eine Leitungsperson, die Micas Umfeld als kontrollierend und manipulativ beschreibt.

Solche Verhältnisse bringen übergriffige Menschen nicht hervor. Sie ziehen aber jene an, die entsprechende Neigungen mitbringen, und verstärken, was in ihnen angelegt ist.

Strukturen erzeugen keine Täter. Aber sie bauen ihnen die Bühne.

Wie tragfähig solche Bühnen sind, hat 2022 der Guidepost-Bericht über die Southern Baptist Convention gezeigt, die grösste protestantische Kirche der USA. Die Untersuchung dokumentierte, wie deren Leitung über Jahre Missbrauchsmeldungen abwehrte und Betroffene abwies, um die Institution vor Haftungsrisiken zu schützen.

Ob die komplementaristische Theologie dieser Kirche dazu beigetragen hat, lässt sich empirisch schwer belegen. Nahe liegt aber der Schluss, dass eine solche Theologie zumindest unzureichend davor geschützt ist, von Tätern für Machtmissbrauch und Grenzüberschreitungen in Anspruch genommen zu werden.

Wer nur nach den einzelnen Tätern fragt, lässt die systemischen und theologischen Hintergründe unangetastet.

Loyales Schweigen

Mica Miller hat gesprochen. Mit ihren Freundinnen, mit ihrer Familie, mit der Polizei, in Videos auf ihren Social-Media-Kanälen. Die Doku zeichnet diese Versuche nach und zeigt, wie wenig sie bewirkten. Der Ruf des Pastors als Mann Gottes verschaffte ihm Rückhalt an vielen Stellen.

Das hat mit einem Gemeindeverständnis zu tun, das die Gemeinschaft als Familie begreift. In Familien regelt man Konflikte selten über Verfahren und oft über Loyalität. Wer Missstände nach aussen trägt, gilt schnell als Störenfried.

Die Standards der EKS zum Schutz der persönlichen Integrität beschreiben diese Dynamik nüchtern: Betroffene zögern, Hilfe zu suchen, weil sie fürchten, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden oder ihrem Ruf zu schaden.

Missbrauch lebt von der Loyalität derer, die ihn nicht begehen.

Diese Loyalität ist selten böswillig. Sie speist sich aus Dankbarkeit und Zugehörigkeit, aus der Scheu, einem Menschen Unrecht zu tun, dem man viel verdankt. Das macht sie so wirksam. Wer schweigt, erlebt sich nicht als Mitwisser. Er erlebt sich als treues Glied einer Gemeinschaft, die ihren Frieden bewahrt.

Das Mittagessen nach jenem Gottesdienst im April 2024 ist dafür ein stilles Sinnbild. Kein Gemeindeglied hat an diesem Tag etwas Verbotenes getan. Darin liegt das Beunruhigende.

Eine Gemeinschaft, die ihren Frieden über die Wahrheit stellt, verliert am Ende beides.

Gebrochene Macht

Geschichten wie jene von Mica Miller geben christlichen Kirchen Hausaufgaben auf. Zuerst den evangelikalen und charismatischen Gemeinschaften, sofern sich dort ein komplementaristisches Verständnis der Geschlechter mit einer geistlich überhöhten Rolle der Ehemänner und erst recht der Pastoren verbindet.

Das ist kein Urteil über die Absichten der Männer in diesen Frömmigkeitsmilieus. Es bestreitet auch nicht, dass viele solcher Ehen liebevoll und wechselseitig gelebt werden – aber es benennt eine Voraussetzung, die Missbrauch erleichtert und es erschweren kann, Täter zur Verantwortung zu ziehen.

Die erste Aufgabe ist theologisch. Sie beginnt mit einem nüchternen Begriff von Macht. Wer predigt, leitet, segnet und seelsorgerlich begleitet, übt Macht aus, auch wenn er sein Tun Dienst nennt.

Macht, die geistlich begründet und theologisch hergeleitet wird, bleibt noch immer Macht.

Das ist nicht an sich verwerflich, sollte aber anerkannt und nicht fromm kaschiert werden.

Die christliche Tradition hält dafür eine Pointe bereit, die schärfer ist als jede Führungsregel. Jesus beschreibt, wie die Mächtigen ihre Völker unterdrücken, und fügt hinzu: «Bei euch aber soll es nicht so sein» (Markus 10,43).

Der Christushymnus im Philipperbrief besingt einen, der auf seine Macht verzichtet. Die Barmer Theologische Erklärung von 1934 zieht daraus die Konsequenz, dass die Ämter in der Kirche «keine Herrschaft der einen über die anderen» begründen.

Daraus ergeben sich durchaus konkrete Kriterien. Wo Kritik an der Leitung als Angriff auf Gott gilt, schützt sich die Leitung selbst. Wo Widerspruch als Rebellion gedeutet wird, wird aus Gehorsam Unterwerfung.

