Co-Autor dieses Artikels ist Tobias Rentsch, Pfarrer in der ref. Kirchgemeinde Bern Nord.
Die evangelische Kirche habe «das Set an Glaubensinhalten (…) auf ein mehrheitsfähiges Minimum reduziert», christlicher Glaube werde «zur spirituellen Wellness ohne theologischen Ballast»: Die im Artikel von Thomas Ribi geäusserten Vorwürfe sind happig.
Was ist dran?
Stellt die Kirche ihr Licht unter den Scheffel?
Ribi beschreibt eine Geschichte des Rückzugs des Christentums in der westlichen Welt. Um mit der Bergpredigt zu sprechen, einem zentralen Text der christlichen Tradition: Ribi fordert insbesondere die evangelische Kirche auf, ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Sondern es der ganzen Welt im Namen des Westens als Leitstern leuchten zu lassen.
Ribis Argumentation und Kritik pauschal zurückzuweisen, wäre sicher falsch. Man könnte tatsächlich zuweilen mehr Sprachfähigkeit zu Begriffen wie Gnade, Sünde, Erlösung erwarten und die Fähigkeit, die theologisch wichtigen Gedanken dahinter ins Heute zu übertragen.
Manchen mag es auch wie Ribi gehen und sie wünschten sich von kirchlicher Seite mehr schlaue, lustvolle und kreative Gegenrede, wenn etwa das Singen von Weihnachtsliedern in Schulen als übergriffiger missionarischer Eifer gebrandmarkt und deswegen unterlassen wird.
Kirchliche Stimmen könnten dazu beitragen, dass mit etwas mehr Gelassenheit auf dieses und ähnliche religionsbezogene Themen reagiert würde.
Jedoch führen Ribis Schlüsse bei genauem Hinsehen in eine falsche Richtung.
Kirchen nehmen Trends durchaus wahr
Der Grad an Religiosität in einer Gesellschaft ist nicht unabhängig von grösseren Entwicklungen zu betrachten, wie steigendem Pluralismus, Individualismus, Digitalisierung. Religionsgemeinschaften sind von diesen Trends betroffen.
Es zeichnet Kirchen aber aus, dass sie mit ihnen auch in den Austausch gehen: So werden – wie im RefLab – digitale Möglichkeiten geschaffen, um christliche Perspektiven zugänglich zu machen. Oder man tritt in Diskurs mit anderen Religionsgemeinschaften über gesellschaftlich relevante Leistungen, wie etwa in der Seelsorge.
Im Artikel werden gegenwärtige Theologien implizit als Anpassung an den «Zeitgeist» moniert – ein Vorwurf, der von konservativen Christ:innen immer wieder an die Landeskirchen gerichtet wird.
Glaubensinhalte werden jedoch dadurch nicht eliminiert, sondern vielmehr kontextualisiert: Zum Beispiel, indem in der Theologie der lange vorherrschende Eurozentrismus mehr und mehr durchbrochen wird und die prophetische Kraft des Christentums durch postkoloniale, feministisch/intersektionale Überlegungen wiederentdeckt wird.
Was hingegen tatsächlich passiert, wenn sich ein angeblich widerständiges Christentum dem «Zeitgeist» nicht nur anpasst, sondern regelrecht anbiedert – dem Zeitgeist der Tech-Oligarchen, skrupelloser Ausbeutung sowohl von Mensch als auch Natur, Unterteilung in «wir» und «die» –, ist in den USA zu sehen.
Es ist bezeichnend, dass das Erstarken des Islam in Ribis Text meistens in Verbindung mit Gewalt und Terror genannt wird, während das Erstarken der russisch-orthodoxen Kirche im Zusammenspiel mit dem Autokraten Putin eine positive Errungenschaft darzustellen scheint.
Christentum als Machtinstrument, das zu entgleiten droht
Auch ein Blick auf die andere Seite der Nordhalbkugel spricht mitnichten ungebrochen für ein politisch einflussreiches Christentum, wie es Ribi fordert:
Religiöser Konservatismus und politischer Autoritarismus gehen in den USA Hand in Hand.
