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Stay weird: Warum das seltsame Ritual der Taufe heute noch bedeutsam ist

Kürzlich habe ich eine Freundin getauft. Nein, nicht ihr Kind. Sondern sie selbst, eine Frau Mitte Dreissig.

Ihr Taufpate stellte beim Apéro nach der Taufe fest, dass es einige Unterschiede zwischen ihr und seinen anderen «Göttikindern» gibt: Erstens hat sie sich ihren Taufpaten selbst ausgesucht, da ihr Kindheits-Götti nicht mehr lebt. Zweitens ging sie auf eigenen Beinen und ganz alleine nach vorne zum Taufstein. Und drittens flossen zwar auch bei ihr, weil sie so bewegt war, ein paar Tränen, aber sie schrie nicht wie am Spiess.

Die Eltern meiner Freundin hatten es ihr offen lassen wollen, wann, ob und in welchem Rahmen sie sich taufen lassen wollte. Nun war für die der richtige Zeitpunkt gekommen.

Nach zwei Jahren, in denen wir befreundet waren, und nach vielen Gesprächen auch über den Glauben an Gott fragte sie mich, ob ich sie taufen würde. Ich war überrascht, freute mich und empfand die Anfrage als grosse Ehre. (Ich bin zwar keine Pfarrerin, aber da ich den dafür relevanten Teil meiner kirchlichen Ausbildung bereits hinter mir habe, darf ich taufen.)

Eine Taufe ist einfach, komplex und seltsam

Ich selber komme ursprünglich aus einer kirchlichen Kultur, wo es Standard ist, sich erst im Jugend- oder Erwachsenenalter taufen zu lassen, auf eigenen Wunsch und zu dem Zeitpunkt, an dem man sich dazu bereit fühlt. Heute jedoch bin ich reformiert, und da ist die Kindertaufe üblicher. Egal, in welchem Alter sie geschieht: Die Taufe ist einfach und komplex zugleich. Und sie ist seltsam.

Würde ich zehn Pfarrpersonen fragen, erhielte ich elf Auslegungen der Taufe.

Wenn man dazu noch theologische Laien fragen würde, wäre das Bedeutungsspektrum noch einmal massiv breiter – von spiritueller Reinigung bis zu einem göttlichen Schutz. Und so führten wir in der Vorbereitung einige Gespräche, in denen wir nicht nur Praktisches diskutierten, sondern auch die Bedeutung, welche dieses Sakrament in ihren und in meinen Augen hat.

Die Taufe ist eigentlich ganz einfach: Jemand erhält dreimal Wasser über die Stirn gegossen, als Zeichen der Zugehörigkeit zu Gott. Kein spezielles Öl, kein kompliziertes Ritual, allerhöchstens noch das Kreuzzeichen.

Die Taufe ist aber auch komplex: Theologisch reichen die Auslegungen von der Namensgebung (Identität als Kind Gottes) über eine spirituelle Reinigung von den Sünden und den Bund mit Gott bis zur Symbolik für die Teilhabe am Sterben und der Auferstehung von Jesus Christus.

Und die Taufe ist seltsam: Eine Person giesst einer anderen Wasser über die Stirn. Objektiv betrachtet geschieht bei diesem Ritual des Wasser-über-den-Kopf-giessens nicht mehr, als dass jemand leicht nass wird.

Dennoch wird es von der Kirche als so bedeutungsvoll und transformativ erachtet, dass es reicht, dieses Ritual ein einziges Mal im Leben zu vollziehen. Es ist sogar verpönt bis verboten, sich mehrmals taufen zu lassen. Und man kann sich nicht selbst taufen, es bedarf dazu anderer Menschen.

«Die Kirche tauft»

«Die Kirche tauft im Auftrag Jesu Christi», heisst es in der Berner Kirchenordnung. Für mich bedeutet «Kirche», dass Menschen zusammen und mit Gott im Leben unterwegs sind. Die Taufe ist nicht nur ein Zeichen der Verbundenheit mit Gott, sondern auch mit anderen Menschen.

Häufig ist das nicht eine feste, klar abgrenzbare Gemeinde, sondern es sind ganz verschiedene Menschen, die der institutionellen Kirche näher oder ferner stehen.

Deswegen, und weil ich selber nicht Pfarrerin einer Gemeinde bin und keine Gottesdienste leite, haben wir die Taufe meiner Freundin an einem Sonntagnachmittag in der Kirche ihres Wohnorts gemacht. Also nicht im Gottesdienst, in dem ihr die meisten Menschen fremd sind, sondern im Kreis ihrer eigenen «Gemeinde»: rund 30 Menschen, Freund*innen, Familie, Weggefährt*innen aus früherer und heutiger Zeit.