Und wer sich auf das Psalmwort «Tastet meine Gesalbten nicht an» (Psalm 105,15) beruft, um Kritik abzuwehren, verkehrt dessen Sinn: Es schützte wehrlose Wanderer vor mächtigen Königen, nicht potenziell übergriffige Pastoren und Kirchenleitende vor der Rechenschaftspflicht gegenüber ihren Gemeindegliedern.

Geistliche Autorität, die sich nicht befragen lässt, hat ihren christlichen Grund längst verlassen.

Geteilte Gewalten

Ebenso dringlich ist eine zweite, strukturelle Aufgabe. Theologische Einsicht ohne Verfahren bleibt ein frommer Wunsch.

Eine Gemeinde braucht Gremien, die ihre pastoralen Verantwortungsträger (und -trägerinnen) tatsächlich beaufsichtigen und nicht aus Verwandten, Angestellten oder Bewunderern bestehen. Sie braucht externe Meldestellen, an die sich Betroffene wenden können, ohne den Weg über die beschuldigte Person zu nehmen. Sie braucht Schutzkonzepte, das Vier-Augen-Prinzip und eine klare Trennung zwischen dem, der leitet, und dem, der seelsorgerlich begleitet.

Nötig ist auch eine Entflechtung von Amt und Privatleben. Gehört das Haus der Pastorenfamilie der Gemeinde, hängt die Existenz der Ehefrau an einer Institution, die ihr Ehemann leitet. Eine Trennung wird dann zur Frage von Wohnung und Auskommen.

Ein Schutzkonzept ist für den Tag geschrieben, an dem man der Leitung nicht mehr trauen kann.

Je höher eine Gemeinde ihre Leitung stellt, desto klarer muss geregelt sein, wer sie zur Rechenschaft ziehen kann. Solche Regeln stossen manchmal auf Widerstand. In charismatischen Gemeinden gelten sie schnell als Misstrauensvotum gegen den Heiligen Geist, der doch hinter der Berufung und Begabung der Leitenden steht.

Das Gegenteil trifft zu. Die reformatorische Lehre von der Sünde rechnet damit, dass auch die Frömmsten versagen, und sie macht keine Ausnahme für Menschen auf Kanzeln.

Wer Leitungspersonen kontrolliert, nimmt ihre Menschlichkeit ernst. Gewaltenteilung ist angewandte Sündenlehre.

In der Schweiz haben Freikirchen mit einer Charta gegen Grenzverletzungen eigene Standards formuliert. Das verdient Anerkennung. Es zeigt, dass solche Schritte in diesen Bewegungen selbst angestossen werden.

Keine reformierte Entwarnung

Aus reformierter Sicht liegt eine bequeme Folgerung nahe. Unsere Theologie ist egalitär, Frauen stehen seit Jahrzehnten auf unseren Kanzeln, unsere Kirchen sind presbyterial-synodal verfasst und demokratisch organisiert. Bei uns wäre so etwas undenkbar.

Diese Beruhigung ist selbst ein Risiko. Die Geschichte von Mica Miller erinnert auch reformierte Kirchen daran, dass ausgerechnet im Namen des Glaubens Verhältnisse entstehen können, die Missbrauch begünstigen und seine Aufarbeitung erschweren.

Die EKS hat das Thema unter anderem mit der Fachtagung «Grenzen des Heiligen» in Zürich breit aufgenommen und dabei die eigene Tradition nicht geschont. Die erwähnten Standards zum Schutz der persönlichen Integrität halten fest: «Keine Institution ist vor Verletzungen der persönlichen Integrität durch Verantwortungstragende oder Mitglieder gefeit.»

Egalitäre Theologie ist ein gewisser Schutz. Eine Garantie vor Grenzverletzungen und Machtmissbrauch ist sie nicht.

Auch der Protestantismus kennt Denkfiguren, die sich für missbräuchliche Absichten anbieten. So war die Entzauberung kirchlicher Hierarchien im Zuge der Reformation zwar durchaus ein Freiheitsgewinn – sie hinterliess aber Lücken und schaffte neue Anfälligkeiten.

Wo das Amt wenig Autorität verleiht, übernimmt sie oft das Charisma der überzeugenden Pfarrperson. Zugleich verstehen sich reformierte Pfarrerinnen und Pfarrer gerne als Gegenüber auf Augenhöhe mit ihrer Gemeinde.

Der geschwisterliche Anspruch ist wohl richtig, doch das Gefälle verschwindet nicht, nur weil man es nicht mehr anerkennt. Wer etwa Menschen seelsorglich begleitet, kennt Verletzlichkeiten, die sonst niemand kennt, und geniesst einen Vertrauensvorschuss, der auch die Möglichkeit der Ausnutzung und Verletzung birgt.

Wer «bei uns undenkbar» sagt, macht es sich zu leicht.

