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Lesedauer: 6 Minuten

Mein Jahr ohne Gottesdienst

Wären Gottesdienste eine Sucht, hätte ich es fast geschafft, den goldenen «1 Jahr nüchtern»-Chip zu kriegen. 47 Wochen lang war ich nicht mehr in einem Gottesdienst. Nicht, dass ich laufend gezählt hätte. Ich habe zurückgerechnet, weil mich überrascht hat, wie lange es doch her ist.

Mit fast einem Jahr Abstand (und zwei Stühlen Abstand links und rechts) sitze ich nun zum ersten Mal wieder im Uni-Gottesdienst. Die Maske ist auf, die Hände desinfiziert, das Kontaktformular ausgefüllt. Die Begrüssungsworte ziehen an meinem Ohr vorbei wie Nebel, während mein Blick den hohen Buntglasfenstern entlang hochwandert.

Es sind die berühmten Chagall-Fenster im Chor des Fraumünsters Zürich; mein erster Gottesdienst seit einem Jahr findet an einem würdigen Ort statt. Nicht, dass das eine etwas mit dem anderen zu tun hätte. Aber irgendwie schön.

Es ist kühl in der Kirche. Nach den Begrüssungsworten werden wir aufgefordert, einander den «Friedensgruss» zu geben. Natürlich nicht mit Handschlag wie früher, sondern mit einem lustigen Handzeichen: Zwei Finger jeder Hand zeichnen den rechten und linken Schenkel eines Dreiecks in die Luft. Wie bei Star Trek, irgendwie.

Trotz der Maske erkenne ich Kolleg*innen, die ich seit einem Jahr entweder gar nicht oder nur auf Zoom gesehen habe. Meine Gemeinde. Oder eine davon – mit Corona hat sich mein kirchliches Leben als «Indie-Christin» noch stärker fragmentiert.

«Dann komme ich eben schneller in den Himmel»

Die Uni hat seit März 2020 fast durchgehend auf Onlineveranstaltungen umgestellt. Vorher besuchte ich regelmässig einmal pro Woche nach der Vorlesung den Studierendengottesdienst, jetzt war ich praktisch nie mehr vor Ort. Durch einen Umzug hatte ich auch an meinem Wohnort keine Kirchgemeinde mehr, wo ich mich zugehörig gefühlt hätte.

Vor allem aber hielt ich es schlicht und einfach den grössten Teil der Corona-Zeit für unvernünftig, mit vielen anderen Menschen in einem Raum zu sein.

Zumal ich, ehrlich gesagt, Christ*innen im letzten Jahr sogar ein wenig misstrauischer begegnet bin als anderen: Teilweise kriegte ich da einiges an Massnahmenskepsis oder sogar Verschwörungstheorien mit und sogar einzelne Bemerkungen wie „Wenn ich sterbe, ist das ja nicht schlimm, dann komme ich schneller in den Himmel“.

Auch die Vehemenz, mit der einige ihre kirchlichen Veranstaltungen verteidigten, während Kulturveranstaltungen und teilweise sogar Läden geschlossen waren, fand ich zutiefst unsympathisch.

In der Kirche war ich weder an Weihnachten, noch an Karfreitag und Ostern. Gut, im Herbst hielt ich eine Trauung, das dürfte so halb zählen. Fast ein Jahr nicht im Gottesdienst – darf ich das überhaupt zugeben, als Theologiestudentin in Ausbildung zur Pfarrerin?

Taizé-Krächzen

Jetzt sind wir rund 30 Menschen, einzeln oder in Paaren im Chorraum verteilt. Es gibt Lieder, ich summe ein bisschen mit. Ich bin etwas verkrampft, weswegen eher ein Krächzen rauskommt als ein Summen, und ich denke, dass ich im letzten Jahr so wenig gesungen habe wie noch nie. Ich bin unsicher, ob man überhaupt wieder singen darf. Die Vorgaben haben sich so oft geändert.

Trotzdem – der Gottesdienst ist auch ein Ankommen. Es ist ein bekanntes Ritual, ich kenne den Ablauf, die meisten Menschen, einige der Lieder. Unter anderem wird eines meiner liebsten gesungen, «Nada te turbe», «Nichts soll dich ängstigen», wie passend.

Ich bin vorsichtig geworden während des vergangenen Jahres, und auch während des Gottesdienstes ist mir ein wenig unwohl. Einem von der Gruppe, die vorne steht und singt, rutscht die Maske unter die Nase. Wer vorne steht und predigt, darf die Maske in dieser Zeit ausziehen. Zum Glück sitze ich in einer der hinteren Reihen, denke ich. Bin ich paranoid geworden?

