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Sehnsucht nach dem falschen Leben. Eine Bildbetrachtung

Der Lockdown erstreckt sich nun also auch über die Osterfeiertage. Die Ausgangsbeschränkungen gelten weiterhin. Aus dieser Situation erwächst, je nach Temperament, ein bestimmter Gefühlsmix. Ich bin zufällig auf ein 150 Jahre altes Gemälde eines Schweizer Künstlers gestossen, Frank Buchser, der im Gesicht einer Frau einen Gefühlscocktail eingefangen hat, der mich an Empfindungen aus der Corona-Quarantäne erinnert. Ich habe das Kunstwerk lange angeschaut und es schwang Verlusttrauer darüber mit, dass wir uns aufgrund der Zwangsschliessung der Museen mit digitalen Kopien begnügen müssen.

Eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, wurde, das legt der Titel des Werks, «Flutumfangen» nahe, vom Steigen der Meeresfluten überrascht. Sie liegt auf einem schmalen Felsvorsprung an einer Steilküste und befindet sich in einer verzwickten Lage. Hinter ihr ist ein dunkler Schatten, vielleicht versperrt dort eine unüberwindbare Felswand den Weg. Unter ihr brandet hoher Wellengang. Wie wir wartet sie auf ein ‹flattening of the curve›.

Ein Plätzchen in der Sonne

Immerhin fällt auf das Plätzchen, auf dem sie ausharren muss, ein wenig Sonne. Diese könnte aber bald hinter Wolken verschwinden. Aus dem Gesicht der Frau spricht Langeweile. Der finstere Blick verrät aber auch Angst oder zumindest Sorge. «Wie lange dauert der unbequeme Zustand an?», scheint sie zu fragen. Sie beisst auf die Unterlippe. Das ist Ausdruck von Ärger, Wut, Trotz, Ungeduld oder Unschlüssigkeit – und kann unterschwellig auch ein erotisches Signal sein.

Buchser hat nicht nur das Gefühl des Abwartenmüssens in seinem 1876 entstandenen Werk eingefangen, sondern auch die erzwungene Untätigkeit: Das niedergelegte Arbeitsgerät könnte ein Fanggerät aus dem Fischereihandwerk sein und sie als Fischerin ausweisen. Buchser hat in Genreszenen immer wieder Fischerinnen am Strand dargestellt. Ohne das Requisit könnte man beim Anblick der Frau auf dem Felsen auch an eine Nixe oder Undinenfigur denken: eine verführerische Wasserfrau aus der Grenzregion von Wachen und Träumen, Leben und Tod, die Verliebte in die Fluten lockt.

Durch die bedrohlich angestiegenen Wellen ist die Dargestellte erst einmal zur Untätigkeit verdammt. Der Strand, an dem sie wahrscheinlich sonst arbeiten würde, steht offenbar unter Wasser. Die harte Arbeit, der sie normalerweise nachging und die sie vermutlich mehr als einmal verflucht haben mag, in dieser Lage erscheint sie ihr plötzlich erstrebenswert.

Vielleicht ist es dieser Widerspruch, der ihr, den Kopf auf die Hand gestützt, zu denken gibt.

«Alles zerfällt»

Das Gemälde zeigt eine Lage des Lockdown – und es ist seinerseits weggesperrt! Es hängt in einer derzeit leider unzugänglichen Ausstellung des Kunstmuseums Bern mit dem Titel «Alles zerfällt». [1] Der Titel der im Dezember eröffneten Museumsausstellung mit rund 200 Werken schweizerischer Künstler von Böcklin über Hodler bis Vallotton erscheint angesichts der wenig später eingetretenen globalen Krisenlage fast prophetisch. Zwar nicht alles, aber doch vieles ‹zerfällt› gegenwärtig – oder fällt zumindest ins Wasser.

Laut Museum geht es in der Zusammenschau von Werken aus der vorletzten Jahrhundertwende, die von fundamentalen Umbrüchen begleitet war, um «die Stimmung der Unsicherheit, die Entzauberung der Welt, aber auch die Weltflucht und Sehnsucht nach Sagenhaftem. In den Werken dieser Zeit tauchen Spiegel, Zwitterwesen und Innenräume auf, Objekte und Symbole des verunsicherten Ichs.»