Alle, die sich an der Taufe beteiligen wollten, gossen ein kleines Glas Wasser in die Taufschale. Von ihrer dreijährigen Tochter bis zu einem Arbeitskollegen. Mit diesem gesammelten Wasser taufte ich meine Freundin.

Es war eine besondere Erfahrung, wie ich sie schon vor zwei Jahren erlebt hatte, als ich in meinem Kirchenpraktikum ein Kind taufen durfte: Ein sehr dichter Moment, in dem alles um uns zwei Beteiligte herum verschwand.

Gleichzeitig tat sich ein neuer Raum auf: Durch das Ritual und die trinitarische Formel «Im Namen von Gott, Jesus Christus und der heiligen Geistkraft» waren wir beide mit unzählige Menschen verbunden, welche in den vergangenen 2000 Jahren das gleiche Sakrament gespendet und empfangen haben.

Diese einfache, komplexe und seltsame Handlung, die objektiv nichts verändert – aber auf eine mysteriöse Weise alles in ein neues Licht stellt.

Das Mysterium des neuen Lebens

Als ich am Morgen meine kurze Predigt für die Taufe noch einmal durchging, wurde ich überraschend emotional. Das Mysterium dieses Rituals, des neuen Lebens, das mit der Taufe vermittelt wird, ergriff mich – obwohl ich mir darüber schon Monate Gedanken gemacht hatte.

An jenem Tag war es noch Hochsommer, und eine halbe Stunde zuvor hatte ich einen Artikel von Lukas Bärfuss über die Bedeutung eines ausgetrockneten Sees in der Schweiz gelesen, der mich beelendet hat. Trübe Zukunftsaussichten für die Umwelt und damit auch für uns, ein Krieg in Europa, dazu all das Kleine, Alltägliche, Zwischenmenschliche mit seinem Konflikt- und Problempotenzial. Hoffnung zu haben und an die Kraft Gottes zu glauben, fällt mir manchmal ziemlich schwer.

Deswegen erscheint es mir auch so kraftvoll, wenn Menschen sich entscheiden, sich oder ihr Kind taufen zu lassen. Mit diesem seltsamen Ritual bringen sie zum Ausdruck, dass nicht diejenigen Kräfte das letzte Wort haben, die Zerstörung, Hoffnungslosigkeit und Tod bringen. Sondern Gott, das Leben und die Liebe.

Wozu braucht es denn noch die Taufe?

Es braucht keine Taufe, um diese Kraft freizusetzen. Aber das Ritual hilft, sich und den Anwesenden die Gegenwart Gottes immer wieder bewusst zu machen.

Ich sprach in der Predigt über die Taufe als Zeichen dafür, dass man diese Hoffnung als Lebensperspektive einnehmen möchte. Und auch als bewusstes Zeichen dafür, dass man damit nicht alleine ist, sondern zu einer Gruppe von Menschen gehört, die Gott etwas zutrauen.

Ihrerseits bekennt die «Kirche», bekennen die anwesenden Menschen gegenüber der Person, die getauft wird, dass wir erfahren haben, dass Gott das ihm anvertraute Leben hält.

Das sind keine spektakulären Wunder und Erlebnisse. Sondern zum Beispiel, wenn sich in einer verfahrenen Situation plötzlich eine neue Idee zeigt. Wenn ich eine Aufgabe, die mir zu gross scheint, mutig anpacken kann, im Vertrauen, dass Gott mich nicht hängen lässt. Wenn mir nach einem anstrengenden, frustrierenden Tag eine Kleinigkeit am Wegrand ins Auge fällt, die mich Freude empfinden lässt. Wenn Liebe zu anderen – oder auch zu mir selbst – nach einem Konflikt wieder wachsen kann.

Das klingt alles ganz banal. Aber indem ich es aus der Perspektive der Taufe deute, erhält es eine andere Dimension. Dass nämlich die gleiche Kraft, mit der Gott vor 2000 Jahren irgendwie einen toten Mann zurück ins Leben brachte, auch in meinem Leben wirksam ist.

 

Photo by Nora Hutton on Unsplash

Stammtisch-Podcast zum Thema Taufe (ab Donnerstag, 6. Oktober, 16 Uhr online):

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7 Kommentare zu „Stay weird: Warum das seltsame Ritual der Taufe heute noch bedeutsam ist“

