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Gottesdämmerung

Neuere Untersuchungen scheinen nahe zu legen: nicht nur die Kirchen sind in der Krise, sondern der Gottesglaube insgesamt. Befinden wir uns in einer Zeit der Gottesdämmerung? Oder kann man das Bild der Dämmerung auch anders verstehen, dass sich nur eine bestimmte Gestalt kirchlicher Religiosität zunehmend auflöst?

Kann die gegenwärtige Gottesdämmerung auch eine Morgendämmerung sein, eine Übergangszeit, in der neue Formen lebendiger Spiritualität entstehen? Andreas und Thorsten erzählen aus ihrer religiösen Lebensreise, sie diskutieren die aktuellen Entwicklungen und denken über neue Erfahrungen mit Gott nach.

6 Kommentare zu „Gottesdämmerung“

  1. Danke für die teilweise düstere Folge, die jedoch auch sehr erhellend war. Ihr tragt auch sehr viel Persönliches bei. Auch dafür ein Danke und Kompliment.
    Ihr tragt teilweise einiges zusammen, wie ich mich selbst religiös fühle.

    Was mir im Gespräch fehlte, war die Position Eberhard Jüngels, der im Buch «Gott als Geheimnis der Welt» die die Säkularisierungsthese Bonhoeffers beschrieb. Und noch weiter in die Theologiegeschichte zurückging: Mit Verweis auf Hegel, Tertullian und besonders auf Jesus insistiert er, dass dem Christentum der Atheismus inhärent und grundlegend sei: Gott stirbt am Kreuz. Raum für Gott entsteht dort, wo er selbst verdrängt und sogar getötet wird. Dort wo er nicht ist. Keinen Raum mehr hat. Heimatlos, fremd, vertrieben, ausgelacht und anders wird. Gemäss Jüngel hat Gott keinen Ort. Vielleicht kann man sogar sagen, wenn Gott nicht mehr ist, ja nichts mehr ist, entsteht er erst, schafft er sich ereignishaft im Glauben, der Hoffnung und der Liebe. Er taucht am unerwartesten, ja unmöglichsten Ort auf, er erscheint «negativ», hinterlässt nur einen undeutlichen und manchmal furchterregenden Abdruck.

    Ich bin ganz mit Andi, dass ich mir Gott nicht mehr in Gänze personal vorstellen kann. Auch nicht in fluider Form. Gott entsteht nicht in meinen Worten, auch nicht in meinem Wunsch nach einer Beziehung zu einer Gottheit, die vielleicht doch alles im Griff hat oder doch wenigstens liebend auf mich schaut, mich lockt wie in der Prozesstheologie. Gott bleibt fremd, anders, unverfügbar. Ich muss nicht an «ihn/sie» glauben, muss nichts für «sie/ihn». An Glauben bleibt mir jedoch diese grosse barthianische Hoffnung: Gott glaubt an mich (wer oder was immer «es» auch ist). Gott setzt Vertrauen in mich. So wie wir uns nicht geschaffen haben, geschenkt sind, so ist auch der Glaube eine Gabe. Eine Gabe die manchmal sehr hart, dann aber auch wieder wunderschön ist. Einfach und schwierig.

    Doch was das für das Gebet, den Kult, die alltägliche Glaubenspraxis bedeutet, ist mir noch nicht richtig klar. Ich kann nicht ganz mit aber schon gar nicht ohne, ich bin noch in der Schwebe, habe noch keinen Ort gefunden, der mich sicher und zuversichtlich hält.

    1. Hallo Simson. Natürlich ist Gott nicht personal. Aber ein Gott, der nicht personal ist, kann auch kein Vertrauen in dich setzen, wie du es hoffst. Vertrauen, Gnade – das sind alles Metaphern. Und doch besteht Grund zu vertrauen, da der nonpersonale Urgrund in jedem Menschen gegenwärtig ist. In jedem Menschen ist das Ewige gegenwärtig. Es gilt das immer mehr zu begreifen und so wird dieser Urgrund in uns die Welt überwinden und damit von allem Leid, einschließlich des Todes befreien. Dazu dient Gebet: Uns selbst immer mehr auf die bisher uns verborgene Wahrheit einzustimmen. Ich selbst habe sie durch innere Kämpfe gefunden. Vielleicht schaust du dir meinen Blog –
      manfredreichelt.wordpress.com/inhaltsverzeichnis/ – mal genau an und für das rechte Gottesverständnis https://www.academia.edu/47776276/Ursprung_und_Ziel_Wie_die_Evolution_weitergeht_ (auch auf: https://repository.globethics.net/bitstream/handle/20.500.12424/4268729/Ursprung_und_Ziel_Wie_die_Evolution_weit%20%281%29.pdf?sequence=1&isAllowed=y )?