Je nach Prägung, religiös oder säkular, fallen die Reaktionen auf die fundamentale Verunsicherung durch die gegenwärtige Pandemie unterschiedlich aus. Die Frage, was jetzt Not tut und Halt bietet, aber stellt sich im Moment tatsächlich allen Bewohnern des Planeten gleichzeitig. Darin liegt auch eine Chance.

Wesentlich genügsamer werden!

Wenn «Alles zerfällt» im Herbst (am 20.09.2020) im Berner Kunstmuseum wie geplant endet, wird das Schlimmste vielleicht überstanden sein. Nach der Krise aber wird vor der Krise sein. Der Himmel wird wieder kondensstreifenverhangen und in den Metropolregionen graugelb versmogt sein – und die weitaus grössere Bedrohung durch die globale Klimakrise wird wieder beängstigend in den Vordergrund treten.

In einem Interview bezeichnete der deutsche Postwachstumsökonom Niko Paech kürzlich die Corona-Pandemie als ›Lehrmeisterin‹ jenes Wandels, vor dem wir uns die ganze Zeit gedrückt haben. Um die Ökosphäre zu retten und weiterhin in freien und demokratischen Gesellschaften leben zu können, müssen wir zu einem deutlich schlankeren Wohlstandsmodell und einer wesentlich genügsameren Lebensweise finden – und zwar jetzt!

Das Gemälde von Frank Buchser lässt sich auch in Hinblick auf die globale Klimakatastrophe lesen. Das bedrohliche Ansteigen des Meeresspiegels mit der Gefahr von Überflutungen ganzer Landstriche, die Verwandlung von Landflächen in Archipele und der Verlust der Lebensgrundlage einer wachsenden Zahl von Menschen erscheinen in «Flutumfangen» vorgezeichnet.

Eine dritte Landemöglichkeit

Der gleiche Shut- und Lockdown, mit dem wir die Pandemie bekämpfen, versetzt uns in eine ähnlich verzwickte Situation wie die der Fischerin. In der Ausnahmesituation ertappen wir uns dabei, uns nach einem Leben zurückzusehnen, von dem wir vor der Ausnahmesituation verstanden hatten, dass wir es so nicht weiterführen können.

Friedrich Nietzsche schrieb in der «Fröhlichen Wissenschaft» die berühmten Worte:

«Wir haben das Land verlassen und sind zu Schiff gegangen! Wir haben die Brücke hinter uns, – mehr noch, wir haben das Land hinter uns abgebrochen! […] Oh des armen Vogels, der sich frei gefühlt hat und nun an die Wände dieses Käfigs stößt! Wehe, wenn das Land-Heimweh dich befällt, als ob dort mehr Freiheit gewesen wäre, – und es gibt kein ‹Land› mehr!»

Der Anthropologe Bruno Latour vergleicht unserer Situation mit der Reise in einem Flugzeug. [3] Es kommt aus der Tradition, dem ›Archaismus‹, und sein Kurs lautet: Zukunft, Moderne, Fortschritt. Was, wenn der Pilot während des Flugs über die Lautsprecher meldet, dass beide Orte verschwunden sind: der Zielort und der Ausgangspunkt, also auch keine Rückkehr möglich ist? – Dann ist es höchste Zeit, über eine dritte Landemöglichkeit nachzudenken.

Quellen-Angaben:

Bild: Frank Buchser, Flutumfangen, 1876, Öl auf Leinwand (69,2 x 102,1 cm), Kunstmuseum Bern, Bernische Kunstgesellschaft.

[1] https://www.kunstmuseumbern.ch/sehen/heute/855-alles-zerfaellt-120.html

[2] Die fröhliche Wissenschaft, 124, «Im Horizont des Unendlichen».

[3] z.B. in dieser Youtube-Lecture über den ›Global Backlash

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