Less noise – more conversation.
Less noise – more conversation.
Lesedauer: 4 Minuten

Mehr Scheiben einschlagen!

Wenn ich Gott persönlich eine Frage stellen könnte, wäre es nicht die nach dem Leid in der Welt. Sondern: Warum werden manche Gebete erhört und andere nicht?

Letzten Winter steckte ich mit einer Freundin in einer heiklen Passage auf einer Schneeschuhtour, mitten in einem steilen, eisigen Hang in der Innerschweiz. Nebel kam und ging und wir diskutierten, ob wir uns auf den Grat wagen oder umdrehen sollten. Wir beschlossen, noch ein Stückweit hochzugehen und uns am Übergang zum Grat zu entscheiden, je nachdem, wie der Weg vor uns aussehen würde. „Lieber Gott“, betete ich ganz kurz laut, „zeig uns, wann es Zeit ist, umzudrehen. Danke. Amen.“

Im folgenden Moment, gleich als wir uns in Bewegung setzten, kamen uns zwei Menschen aus dem Nebel entgegen. Sie riefen uns zu, es lohne sich nicht, hochzugehen. Man sehe auf dem Grat wegen des Nebels nichts mehr. Die beiden waren nur Sekunden nach dem Gebet aufgetaucht.

Für meine (agnostische) Freundin und mich eine Erfahrung, die uns stutzig und nachdenklich machte. Warum passiert manchmal sowas, und manchmal gar nichts?

Als das tote Mädchen nicht wieder aufstand

Vor Weihnachten beobachtete ich leicht verstört eine ziemlich abgedrehte weltweite Bewegung: Tausende von Menschen beteten für die Auferstehung eines zweijährigen Mädchens, das ganz plötzlich verstorben war. Die Eltern gehören zur evangelikalen „Bethel Church“ in den USA, zu deren institutionalisierter „Angebotspalette“ u.a. Gebete um körperliche Heilung gehören.

Sechs Tage lang kommentierten Menschen Instagram-Posts der Mutter mit „Olive wird auferstehen, Halleluja!“, sechs Tage war Olive schon tot, und dann wurden die Bitten um Gebet für ihre Auferstehung eingestellt. (Hier ein Statement der Kirche dazu.)

Wie zynisch müssen diese Gebets-Aufrufe für andere Eltern gewesen sein, die den Tod eines Kindes erlebt haben und nicht die Anteilnahme und das Gebet einer ganzen „Mega-Church“ und deren weltweiter Anhängerschaft bekamen! Und wie verrückt erscheint solches Beten allen anderen.

Beten ist ein Risiko

Es braucht nicht eine Auferstehung von den Toten zu sein: Um etwas ganz Konkretes zu beten, ist wie eine Scheibe einzuschlagen beim Versuch, an etwas Wertvolles heranzukommen. Man riskiert, sich an den Scherben zu verletzen. Man riskiert, enttäuscht zu werden, wenn das Erbetene nicht eintritt.

Und zwar nicht mal so sehr wegen dem eigentlichen Gebetsmotiv: Sondern, weil sich der angerufene Gott als abwesend, nicht einflussreich genug oder nicht genug um einen besorgt gezeigt hat. Vielleicht sagt Gott auch ganz banal „Nein“. Und wie kleine „Paper Cuts“, kleine Schnitte in der Haut einen plagen können, so sehr ärgern und brennen diese kleinen Nicht-Erhörungen.

Wirksam, aber nicht messbar

So ist das Gebet für mich ein Buch mit sieben Siegeln – und dennoch tue ich es ziemlich oft. Leider bin ich nicht sehr gut darin: Meine Gedanken schweifen ständig ab und meistens habe ich eine Minute später wieder vergessen, dass ich überhaupt gebetet habe. Häufig bete ich deshalb in einem einzigen Ein- und Ausatmen. Einen Gedanken. Einen Satz.

