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Plädoyer fürs WG-Leben – jetzt erst recht!

Vier bis fünf Leute im Home Office, Kafipause mit Kindern statt mit Arbeitskolleginnen, und ausgerechnet in dieser Zeit auch noch der jährliche Putztag: Corona stellt das Leben in meiner Gross-WG auf die Probe.

Dabei meinten wir vor einem Jahr schon, mit der ultimativen Herausforderung einer WG konfrontiert zu sein: Unser Geschirrspüler war kaputt und wir mussten zwei Wochen auf Ersatz warten und von Hand abwaschen. Wir haben die Prüfung mit Bravour bestanden, es gab keinen Krieg in der Küche und keine Geschirrberge.

Deswegen bin ich auch optimistisch für die Coronazeit. Mit niemandem sonst würde ich den Lockdown lieber verbringen als mit dieser Truppe.

Friends who became family

Ich bin Mitte dreissig und habe noch nie alleine gelebt. Ich muss es also langsam wissen. Die aktuelle ist meine dritte WG. Die erste war eine Zweck-WG mit zwei anderen Studentinnen, die zweite eine „Tierli-WG“ mit zwei meiner ältesten Freundinnen, zwei Hunden, zwei Katzen und einem schwankenden Hamsterbestand.

Hier leben wir nun zu acht, darunter eine Familie mit zwei Kindern. Ausser ihnen sind alle in den Dreissigern und Vierzigern. Mittlerweile sind wir eine „Framily“: friends who became family. Wir leben nicht in erster Linie aus Spargründen zusammen, sondern weil wir diese Wohnform bewusst bevorzugen. Das Gemeinschaftsleben steht sogar im Mietvertrag.

Das mag nicht jedermanns Sache sein. Und man muss Kompromisse eingehen, vor allem bezüglich Privatsphäre – und die einen vielleicht auch bezüglich Ordnung. Aber ich stelle mir alleine leben ziemlich einsam vor, und zu zweit leben irgendwie beengt. Dank WG muss ich bei Gesprächsbedarf nicht warten, bis mein Partner vom Sport zurückkommt, oder schauen, ob ich telefonisch eine gute Freundin erreiche. Wenn ich nach Hause komme, ist immer jemand da.

Jede*r hat mal WG-Koller

Man gibt viel und bekommt viel zurück: Der Support und das kreative Potenzial beim Zusammenleben sind riesig. Am Esstisch entstehen Businesspläne und Quartierfeste. Auch die Nicht-Eltern unter uns geniessen Kinderhumor und lernen Chindsgi-Lieder. Wir supporten den Mitbewohner und seine Mundart-Band an Pub-Konzerten, paddeln zu dritt bei Sonnenaufgang mit den SUPs auf den See, und jedes Jahr verbringen wir ein Wochenende in den Bergen.

Dazu kommen all die praktischen Dinge: Wir können einander gegenseitig Schneeschuhe oder die Nähmaschine ausleihen.

Manchmal gibt es Unstimmigkeiten oder gilt es, ein Problem anzusprechen. Das braucht viel Überwindung. Wir kommunizieren teilweise ziemlich unterschiedlich, und das macht es nicht einfacher. Ich bin auch viel eher mit meinen eigenen Fehlern und Schwächen konfrontiert, als wenn ich alleine leben würde. Die WG fordert mich heraus, an mir zu arbeiten.

Und ja, es gibt auch Tage, da bin ich schlecht drauf und möchte am liebsten mit niemandem reden. Wenn ich wirklich allein sein will, verziehe ich mich ins eigene Zimmer oder gehe eine Runde joggen. Hin und wieder ziehe ich für ein paar Tage zu meinem Freund. Aber häufiger kommt es vor, dass an solchen Tagen plötzlich jemand in der Küche neben mir auftaucht und fragt, wie es mir geht – und dann tut Reden irgendwie doch wahnsinnig gut.

Jede und jeder von uns hat wohl manchmal den WG-Koller. Wir leben uns immer wieder auseinander – und wieder zusammen. Ein Abend mit „Singstar“ und Wein wirkt Wunder für den Zusammenhalt! Und dann ist da noch die Putzfrau, die wir uns leisten und die einen enormen Anteil am WG-Frieden hat.

Zwischen Esszimmer und Bad

Beim gemeinsamen Essen erzählen wir uns, was gerade läuft, tauschen Ideen aus und geben uns Feedback. Doch die besten – und mitunter längsten – Gespräche finden zwischen Tür und Angel statt.

Zum Beispiel beim Zähneputzen. In einem der geteilten Badezimmer kommen die wirklich wichtigen Themen zur Sprache, während dem Abschminken, Zähneputzen, Nachtcrème auftragen. Dann, um noch einen Grund zu haben, etwas länger im Bad zu sein, noch Augenbrauen zupfen, Fingernägel feilen, vielleicht sogar ein Gesichtspeeling. Und schliesslich stehen wir zwischen Flur und Bad und reden immer noch.

Jetzt ist alles ein wenig anders

Wo sonst alle auch ein WG-externes Leben haben, sind zurzeit die meisten im Home Office bzw. in Home School. Manchmal wird daraus ein gemütliches Coworking im Esszimmer. Der Zweitjüngste produziert alle paar Tage eine WG-Zeitung („C. hat hoite nachmitag frei ich kan oich Jas beibringen“, „Artikel über Tanenzapfen“ etc.). Und beim Abendessen ist die Besetzung fast immer komplett. Unser Alkoholkonsum ist definitiv einiges höher als normal. Die Nerven sind blanker als sonst, und ein Gin Tonic oder ein Firobigbier helfen, die Laune zu heben.

Unsere WG-Grösse führt momentan dazu, dass die Person, die einkaufen geht, sich ziemlich beobachtet fühlt – Hamsteralarm! Aber sorry: Wir brauchen nun mal mehr Müesli, Pasta und WC-Papier als ein Kleinsthaushalt. LeShop, wo wir normalerweise unsere Lebensmittel beziehen, hat zur Zeit viel zu lange Lieferfristen.

WG in Zeiten von Corona

Alle paar Tage bringen wir uns Up to Date, was unsere Corona-Sorgen angeht. Wir besprechen unsere Verhaltensweisen, etwa ob ich meinen Freund noch treffen soll, mit wem die Kinder draussen noch spielen und wie wir dafür sorgen, dass unsere Türklinken möglichst virenfrei bleiben.

Denn wenn eine*r von uns Corona hat, dann haben wir es alle. Unser Virenpool ist ziemlich homogen – auch sonst. Im Januar erkrankte nicht nur jemand von uns an der Grippe, sondern sechs von acht. Sogar da hatte die WG allerdings Vorteile: Wir wurden gestaffelt krank und konnten uns gegenseitig mit Medikamenten, Salzstängeli und Ingwertee versorgen.

Seien wir ehrlich: Alle in meiner WG wären zwar hin und wieder froh darum, wenn wir weniger als 5 Leute auf einem Haufen wären und etwas mehr Abstand haben könnten. Doch vor allem ist diese „Framily“ ein unglaubliches Privileg. Gerade jetzt.

Bild: Zach Reiner, Unsplash

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