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Zauberwald (4) Mit Raben reden

Weihnachtsgirlanden und Gestecke schmücken die Zimmer und Flure der Klinik. In der anstaltseigenen Gärtnerei wurde von Patienten Weihnachtsschmuck aus Tannenzweigen gebastelt und üppig mit Christbaumkugeln und Lichterketten verziert.

Beim Mittagessen erfahre ich, dass die Kioskverkäuferin, die Schokoriegel, Bonbons und Kaugummi verkauft, etwa fünfhundert Meter von der Waldklinik entfernt zwei Wölfe gesehen haben soll, in der Nacht, als es geschneit hat. Es sei um halb zwei Uhr früh gewesen. Ich beschliesse, in der nächsten Pause die Verkäuferin selbst zu befragen.

«In Brandenburg», erklärt mir die resolute Frau, «gibt es inzwischen mehr Wölfe als in ganz Schweden». Ihr Ton ist trocken, aber mit einem leicht vorwurfsvollen Unterton. Die Kioskfrau ist zusätzlich auch Jägerin. Sie erzählt mir, während sie hinter dem Tresen steht, dass sie in den Nächten durch den Wald rund um die Klinik streife. Allein. Nein, Angst habe sie keine. Die beiden Wölfe seien in der Schneenacht in einiger Entfernung still und leise vorbeigelaufen, ohne Notiz von ihr zu nehmen.

Wölfe sind für die Frau nicht Angst- und Totemtiere, sondern offenbar ärgerliche Jagdkonkurrenten. Ein einziges Rudel erlege im Jahr «mehr als 500 Stück Schalenwild».

Am Morgen darauf laufe ich um 8.30 Uhr in einer Gruppe mit Nordic-Walking-Sticks durch den regennassen Wald und halte nach Wolfsfährten Ausschau. In der Nacht hat es geschüttet. Die Bäume sind vollgesogen mit Wasser, die unteren Stämme der sonst leuchtend orangen brandenburgischen Kiefern sind jetzt schwarz. Der Bewegungsablauf des Nordic Walking erinnert mich an den Crosstrainer in meinem Fitnessstudio im Prenzlauer Berg, aber im Wald komme ich mir mit den rhythmisch vor- und zurückschwingenden Armen ein wenig lächerlich vor. Klick, klick macht es auf dem Waldkies.

Eine dunkelhaarige Frau aus Jena, Mitte 40, gütige Augen, Grufti-Look, Krankenschwester im Krankenstand, läuft an meiner Seite. Auf meine Nachfrage erzählt sie, sie verletze sich auf verschiedene Weise selbst: ritzen, blaue Flecken zufügen, übermässiges Arbeiten («150 Prozent!»), übermässig viel oder zu wenig essen. Ihr Mann komme mit dem Ritzen sehr schwer zurecht. Sie habe ein erwachsenes Kind.

Tags darauf, wieder durch den Wald, nun mit Lisa: Neuzugang, Büchereimitarbeiterin aus der Nähe von Magdeburg, Saxofonistin, liebenswert, lebenszugewandt, verträumt. Seit sie 19 ist, erleidet sie psychotische Schübe. Raben fliegen krächzend durchs Gehölz. Die junge Frau mit bunter Strickjacke, Blumen bestickten Schuhen und Brille erwähnt Edgar Allan Poes «The Raven» und erzählt, dass sie Raben unheimlich finde, seit sie sie sprechen höre.

«Die Raben sitzen in unserem Dorf am Kirchturm. In Psychosephasen habe ich den Eindruck, dass sie mit mir reden.»

Psychosen erlebt die sanfte junge Frau als unerklärliche, unheimliche und höchst gewaltsame Einbrüche in ihr Alltagsleben, als temporäres «völliges Irresein». Es kündigt sich an durch übersteigerte Agilität, geistreiche Ideengewitter. Nach überstandenen Psychoseperioden folgt tiefste Depression mit schweren Selbstmordgedanken. Den ganzen Sommer lang hat ihr dritter Psychoseschub gedauert. Sie ist in den Wald gekommen, um sich davon zu erholen.

