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Lesedauer: 8 Minuten

Vier Tage fasten: Streift mich das Heilige?

Ich habe Hunger. Während das Gefühl am dritten Fastentag fast verschwunden ist, ist es am vierten umso hartnäckiger zurückgekehrt. Vielleicht, weil mein Unterbewusstes weiss, dass ich vorhabe, das Fasten an diesem Abend zu beenden. Ich habe mir bereits einige spezielle Lebensmittel für den folgenden Tag gekauft: eine frische Artischocke, Salted Caramel Schokokugeln, Rauchmandeln.

Vier Tage fasten. Ich mache das zum ersten Mal. Der Grund dafür ist, dass ich mich die letzten Tage und Wochen spirituell etwas leer und haltlos gefühlt habe. Während 2021 für mich ein Jahr war, in dem ich festen Boden unter den Füssen spürte, wusste, wo mein Weg hinführt, habe ich diese Sicherheit Anfang 2022 verloren. Dafür gab es nicht einmal einen einzelnen, bestimmten Grund. Es ist einfach plötzlich Nebel aufgezogen.

Innerliche statt materielle Nahrung

Und so habe ich mich auf die spirituellen Praktiken besonnen, welche sich in meinem christlichen Traditionsrucksack befinden. Dazu gehört das Fasten, etwas, das ich bisher nie wirklich getan habe.

Ich habe mit dem Fasten geliebäugelt, Wochen bevor die Welt mit der nächsten grossen Krise nach Corona konfrontiert wurde. Und als es «Krieg» hiess, ein Einmarsch, Zivilist:innen, die flüchten oder kämpfen müssen, wurde mein innerer Nebel bloss noch dichter. Was bringt es, sich an Gerechtigkeit und Anstand zu orientieren, wenn andere dies nicht tun? Meine ganz persönliche «Krise der Weisheit».

Ich erhoffe mir vom Fasten, wieder Fokus zu gewinnen. Quasi mein inneres Ich zu nähren.

Fasten in der Community

Fasten will geplant sein, ich möchte mir Ruhe, Zeit und Raum für diese Erfahrung nehmen, und so suche ich in meiner Agenda nach ein paar Tagen ohne viele Termine. Und: Ich suche Mitstreiter:innen. Meine Instagram-Community ist angetan von der Fastenidee, und trotz der ziemlich kurzfristigen Ankündigung teilen mir 7 Menschen mit, dass sie in diesen vier Tagen mitfasten werden.

Die meisten aus der Fastengruppe verzichten wie ich auf feste Nahrung. Einige können dies aus gesundheitlichen Gründen nicht. Sie nehmen sich in diesen Tagen einfach bewusst mehr Zeit für Meditation und Gebet. Wir nutzen eine WhatsApp-Gruppe, um in Kontakt zu sein.

Tag 1: Der Herzöffner

Obwohl ich für gewöhnlich schon um 10 Uhr Heisshunger habe, wenn ich nicht frühstücke, fällt mir der erste Fastentag leicht. Ich beginne den Tag mit einer längeren Andachtszeit und mache ein wenig Yoga. Wie häufig am Morgen habe ich das Bedürfnis nach «Herzöffner»-Haltungen. Übungen, welche die Brust- und Schulterpartie dehnen und für einen freien Atem und eine aufrechte Haltung sorgen.

Am Nachmittag nehme ich an einer Kundgebung für gleiche Rechte für Menschen mit einer Behinderung teil, für die mich eine Freundin, die direkt betroffen ist, angefragt hat. Erst wollte ich absagen, denn die Aussicht auf eine grosse Menschenmenge stresste mich. Dann fiel mir die Bibelstelle Jesaja 58 ein: Dass ein Fasten, «wie es Gott gefällt», bedeutet, Ungerechtigkeit und Diskriminierung zu beseitigen.

Auf dem Heimweg duftet es nach Lavendel. Frühling. Ich spüre ungewöhnlich viel Energie.

Abends, nach Uni und Alltag, spüre ich den «Herzöffner» wieder. Auf Instagram lese ich Nachrichten darüber, dass Zuhälter und Menschenhändler im Fluchtgeschehen Opfer jagen. Es macht mich wütend und traurig. Es ist schwer, in diesen Tagen eine gute Balance zwischen Information und Self Care zu finden, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Ein offenes Herz macht verletzlich, denke ich. Und doch möchte ich mich bewusst immer wieder dafür entscheiden.

Tag 2: Müdigkeit und Arbeitsdruck

Nachdem die fürs Fasten empfohlene Darmentleerung an Tag 1 nicht wirklich in Gang kam, starte ich nochmals einen Versuch. Nun klappt es, doch ich merke, wie es meinen Körper strapaziert. Über Mittag schlafe ich eine Stunde.

Überhaupt ist Tag 2 geprägt von Müdigkeit. Dennoch fällt es mir schwer, mich aus dem Arbeitsalltag rauszunehmen. Nicht ständig produktiv zu sein, etwas zu leisten. Ich merke einmal mehr, wie sehr ich trotz meiner flexiblen Zeiteinteilung von kapitalistischen Mindsets geprägt bin. Einfach in der Sonne zu sitzen, «just to show up», wie mir jemand empfohlen hat, ist nicht leicht.

Im Fastengruppen-Chat schlägt abends jemand vor, zur Entspannung noch eine Kerze anzuzünden, und bald trudeln Gute-Nacht-Wünsche und Fotos von brennenden Kerzen ein. Um 9 Uhr abends schlafe ich.

