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Lesedauer: 5 Minuten

Wie die Bibel abgekupfert hat – und warum sie trotzdem wichtig ist

Die Noah-Erzählung in der Bibel ist ziemlich sicher nicht original. Noahs „grosse Brüder“ heissen Atramchasis und Utanapischti. Alle drei bauten ein Schiff, weil ihnen ein Gott sagte, dass eine grosse Überschwemmung kommen würde und sie sich so retten könnten. Sie nahmen viele Tiere mit an Bord, verschlossen die Luken des Schiffs mit Pech und verbrachten die Zeit bis zum Ende der Flut mit ihrer Familie darauf.

Frappante Ähnlichkeiten

Es gibt unzählige Parallelen zwischen den drei Erzählungen, die im Atramchasis-Epos (18./17. Jh. v. Chr.), im Gilgamesch-Epos (12. Jh. v. Chr.) und im Alten Testament (ab dem 9. Jh. v. Chr., wobei manche Erzählungen und Lieder vorher mündlich weitergegeben wurden) stehen. Ein paar Beispiele, neben dem Erzählkern mit dem Schiff und der Flut: Sowohl die Bibel als auch das Gilgamesch-Epos berichten von Vögeln, die losgeschickt werden, um zu überprüfen, ob bereits wieder trockenes Land vorhanden ist. In allen Geschichten warnt eine Gottheit eine besonders vorbildliche Person vor und erklärt ihr, was nötig ist, um zu überleben. Im Gilgamesch- sowie im Atramchasis-Epos gibt es eine Muttergottheit, die über die Auslöschung der Menschheit bitterlich weint. Und in allen drei Epen bringen die Familien als Dank für ihr Überleben den Göttern ein Opfer, dessen Duft diese besänftigt.

Das mag manche, die an den biblischen Geschichten hängen, verunsichern. Ist die Noah-Erzählung in der Bibel also nicht „wahr“? Was sagen uns die Erzählungen im Alten Testament heute denn noch? Und warum dient uns gerade die Bibel als religiöser Referenztext und nicht ein irgend anderes Werk mit Welterklärungs-Mythen und Gottesgeschichten?

Manche Christ*innen sagen explizit, dass sie „an die Bibel glauben“. Natürlich stimmt das nur indirekt – niemand glaubt an ein Buch. Sondern an den Gott, der darin vorgestellt wird. Aber die Formulierung deutet an, warum Glaube erschüttert werden kann, wenn man mehr über die bibelwissenschaftliche Forschung lernt und erfährt, wie die Texte der Bibel entstanden sind.

Die Bibel entstand nicht in einem Vakuum

Das Alte Testament (und übrigens auch das Neue) fiel nicht einfach vom Himmel. Sondern jeder Text wurde in einem bestimmten kulturellen Umfeld niedergeschrieben und manchmal auch später sorgfältig, mit einem bestimmten Interesse, wieder bearbeitet. Die jüdische Kultur entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte, in denen die Bibel entstand, weiter. Sie stand im Austausch mit anderen Völkern und Staaten, wollte sich von anderen Religionsgemeinschaften bewusst abgrenzen und war überdies geprägt von örtlichen, politischen und anthropologischen Gegebenheiten. All dies zeigt sich im Bibeltext, den wir heute vorliegen haben. Manches deutlicher, manches erst, wenn Zusammenhänge erklärt werden.

Zum Beispiel in der Sintfluterzählung. Dank der geologischen Forschung wissen wir, dass es im Nahen Osten vor rund 6-8000 Jahren grosse Überflutungen gab. Diese wurden in Geschichten verarbeitet und das Überleben der Menschheit natürlich der Hilfe der jeweiligen Gottheiten zugeschrieben. Da die Kulturen in Mesopotamien, Altbabylonien und später auch Israel/Juda ineinander übergingen bzw. miteinander im Austausch standen, wurden auch die Geschichten weitergereicht und adaptiert. Ein interessantes Detail: Gott trägt in der Noah-Erzählung zwei verschiedene Namen, „JHWH“ und „Elohim“. Dies deutet darauf hin, dass sogar innerbiblisch zwei Traditionen verwoben wurden, die parallel zueinander in Umlauf waren.