Ein Brötchen und ein bisschen Käse liegen auf meinem Abendessensteller. Dazu gibt es Buttermilch. Viele hier müssen erst wieder lernen, sich regelmässige Mahlzeiten zu gönnen oder umgekehrt, Essanfälle zu zügeln. Ich sehe mich um: In einer Ecke sitzen übermässig fettleibige Patientinnen, in einer anderen erschreckend Magersüchtige. Sie halten die Blicke gesenkt und scheinen sich in der Klinikmensa wie auf einem Präsentierteller zu fühlen, auf dem sie vorgeführt werden. Ich selbst habe in den vergangenen Monaten, ja Jahren, oft den meiner Meinung nach notwendigen Arbeitsanforderungen den Vorrang gegeben vor regelmässigen Mahlzeiten und Pausen. Erst jetzt wird mir das bewusst.

Die Nacht senkt sich auf den Winterwald und die Deckenleuchten bilden in den Fenstern der Mensa Spiegelreflexe. Mir gegenüber nehmen die Bibliotheksmitarbeiterin Lisa und ein Operngeiger aus einer nahegelegenen Provinzstadt mit ihren Abendessenstellern Platz.

Lisa erzählt, dass sie sich in der vorletzten Psychosephase für Beethoven gehalten habe und lacht über sich selbst.

Psychiatrieaufenthalte hasse sie, «weil man in Psychiatrien entmündigt wird».

Der Berufsgeiger ist in die Klinik gekommen, um besser zu verstehen, was es mit seiner Psychose-Erkrankung auf sich hat. Wie Lisa ist er eine auffallend feinfühlige Persönlichkeit. Er macht einen besonnenen und gleichzeitig gequälten Eindruck auf mich. Er erzählt, dass seine erste Psychose ungewöhnlich spät aufgetreten ist, in einer Phase der Überforderung. Auf Drängen der Eltern sei er Profimusiker geworden. Als junger Erwachsener habe er dem Wunsch der Eltern entsprochen und in Schweden an einem einjährigen Geigenkurs für Hochtalentierte teilgenommen.

Dort, während des starken Drills in einer internatsartigen Schule, inmitten eines Waldes, sei sein Kopf plötzlich durcheinandergeraten. Er habe seinen Reisepass, die Brieftasche und die Uhr an verschiedenen Stellen weggeworfen. Er lächelt defensiv beim Erzählen der Begebenheit. Nach einem Jahr Beschwerdefreiheit drohe es nun ausgerechnet in der Klinik wieder loszugehen. «Ich bin hier in Schweden», sagt er und blickt uns hilflos an. «Hier und jetzt, Depression oder Psychose, Weichenstellungen in beide Richtungen sind möglich.»

Auf den letzten Psychoseschub sei eine fürchterliche postpsychotische Depression gefolgt, die ihn wochenlang regungslos «wie einen Hirntoten» in einer Klinik liegen habe lassen, bringt er gepresst hervor. Der Musiker sitzt leicht gebückt. Ich spüre seine latente Panik. Ein dunkler Abgrund droht mein Gegenüber zu verschlingen. Eine wankelmütige Kraft zerrt an dem Violinisten, der Richard Wagner liebt. Noch schafft er es, seine Fassung zu wahren, er ist aber inzwischen gespenstisch blass, wortkarg und voller Angst vor dem Kommenden. Schweissperlen glänzen auf seiner Stirn, seine Augen aber sind ruhig und seelenvoll.

Die Büchereimitarbeiterin und der Geiger hatten beide vor, in diesem Jahr bei Weihnachtskonzerten mitzumachen, er in der Oper, sie als Mitglied eines Laienchores. Der Geiger wird dazu kaum in der Lage sein, aber auch Lisa fürchtet, dass ihre Pläne einmal mehr von ihrer Krankheit durchkreuzt werden könnten. Die beiden können nicht begreifen, wie es kommt, dass ihre Psyche ihnen immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht.

Die Bücherfrau und der Berufsgeiger sind sich einig, dass kein Sinn darin liegt, von Sinnen zu sein.