Missbrauchte Gnade

Eine weitere Anschlussstelle liegt mitten in reformierter Frömmigkeit: die Gnade selbst. Dass Gott Sünder ohne Vorleistung annimmt, gehört ins Zentrum reformierten Glaubens. Daraus kann ein Vergebungsethos werden, das doppelt Schaden anrichtet.

Tätern will es im Namen der Liebe rasch die Schuld erlassen, bis hin zum Verzicht auf Anzeige und Strafverfolgung. Betroffenen legt es nahe, zu vergeben, bevor ihr Leid überhaupt ausgesprochen ist. Das Vertiefungsmaterial der EKS zum spirituellen Missbrauch nennt erzwungene Vergebung ausdrücklich als dessen Merkmal. So wird Gnade zum Schutzschild für die einen und zum Druckmittel gegen die anderen.

Vergebung ist ein Geschenk, über das niemand verfügt, am wenigsten eine Gemeinde an Stelle der Verletzten.

Die Standards der EKS lassen hier keinen Spielraum: Bei Verdacht auf eine Straftat sind Opferhilfe und Strafverfolgungsbehörden einzuschalten. Spiritueller Missbrauch als solcher ist im Schweizer Recht allerdings nicht strafbar.

Umso wichtiger ist es, ihn als eigenständige Form von Missbrauch ernst zu nehmen, die sich am Schaden der Betroffenen bemisst, nicht an der Absicht der Handelnden. Für Kirchen, die sich selten als mächtig erleben, bedeutet das eine unbequeme Verschiebung.

Gute Absichten genügen nicht. Die gefährlichste Macht ist jene, die sich für Liebe hält.

Die Synode der EKS hat im November 2025 einstimmig eine unabhängige wissenschaftliche Studie zu sexuellem und spirituellem Missbrauch in der reformierten Kirche beschlossen; Ergebnisse werden 2028 erwartet. Sie soll vergangene Fälle aufarbeiten und verstehen helfen, welche Strukturen und Denkmuster Missbrauch möglich gemacht haben.

Vorbeugen kann nur, wer wissen will, was geschehen ist.

Was Betroffenen zusteht

Immer wieder hat Mica Miller versucht, gehört zu werden, in Gesprächen, in Videos, bei der Polizei, vor Gericht. Die Doku gibt ihrer Stimme nachträglich Raum, mit ihren Aufnahmen, Nachrichten und Tagebüchern. Das ist berührend und beschämend zugleich, weil es zeigt, wie spät diese Stimme Gehör findet.

Kirchen schulden Menschen, die Ähnliches erleben, zuerst eines: dass man ihnen glaubt. Das heisst zuhören, bevor man einordnet. Es heisst, die Loyalität zur eigenen Gemeinschaft hintanzustellen, wenn jemand von Verletzungen in ihr berichtet. Es heisst, Strukturen zu schaffen, die nicht vom Wohlwollen einzelner Leitungspersonen abhängen. Und es heisst, eine Theologie zu pflegen, die Menschen nicht klein macht, wenn sie von Gottes Grösse spricht.

Eine Kirche ist so glaubwürdig wie ihr Umgang mit jenen, die ihr zu misstrauen gelernt haben.

Im Lobgesang der Maria heisst es, Gott stosse die Mächtigen vom Thron und erhöhe die Niedrigen (Lukas 1,52). An dieser Verheissung werden Kirchen gemessen, nicht an ihren Selbstbildern. Wer in einer Gemeinde Ähnliches erlebt hat, soll wissen: Das eigene Leiden ist keine Prüfung, die schweigend zu bestehen wäre. Es gibt Menschen, die zuhören, und es gibt Wege heraus.

Micas Geschichte lässt sich nicht mehr ändern. Was Kirchen aus ihr lernen, schon.

 

Hilfe und Anlaufstellen

  • Wer an Suizid denkt oder sich um jemanden sorgt, findet rund um die Uhr ein offenes Ohr bei der Dargebotenen Hand: Telefon 143, 143.ch. Kinder und Jugendliche erreichen die Beratung von Pro Juventute unter Telefon 147, www.147.ch.
  • Grenzverletzungen im kirchlichen Umfeld können den Meldestellen der EKS und der Kantonalkirchen gemeldet werden: eks-eers.ch/meldestellen-grenzverletzungen.
  • Beratung bei spirituellem Missbrauch und belastenden Erfahrungen in religiösen Gruppen bietet Relinfo in Rüti ZH (055 260 30 80, relinfo.ch).
  • Bei Gewalt, auch bei häuslicher Gewalt, helfen die kantonalen Opferhilfe-Beratungsstellen: opferhilfe-schweiz.ch.

Zum Autor: Manuel Schmid leitet das Kompetenzzentrum für Theologie und Ethik der Evangelischen Kirche Schweiz (EKS). Er ist Co-Host des RefLab-Podcasts «Ausgeglaubt». Dieser Beitrag erscheint gleichzeitig im EKS-Blog und bei RefLab.

Bild: Netflix 2026

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