Dein digitales Lagerfeuer
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Solitude – die gute Einsamkeit

Man sitzt am Fenster, hört das Surren der Heizung, draussen das klare Winterlicht.

Und auf einmal beginnt im Inneren etwas zu fliessen, sich zu weiten – etwas, das keinen Namen braucht.

Man könnte meinen, Alleinsein sei immer Kälte und Abgeschnittensein – und oft ist es das auch. Von «loneliness epidemic», Einsamkeitsepidemie wird heute sogar gesprochen: sozialem Abgehängtsein trotz oder wegen digitaler Dauervernetzung.

Aber es gibt noch ein anderes, heute oft vergessenes Alleinsein, das beglücken kann.

Wenn ich ihm nicht ausweiche, lässt es mich etwas spüren, das nicht von aussen kommt. Eine Gegenwart.

My Sweetest Choice

Katherine Philips, die englische Dichterin und Übersetzerin (1632–1664), nannte diese Erfahrung im 17. Jahrhundert «my sweetest choice». Eine Wahl, kein Zufall: die Entscheidung, in der Stille auszuharren, statt sie zu meiden. Die Wahl, eine Weile allein zu sein.

«O solitude, my sweetest choice» – Philips’ Zeilen wurden vor drei Jahrhunderten von Henry Purcell vertont.

Hier in der sehnsuchtsvoll-zarten Interpretation von Anne Sofie von Otter. Heute wirken Alleinsein und Stille oft wie ein Luxus, die man sich nicht leisten kann. In einer Welt, die dauernd redet, sendet und chattet, erregen Schweigen und Rückzug beinahe Verdacht.

Wer still sein will und sich zurückzieht, wird gefragt, ob alles in Ordnung sei.

Einsamkeit oder Solitude?

Im Deutschen haben wir kein Wort für positive Facetten des Alleinseins. Im Englischen steht dafür «solitude».

Einsamkeit oder Solitude? Ein feiner, aber entscheidender Unterschied.

«Einsamkeit» trägt im Deutschen fast immer den Klang von Schmerz: Mangel an Nähe, Depression, Zurückgelassensein. Es beschreibt meist einen Zustand, der einem widerfährt.

«Solitude» dagegen meint einen Zustand, den man sucht – oder einen Ort, den man betritt, um sich selbst oder etwas Grösserem zu begegnen. In dem Lied aus der Barockzeit heisst es:

«O solitude, my sweetest choice!
Places devoted to the night,
Remote from tumult and from noise,
How ye my restless thoughts delight! …»

Die Hinterkammer der Seele

Solitude war lange Zeit kein eigentlicher Rückzug aus der Welt, sondern ein Weg tiefer in sie hinein.

Über Jahrhunderte galt sie nicht als Schwäche, sondern als Disziplin. Daher Philips’ Formulierung: «my sweetest choice» – eine bewusste Entscheidung, keine Strafe.

Jeder Mensch braucht einen inneren Raum, der ganz sein eigen ist, eine Hinterkammer der Seele, in die kein Kummer und keine fremde Gewalt hineinreichen. Einen Ort, an dem nichts gefordert wird ausser Wahrhaftigkeit.

Solitude bedeutet freilich auch: hinsehen, was in der Seele ist, Konfrontation mit eigenen Schatten und Ängsten. Allerdings aus einer Haltung heraus, wo das möglich und ertragbar ist.

Der Weg in die Wüste

Die Wüstenväter, Michel de Montaigne in seinem Turm, Katherine Philips mit ihrer «sweetest choice» – sie alle verstanden Alleinsein als Raum, in dem Erkenntnis und Glaube Gestalt gewinnen. In dieser Solitude fand man nicht Leere, sondern Ordnung; nicht Isolation, sondern Verbindung.

In der christlichen Mystik ist gewählter Rückzug heilig.

Die Wüste wird zum Ort der Begegnung mit Gott: Der Eremit zieht sich nicht zurück, weil er die Welt verachtet, sondern weil er sie klarer sehen will.

Bernhard von Clairvaux, Meister Eckhart, Johannes Tauler, Mystikerinnen wie Hildegard von Bingen oder Teresa von Avila – sie alle kennen diesen inneren Ort, die «Zelle», in der die Seele leer wird, damit Gott einziehen kann.

Alleinsein ist hier kein Defekt, sondern Übung. Reinigung.

Schmerz ohne Sinn

Die alte Sprache der selbst gewählten Abgeschiedenheit und inneren Sammlung ist aus dem Alltag fast verschwunden oder klingt nach Wellnessprospekt.

In der Moderne wurde aus «Solitude» oft düstere Einsamkeit, «loneliness». Einsamkeit wurde psychologisiert und pathologisiert.

Der göttliche Bezug verschwand, der Schmerz blieb.

Einsamkeit war nun nicht mehr die Stille, in der Gott spricht, sondern die Stille, in der niemand antwortet. So wurde Leere schwerer aushaltbar.

Noise Cancelling

Ich sitze im Zug und höre Purcells «O Solitude» in der Interpretation von Helen Charlston. In «choice» klingt unüberhörbar «joy» an, Freude.

Ringsum sitzen Menschen mit Kopfhörern, blicken in Smartphones oder auf Laptops. Von aussen sieht es aus wie eine stille Andacht: jedes Gesicht für sich, jedes Ohr verkabelt. Immerhin einige scheinen innere Einkehr zu halten.

Solitude ist mobil geworden.

Dieselben Geräte, die uns unterwegs Ablenkung verschaffen, können uns auch abschirmen. Dieselben Kopfhörer, die betäuben, schaffen manchmal heilsame Räume.

Vielleicht zeichnet sich heute ein neuer Umgang mit Solitude ab? Nicht als nostalgische Rückkehr zur Mönchszelle oder romantische Selbstbespiegelung, sondern als bewusste Gegenbewegung zur chronischen Überforderung.

Solitude wäre dann keine Pose, sondern eine Haltung: Stille, aber keine Weltflucht; zu sich und zur Besinnung kommen, aber keine Abkapselung.

 

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«Einsamkeit. Eine stille Krise unserer Zeit» von Janna Horstmann

«Schöne Alleinsamkeit» von Fabienne Iff

 

Foto von Nachelle Nocom auf Unsplash

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