Less noise – more conversation.

 Lesedauer: 8 Minuten

Getriggert? So what!

Sanfte Gleichmut – ach was

Oh wie gut kenne ich diese spirituell-romantisch-verklärte Vorstellung! Dass es irgendwann vorbei sein wird mit den Triggern und dem Getriggert-Werden. Den Glauben, dass man irgendwann an den Punkt kommt, an dem man tiefenentspannt durchs Leben schwebt.

Wir begegnen dieser Vorstellung oft auf Social Media. Diese Version von Spiritualität haben Janna und ich in unserem Gespräch als «beige» bezeichnet. Ich weiss gar nicht, aus welcher Tradition sie ursprünglich kommt – bin mir aber sicher, dass man sich eine «beige Version» egal aus welcher Linie zusammenbasteln kann.

Ja, wir sehen doch in allen religiösen Ausprägungen stets zwei Optionen: Ganz im Leben oder ganz zurückgezogen. Dass das Leben einst gleichförmig wird, wir stets gleichmütig, sanft lächelnd unterwegs sind und uns nichts mehr berührt, verorte ich in die asketische, der Welt abgewandten Ecke. Und werfe dem ein grosses «Dumms Züüg» entgegen.

Kennst du Leela Sutters Spiritualitäts-Podcast «Holy Embodied»? Hör gerne mal rein!

Wir sind nie fertig – und doch bereits fertig

Denn wenn ich mich dem Leben in all seinen Facetten nicht entziehe und eben nicht als Eremitin in die sprichwörtliche Höhle in den Bergen leben gehe, werden da immer auch Trigger sein.

Das Leben ist voll davon: Andere Menschen, bestimmte Situationen, neue Umstände, Veränderungen.

Das ändert sich auch nicht, wenn ich zutiefst erlebe oder weiss: Alles ist eins, alles ist Gott. Es wird immer wieder Situationen geben, die diese Einsicht herausfordern wird.

Diese Idee, dass wir irgendwann «fertig» sein werden, dass wir «ankommen», stimmt leider halt einfach nicht. Also schon, aber dann auch wieder nicht.

Es ist keine einfache Sache, dieses Sein im gleichzeitigen «es ist alles bereits da und erledigt und es gibt absolut rein gar nichts zu tun» und «jeder Moment ist eine neue Einladung, präsent zu bleiben mit dem, was ist und meine Geschichten und Prägungen immer wieder neu zu durchschauen». Und wir wissen alle, wie sehr uns Unbekanntes herausfordert.

Für mich zumindest ist sehr deutlich: Ich bin hier, um das Leben in allen Farben zu leben, zu spielen. Ausweichen ist keine Bewegung des Eigentlichen, sondern von einem separaten Mansgöggeli in mir.

Trigger in Beziehung

Nun gut, wie gehen wir also damit um? Mit diesem Fakt, dass Trigger nun mal Teil des Ganzen sind, zum Leben dazugehören?

Denn wie meine Mentorin Kiran Trace sagt: «We heal in community», wir heilen in Gemeinschaft.

Etwas, was ich erst in den letzten sägemer zwei Jahren wüki gehört habe. Vorher wars viel wichtiger, allein, für mich, mit Gott zu hängen. Und dort erstmal klarzukommen. Mich zu erholen, wirklich zu erholen, von all dem Tun und Machen und den diversen traumatischen Erlebnissen.

Nicht, dass das notwendigerweise so geschehen muss, aso, es gibt keine richtige Reihenfolge, der es zu folgen gilt. Aber für mich wars definitiv mega wichtig, erstmal mit mir richtig gut zu sein und dann in Beziehung zu anderen zu gehen.

Mich erst dann diesen Triggern zu stellen, wenn eine gewisse Stabilität in mir etabliert ist – oder präziser: ihnen nicht auszuweichen, denn kommen tun sie ja sowieso. Das, was ansteht, findet dich, ganz bestimmt.

Mit aufgeladenen Batterien oder einem vollen Gefäss lässt es sich definitiv besser in Beziehung oder in Kontakt mit diesen Triggern gehen, for sure.

Was mich früher tagelang beschäftigt hatte, merke ich heute vielleicht gar nicht mehr. Oder es grüblet vielleicht eine Stunde lang darum herum, bis wieder klar ist: Ah, ich muss ja gar nichts tun hier.

Und dann gibt es aber immer wieder auch Situationen oder einfach Perioden, in denen grad wieder eine Schicht painbody* abgestreift werden darf, wo die Trigger super laut sind. Was dann?