  1. Ihr seid ehrlich. Das ist schön. Danke für diesen tollen Beitrag! – Die Sache mit „Taufe-nicht-zerreden-Wollen“ hab ich nicht ganz verstanden. Was mir beim Lesen und dann Zuhören nicht immer klar geworden ist, ist, ob und wie Ihr den Unterschied zwischen Bedeutsamkeit (Relevanz) und Bedeutung der Taufe beim Gespräch im Auge behalten habt. Die Ausgangsfrage: „Warum das seltsame Ritual der Taufe heute noch bedeutsam ist“, könnte ich, wenn ich sollte, in einem einzigen Satz beantworten (inkl. Nebensatz, versteht sich). Dass sich dabei Unlust oder Unwohl-Sein aufgrund eines möglicherweise Zerredens-der-Taufe einstellte, hielte ich in diesem Zusammenhang für nahezu ausgeschlossen. Zudem finde ich den Gegensatz zwischen ‚kognitiv‘ und ‚prä-/post-rational‘ (oder so ähnlich), der „in Kirche“ im Blick (auch) auf die Sache der Taufe anscheinend ein großes Gewicht hat, je älter ich werde, was schneller geht, als ich denken kann, immer öfters übergewichtet. „Stay weird“ ist eín ausgesprochen attraktives Motto.

  2. Interessant beim Thema Taufe sind die vielen verschiedenen möglichen Handlungsabläufe. Die meisten entspringen kirchlicher Traditionen (z.B. sich 3x Wasser über die Stirn giessen lassen). Die Taufe ist aber älter als die Kirche, wurde schon von den Juden praktiziert und den ersten Nachfolgern Jesu – da allerdings ausschliesslich als Erwachsenentaufe und durch ganzes Untertauchen unter Wasser. Jeder kann sich ja selber für „seine“ Art der Taufe entscheiden, ein wenig mehr fundierte Auseinandersetzung vorgängig könnte m.E. aber nicht schaden, vielleicht steckt ja hinter der Taufe doch mehr als nur Symbolik?

    1. Evelyne Baumberger

      Lieber Peewee, danke für den Kommentar. Dass ich mich nicht fundiert damit auseinandergesetzt hätte, ist eine Unterstellung – das habe ich durchaus, auch wenn im Artikel nicht alles explizit wird. So etwa die jüdische Tradition: Du hast recht, dass die Taufe in jüdischen Reinigungsritualen wurzelt, es gibt aber zu viele Unterschiede, um das gleichzusetzen. Ein Punkt ist z. B., dass die Taufe nur ein einziges Mal durchgeführt wird, das kultische Bad jedoch z.B. vor wichtigen religiösen Festen sowie bei „kultischer Unreinheit“. Die Funktion ist also eine ganz andere. Zudem hat das Christentum die Taufe mit dem „Mit-sterben/mit-auferstehen“ mit Christus sowie mit der bewussten Lebens-Umkehr mit völlig neuen Bedeutungen belegt.

  3. Schöner Artikel.
    Besonders der Satz: hat mich berührt.
    Die Taufe ist wirklich in seiner Einfachheit etwas sehr kraftvolles. Ich muss bei Taufgesprächen den Eltern immer klarmachen, dass bei uns die Taufe im Gottesdienst eingebettet ist, und als eigentliche Handlung gar nicht viel Raum einnimmt. Klar, man kann die Rahmenhandlungen aufbauschen (und mit passenden Symbolen anfüllen so dass man vor lauter Lichtmetaphorik, Regenbogen und Schiffchen nicht mehr weiss wann den nun der Taufakt eigentlich war) so dass der ganze Gottesdienst davon gefüllt wird. Aber der eigentliche Taufakt ist eine Sache von einpaar Minuten. Und doch, obwohl, oder gerade wegen der schlichten Kürze entwickelt der Taufakt eine ganz eigene Kraft. Das mehrmalige Taufen, das mir auch schon begegnet ist, dünkt mich intuitiv als inflationär. Wie wenn man der Kraft und Bedeutung der ersten Taufe nicht mehr trauen würde und zur Sicherheit doch nochmal nachdoppeln wollte. Ähnlich kommt es mir vor bei dem ‚renewal of vows‘ das in USA ein bisschen ‚eingerissen‘ hat (das Hochzeitsversprechen wird nach 40 Jahren Ehe nochmal erneuert im Beisein von Familie und Freunden und mit passendem Brimborium). Ich habe manchmal den Verdacht, dass die ‚Fähigkeit zur Symbolik‘, oder das Gewahrsein des Numinosen etwas erodiert ist. Umso schöner, wenn in der Taufe wieder das ‚er-‚griffenwerden erfahren werden, und so wieder etwas neu ‚be-‚griffen werden kann.

  4. Hmm, das Zitat aus dem Original Artikel das ich mit ‚copy-paste einfügen wollte, ist nicht erschienen. Nun klingt der Anfang meines Kommentars etwas holprig.
    Das Zitat war:
    Diese einfache, komplexe und seltsame Handlung, die objektiv nichts verändert – aber auf mysteriöse Weise alles in ein neues Licht stellt.

  5. @Evelyne Baumberger: Bei dem Wasser der Taufe handelt es sich um ein übliches Wasser im Sturmglas. Es ist nicht für eine bestimmte Person ausgegossen.

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