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Den Winter mit Beelzebub austreiben

In dem Alpendorf, in dem ich aufgewachsen bin, waren der Enthusiasmus und das Kollektivgefühl gross, wenn Maibäume geschmückt und «Sonnwendfeuer» angezündet wurden. Puppen aber waren entweder Spielzeug oder auf den Äckern dazu da, um Saatkrähen zu verscheuchen. Verbrannt wurden sie nicht.

Mein Erstaunen war daher gross, als ich ein paar Dörfer weiter als Schülerin unvermittelt in einen enthusiastisch johlenden Karnevalsumzug geriet, der hinter einer bekleideten Strohpuppe durchs Dorf lief, die plötzlich angezündet wurde. Vom Aussehen her ähnelte die Puppe den im Umzug mitlaufenden Faschingshexen.

Ich liess mich zunächst mitreissen und lief begeistert mit, die Verbrennung aber schockierte mich.

Wieso tut ihr das?

«Wieso verbrennt ihr die Puppe?», war meine entgeisterte Frage als Kind. «Weil man das so macht!» Tatsächlich konnte mir keine Karnevalsnase erklären, wieso es gemacht wird und wieso überhaupt etwas gemacht und bei etwas mitgemacht wird, von dem keiner so recht begreift, warum es gemacht wird.

Einige Jahrzehnte später: Meine Schweizer Kolleginnen und Kollegen erteilen mir eine Kurzeinführung in Volkskunde. Als erst kürzlich Eingewanderte halte ich im Team den Exotenstatus. Sie erwähnen den …

«Böögg»

«Wer bitte?»

«Der Böögg!»

«Hm …?»

«So eine Puppe, die durch die Strassen getragen und dann verbrannt wird.»

«Eine Strohpuppe wird verbrannt?»

«Nein, ein Schneemann, sein Kopf wird zur Explosion gebracht!»

Argloses Gesicht

Volksbräuche haben es an sich, dass es sie gefühlt «schon immer» gab. Die sozial- und kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung zeigt aber, dass tradiertes Wissen schon nach wenigen Generationen den Charakter des vermeintlich Naturwüchsigen annehmen kann. Und dass Bräuche gleichzeitig wandlungsfähig sind.

Der Schneemann hat ein argloses Gesicht. Er erinnert an aufblasbares Kinderspielzeug. In diesem Jahr, hatte der Konstrukteur des Böögg angekündigt, werde mit dem Schneemann nicht nur der Winter vertrieben, sondern auch Corona.

Der Schneemann explodierte aufgrund der Pandemielage ausnahmsweise nicht beim traditionellen Sechseläuten am Zürcher Sechseläutenplatz, sondern er wurde gestern auf der legendären Teufelsbrücke in der derzeit noch tief verschneiten Schöllenenschlucht in die Luft gejagt: wegen der schönen Halleffekte. Vor allem aber, weil dort die Böögg-Explosion «safe» im Sinne des «social distancing» über die Bühne gehen konnte. Der Ort liegt weit ab vom Schuss. Trotzdem wurden vorsorglich Strassen gesperrt, um Pilger fernzuhalten.

Die Teufelsbrücke war über Jahrhunderte ein wichtiges Verbindungsstück auf der Handelsroute zwischen dem Kanton Uri und dem Tessin. Das technische Tüftelwerk zwischen senkrechten Felsen, so besagt es die Legende, konnte nur der Teufel persönlich fertigbringen.

Teuflische Tüftelei

Es lag an Pyrotechnikern sicherzustellen, dass am 19. April gegen Abend mit dem Böögg-Kopf nicht auch das Teufelswerk in die Luft flog. Wenige Minuten nach dem Anzünden des Scheiterhaufens fiel der Bauch des Schneemannes mit einem lauten Knall ab und ein grünes Monstergesicht kam zum Vorschein: das Coronamonster. In Minute 12.57 explodierte der Kopf des Böögg. Grüner Qualm dringt aus der Figur. Der peitschende Knall hallt durch die Schöllenenschlucht.

Angefacht durch heftigen Wind ging es schneller als in durchschnittlichen Jahren. Wenn der Kopf schnell explodiert, gilt das in Zürich als gutes Omen. Als besondere Zutat erhielt der Ausweichböögg im Ausnahmejahr 2021 einen Dreizack in die Hand, das Teufelssymbol.

