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Jenseits des nackten Lebens

Kaum aus der Reha entlassen, besitzt der Dissident, Blogger und verhinderte russische Präsidentschaftskandidat Alexei Nawalny die Verve, mit seinem mutmasslichen „Mörder“ zu telefonieren. Er erwischt den Mann frühmorgens auf dem linken Fuss, gibt sich als dessen Vorgesetzter aus, fragt ihn, welche Fehler unterlaufen sind, treibt sein Gegenüber psychologisch geschickt in die Enge, bis der Agent am anderen Ende der rauschenden Leitung zugibt, dass der im Sommer auf Nawalny verübte Nowitschok-Angriff ein verpatzter Auftragsmord war.

Ein paar Wochen nach der Veröffentlichung des millionenfach geklickten Phone Call lanciert der Antikorruptionskämpfer in Sozialen Netzen mit Putin’s Palace ein weiteres brisantes Dokumentarvideo. Es zeigt einen Versailles-artigen Palast nahe der russischen Schwarzmeerstadt Gelendschik, vermutete Kosten umgerechnet über eine Milliarde Euro. Mit „Phone Call“ und „Putin’s Palace“ hat Nawalny binnen kurzer Zeit zwei virale Coups gelandet.

Dialog mit Mörder

Der Rechtsanwalt hat es zu seinem Metier gemacht, Russlands geheimen Machtapparat auszuleuchten, auf der Suche nach Korruptionssümpfen – und nun auch nach seinen potenziellen Killern. In „Phone Call“ kann er seine in jahrelanger Recherche erworbene Kenntnis des Geheimdienstapparats ausspielen und dessen Kommunikationsstil auf das System selbst anwenden. Als Betrachter bleibt einem förmlich der Mund offen.

Die Dramaturgie von „Putin’s Palace“ ähnelt streckenweise einem James-Bond-Film, der Plot einem Gangster-Comic. Nawalnys Mitstreiter nähern sich mit cooler Miene in einem Schlauchboot. Untermalt von sanft-dudelnder Folkloremusik zeigen Dronenaufnahmen die ausgedehnte Palastanlage. Zu ihr gehören auch ein Weingut, ein Hubschrauberlandeplatz, eine Austernfarm, eine unterirdische Eishockeyarena und angeblich sogar eine Kirche.

Das Absurde: Prunkender Protz dient normalerweise der Demonstration von Prestige. Dieser Palast aber ist so verborgen, wie es die ominösen sowjetischen Geheimstädte gewesen sind, die keine Landkarte verzeichnete.

Nawalny der Grosse

Das geheimnisvolle Ferienschloss an pittoresker Steilküste soll mit Oligarchengeld für den russischen Machthaber erbaut worden sein, enthüllt Nawalny. Der Kreml dementiert jeglichen Zusammenhang. Als die investigative Dokumentation „Putin’s Palace“ erscheint, ist der Oppositionspolitiker, gerade erst nach Russland zurückgekehrt, auch schon wieder im Gefängnis – und in russischen Städten demonstrieren seither Massen für seine Freilassung.

Das In- und Aus-dem-Gefängnisgehen Nawalnys und seiner Anhänger und Anhängerinnen hat sich in den vergangenen Jahren unzählige Male wiederholt und mutet zunehmend wie ein makabrer Sport an. Mit der schier wundersam überlebten Dosis eines letalen Nervengifts ist aber eine neue Qualität hinzugekommen. Fast unwillkürlich muss man inzwischen dem russischen Oppositionspolitiker Heldenformat zugestehen.

Für die britischen Zeitung „London Times“ scheint es ausgemacht: Nawalny ist ein „Russian Hero“. Er hat aber auch Züge eines Medienkünstlers. Seine Dokumentarvideos werden immer ausgefeilter, die lässige Inszenierung wirkt gut überlegt.

Social-Media-Artivismus

In zeitgenössischen Kunstformen verschmelzen politischer Aktivismus, Ästhetik und Ethik zu „Artivismus“. 2012 hat die russische Punkband Pussy Riot eine Kostprobe gegeben. Als Kulisse wählten die mit bunten Sturmmasken bewehrten Musikerinnen die Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale, in der sich Russlands Präsident fromm inszeniert. Das Pussy-Riot-Video wurde viral und die jungen Frauen bezahlten den Hack mit Gefängnis und Hausarrest.

Während sich Moskaus Aktivist*innen am postsowjetischen Regime abarbeiten, piesackt der chinesische Menschenrechtsaktivist, Blogger und Künstler Ai Weiwei das kommunistische Regime seiner Heimat. Mit Mitstreiter*innen sammelte er Belege für Bausünden („Tofu-Schulen“), die er für den Tod vieler Kinder beim verheerenden Sichuan-Erdbeben von 2008 mitverantwortlich macht.

Handschellen aus Marmor

Als auf Behördenanweisung das Shanghaier Studio des Künstlers und Architekten aus fadenscheinigen Gründen planiert wurde, hielt Ai Weiwei mit Freunden ein Bankett mit Blick auf die Abräumaktion ab. Nachdem er 2011 verschleppt und an einem unbekannten Ort in Einzelhaft festgehalten und wieder freigelassen worden war, bekam er in Peking Hausarrest auferlegt und wurde rund um die Uhr beschattet.