Die angebliche Besorgnis um den Bedeutungs- und Machtverlust des Christentums ist also nur eine vordergründige. Dem Autor geht es nicht um Glaubensinhalte, vielmehr ist aus seiner Sicht das Christentum für Europa, so wird klar, ein Mittel zum (politischen) Zweck, das zu entgleiten droht.
Und «Werte» entsprechen in diesem System auch nicht (Glaubens-)Inhalten, sondern Gütern, die einer interessegeleiteten Logik folgen.
Zuspruch und Anspruch im Wechselspiel
Ribi kritisiert es als Anspruchslosigkeit, dass das westliche Christentum die Bedürfnisse heutiger Menschen ernst nehmen möchte – und vergisst dabei die zweite Klammer mitzudenken: Zuspruch und Anspruch sind in der christlichen Tradition immer zwei Seiten derselben Medaille.
Exemplarisch in der Bergpredigt stehen am Anfang die Seligpreisungen – eindeutig Worte des Zuspruchs. Ebenfalls in der Bergpredigt ist der damit verbundene Anspruch Gottes an den Menschen zu finden, das Reich Gottes zu suchen, Gewalt zu überwinden und sogar die Feinde zu lieben.
Diese zweiseitige Klammer von Zuspruch und Anspruch taugt aber nicht für den Selbsterhalt der Kirche oder der christlichen Welt.
Sondern er ergibt sich aus der Hinwendung Gottes zu den Menschen und die Aufforderung an diese, sich in gleicher Weise dem Nächsten zuzuwenden. Ribi spielt in seinem Artikel letztlich den Zuspruch und den Anspruch des christlichen Glaubens gegeneinander aus. Genau darum kann es aber nicht gehen.
«Safer spaces», aber kein «Wohlfühl-Evangelium»
In einer politischen Situation, in der diverse Menschen sich zunehmend unwohl fühlen, und einer Leistungsgesellschaft, in der knapp ein Fünftel der Erwachsenen schon ein Burnout durchgemacht haben, sind Inseln nötig.
«Safer spaces», Orte, an denen ein Menschenbild gepredigt wird, das sich nicht an Leistung festmacht. Wo Schwäche zugelassen werden kann, die Gemeinschaft trägt, marginalisierte Menschen besondere Solidarität geniessen sollten.
Gleichzeitig geht damit der prophetische Auftrag einher, die eigenen Privilegien zu reflektieren und solidarisch mit ausgebeuteten Menschen Widerstand zu leisten. Das ist kein «Wohlfühl-Evangelium».
Ein gekreuzigter Gott – nicht Kreuzzüge
Dahinter steckt die hoffnungsvolle Erwartung, dass nicht die christliche Kirche das Fundament für die westliche Zivilisation legen oder erhalten muss. Dafür eignet sich ein gekreuzigter Gott nicht.
Vielmehr geht es um die Botschaft, dass dieser Gott über alle möglichen Grenzen hinweg Verbundenheit ermöglichen will. Die Kirche ist der lebendige Leib Christi, durch den sich dies in der Welt realisiert.
Sorge um das Christentum ist nur dann begründet, wenn sie dem Evangelium verpflichtet bleibt – nicht seiner politischen Nützlichkeit.
In dem Sinn bleibt Ribis Sorge verständlich, seine Schlussfolgerung aber theologisch verfehlt.
Bild: Unsplash, Valery Tenevoy, Aufnahme aus Moskau.






5 Gedanken zu „Falsche Sorge um das Christentum“
Einleuchtende, klare Replik. Wie im Text gesagt, geht es dieser Art von Christentumsförderern nicht darum, dass das Evangelium zu neuem Leben erstarkt, sondern um eine Instrumentalisierung, die auf eine christliche “Leitkultur” hinaus will.
Danke für den Kommentar!
Besten Dank für diese durchdachte theologische Reflexion. Ich würde vorschlagen, diese Gedanken der NZZ als Replik auf Ribis Artikel einzureichen. Andreas
Danke vielmals!
Vielen Dank, Frau Baumberger, für Ihren überzeugende Artikel.