Ich stelle mir vor, dass ich mich dabei auf Gott „eiche“. Meine Füsse wie Wurzeln in meinen Glaubensboden grabe. So bete ich zum Beispiel vor einem Treffen, oder aufgrund einer beunruhigenden WhatsApp-Nachricht aus der Familie. Für die Stellensuche einer Freundin, und für die Gesundheit meiner Grosseltern.

Ganz generell glaube ich daran, dass dabei etwas geschieht (und zwar nicht nur bei mir als betender Person, wie Søren Kierkegaard einmal sagte): Ich meine zu spüren, dass „gute Vibes“ mich und mein Umfeld erfüllen, ich gelassener bin und Begegnungen von Frieden und Positivität geprägt sind. Jedoch halte ich die Wirkung nicht für messbar oder nachprüfbar.

Mehr Mut, mehr Verrücktheit

Aber wenn mir dann wieder jemand von einem Erlebnis erzählt, wie ich es selber zum Beispiel dort im Schnee hatte, und ich dieser Person glaube, dann zieht es innerlich irgendwie an mir. Wäre es das Risiko wert, mehr Scheiben einzuschlagen? Mutiger zu beten?

Um etwas Unwahrscheinliches zu beten und daran zu glauben, dass es eintritt, ist verrückt. Aber manchmal ist verrückt genau das Richtige.

What do you think of this post?
  • OMG! (4)
  • Karma-Boost (8)
  • Deep (17)
  • Boring (3)
  • Fake-News (1)

12 Kommentare zu „Mehr Scheiben einschlagen!“

  1. “Euer Vater weiss, was ihr braucht, bevor ihr ihn bittet.” steht in der Bibel in Matthäus 6,8. Er wusste auch auf der Schneeschuhtour, was ihr brauchtet und schickte die Leute im richtigen Moment. Was, wenn du nicht gebetet hättest? Hättest du diese Leute als Geschenk von Gott betrachtet? Warum beten, wenn Gott doch eh schon weiss, was wir brauchen? Aber: In der Bibel steht nicht, dass Gott weiss, was wir brauchen OHNE dass wir ihn bitten. Da steht “bevor” – wir _sollen_ also bitten. Bleiben wir dran…ich danke dir für das Teilen deiner Gedanken und Gefühle.

  2. Von wegen nicht messbar: Meditation führt zu nachweisbaren Veränderungen im Gehirn. Dein regelmässiges Beten vielleicht auch?

    1. Evelyne Baumberger

      Stimmt, das habe ich auch schon gelesen, danke für den Hinweis! Ich meinte damit in erster Linie: keine messbaren Auswirkungen auf meine Umwelt, im Sinne eines “Eingreifen Gottes” als “Gebetserhörung”. Umgekehrt könnte man aber auch sagen, dass wenn ich mich verändere, sich u.U. auch mein Verhalten verändert – und damit die Welt…

  3. Andreas Schweizer

    Ein schwieriges Thema schön geschrieben ohne Schönzureden. Ich finde das wunderbar. Ich freue mich an Deinem ehrlich bodenständigem Glauben und wie Du diesen in einem öffentlichen Blog rüberbringst. So guet!

  4. Liebe Evelyne, weil ich gestern beinahe out of the blue (!) in einem Couloir am Piz Daint im Schnee geblieben wäre – allein ohne Handy, fragte ich mich mit zitternden Knien, ob ich unerhörtes Glück oder ein erhörtes Gebet erlebt habe.
    Und ich freue mich, heute morgen Deinen Blog zu lesen. Warum lese ich out of the blue Deinen Text?
    Jetzt weiss ich es.
    Danke!
    Ralph

    1. Evelyne Baumberger

      Lieber Ralph, du solltest auch einfach nicht alleine auf Skitour gehen!!! Danke für deinen Kommentar. Ob Glück oder Gebetserhörung – schön, bist du da heil wieder rausgekommen. Gott sei Dank. Herzlich – Evelyne

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.