Der Künstler nahm nun seinerseits die Überwacher ins Visier und verpasste keine Gelegenheit, diese aus der Reserve zu locken und persönlich zu konfrontieren. Die bedrückende Hafterfahrung verwandelte Ai Weiwei in Kunst: Er schuf Handschellen aus Jade, Überwachungskameras aus Marmor und zeigte im Rahmen der Venedig-Biennale in einer Kirche eine begehbare Gefängniszelle, die jener glich, in der er 81 Tage lang willkürlich festgehalten worden war.

Aus Niederlagen Siege machen

Die Verwandlung niederschmetterender Erfahrungen in Siege ist etwas Grossartiges. Auch Nawalny ist dies mit „Phone Call“ gelungen. Noch während die Aufnahme lief, brach sich bei ihm und seinen Vertrauten Begeisterung Bahn. Der Kreml erklärte das Video für Fake. Spätestens mit seiner neuerlichen Rückkehr nach Russland erweckte der kampferprobte Dissident den Anschein, dass er nichts mehr fürchtet, nicht eine Gefangennahme, vielleicht nicht einmal den Tod.

Die massenhafte Anteilnahme am Schicksal von Ausnahmefiguren wie Nawalny belegt, dass Heldenmut keineswegs ein Vergangenheitsphänomen ist. Allerdings bringt uns Heldentum in einen inneren Zwiespalt. Einerseits ist die Bereitschaft da, in Gallionsfiguren wie Nawalny moderne Robin Hoods zu sehen. Andererseits tun wir uns in Demokratien schwer mit Ausnahmefiguren.

Fragwürdige Strategie

Seine stramm-nationalistische Ausrichtung und in der Vergangenheit getätigte fremdenfeindliche und homophobe Äusserungen machen Nawalny zu einem ambivalenten Helden. Inkompatibel mit demokratischen Werten scheint seine Strategie, im Frontalkampf gegen den erklärten Erzgegner, den quasi-zaristischen Kreml-Chef, jegliche Form von Schulterschluss einzugehen: auch mit rechts Aussen und erklärten Antisemiten. Nawalny marschierte in Moskaus Strassen inmitten von Querfronten, als das Phänomen noch für eine exklusiv-postsozialistische Verfallserscheinung gehalten werden konnte.

Mit „Putins Voldemort“ hat die Bonner Politikwissenschaftlerin Eva Marlene Hausteiner vielleicht eine passende Charakterisierung für die Ausnahmefigur Nawalny gefunden. Der russische Machthaber vermeidet, wie man es aus „Harry Potter“ kennt, den Namen seines Angstgegners auch nur auszusprechen. Im Kampf erscheinen die Erzrivalen aber einander irgendwie verwandt. Die eine Figur kann, je nach Ausgangsperspektive, als die helle oder dunkle Seite der anderen gesehen werden.

Antipathie gegen Ausnahmefiguren

Warum ist der Fall Nawalny dennoch interessant für uns? Weil er uns an etwas erinnert, das aus verschiedenen Gründen nur in seinen problematischen Seiten in liberalen kapitalistischen Gesellschaften gegenwärtig ist.

Wir kennen seit hundert Jahren den Begriff des Helden nur noch negativ konnotiert.

Werner Sombarts während des Ersten Weltkriegs geschriebene Gegenüberstellung „Händler und Helden“ ging mit dem Sieg des „Händlervolkes“ zu Ende, und es ist das Modell der Händler, das ein friedliches Zusammenleben garantiert, im Kontrast zu Heldengesellschaften, die als kriegerisch und anachronistisch erscheinen.

Im Zuge dessen hat sich die Betrachtung unserer Gesellschaften als „postheorisch“ immer mehr  durchgesetzt. Feministische Kritik dekonstruierte zusätzlich spezifisch männliches Heldentum. Seit den 1950er-Jahren übernehmen Stars die Rolle der Identifikationsfiguren. Heute treten zunehmend Internet-Influencer an ihre Stelle.

Jenseits des nackten Lebens

Identifikationsfiguren in postheroischen Gesellschaften waren häufig oberflächlicher Natur, ohne herausragendes sittliches Profil. Stars der Massenkultur brauchen keine heroischen äusseren oder inneren Kämpfe absolvieren. Sie brauchen nicht einmal über Ausnahmetalente zu verfügen. Es reicht, wenn sie medial glamourös rüberkommen. Die beste Definition von Star, die ich bisher gehört habe, lautet: Stars sind auf glamouröse Weise durchschnittlich. Genau deshalb taugen sie als Massen-Identifikationsfiguren. Auch Helden sind keine moralischen Vorbilder – „moralisches Heldentum“ gilt als lächerlich.

Menschen wie Nawalny aber erinnern uns an die erhabene Seite der Helden und Heldinnen – und übrigens auch der Heiligen: an ihren Todesmut, ihre Überwindung der Todesangst. Und ist es nicht gerade sie, die uns alle so sehr lähmt?

Vielleicht erklärt gerade das die ungeheure Aufmerksamkeit, die Nawalnys Videos derzeit erhalten, Klickraten im dreistelligen Millionenbereich:

In einer Gegenwart, die so sehr von der Sorge um das nackte Leben geprägt und eingeschränkt ist, ist der Held die radikale Gegenfigur.

 

Bild aus Wikipedia, Alexei Nawalny (2017)

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