Von Papyrus bis Playmobil

Die beiden nichtbiblischen Werke, in denen die grosse Flut vorkommt, sind in Tontafeln auf Keilschrift verfasst. Sie gerieten in Vergessenheit und wurden erst in der Neuzeit von Archäologen wiederentdeckt. (Im früheren Mesopotamien wurde sogar noch eine vierte, ebenfalls sehr ähnliche Sintflut-Erzählung mit einem Helden namens Ziusudra gefunden.)

Das Alte Testament hingegen wurde schon im 1. Jahrtausend v. Chr. stets weiter überliefert und neu abgeschrieben, Texte wurden gesammelt, teilweise ergänzt und überarbeitet. Das Christentum übernahm die Textsammlung und ergänzte sie mit Schriften aus den ersten knapp 100 Jahren nach der Auferstehung von Jesus. Seither hat sich im Grundtext nichts mehr geändert, die Texte wurden abgeschrieben und weitergegeben. Das Verständnis blieb aber gleich wie im Judentum: Die Bibel ist keine alte Geschichte, sondern eine stets zu aktualisierende und neu zu übersetzende.

Seit der Reformation dient dazu vor allem die Predigt in der Kirche. Heute nimmt die Weitergabe der biblischen Tradition auch moderne Formen an, wie zum Beispiel die Bibel-Playmobil-Videos in „Sommers Weltliteratur to go“ oder diverse Podcastformate, welche die Relevanz biblischer Texte für heute suchen. Dass sich die Bibel durchsetzte und nicht ein anderes historisches Werk, hat also in erster Linie damit zu tun, dass der Text ständig aktualisiert und neu ausgelegt wurde – bis heute.

Die Bedeutung, welche von den drei Sintflut-Geschichten für uns einzig die von Noah hat, liegt nicht in der Erzählung als solche. Sondern in ihrem Eingeflochtensein in einen Strang von Geschichten, Traditionen und Erfahrungen von Menschen mit Gott, in die auch unsere eigene Geschichte mit eingeflochten ist.

Der Blick zum Regenbogen

Insofern spielt es keine Rolle, ob Noah tatsächlich unter diesem Namen gelebt hat, und ob eine der alten Erzählungen präziser ist als die anderen. Die „Wahrheit“ eines biblischen Textes ist nicht daran gebunden, ob sich das Geschilderte historisch genau so ereignet hat. Der biblische Text ist für uns vielmehr anschlussfähig, indem er zum Beispiel:

  • ein personales Gottesbild entwirft, in dem auch Meinungsänderungen keine Unmöglichkeit sind,
  • Gott einen Bund mit den Menschen schliessen, eine Beziehung mit ihnen eingehen lässt, auf die unser Glaube auch heute aufbaut,
  • mit dem Regenbogen ein wunderbares Symbol für die Zuwendung Gottes beschreibt, das uns heute noch mitten im Alltag überrascht, berührt und an diese Zuwendung erinnert.

Schon vor Tausenden von Jahren waren Menschen davon überzeugt, dass mehr zur Realität gehört, als man von Auge sehen und mit menschlichen Mitteln beweisen kann. Es ist spannend, diesen Spuren in die Vergangenheit nachzuforschen und sich damit auseinanderzusetzen, wie Menschen sich die Welt erklärten und was sie mit Gott für Erfahrungen machten. Gott ist ewig. Er steht über der Zeit. Er flicht seine Geschichte mit den Menschen, vor 3000 Jahren, heute und auch noch Hunderte von Jahren nach uns.

 

Bibelwissenschaftliche Artikel zu den drei Fluterzählungen: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/28899/ 

Lesenswert und informativ: „Die Entstehung der Bibel“ von Konrad Schmid/Jens Schröter, C.H. Beck 2019.