Heute predigt einer unserer Professoren. Ich kann der Predigt besser folgen als seinen Vorlesungen, fällt mir auf. Sie dauert aber auch viel weniger lange. Während des letzten Jahres habe ich nur einen Livestream-Gottesdienst angeschaut. Dazwischen immer wieder mal einzelne Predigten als Podcasts oder Videos. Es ist schön, wieder einmal in einer Kirche zu sitzen. Ich betrachte die Sterne hoch oben an der Decke. Es fällt mir auf, dass ein einziger mit Goldfarbe gemalt ist und zu mir herunterstrahlt.

Wie eine zerstreute Herde

Was ich vermisst habe, ist das Abendmahl. Darüber habe ich vor einem Jahr schon mal geschrieben. Als ich jetzt – mit anderthalb Metern Abstand zur Person vor mir – anstehe, um ein Stück Brot und einen kleinen Becher mit Wein zu erhalten, freue ich mich. Der Blick meines Kommilitonen über die Maske hinweg, der mir «der Kelch des Heils, für dich» zuspricht, ist warm und freundlich.

Vor Corona standen wir fürs Abendmahl jeweils in einem grossen Kreis. Nun verteilen wir uns im Raum wie eine zerstreute Herde, jede*r für sich entfernt kurz die Maske, verdrückt schnell das Brot und kippt den Wein (der sich als Traubensaft entpuppt) herunter. Mein Blick begegnet dem einer Kommilitonin und geht dann hoch zum roten Chagall-Fenster. Ich versuche, mir trotz der ungewohnten Situation bewusst zu machen, was das Abendmahl bedeutet, doch es gelingt mir nicht.

Ich setze mich wieder an meinen Platz. Der Geschmack des dunklen Brotes und des süssen Traubensafts ist noch auf meiner Zunge, während ich mit geschlossenen Augen der Musik zuhöre und versuche, innerlich mit Gott Verbindung aufzunehmen. Es ist ok, dass ich nicht in die nötige Ruhe komme.

Mein Glaube konzentrierte sich auch vor Corona schon lange nicht mehr auf den Gottesdienst, sondern bildet den Grundton meines Lebens, den roten Faden.

Ich bin offen dafür, in einem Gottesdienst berührt oder ergriffen zu werden, aber wie so oft passiert es auch jetzt nicht.

Was würde mir ohne Gottesdienste fehlen?

Bewusst schreibe ich nicht von einem «Jahr ohne Kirche». Kirche ist für mich überall, wo Menschen bewusst mit Gott und miteinander durchs Leben gehen. Was aber, überlege ich, würde mir ohne Gottesdienste im Leben fehlen?

Der Gottesdienst, komme ich zum Schluss, ist eine Unterbrechung des Alltags.

Und vielleicht hat er mir deswegen im letzten Jahr nicht gefehlt – weil eben nicht wirklich Alltag war.

Er ist etwas vollkommen anderes, mit nichts, was sonst in meinem Leben Raum hat, wirklich vergleichbar. Vielleicht sogar etwas Fremdes, weil die Abläufe und Rituale so völlig aus dem Alltagsrahmen fallen. Und gleichzeitig etwas sehr Vertrautes, weil ich sie kennengelernt habe und aktiv daran teilnehme. Es ist eine Atempause, denn hier bin ich ganz da. Das Handy bleibt in der Tasche, etwas, das sonst nur selten vorkommt.

Ausserhalb des Gottesdienstes habe ich viel mehr Gebetsmomente. Doch in dieser Stunde mit den speziellen Ritualen, der Musik und dieser besonderen Sprache gebe ich dem Glauben explizit Raum, zelebriere ihn zusammen mit anderen und mit Gott. Diese eine Stunde hin und wieder ist wie eine besondere, einzigartige Perle in einer bunten Kette.

Wein und Käse und ein Stück Alltag

Später sitzen einige Studienkollegen und ich noch lange in einem Raum der Fakultät. Die letzten Monate haben wir uns manchmal zum «Theo-Stammtisch» per Zoom getroffen. Nun zum ersten Mal wieder live. Wir wollten uns an den See setzen, aber es regnet in Strömen. Bei weit geöffneten Fenstern, mit Wein und Käse und viel Abstand reden wir noch lange.

Der Abend ist ein Stück Alltag, der langsam zurückkehrt. Und mit dem Alltag hoffentlich auch der gelegentliche Gottesdienstbesuch, als heilsame Unterbrechung.

Bild: Fraumünster, Zürich, by Jordan Pulmano on Unsplash

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