Es sei eine «schöne» und durch die wildromantische Kulisse sogar «coole» Böögg-Verbrennung, sagten handverlesene Honoratoren in Kameras, aber man vermisse schmerzlich die schöne Volksfeststimmung mit Musik, Trachten, Reitern, Blumen.

Offiziell wird der Winter vertrieben

Ursprünge von Bräuchen wie die Zürcher Böögg-Verbrennung – der Name lässt sich vielleicht mit «Popanz» übersetzen – oder die Kölner Nubbel-Opferung, der den Karneval verkörpert, werden in der Regel in vorchristlichen Kulten gesucht: in keltischen Frühjahresbräuchen, Wintervertreibung (was beim Schneemann naheliegt) oder der mitteleuropäischen Praxis des «Todaustragens» am Sonntag Laetare, also dem vierten Fastensonntag und dritten Sonntag vor Ostern.

Was für eine Dynamik ist im Böögg-Ritual verschlüsselt? Blickt man auf das Geschehen: Eine Figur wird abgeschossen und das Kollektiv, das die Hinrichtung vollzieht, johlt, so mutet das ziemlich archaisch an. Das Prinzip ist aber durchaus auch aus dem modernen Berufsalltag und der Medienwelt unserer zivilisierten Gesellschaften vertraut: Kollektive und Konzerne «reinigen» sich, indem ausgewählte «Köpfe rollen» oder Personen als «verbrannt» markiert werden, während Strukturen unangetastet bleiben.

Ist der Böögg nun ein Schneemann oder der Teufel? Oder ein Teufel mit harmlosem Schneemanngesicht? Soll das vermeintlich Dämonische der bieder aussehenden Figur den brutalen Akt der Brandstiftung legitimieren? Wäre dies nicht eine teuflische Finte? Wird gar der Teufel mit Beelzebub ausgetrieben?

Teufelskreise überwinden

Hinter der harmlosen Fassade des Brauchs und Schneemanns steckt eine bedenkliche Dimension: dasjenige, was der französische Kulturanthropologe und Religionsphilosoph René Girard sakrale Sündenbockpraxis nannte und als «satanischen Mechanismus» beschrieb. Dieser Mechanismus sei am Werk, wenn Gemeinschaftsstiftung und Befriedung durch Ausschlüsse und ein gemeinsames Verbrechen erfolgen. Sündenbockprozesse laufen unbewusst ab, die Beteiligten legen hinterher keine Rechenschaft ab. Oft ist der Sündenbock unschuldig, das muss aber nicht so sein.

Genau diese Dynamik habe das Christentum entlarvt, weil es Partei für die Opfer ergriffen und sich dadurch der Gemeinschaftsstiftung durch Opferung entzogen habe, dem Teufelskreis gewaltsamer «Reinigungen».

Und erklärt sich nicht genau dadurch die merkwürdige Ambivalenz des Böögg? Sein harmlos-biederes Schneemanngesicht mit Pfeife steht dann für die gelungene Integration der Sündenbockpraxis, als Tribut an die alte Form der Befriedung im Sinne von «give the devil his due».

Doch mit der bejubelten Verbrennung, eingebettet in die Zuckerwatte eines Volksfestes, taucht gleichzeitig eine abgründige Dimension auf und spiegelt sich eine fragwürdige Opferpraxis, die alte Sehnsucht, Konflikte und Rivalitäten auf Kosten einzelner oder von Minderheiten zu lösen. Eine Praxis, von der wir nicht zu sicher sein sollten, dass wir sie endgültig hinter uns gelassen haben.

Hier unterlegt mit Filmmusik: The story of Corona Böögg 2021.

Foto: Böögg, Sechseläuten 2011, Wikimedia Commons (Roland Fischer).

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2 Kommentare zu „Den Winter mit Beelzebub austreiben“

  1. Danke für Ihren Beitrag. Ich habe schon lange nicht mehr solch eine treffende Analyse gesellschaftlicher Dynamik gelesen…

    Dass jedoch das Christentum vor solcher Sündenbockmentalität gefeit ist, entspricht nicht den Tatsachen. Im Gegenteil. Am Ende sind wir alle Menschen, ob Christ oder nicht, und funktionieren nach dem gleichen Muster.

    1. Johanna Di Blasi

      Vielen Dank für den freundlichen Kommentar, der mich sehr freut. Und leider Ja, die Christentumsgeschichte belegt hinlänglich die Nichtimmunität gegenüber sakraler Opferpraxis.

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