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Lesedauer: 4 Minuten

#BlackoutTuesday reicht nicht. Es geht weiter

Wenn wir ehrlich sind, treffen die Demonstrationen in den USA auch unseren eigenen Rassismus. Was tun mit der Ratlosigkeit und Scham?

Am Dienstag haben wir unsere Instagram-Accounts auf Schwarz geschaltet. Du auch, oder? Die vernetzte Welt fordert mich gerade heraus. Während in der Schweiz neue Themen trenden, spült mir meine Timeline von der anderen Seite des Atlantiks Tweets, Bilder und Videos von Polizeigewalt, Demonstrationen und Aktivist*innen auf den Bildschirm. Ich bin dort hängen geblieben, wo die meisten von uns am Dienstag zumindest ein paar Minuten lang waren.

Ich sehe Videos von Medienschaffenden, die während der Berichterstattung von der Polizei verhaftet werden. Ich schaue mir ein aufklärendes Video des Ex-Footballspielers Emmanuel Acho an, der Weissen erklärt, wie sie helfen können. Ich sehe Demonstrant*innen in Portland auf einer Brücke liegen, Tausende, alle auf dem Bauch, die Hände auf dem Rücken. Die Verzweiflung und Wut der Menschen nach jahrzehntelangem, vergeblichem Kampf treibt mir Tränen in die Augen. Und es fällt mir schwer, jetzt etwas zu schreiben.

Bei uns doch nicht!

Was in den USA gerade abgeht, macht mich hilflos und ratlos. Ich kann mir nicht vorstellen wie es ist, wenn man jeden Tag mit dem Gedanken leben muss, dass der eigene Mann, der eigene Sohn nicht mehr nach Hause kommen könnte, weil er bei einer Verkehrskontrolle aufgrund seiner Hautfarbe umgebracht wird. Immer und immer wieder rassistisch motivierte Morde.

Richtig, dass die Leute jetzt wieder auf die Strasse gehen! Und echt schön, wie Polizisten zusammen mit den Demonstrantinnen niederknien. Like, Retweet. Zum Glück hat das nichts mit uns zu tun. Wir beobachten die Demonstrationen und die Gewalt aus der Ferne, als “historisches Geschehen”. Wir hatten keine Sklavinnen und Sklaven. Bei uns wenden Polizist*innen keine rassistisch motivierte Gewalt an. Rassismus? Bei uns im Alltag kein Problem.

Privilegien nicht erkennen, ist auch Rassismus

Wenn man selber nicht betroffen ist, ist Rassismus wenig greifbar. Eines der vielen Videos hat mich in den letzten Tagen besonders aufgerüttelt. Darin sind ein paar Dutzend Jugendliche zu sehen, die an einem Wettrennen teilnehmen. Der oder die Schnellste gewinnt Hundert Dollar. Doch bevor es losgeht, gibt der Leiter Anweisungen:

  • Mach zwei Schritte vorwärts, wenn deine Eltern noch verheiratet sind.
  • Zwei Schritte, wenn du deinen Eltern nie helfen musstest, die Rechnungen zu zahlen.
  • Zwei Schritte, wenn du mit einem Vater aufgewachsen bist.
  • Zwei Schritte, wenn du dich nie fragen musstest, wo deine nächste Mahlzeit herkommt.

Und so weiter. Am Schluss sind ausnahmslos Jugendliche heller Hautfarbe vorne. Menschen wie ich, die Privilegiertesten der Privilegierten. Wieder einmal wird mir klar, wie gut meine Startchancen im Leben waren und nach wie vor sind.

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Doch die Ratlosigkeit bleibt. Und aktuell bei mir das ungute Gefühl, jetzt einen eigenen Text zu veröffentlichen, weil es so im Redaktionsplan steht. Doch vielleicht geht es dir auch so, mit der Ratlosigkeit und der Betroffenheit und der Scham.

Was können wir tun?

“Un-learn Racism”, sagen die Aktivist*innen. Wir müssen aktiv etwas gegen Ungleichbehandlungen tun – und wir können. Wichtig: Folgende Punkte stammen nicht von mir. Ich habe sie aus Artikeln und Videos zusammengetragen, wo Schwarze die Frage “How can white people help?” beantworten. Und zwar nicht nur in Bezug auf die aktuelle Bewegung, sondern grundsätzlich.

  1. Erheb die Stimme, wo Rassismus stattfindet. Jedes Mal.
  2. Informier dich, inwiefern es auch in der Schweiz strukturellen Rassismus gibt.
  3. Nimm dir Zeit, nicht-weisse Menschen und Perspektiven kennenzulernen.
  4. Unter “Zuhören” läuft auch: Diversify your timeline – folge auf Social Media bewusst Menschen ausserhalb deiner Bubble.
  5. Unterstütze Stiftungen und Projekte finanziell, die Aufklärungsarbeit leisten und sich gegen Rassismus einsetzen.
  6. Bring deinen Kindern bei, dass die Hautfarbe nichts über einen Menschen aussagt, und leb es ihnen vor.
  7. Gib weniger privilegierten Menschen eine Stimme: Achte auch in deinem beruflichen Gebiet darauf, und mach andere darauf aufmerksam.

Ressourcen:
Racial Profiling: Struktureller Rassismus und antirassistischer Widerstand, Transcript Verlag 2019, PDF Volltext zum Download
GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, Website

Photo by Koshu Kunii on Unsplash

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2 Kommentare zu „#BlackoutTuesday reicht nicht. Es geht weiter“

  1. Danke Evelyne für den ehrlichen Text. Der Wettlauf mit den Jugendlichen ist ein eindrückliches Bild. Das würde in der Schweiz auch einen ungleichen Lauf geben, auch wenn die Hautfarbe weniger oft dunkel ist. Ich möchte der Idee auch Kontakte ausserhalb der Bubbel suchen wieder vermehrt nachgehen.

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