Photo by Jaredd Craig/Unsplash

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4 Kommentare zu „Wie die Bibel abgekupfert hat – und warum sie trotzdem wichtig ist“

  1. Dieser Artikel ist näher an Fake-News als an gut recherchiertem Bericht.
    Wie ich darauf komme?

    1. Wer sagt denn, dass nicht die anderen Geschichten/Mythen „abgekupfert“ haben?

    2. Eine Quellenscheidung Jahwist/Elohist in der Sintflutgeschichte (wie im Artikel angedeutet) macht absolut keinen Sinn und ist dazu höchst spekulativ! (vgl. z.B
    Berman, Inconsistency)

    3. Die Abtrennung (od. Relativierung) des historischen Geschehens ist theologisch sehr problematisch. Wenn es irrelevant ist, was tatsächlich geschah, dann ist auch die Erlösung durch Jesus Christus in Frage gestellt. Der christliche Glaube beruht auf Heilstatsachen: Nur wenn Jesus tatsächlich durch den Heiligen Geist gezeugt, durch die Jungfrau Maria geboren wurde, unter Pontius Pilatus gelitten hat, am Kreuz gestorben und am dritten Tag auferstanden ist, und schliesslich zum Vater in den Himmel aufgefahren ist, wie es die Bibel und mit ihr die Kirche durch alle Jahrhunderte bis heute in den Glaubensbekenntnissen bezeugt, nur dann, wenn alle diese Dinge (auch historisch) wahr sind, trägt der christliche Glaube. Wenn nicht, dann lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.
    Denke Sie verstehen, was ich meine.. herzliche Grüsse

    1. Evelyne Baumberger

      Danke für den Kommentar.
      1. Die Verschriftlichungen der anderen Mythen und die Kulturen, in denen sie entstanden, sind erwiesenermassen älter.
      2. Ich folge hier Bosshard-Nepustil, Schmid u.a., die von priesterschriftlichen und nicht-P-Anteilen in der Urgeschichte ausgehen, nicht der alten Quellenscheidungshypothese mit durchgehenden Jahwist-/Elohist-Texten.
      3. Natürlich würde ich zwischen verschiedenen Textgattungen unterscheiden und Noah als literarische Figur nicht auf dieselbe Ebene stellen wie Jesus Christus, dessen Leben auch historisch gut bezeugt ist. Ich finde nämlich genau das Gegenteil problematisch als Sie (übrigens duzen wir uns im RefLab auch gerne 🙂 ) : Die Gleichsetzung der biblischen Texte im Sinne davon, dass sie alle chronistisch-historische Berichte seien. M.E. erstickt das die Texte und ihre Aussagen, sorgt für innerbiblische Inkonsistenzen und kognitive Dissonanz bei kritisch denkenden Christ*innen. Haben Sie/hast du letzteres nie persönlich erlebt, wenn jedes Ereignis in der Bibel zwingend historisch wahr sein muss?
      Liebe Grüsse und es schöns Wuchenänd!

  2. Jürgen Friedrich

    Völlig gleichgültig, wer von wem abschrieb. Die Noah-Geschichte und der Zeitpunkt ihres Geschehens verschwindet im Maßstab der Erdgeschichte, die dem Vernehmen nach 4,5 Milliarden Jahre zurückreicht.
    Der GLAUBE an einen Schöpfergott (egal, welcher Konfession) prägt unser SEIN im Hier + Jetzt erst seit einem extrem kurzen Moment, wenn man die „Leistungen des Schöpfers“ der vorangegangenen menschenleben erdgeschichtlichen Zeitalter würdigt. Wie kommt unsere heutige Wirklichkeit zustande?

    Ein Zitat von Paul Watzlawick („Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ München, 1989, 17. Auflage) lautet :

    The sog. „Wirklichkeit“ ist das Ergebnis von Kommunikation. Wirklichkeit ist das, worüber man übereinkommt. Dabei ist die Quelle aller konstruierten Wirklichkeiten unser Hirn, es sind die Einfälle unseres individuellen oder kollektiven Geistes. Das „WIE“ meines Herangehens an die Wirklichkeit ist entscheidend für die Konstruktion der Wirklichkeit. Die Subjekt-Objekt-Trennung ist dabei aufgehoben. – Zitat Ende

    Aus meiner Sicht gehört das weiter-gedacht. Die „Wirklichkeit des Subjekts“ ist der wichtigere Teil des Zusammenspiels, einschließlich seiner Träume und Visionen, weil „alles sowieso nur fiktive Illusion der Gehirnzellen ist“. Oder das Resultat von ‚Eingebungen von außen‘, z.b. durch Lichtwellen. Die sind auch unverzichtbar für das Lesen von Buchstaben.