Praktisch-pragmatische Hilfen

Dann nutze ich ganz oft die Voicememo und Notizenfunktion von meinem Telefon. Und schreibe oder nehme das auf, was ich dieser und jener Person sagen möchte, was sich grad so unglaublich dringend anfühlt.

So ist es aus meinem Kopf draussen und formuliert – und wenn ich später oder am nächsten Tag mit etwas mehr Platz und Klarheit darauf zurückkomme, habe ich meist sofort ein Gefühl dafür, ob das etz wüki gesagt werden muss, oder ob es einfach painbody ist, der sich selbst ausdrücken will.

Und das, das muss nicht in die Welt oder zu einem Gegenüber getragen werden. Das darf getrost gelöscht werden.

Hilfreich finde ich auch Autofahrten – da führe ich die herrlichsten Gespräche mit allerlei Menschen, die dabei nicht anwesend sind.

Oftmals sind es Menschen, mit denen ich romantisch involviert bin – weil, sind wir ehrlich, nichts triggert so sehr, wie diese Art von Beziehung – und höre mir dabei selbst zu. Und höre so auch, wer da jetzt spricht, welcher Teil von mir. Und ob es nötig ist, dieses Gespräch auch «in echt» zu führen, oder ob es bereits gereicht hat, diese Energie einfach in Form von einem Selbstgespräch loszuwerden. Oftmals ist das letztere der Fall, meist sogar, in öppe 98 Prozent der Fälle.

Gehört werden ohne Interpretation

Was zudem noch viel wunderbarer ist, ist, was wir «compassionate witnessing» nennen: Eine Art von Telefonat, bei dem zunächst die eine Person 15 Minuten lang spricht und dann die andere.

Dabei wird geteilt, was gerade so ansteht, eben zum Beispiel ein Trigger. Die Person, die zuhört, wiederholt dabei nach jedem Satz die Worte des Sprechenden und spiegelt so zurück, was grad los ist.

Das ist ein super Prozess, wenn man sich in einer Angelegenheit mehr Klarheit wünscht.

Denn die Person, die spiegelt, interpretiert das Gesagte weder, noch muss sie es verstehen. Ist im ersten Moment für viele komisch, so ganz «leer» zuzuhören. Wirklich der anderen Person zuzuhören und für 15 Minuten lang das Gesagte nicht durch all diese Filter der eigenen Meinungen und Geschichten durchlaufen zu lassen.

Mit etwas Praxis wird es zu einer Art von Gehörtwerden, die man nicht mehr missen möchte.

Das rohe Leben, ungefiltert

Ich glaube, was für mich am hilfreichsten ist, ist dieses im Körper erlebte Wissen darum, dass es zutiefst in Ordnung ist, nicht in jeder Situation sofort grad OK und souverän zu sein. Dass es zutiefst in Ordnung, ja sogar schön ist, dass das Leben auch mal ein riesiges Durcheinander und überhaupt nicht hübsch ist.

Denn dieses Eigentliche, was sich für mich so sehr nach rohem Leben anfühlt, das hat nicht mit den Vorstellungen von meinem kleinen Ich zu tun. Sondern ist eben zugleich brutal und umwerfend schön.

Das erinnert mich an eine kürzlich erlebte Szene: Ich war mit Freunden in Portland unterwegs und nach unserem extrem feinen Znacht liefen wir zum Auto.

Und sahen da direkt vor uns eins dieser Zeltzuhauses, die leider häufig zu sehen sind in US-Städten. Manchmal nehmen sie ganze Strassenzeilen ein, manchmal, so wie in diesem Fall, ist ein einzelnes Zuhause für jemanden, der kein Zuhause hat. Die Frau, die dort wohnte, war offensichtlich abhängig von der Droge Metamphetamin.

Mein Freund sagte übersetzt und in meinen Worten: «Huere gopferteli namal, und das, was bedeutet denn das hier – wie ist das auch Gott?! Ja, die Yogis nennen das ‚Maha Leela‘, das Grosse Göttliche Spiel – aber fuck it, das kannst du doch im Angesicht von diesem Leid nicht bringen!!» Er war sehr aufgewühlt, verständlich.

Und gleichzeitig sah ich für mich so klar: Doch, auch das, auch sie gehört genau so dazu, wie sie ist. Auch sie ist Gott, Gott ist auch dieses Leid. Denn Gott hat nicht mit meiner Vorstellung von Gott zu tun, die Güte oder Gnade ist allumfassend auf eine Weise, die kaum auszuhalten ist.

