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Gottesbeweis

Sämtliche Gottesbeweise widerlegt

Abgesehen vom modal logischen Gottesbeweis Kurt Gödels, hat Immanuel Kant sämtliche Gottesbeweise widerlegt. Aber um zu verstehen, was Kant damit erreicht hat, müssen wir über die Frage hinaus kommen, ob es Gott gibt oder nicht und uns der Frage widmen, was oder wer Gott für den Menschen sein könnte. Kant ordnet die verschiedenen Gottesbeweise, indem er zwischen solchen unterscheidet, die eine Erfahrung voraussetzen (aposteriorische Gottesbeweise) und solchen, die rein aus dem Denken selbst (apriorische Gottesbeweise) stammen.

Mein Lieblingsbeweis

Mein liebster „Gottesbeweis“ ist einer, der – scheinbar – ganz ohne Erfahrung auskommt. Er geht auf Anselm von Canterbury zurück und wurde von Descartes, Leibniz und Gödel rezipiert. Er geht so:

(P1) Das, worüber hinaus Grösseres nicht gedacht werden kann, existiert im Verstande.

Man könnte jetzt natürlich behaupten:
(P2) Das, worüber hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann, existiert nur im Verstande und nicht in Wirklichkeit.

Um zu zeigen, dass (P2) nicht zutrifft, ergänzt Anselm:
(P3) Wenn etwas im Verstande existiert, kann gedacht werden, dass es auch in Wirklichkeit existiert.
(P4) Wenn etwas in Wirklichkeit existiert, ist es größer (vollkommener), als wenn es nur im Verstande existiert.

Daraus folgert er:
(P5) Das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, ist etwas, worüber hinaus Grösseres gedacht werden kann.
Wenn also das, was wirklich existiert und nicht nur gedacht werden kann, grösser ist, als das, was nur gedacht werden kann, dann muss Gott, insofern er per Definition dasjenige ist, über das nichts Grösseres gedacht werden kann, existieren:

(K1) Das, über das hinaus nichts Größeres nicht gedacht werden kann, existiert nicht nur im Verstande, sondern auch in Wirklichkeit.

Ein Zirkelschluss

Das ist natürlich kein sehr schlagender Beweis und er wird keinen Skeptiker überzeugen. Schon Anselms Zeitgenosse, der Benediktinermönch Gaunilo, wies darauf hin, dass man nicht vom Gedanke eines Dings auf dessen Existenz schliessen könne. Kant hat gezeigt, dass der Beweis ein eigentlicher Zirkelschluss ist: Dass etwas ist oder existiert, sagt nicht, wie etwas ist (es ist keine Qualität), sondern nur dass etwas ist.

„Hundert wirkliche Thaler enthalten nicht das Mindeste mehr, als hundert mögliche.“

Ob etwas ist oder nicht, entscheidet sich aber an der Erfahrung. Mit hundert Talern, die tatsächlich in meiner Hand sind, kann ich mir mehr kaufen, als mit hundert gedachten. Aber das war vor Bitcoins und noch vor Kartengeld.

Ich staune

Ich mag diesen „Gottesbeweis“, der angeblich ohne Erfahrung auskommen soll, trotzdem sehr. Ich staune nämlich wirklich darüber, dass ich in mir einen Gott denken kann. Dabei erkenne ich aber nur zu oft, dass dieser Gott, wenn ich ihn mir denke, noch immer sehr klein ist: Mein Gott ist Humanist, Demokratiefreund, Verfechterin der Menschenrechte, Trösterin und Chance einer Gerechtigkeit, die jetzt fehlt. Sie ist in vielem das, was ich vermisse. Er ist in manchem das, was ich sein möchte. Er ist im meisten das, was ich gelernt habe. Mein Gott hat nicht „nur“ das Problem, ob es sie gibt oder nicht.

Mein Gott könnte sogar nur eine Projektion sein, die ich mir gebastelt habe, aus dem, was ich in der Sonntagsschule gelernt, als wertvoll anerkannt und im Leben vermisst habe.

Also es könnte nicht nur sein, dass mein Gott nicht existiert, sondern auch, dass mein Gott in Wirklichkeit mein blinder Fleck ist.

Perspektiven auf das Göttliche

Ich mag diesen Gottesbeweis nicht deshalb, weil er mir Sicherheit gibt. Sondern weil er mich an zwei wichtige Dinge erinnert: Erstens, mein Gott, wenn sie wirklich Gott ist, muss viel grösser sein, als das, was ich gerade über ihn denke. Mein endlicher Verstand bekommt Gott nicht zu fassen, kann sie nicht begreifen, definieren oder einordnen. Noch mein Denken selbst hätte seine Möglichkeit in Gott.

Es kann gut sein, dass Religionen, Konfessionen, Kunstrichtungen und Musikstile „nur“ verschiedene Perspektiven auf das Göttliche sind und Gott in Wirklichkeit zu allem und aus allem heraus spricht.

Pascalsche Wette reloaded

Zweitens wäre aber gerade dieser Gott der Beliebigkeit preisgegeben. Wer alles sein kann, ist eigentlich ein Niemand. Darum brauche ich auch die Pascalsche Wette: Weil die Vernunft nicht entscheiden könne, ob es Gott gibt, hätten wir Menschen zu wetten. Dabei habe nur derjenige die Chance zu gewinnen, der auf Gottes Existenz setze:

  • Man glaubt an Gott und Gott existiert: Man wird belohnt mit dem Himmel.
  • Man glaubt an Gott und er existiert nicht: Keiner wird belohnt oder bestraft.
  • Man glaubt nicht an Gott und er existiert nicht: Keiner wird belohnt oder bestraft.
  • Man glaubt nicht an Gott und Gott existiert: Man wird bestraft.

Natürlich überzeugt mich die Androhung der Höllenstrafe nicht und vermag auch keinen Glauben in mir zu wecken. Im Gegenteil. Aber man kann die Wette auch anders interpretieren:

Glaube Gott so, dass – egal ob es sie gibt oder er nicht existiert – du dein Leben so lebst, dass es in diesem Glauben besser ist, als ohne ihn.

Vielleicht ist es das, was der Verfasser des 1. Johannesbriefs vor Augen hatte, als er schrieb: „Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.“

 

Photo by Aleksandar Pasaric from Pexels

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4 Kommentare zu „Gottesbeweis“

  1. Thomas Grossenbacher

    Denken im Vertrauen. Wie arm, wenn wir beides nicht übten. Weiter so, auch wenn beides manchmal lottrig daher kommt.
    Was ist der Mensch ….
    Danke für dieses Mirgenturnen.

  2. Liliane Gujer

    „Noch mein Denken selbst hätte seine Möglichkeit in Gott.“
    Nur schon für diesen erdenklich gescheiten und schönen Satz ein bravouröser Text! Danke!

  3. Wenn der Mensch allein durch Glauben gerecht wird, dann führt der Gottesbeweis im Umkehrschluss direkt in die Verdammnis. Aber es liegt ja auch eine große Leichtigkeit und Freiheit darin, sich einfach in seine eigene Spiritualität hineinfallen lassen zu dürfen, ohne diese ständig auf einer intellektuellen Ebene fundieren zu müssen. Letztlich ist es wie mit der Kunst. Ich kann ein Musikstück oder Bild bis ins Kleinste hinein analysieren und interpretieren, oder mich einfach daran erfreuen.

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