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Lesedauer: 6 Minuten

Sommerfutter für Buchraupen

… Der ARD-Kanal «Funk», der diese Zahlen ausrechnete und Zahlen am liebsten mit Dönern vergleicht, meinte, das seien ca. 2,4 Döner. Diese Sommerfutter-Liste hat deutlich weniger Kalorien. Also das heisst, es kommt darauf an, wie viel Glace, Eiskaffee oder Badi-Pommes dazu konsumiert werden. Denn es geht um Lesefutter.

Ein Sommer ohne einen Stapel sonnencremeverschmierter Bücher – wer ein geruchsneutrales, fleckenfreies und hygienisch einwandfreies Leseerlebnis sucht, bevorzuge das lieblose digitale Pendant – ist für mich kein richtiger Sommer. Egal, ob es auf eine Wanderung, in die Badi oder einen Nachmittag auf den Balkon geht: Sommer und Lesen gehören zusammen. Ebenso symptomatisch ist, dass man sich (ich jedes einzelne Mal) zu viele Bücher vornimmt. Das Schöne ist, dass einem so wie der kleinen Raupe das Futter garantiert nicht ausgeht. Denn mit dem Lesen ist es wie mit dem Wandern: Hat man ein Buch ausgelesen, entdeckt man das nächste. Eben genau, wie wenn man eine Wanderung macht und merkt, dass es rundherum drei unbekannte Wanderrouten gibt und zack, alle lokalen Wanderkarten bei der Seilbahn einpackt.

Die Sommerleseliste für Buchraupen ist also keineswegs als Benchmark zu verstehen, die man minimum zu schaffen hat. Ich bezweifle, dass ich alle lesen werde. Gut möglich, dass das eine oder andere im Herbst für einen Buchvlog aufgegriffen wird. Trotzdem zeige ich heute, was aktuell auf meiner Lektüreliste steht.

Reisen ohne Checkliste

Für Instagram-Geschädigte und Entdecker*innen: Lena Grossmüller: «Reiseführer des Zufalls», das Endergebnis ihrer Masterarbeit, in dem sie sich mit dem Reisen auseinandersetzte. Ein interaktives Buch, bei dem es darum geht, nicht mit einer Checkliste zu reisen, was man alles gesehen haben muss, sondern sich einen Ort ohne Erwartungsdruck und spielerisch erschliesst.

Für Menschen, die wert auf ihre CO2-Bilanz legen, die Schweiz entdecken wollen und kurzweilige Lektüre schätzen: «Transhelvetica»-Magazin. Wunderschön bebilderte Schweiz-Reportagen und Wander- und Ausflugstipps, die zum Schwelgen einladen. Das Magazin schafft es, die banalsten und naheliegendsten Ortschaften schmackhaft zu präsentieren. Viele Tipps sind tendenziell für finanzkräftige Menschen gedacht, die Ausflüge lassen sich jedoch auch ans Budget anpassen. Lieblingsausgabe: «In 80 Seiten um die Welt», eine Ausgabe, in der man beispielsweise das China oder Griechenland der Schweiz entdeckt.

Für Menschen, die aktuellen queerfeministischen, migrantischen und antirassistischen Debatten in bebilderter Kurzform folgen wollen: «Missy Magazine».

Dieser Mix macht mich neugierig

Wer sich schwer tut, nichts zu machen: Jenny Odell: «How to do Nothing. Resisting the Attention Economy». Odell arbeitet als Künstlerin und Dozentin in Kalifornien und wuchs im Silicon Valley auf. Laut der Zeit ein Buch «zwischen Selbsthilfe und politischem Manifest». Diese Mischung macht (mich) neugierig.

Wer glaubt, Frauen würden nicht in Kriegen kämpfen: Maaza Mengiste: «The Shadow King». Die Handlung spielt 1935 in Äthiopien, als die italienische Armee einmarschiert und die lokale Bevölkerung – darunter viele Frauen – ebenfalls zu den Waffen greifen. Maaza Mengiste schreibt inspiriert von ihrer eigenen Familiengeschichte über starke Frauen im Krieg.

Wer Bücher liebt, in der die Geschichte verschiedenster Protagonist*innen verwoben werden: Bernardine Evaristo: «Mädchen, Frau etc.». Was zu meiner Teenie-Zeiten die Bücher der vier Freundinnen aus «Sisterhood of the travelling pants» waren, ist für erwachsene, gesellschaftspolitisch interessierte Personen Bernardine Evaristos Buch: Es geht um die Lebensrealität zwölf Schwarzer Frauen in Grossbritannien. Evaristo, die als Professorin für kreatives Schreiben tätig ist, gewann dafür als erste Schwarze Frau 2019 den Booker Prize.