Allumfassende Gnade

Und ich glaube letztlich ist es doch genau das, was im Umgang mit Triggern entscheidend ist: Das im Körper erlebte Wissen darum, dass ALLES dazugehört. Das Schöne, sowie das Unschöne, die Freude, sowie das Leid. Die Liebe und die Trauer.

Ist es einfach, das zu sehen oder zu spüren? Natürli nöd.

Doch die Freiheit durch all diese Illusionen hindurchzusehen, ohne dabei zynisch oder kalt zu werden, diese Freiheit ist es sowas von wert.

 

* Trigger sind im Wortsinn «Auslöser», also Dinge, die zum Beispiel Erinnerungen oder Flashbacks an traumatische Erlebnisse auslösen. Das können Worte sein, Geräusche, Gerüche, bestimmte Bilder oder Szenen, Berührungen und so weiter. In einem psychologischen Kontext kommt der Begriff ursprünglich aus dem Gebiet der Traumatherapie im Zusammenhang mit Posttraumatischen Belastungsstörungen. Heute wird er umgangssprachlich benutzt für alles, was in jemandem eine oft unbewusste Kaskade an emotionalen Prozessen auslöst.

* Der Ausdruck «painbody» (Schmerzkörper) ist ein Begriff, den Eckhart Tolle geprägt hat. Er meint die schmerzhaften Erinnerungen und Prägungen eines Menschen, die sich zu einer Identität oder einem gefühlt eigenständigen Energiefeld verdichten.

 

Foto von Alexander Krivitskiy auf Unsplash

3 Kommentare zu „Getriggert? So what!“

  1. Liebe Leela, beim Lesen deines Beitrags ist mir die Zeile: „und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“ aus dem Unser Vater in den Sinn gekommen. Ich möchte sie wie folgt paraphrasieren: und wenn wir getriggert werden, lass nicht zu, dass wir dem Bösen verfallen.
    Danke für deine tiefsinnigen Beiträge.
    Herzlicher Gruss, David

  2. Ufff, da öffnest du ein grosses Fass lieber David, mit „dem Bösen“😅 Was verstehst du darunter? Oder ist das vilich is eine Konversation, die die Kommentarspaltenfunktion übersteigt?😸

    Herzlich

    Leela

    1. Scho chli gääch, in einer Kommentarspalte das Böse zu definieren, da könnte es Missverständnisse geben… Aber jä nu, rein ins Vergnügen!
      Für mich ist das Böse negative Energie, die auf der moralisch-emotionalen Ebene bewertet wird. Kleinen Kindern (1) gegenüber sagt man z. B. der böse Wolf, aber eigentlich ist der Wolf nicht böse, sondern gefährlich. Mit etwa 20 J. mied ich die Wörter «gut» und «böse» und ersetzte sie durch «positiv» und «negativ»: z. B. positives oder negatives Verhalten. Mit vielleicht 30 J. sagte ich «lebensfördernd» und «lebensfeindlich», denn ein negatives Prüfungsresultat muss ja nicht lebensfeindlich sein. Oder anders ausgedrückt, je mehr ich reflektierte und je mehr Lebenserfahrung ich hatte, desto weniger teilte ich in Gut und Böse ein.
      Mittlerweile bin ich üfü (also 50+) und erkenne, dass wenn ich getriggert werde, ich manchmal auf der emotionalen Ebene (2) reagiere und urteile: Dä tumm Siech! Oder: Ich bi nüüt wert! Etc. Ich falle in ein altes Verhaltensmuster, das ich (noch) nicht gelöst habe. Heute fürchte ich mich nicht mehr so wie früher vor dieser emotionalen, moralisch wertenden Ebene. Ich weiss, dass ich meistens nicht so reagiere und dass ich dem Bösen nicht verfalle, wenn ich getriggert werde. Mein «gewachsenes Leben» trägt mich. Gott trägt mich (und lass nicht zu, dass wir dem Bösen verfallen).
      (1) Erstes mögliches Missverständnis: Der Umkehrschluss gilt nicht. Ich glaube nicht, dass Erwachsene, wenn sie in Gut und Böse einteilen, Kinder sind.
      (2) Zweites mögliches Missverständnis: Emotionen sind nicht etwa kindlich oder kindisch. Ich glaube, dass Emotionen kein Alter haben und dass sie uns bereichern.
      Herzliche Grüsse, David

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