Tag 3: Ein längst vergessener Schmerz

Der dritte Tag startet im Chat mit Fotos von Morgen-Stimmungen aus Bern, Schwyz und Bangkok. Bei der gefühlt 728. Tasse Tee beschliesse ich, heute zur Abwechslung auch mal verdünnten Fruchtsaft zu trinken. Ich fühle mich etwas wacklig auf den Beinen, ein wenig Zucker wird mir gut tun. Das Hungergefühl ist aber fast den ganzen Tag weg.

Einer der wenigen Termine, die ich nicht verschoben habe, ist die Besprechung mit einem Dozenten anlässlich einer Seminararbeit. Philosophie.

Ich muss mich schon jetzt konzentrieren, um meine Gedanken klar strukturieren zu können. Ich merke, wie mein Gehirn langsamer arbeitet. Wie das wohl während einer längeren Fastenzeit ist?

Dafür scheinen meine emotionalen Wurzeln tiefer zu graben. Während einer Meditations- und Gebetszeit taucht eine Erinnerung auf, die mich tief berührt. Ein vergessen geglaubter Schmerz, bei dem mir klar wird, wie sehr er mich heute noch prägt. Gleichzeitig erwacht das Wissen, wie ungerecht diese Verletzung, eine brutale, abwertende Aussage mir gegenüber, war. Ich tauche in die aufwallenden Emotionen ein.

In einer Folge des RefLab-Podcasts «Holy Embodied» zum Thema Fasten erzählt Patrick Schwarzenbach, wie manchmal während des Fastens alte Verletzungen – körperliche und psychische – wieder hochkommen, um zu verheilen. Möglicherweise ist es das, was ich erlebe.

Es klingt kitschig, aber in dem Moment lasse ich mich fallen ins Bewusstsein, bei Gott  unendlich geliebt und gut zu sein, völlig unabhängig von menschlichen Wertungen, und die Tränen laufen mir übers Gesicht.

Tag 4: Vorbereitungen fürs Abendmahl

Am letzten Tag des Fastens gegen Mittag kommen das Hungergefühl und der Appetit mit voller Wucht zurück. Weil ich weiss, dass dies mein letzter Fastentag sein wird, möchte ich mir bewusst nochmals Zeit für Meditation und Gebet nehmen. Ich setze mich mit der Bibel in die Sonne und versuche, etwas zu lesen. Immer noch hoffe ich auf eine spirituelle Verwandlung in diesen Fastentagen, warte auf das Gefühl, wieder mehr Halt zu haben.

Leider bleibt kein Wort hängen. Körperlich fühle ich mich zwar gut, aber meine Konzentration ist derart schlecht, dass ich die Bibel nach wenigen Minuten wieder zuklappe.

Ich backe einen grossen Zopf – mein Samstagsritual, diesmal aber mit einer besonderen Nuance: Ich werde das Brot auch fürs Abendmahl verwenden, das wir in der Fastengruppe am Abend via Zoom gemeinsam feiern werden.

Die virtuelle Gemeinschaft mit anderen Fastenden ist für mich das Highlight dieser vier Tage. Das Wissen, nicht alleine zu sein, mit anderen verbunden zu sein, ist schön. Die gemeinsame Intention, in dieser Zeit besonders offen gegenüber Gott zu sein, schweisst uns zusammen.

Das Heilige streift mich

Um 18 Uhr sind diejenigen, die es sich einrichten konnten, auf Zoom. Einige sehen sich zum ersten Mal, doch es fühlt sich nicht so an. Wir tauschen uns kurz über die vergangenen Tage aus, dann lesen wir, jede:r einen Teil, eine kleine Abendmahls-Liturgie. Ein andächtiger Moment, als wir Brot und Wein zu uns nehmen.

«Seht und schmeckt, wie freundlich Gott ist!» Noch nie hatte diese Aussage für mich so viel Kontext.

Der Wein schmeckt schwer und süss, der Zopf nahrhaft. Doch vor allem die Dichte des Augenblicks ist es, die mich berührt: Das gemeinsame Unterwegs-sein in dieser zusammengewürfelten Gruppe, das in der sakramentalen Gemeinschaft kulminiert.

Nun, endlich, streift mich das Heilige für einen Augenblick, ganz warm und sanft.

Das Fasten-Fazit

Mit einer Woche Abstand schaue ich zurück auf diese Fastenerfahrung. Wieder ist Samstag, wieder ist ein Zopfteig am Aufgehen. Mein Körper scheint die Fastentage kompensieren zu wollen, denn ich habe ständig Lust, zu naschen. Mein Rhythmus ist wieder schneller geworden, Kopf und Terminkalender wieder voller.

Am neugierigsten war ich auf den körperlichen Verzicht gewesen. Ich hatte gedacht, dass mich vor allem dieser in eine besondere Stimmung und Offenheit bringen würde. Doch das ist nicht zentral, habe ich festgestellt.

Was anders war in dieser Zeit, war die Gemeinschaft und der bewusste Fokus auf das Innere. Zeit fürs Tagebuchschreiben, meditieren, beten. An den Tagen, an denen ich mir diese Zeit genommen habe, hat sie mich genährt und gestärkt.

Das sind für mich die wichtigsten Erkenntnisse: Beim Fasten ist nicht der Verzicht ausschlaggebend, sondern dass dadurch Raum geschaffen wird. Und, einmal mehr: Glaube geschieht in Gemeinschaft.

Und der erhoffte spirituelle Halt? Der innere Nebel ist immer noch da. Vier Tage sind da wohl zu wenig. Doch die Entscheidung, mich wieder zu fokussieren, hat etwas in Gang gebracht. Und die zwei, drei speziellen Erfahrungen während dieser Zeit haben Lichter entzündet, die jetzt leuchten.

Meine Instagram-Stories aus der Fastenzeit

Photo by Hannah Busing on Unsplash

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