Später im Kaminzimmer zittere ich mit dem Musiker. Ein sonderbares Rasen hat in ihm begonnen. Sein Zustand scheint sich jetzt im Minutentakt zuzuspitzen, während ihm noch gestern gar nichts Ungewöhnliches anzumerken war. Ich versuche, in meine Worte und Augen möglichst viel Ruhe zu legen, irgendwie hoffend, mein Gegenüber festhalten zu können, wie jemanden, der bereits über einem Abgrund hängt.

Am Abend schwitze ich wieder mit ein paar Frauen in der Sauna. «Wieso bist du eigentlich in der A-Gruppe gelandet», fragt mich die Burnoutpatientin. «Die Gruppe A ist doch für schwere Fälle reserviert. Es ist die Psychosegruppe» Ja, warum eigentlich? In meinem hausärztlichen Attest steht «depressive Erschöpfung».

Ein Test der Klinikpsychologin, bestehend aus einer Liste von Fragen zu meinem Selbstverhältnis und meiner Arbeit, ergibt: Kein Burnout. Ich bin beinahe enttäuscht. Eine eindeutige Diagnose hätte ich entlastend gefunden. Fragen lauteten: «Wie oft sind Sie müde? Wie oft denken Sie, sie halten es nicht mehr aus? Sind Sie am Morgen schon beim Gedanken an den bevorstehenden Arbeitstag erschöpft? Haben Sie genügend Energie für Ihre Familie und Freunde in der Freizeit?» Ich erkundige mich bei der Ärztin nach den Kriterien für die Diagnose und erfahre:

«Burnout diagnostizieren wir, wenn Patienten angeben, keinerlei Freude und keinen Funken Hoffnung mehr zu verspüren, sondern alles nur noch Grau in Grau oder Schwarz zu sehen. Das scheint bei Ihnen nicht der Fall zu sein.»

An diesem Abend komme eine faszinierende Persönlichkeit ins Haus, informieren mich die Profis unter den Klinikinsassen: der inzwischen pensioniere Gründer der Waldklinik. Einmal pro Woche kehre er an seine frühere Wirkungsstätte zurück. Patientinnen und Patienten füllen den Versammlungsraum und sitzen dicht an dicht. Ich erwarte eine Art Guru, aber es kommt ein gütiger und bescheidener alter Arzt. Er wirkt asketisch und strahlt grosse Wärme aus, eine väterliche Figur, die den Patientinnen und Patienten grosse Wertschätzung entgegenbringt.

Er gebraucht nicht viele Worte und vielleicht gelingt es ihm gerade deshalb, Raum für andere zu öffnen.

An Abenden mit ihm wird viel gelacht und geweint. Wer sein Leiden offenlegt, erhält von allen Seiten Empathie und Ratschläge, während der alte Arzt seinen Beitrag auf einige vertiefende Fragen und kurzen Bemerkungen beschränkt.

An diesem Abend sehen wir uns mit folgender Problemstellung konfrontiert: Ein junger Mann mit polnischem Akzent wird den Verdacht nicht los, dass nicht nur der betagte Psychiater, sondern ausnahmslos alle in der Klinik Therapeuten seien – und besonders alle im dicht gedrängten Saal: die Alkohol- und Drogenkranken, Internetsüchtigen, Kaufsüchtigen, Spielsüchtigen, Ausgebrannten und psychisch und seelisch in unterschiedlichen Weisen und Graden Leidenden. Umso mehr der junge Mann von seinen Beobachtungen preisgibt und je mehr die Mitpatienten ihm helfen wollen, desto mehr gewinnen auch die anderen im Saal den Eindruck, dass der junge Mann wohl gar nicht so falsch liegt.

Beim Einschlafen denke ich an die Wölfe, die nachts auf pelzigen Füssen um die Klinik steifen. Ich hoffe, sie in dieser Nacht heulen zu hören.

Der Kuraufenthalt war Mitte der 2010er-Jahre. Die Namen der Klinikinsassen sind geändert.

Illustration von David Nydegger für RefLab.

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