Prominent aufs Badetuch

Wer gerne ein Buch aus dem deutschsprachigen Raum lesen möchte: Hengameh Yaghoobifarah: «Ministerium der Träume» Yaghoobifarah schreibt über den Tod einer Migrantin, der als Suizid ausgelegt wird. Die Schwester der Toten ist überzeugt, dass es sich um Mord handelt. Yaghoobifarah schreibt auch für «Missy» und hat «Eure Heimat ist unser Alptraum» mit herausgegeben, ein Manifest gegen nationale, völkisch verstandene Identität. Mithu Sanyal («Identitti») und Max Czollek («Desintegriert euch!», «Gegenwartsbewältigung», siehe weiter unten) haben ebenfalls mitgewirkt.

Wer die eigenen feministische Perspektive um ein japanisches Bild ergänzen will: In Mieko Kawakami: «Brüste und Eier» beschreibt Kawakami das Leben einer japanischen Frau aus der Unterschicht, die mit sozialen Konventionen rund um Ehe und Mutterschaft zu kämpfen hat. Alleine wegen des provokanten Titels wert, es prominent aufs Badetuch zu legen.

Bücher zu Nachhaltigkeit und Fair Fashion gibt es viele. Ob Marie Nasemann: «Fairknallt. Mein grüner Kompromiss» Neues zu sagen hat, da bin ich gespannt.

Auf dieses Buch habe ich gewartet!

Brenda Marie Davies wuchs in einem evangelikalen Umfeld in den USA auf. Scham und Verurteilung bei Sexualität und LGBTQIA+-Menschen waren alltäglich. Als Erwachsene löste sich Davies von ihrer Kirche und deren Theologie und begann, die Bibel historisch-kritisch auseinanderzunehmen. Spannend ist, wie sie nicht den christlichen Glauben an und für sich hinterfragte, sondern in diesem Prozess zu einem für sie erfüllenden, sex- und queerpositiven Glauben fand. Für diesen steht sie auf ihrem Youtube-Kanal «God is Grey» ein. In Brenda Marie Davies: «On her knees. Memoirs of a prayerful Jezebel» beschreibt sie ihre Reise. Für mich ein Buch, auf das ich gewartet habe, seit sie es angekündigt hat.

Sprache ist Macht, Sprache schafft Wirklichkeit und Sprache kann Menschen wirkkräftig ausschliesslichen Wussten schon Foucault und Poststrukturalist*innen, hier beschreibt eine deutsch-türkische Frau diese Tatsachen. Kübra Gümüşay: «Sprache und Sein».

Dystopie über die destruktive Kraft von repressiv organisierter Religion: Margaret Atwood: «The Handmaid’s Tale». Für mich als Religionswissenschaftlerin höchste Zeit, dieses Buch zu lesen.

Wer den morbiden Krimi «Meine Schwester, die Serienmörderin» gemocht hat, wird auch Oyinkan Braithwaite: «Das Baby ist meins» lesen wollen. Das Buch spielt in Nigeria während Corona und behandelt das salomonische Motiv zweier Frauen, die um einen Säugling streiten.

Kein Entweder-Oder

In «Desintegriert euch!» schrieb Max Czollek dagegen an, dass Jüdinnen und Juden vor allem über den Holocaust, Antisemitismus und Israel definiert werden und dass nur als gut integriert in Deutschland gilt, wer sich einer klar definierten deutschen Nationalidentität anpasst. Dabei plädierte er für eine jüdisch-muslimische Leitkultur. Viele kritisierten sein Konzept mit dem Argument, dass gerade muslimische Communities antisemitisch seien. Noch bevor jüngste zeitgeschichtliche Ereignisse widerlegten, dass Antisemitismus in Deutschland nicht einfach nur importiert ist, schrieb Czollek bereits letztes Jahr Max Czollek: «Gegenwartsbewältigung». Dort führt er sein Konzept der jüdisch-muslimischen Leitkultur aus.

Mirna Funk ist keine Frau für Entweder-Oder. Bereits in «Zwischen Du und Ich» beschrieb sie eine Liebesgeschichte, in der beide Parteien gleichmässig am Scheitern beteiligt sind. Mirna Funk: «Winternähe» wurde mir empfohlen, als der Konflikt Anfang Mai zwischen Israel und Palästina eskalierte. Ich bin gespannt.

Ob ihr nun ein Buch auf eurer Liste habt oder 25, ob ihr lieber wandert, badet, lest, alles kombiniert oder ganz andere Pläne habt: Geniesst euren Sommer! Die Buchvlogs kehren Mitte September zurück.

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