    Der „kollektiv gültige Teil der Wirklichkeit“ leidet (?) unter dem biblischen bonmot „Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig.“ (Er „leidet“ nicht richtig, sondern nur im Sinn von ‚erleidet‘, ganz im Sinn einer Fortsetzung von ES WERDE LICHT, welche sich nicht in optisch-physikalischen Ereignissen erschöpft, sondern in der gehirn-technischen Zuordnung per Wort – oder auch per wortloser Kommunikation, z.b. Musik+Bild)

    Herzliche Grüße und viel Freude mit diesem Zitat von Mark Twain.

    Jürgen

    Kaum verloren wir das Ziel aus den Augen, verdoppelten wir unsere Anstrengungen.
    Mark Twain

  3. Hallo zusammen
    Gemäss den biblischen Berichten ist Abraham im Jahr 2166 vor Christus auf die Welt gekommen (1.Mose 11,26-27; s.a. 1.Mose 11,32;12,4) Abraham ist bereits die 10. Generation nach Noah und die Sintflut war rund 500 Jahre vor Abraham. Warum die Sintflut nun in das 9. Jahrhundert vor Christus geschoben wird, ist mir ein Rätsel. Auf der Arche waren Noah und seine Familie, welche das Erlebte logischerweise weitergaben. Dass das Gesagte bei späteren Wiedergaben abgeändert worden ist, ist gut nachvollziehbar. Wir alle wissen, dass Gesagtes oft ganz schnell bewusst oder auch unbewusst „verfälscht“ wird. Die Geschichte von Noah ist nicht einfach eine Begebenheit, sondern eine Botschaft für Gottes Volk in der aktuellen Zeit. Genauso wie es in den Tagen Noahs war… wird im Neuen Testament geschrieben und es geht dabei um die Einleitung des Gerichts/ der Wiederkunft Jesu. Was bei der Sintflut geschah, nämlich dass die Leute nicht auf den Prediger des Wortes Gottes (Noah) hörten und sich so nicht in Schutz brachten, ja im Gegenteil sogar noch spotteten bis die Türe der Arche durch Gott verschlossen wurde, ist ein prophetischer Hinweis darauf, was vor der Wiederkunft Jesus passieren wird. Die Menschen sind „sorglos“ mit ihrem Leben beschäftigt (wie in den Tagen Noah) und fragen nicht nach Gott, sondern nach ihren eigenen „Götzen“, heute z.B. Arbeit, Geld, etc. Die Gläubigen wurden damals ausgelacht und solche, die Gottes Wort heute glauben, werden ebenfalls verspottet und manche möglicherweise dadurch von ihrer Errettung abgehalten. Unsere Zuflucht ist Jesus Christus (Arche bedeutet übrigens auch so viel wie Zuflucht). Unsere „Gnadentür“ wird sich auch für uns irgendwann schliessen und wie Noah und seine Familie nicht mehr aus der Arche (und die Menschen nicht mehr in die Arche gehen) konnten, werden auch die Menschen in der heutigen Zeit ihre Entscheidung unumkehrbar getroffen haben. Bevor das Gericht kommt, werden sie bitterlich erkennen, dass sie auf falsche Aussagen gebaut haben. Doch es wird zu spät sein.
    Daher ist es wirklich schade, dass die Bibel so oft völlig falsch verwendet und den Menschen so die Wahrheit entzogen wird. Die Bibel ist zuverlässig und enthält tiefe Botschaften für unsere Zeit. Ganz bestimmt ist sie nicht „abgekupfert“, auch wenn immer wieder der Versuch gemacht wird, die Bibel als unglaubwürdig darzustellen.
    Ich hoffe, dass diese Wahrheiten verstanden und es erkennt werden darf, dass die Bibel ein inspiriertes Buch ist, welches zu unserem Besten geschrieben wurde.
    Möge uns Gott allen helfen.
    Herzlichst, Silvia

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