  2. Gerade jetzt, wo ich Eure Podcasts auf meiner Morgenrunde in der Dämmerung höre, wo alles nur silhouettenhaft erkennbar noch halb in der Nacht liegt, wird mir diese abschließende Folge zum Licht. Denn dieses immerwährend im Halbdunkel liegende Geheimnis „Gott“, von dem Thomas Halik in seinen Büchern berichtet, wird umso geheimnisvoller, je länger und tiefer ich darüber nachdenke und nacherlebe.
    Dieses die Stille und den Lebensraum öffnende Geheimnis „Gott“ bleibt ganz nahbar fern. Schweigt und will vielfach geatmet und gelebt werden.
    Wie viele der auch theologischen Gottesbilder sind am Ende doch nur Götzen, um sich IHN habhaft zu machen.
    Es tut gut, mich Euch auf dieser Reise zu sein, weil nicht die für alle und immer geltenden Antworten, sondern diese sehnsüchtigen Fragen uns einen.

  3. Hallo zusammen!
    Tolle, tiefe Diskussion: ich denke auch, von Sass geht zu weit und Sölle hat das eigentlich schon gut bearbeitet- aber was machen wir jetzt damit? Und wissen wir das nicht auch aus der Pädagogik: Oser, Fowler, Gmünder etc.?
    Also gut: weg mit dem Nanny bzw. Papi/Mami Gott, der mir einen Parkplatz beim Aldi frei hält…. aber wohin?
    Ist es nicht ein Proprium des jüdisch- christlichen Glaubens, das Gott Person ist? Und wie kann ich mit ihn in Beziehung stehen, wenn nicht persönlich? Mit der „Macht“ wie bei Star Wars kann ich schlecht eine Beziehung führen…
    Da lob ich mir meine Jesus: da ist Gott ganz Person und zu dem kann ich mich verhalten- das Problem scheint das neue Testament eigentlich doch gelöst zu haben: Gott (what ever he/she/it is) wird in Jesus Christus Person und somit in Raum und Zeit erfassbar…
    Andere Frage: Was machen wir mit diesen Erkenntnissen in unserem landeskirchlichen Kontext? Wir sollten irgendwo einen Think tank gründen uns die Erkenntnisse in Ausbildung/ Verkündigung bzw. das kirchliche Leben einfließen lassen…

    1. Vielen Dank, Roland, da gehe ich gerne mit! Ich würde auch zwischen dem Theismus als gedanklichem Konstrukt und dem Personalen als Anschauungsform unterscheiden. Die Kritik am metaphysischen Theismus ist ja recht alt und protestantisch auch längst die Mehrheit; ohne dass damit jeder Realitätsaspekt oder jedes Gegenüber zu einem Du hinfällig geworden wäre.
      Die religionspädagogische Herausforderung dürfte sein: Wir können und müssen Menschen begleiten, wenn sie personale Ausdrucks- und Beziehungsformen des Glaubens in ihrem metaphorischen Charakter durchschauen; und können ihnen gleichzeitig vermitteln, dass der Gebrauch dieser Sprache damit nicht hinfällig werden muss – siehe Ricoeurs zweite Naivität. Und ein Podcast wie dieser lädt ja genau ein zu solchen Überlegungen und ihrer Umsetzung. Liebe Grüsse, Thorsten

  4. Lieber Andi, lieber Thorsten

    Ja, das Konstrukt Staatskirche ist in der Krise und wir es in 20 Jahren in der bisher gekannten Form wahrscheinlich nicht mehr geben. Für mich stellt sich da die Frage, ob das den so schlimm ist. Wenn ja, für wenn? Für Gott, für unseren Staat, für seine Bewohner?
    Verwendet Ihr da nicht fast zu viel Energie um etwas zu erhalten, was immer nur Weg, aber nie Ziel war?
    Wenn ich die Geschichte der letzten 2000 Jahre anschaue, dann hätte man schon vielmals Grund gehabt, von einer Krise des „Gottesglaubens“ zu sprechen. Deshalb könnt ihr ganz entspannt ins 2024 rutschen, Gott wird die Kirchenkrise ohne Probleme überstehen und im 2024 so lebend und aktuell sein, wie seit immer.

    Herzlicher Gruss
    Christoph

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